Johann-Heinrich-Merck-Preis

The »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay« (Prize for Literary Criticism and Essay Writing) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964, financed by the Darmstadt-based Merck pharmaceutical company.
It is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The Johann Heinrich Merck Prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Peter Rühmkorf

Peter Rühmkorf

Writer and Critic
Born 25/10/1929
Deceased 8/6/2008
Member since 1977
Homepage

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1976
Laudatory Address by Albert von Schirnding
Acceptance Speech by Peter Rühmkorf
Diploma

Dieser Autor hat jede Zeile, auch jede Gedichtzeile, ›im Vollbesitz seiner Zweifel‹ geschrieben...

Jury members
Präsident: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Karl Krolow, Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Beisitzer Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Geno Hartlaub, Wolfgang Weyrauch, Beisitzer Gerhard Storz

 
LAUDATOR
Albert von Schirnding
Born 9/4/1935
Writer and Literary critic

Ein namhafter Politiker, nach seinem Verhältnis zur Literatur befragt, sprudelte Erfolgsmeldungen. Hier zeigte ein Primus der Aufbau-Generation seinen von Leistungshürden und Erlaß-Barrieren fromm verschreckten Mitschüler-Mitbürgern, wie man in schlechten Zeiten zu guten Noten kommt: durch wahllose Stoffaneignung. Ein neues Verhältnis der Politik zur Literatur, offenbar gleichgültig, welcher, scheint sich anzubahnen: das der grobschlächtigen Liebeserklärung, des ungestümen Umarmungsversuchs.
Das gibt Anlaß zu der besorgten Frage: Wie schützen wir die Literatur, nun allerdings keineswegs gleichgültig, welche, vor der Unterwanderung durch die Inhaber der Macht und der Mitte? Durch Zulassungsbeschränkungen für allzu strebsame Biedermänner? Wir kämen an kein Ende. Hilfreicher der gezielte Hinweis auf Autoren, die im Fall des Verschlungenwerdens dem Einverleiber unweigerlich im Hals stecken blieben, und hier, spätestens, ist der Name Peter Rühmkorf fällig.
Undenkbar, daß bildungsbürgerlicher Besitzergreifungstrieb sich so ohne weiteres seines Werks bemächtigen könnte. Zu viele unvernarbte Breschen und Schneisen schlug dieser Autor ins unaufgeklärte Bewußtsein der Jahre, die wir kennen. Er, dem seine Kunst nie zu schade war, wenn es darum ging, die Öffentlichkeit in die Literatur und die Literatur unter die Leute zu bringen, der dem Purismus, nicht nur dem lyrischen, einen unermüdlichen Davidskampf lieferte, Elfenbeintürme, falls deren Bewohner eine Befreiungsaktion lohnten, mit dem unwiderstehlichen Instrumentarium seines kritischen Vokabulars schleifte, – ist gegenüber den Annäherungsversuchen und Zudringlichkeitsstrategien des Zeitlaufs immun. Was andern geschieht: daß sie nach Jahren der Unbotmäßigkeit und des Anstößigseins sich auf einmal auf der Höhe des Zeitalters finden als seine Stichwortlieferanten und Galionsfiguren, ihm passierte es nie.
Diese mit akrobatischer Kunst dauerhaft behauptete Widerständigkeit hat nun allerdings ihre eigene, hierzulande freilich gern verleugnete Tradition. Damit sind wir bei einem Thema, das bei Rühmkorf in vielen und sehr virtuosen Variationen wiederkehrt: die Auseinandersetzung mit den Formen und Inhalten der literarischen Überlieferung. Vorfahren werden weit zurückverfolgt: nicht nur bis zum vergleichsweise zeitgenössischen Klopstock, dem schon unkenntlicheren Walther, auch in die Antike, bis in den griechischen Mythos hinein. Eine Bestandsaufnahme, von Ehrfurcht ungetrübt; nicht um Archivierung geht es, sondern um Aneignung oder Abstoßung.
Ich weiß nicht, welchen Platz Johann Heinrich Merck in einer von Rühmkorf gegen den Strich gebürsteten Familiengeschichte beanspruchen kann. Die verbürgten mephistophelischen Züge lassen Gutes hoffen. Das witzig-maliziöse Mecker- und Neinsagertum, das den jungen Goethe faszinierte, das der alte als Mangel an Edelmut und Positivität rügte, deuten trotz Kriegsratswürde auf Verwandtschaftliches.
Nun findet Rühmkorfs Ahnenforschung ja auf zwei, manchmal parallel laufenden, manchmal einander ergänzenden, gelegentlich auch sich überkreuzenden Wegen statt. Nicht nur prüfend, urteilend, umwertend unterhält er Kontakte zur Tradition, sondern auch durch Anverwandlung der alten Formen: der Ode, der Hymne, des Sonetts. Ich scheue mich, hier einfach von Parodie zu sprechen, weil sich mit diesem Begriff ein Moment von genießerischem Zuspätkommen verbindet, das Rühmkorfs Gedichten fremd ist. Es handelt sich, bei aller Artistik, um waghalsige Transplantationen, gefährliche Zerreißproben.
Schwierig, dem im Aufstöbern längst verschollener Zunftgenossen und Sangesbrüder Unübertrefflichen einen Namen zu präsentieren, der in seiner Ahnengalerie noch fehlt. Ich mußte weit zurückgehen: in die zweite Hälfte des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts.
Auf der Suche nach frühesten Rühmkorfklängen stieß ich auf den griechischen Lyriker Hipponax, der als Erfinder des sogenannten Hinkjambus gilt. Wir haben es mit schulgerecht gebauten Jamben zu tun – nur daß am Ende eine Vertauschung von Kürze und Länge für überraschende Entgleisung, eine Verrenkung ins Komisch-Unbeholfene sorgt. Der im vertrauten Rhythmus sich arglos wiegende Hörer tritt plötzlich ins Leere.
Dieser absichtsvolle Formfehler verweist auf Unstimmigkeiten zwischen dem Dichter und seiner Umwelt. Künstlerische Glätten verunebnend, harmonisch Gefügtes an empfindlicher Stelle einkerbend, gibt Hipponax dem Publikum und dessen Göttern die Erfahrungen zurück, die sie ihm bereitet haben.
Wer hinkt, ist erst einmal getreten worden. Von den Tyrannen aus seiner Heimatstadt Ephesos vertrieben, streunt er durch die Gassen von Klazomenai, der erste Vagant und Bettelpoet der europäischen Literaturgeschichte.

»Zu mir kam Reichtum, weil er wirklich zu blind ist,
noch nie ins Haus, um mir zu sagen: Hipponax,
ich bringe dreißig Minen Silbers mit: Nimm sie!«

Der zweideutige Gesang, mit dem er dann den Diebesgott Hermes um warme Kleidung bittet, bleibt natürlich ohne Erhörung. Was tut er? Er karikiert die überlieferte Form des Dankgebets, indem er dem Gott feierlich die Nichterfüllung seines Wunsches meldet. Übrigens ist Hipponax der erste Lyriker, der durch umgangssprachliche Einschiebsel seiner Kunst eine bewußt proletarische Färbung gibt.
Von Hipponax zu Rühmkorf führt eine Tradition, die mir ungebrochener scheint als die andern, weil diese Dichtung schon in sich selbst gebrochen ist. Die Basis, auf der diese Munterkeit und Melancholie, diese Reizbarkeit und Unverfrorenheit, dieser Witz und diese Wut zu ihren Rhythmen und Reimen gedeihen, war von Anfang an beängstigend schmal, inzwischen ist sie zum Zirkusseil geworden, das die Freiheit künstlerischen Vagantentums nur noch als halsbrecherischen Balanceakt ermöglicht. Wenn Rühmkorfs jüngere Gedichte ihr Ich in immer tödlichere Höhen unter der Zirkuskuppel schicken, sollte man sich nicht zu sehr auf die Unwörtlichkeit metaphorischen Ausdrucks verlassen. Hier sind eine Trauer, eine Verzweiflung am Werk, die den, dem dieses Werk am Herzen liegt, erschreckt fragen lassen, wielange sie noch am Werke sind. Dabei haben wir es in Zeiten, da, mit Brecht zu reden, die Güte im Lande wieder einmal schwächlich ist und die Bosheit an Kräften wieder einmal zunimmt, nötiger denn je.