Johann-Heinrich-Merck-Preis

The »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay« (Prize for Literary Criticism and Essay Writing) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964, financed by the Darmstadt-based Merck pharmaceutical company.
It is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The Johann Heinrich Merck Prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Karl-Markus Gauß

Karl-Markus Gauß

Writer and Critic
Born 14/5/1954
Member since 2006

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2010
Laudatory Address by Ilma Rakusa
Acceptance Speech by Karl-Markus Gauß
Diploma

Karl-Markus Gauß, dem melancholischen Spurensucher, der in seinen brillanten Essays und Journalen die Ränder Europas mit ihren vielen vergessenen und verdrängten Kulturen erschlossen hat...

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Heinrich Detering, Peter Hamm, Ilma Rakusa, Beisitzer Peter Eisenberg, Wilhelm Genazino, Joachim Kalka, Per Øhrgaard, Vizepräsidentin Beisitzer Gustav Seibt, Werner Spies

Schreiben, um zu leben

Meine Damen und Herren,

vor einigen Jahren war ich in Litauen unterwegs, um die Dörfer zu suchen, in denen noch Deutsche wohnten, und ich traf auf verbitterte Leute, die kaum ein Wort in der Sprache mehr verstanden, die sie doch als ihre Muttersprache bezeichneten, und auf andere, die sich in dem schweren Leben, das über sie verhängt war, eine wundersame Leichtigkeit bewahrt hatten. In Vilnius lernte ich am Ende der Reise eine Frau kennen, die 1940 als Kind deutscher Eltern geboren wurde und in den letzten Kriegstagen, nach dem Tod der Mutter, mit einer Schar Gleichaltriger über das verwüstete Land zog, auf der Suche nach den verlorenen Geschwistern, nach etwas zu essen, nach einem Ort, an dem es würde bleiben dürfen. Ein litauisches Bauernpaar nahm das Mädchen schließlich auf, gab ihm Nahrung und Kleidung und schenkte ihm seine Zuneigung, und irgendwann hatte Luise vergessen, woher sie kam und wer sie war; alles vergessen, die Mutter, die Geschwister, den eigenen Namen, den Weiler, in dem sie ihre ersten vier Jahre gelebt, und die Sprache, in der sie die Dinge der Welt sehen und benennen gelernt hatte.

Sie war schon vierzig Jahre alt und Mitarbeiterin in einem litauischen Ministerium, da kam sie zufällig bei der Auslage eines Spielwarengeschäfts vorbei und sagte, ohne zu wissen, warum ihr das widerfuhr, zu dem hölzernen Spielzeug, das dort hing: »Hampelmann«. Ein Wort in einer fremden Sprache, mit dem sie ihr Leben neu erschuf, denn in den Wochen darauf erlernte sie die deutsche Sprache zum zweiten Mal und begann sich an die Zeit zu erinnern, ehe sie von dem mitfühlenden Paar aus dem Rudel Wolfskinder geholt und an Kindes statt angenommen worden war.

Auf meinen Reisen zu den randständigen Europäern, zu den kleinen Nationalitäten und sprachlichen Minderheiten, die darum kämpfen müssen, dass ihre Sprache nicht untergeht, bin ich immer wieder auf Menschen gestoßen, die von einer tiefen Wortgläubigkeit erfüllt waren. Auch wenn ihre Sprache nur zum Austausch mit ein paar hundert oder tausend anderen taugte, war ihnen völlig bewusst, dass in ihr eine ganze Welt aufbewahrt war, nein, dass sie diese Welt alle Tage im Sprechen, Schreiben und Lesen selbst erneuern mussten. Ich habe über diese Menschen oft gestaunt: Über die Zimbern, von denen man noch einige Alte auf den Hochebenen nördlich von Verona und Vicenza den ältesten deutschen Dialekt sprechen hören kann, die sich selbst aber keineswegs als Deutsche verstehen, sondern, so kurios es klingt, als Venezianer des Hochgebirges; über die Aromunen, die in fast allen Ländern des Balkans als Händler, Künstler, auch als Fußballer berühmt sind, die sich aber die längste Zeit nirgendwo als Aromunen identifizieren durften, sondern sich eben als Serben, Rumänen, Mazedonier, Albaner oder Griechen auszugeben hatten; oder über die Arbereshe in Kalabrien, deren Albanisch die Albaner von drüben, aus Albanien, gar nicht mehr verstehen und von denen schon Garibaldi meinte, die mutigsten italienischen Patrioten wären jene Albaner, die vor 400 Jahren übers Meer gekommen waren und sich im Süden des Landes angesiedelt hatten.

In ihrem trotzigen Beharren auf der eigenen Sprache bilden sie keine provinzielle Nachhut, die dem Fortschritt hinterhertrottet. Im Gegenteil, viele von ihnen haben uns etwas voraus, das wir erst lernen müssen. Die Angehörigen der kleinen und kleinsten europäischen Nationalitäten haben nämlich seit jeher nur überleben können, indem sie über ihre eng gezogenen nationalen Grenzen hinaus dachten, Handel trieben, lebten. Darum wissen sie immer schon, dass es darauf ankommt, beides zuwege zu bringen: das Eigene zu behaupten, in der Sprache, aber auch in so vielen Dingen des Alltags und des Feiertags – und doch zugleich Anteil zu nehmen, seinen Anteil zu haben an zwei, drei, an mehreren Nationalitäten, Sprachen, Kulturen. Und noch etwas ist ihnen, die über ihre Muttersprache nicht wie über einen selbstverständlichen Besitz verfügen, bekannt: Sie wissen, dass Sprachen auch aussterben, verschwinden, ins imaginäre Museum der untergegangenen Kulturen übersiedeln können und es von ihnen, von ihrer sprachbewahrenden und sprachschöpferischen Energie abhängt, ob dies auch ihrer Sprache widerfahren wird oder nicht. Gewiss, sie werden weiterleben, selbst wenn ihnen die Muttersprache verloren geht, aber sie wissen, dass sie so, wie sie leben möchten, nur leben können, wenn sie ihre Sprache und sich selbst in ihr zu behaupten vermögen.

Vor einigen Jahren hat ein Schriftsteller, dessen Werk ich sehr schätze, bei einem ähnlichen Anlass wie dem heutigen von sich gesagt: »Ich lebe, um zu schreiben.« Dieser Satz ließ mich stocken, bis mir klar wurde, dass er für mich nur einen Sinn hat, wenn man ihn umdreht: Ich schreibe, um zu leben. Ich schreibe, weil ich mich schreibend am ehesten dem anzunähern weiß, der ich gerne wäre; weil ich nur schreibend so gescheit bin, wie ich sein kann; weil ich erst schreibend so mutig werde, wie ich, ein Ängstlicher, sonst nicht bin. Vielleicht kann man die Autoren auch so unterteilen: Es gibt welche, die schreiben wollen, weil sie etwas Kluges zu sagen haben, und es gibt andere, die schreiben müssen, um nicht zu verblöden. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Schreibe ich nicht, werde ich schon über kurz ein dümmerer und über lang auch ein schlechterer Mensch.

Es ist dies übrigens keine Frage des literarischen Genres. Selbst eine kurze literarische Kritik macht, wenn vielleicht auch nicht jene, die sie lesen werden, immerhin mich, der ich sie verfasse, klüger. Oft bin ich mir lesend nicht einmal über den simpelsten Sachverhalt klar, nämlich darüber, ob mir das Buch eigentlich gefällt oder nicht. Als fleißiger Rezensent habe ich in den letzten dreißig Jahren weit über tausend literarische Kritiken verfasst, und ich habe alle diese Bücher erst richtig kennengelernt, nicht indem ich sie aufmerksam las und studierte, sondern indem ich über sie geschrieben habe. Meine Intelligenz hängt erheblich von meiner Bereitschaft ab, mich aus dem Lehnstuhl zu erheben und zum Schreibtisch zu begeben. Vielleicht habe ich deswegen vor zehn Jahren begonnen, Journale zu schreiben. Dieses Genre nötigt ja dazu, Gedanken, die noch nicht ganz Gedanken sind, sondern eine vorsprachliche Keimform derselben, dazu zu verhelfen, dass sie mittels Sätzen und in Sätzen auch wirklich welche werden. Und Gleiches gilt natürlich für Eindrücke, Bilder, Stimmungen, Gefühle, die nur so durch mich hindurchgehuscht und mir für immer verloren gegangen wären, wenn, ja wenn ich mir nicht die Mühe gemacht und mir die Freude gewährt hätte, mich an den Schreibtisch zu setzen.

Ich halte wenig von einer Hierarchie der literarischen Genres. Ein österreichischer Landsmann, der den Preis, den ich heute erhalte, gewiss mehr verdient hätte als ich, der große Jean Améry, hat fürchterlich daran gelitten, dass er zwar als Publizist, Kritiker, Essayist hoch angesehen war, nicht aber als Romancier oder genuiner Dichter gegolten hat. Er war vielleicht der glänzendste Essayist seiner Zeit, aber wurde – wie er es empfand –: eben nur als Essayist geachtet. Die großartige Biographie von Irène Heidelberger-Leonhard zeigt auf bestürzende Weise, dass dieser Mann tatsächlich nicht nur an der Wunde Auschwitz gestorben ist, wie das nach seinem Freitod in allen geziemend erschütterten Nachrufen zu lesen stand, sondern auch an der quälend banalen Tatsache, dass er, der von so vielen verehrt wurde, sich nicht als der anerkannt fühlte, als der er anerkannt werden wollte. Indem er daran fortwährend litt, hat er freilich die Hierarchie der literarischen Gattungen selbst anerkannt, und so träumte er ja vom späten Ruhm als Romancier, wobei seinen beiden Romanen, als er sie endlich doch geschrieben und veröffentlicht hatte, manche Häme und viel Lob zuteilwurde, das in seinem Wohlwollen durchaus kränkend war.

Améry, der so hellsichtig zu analysieren verstand, hat dieses eine nicht zu durchschauen vermocht, dass er einem fatalen, für ihn lebensgefährlichen Trugschluss erlag, wenn er sich die literarischen Formen der Prosa als Hierarchie dachte, mit der Königsdisziplin des Romans an der Spitze. Joseph Roth hingegen, wiewohl ein großartiger Romancier, hat gewusst, dass es nicht um eine Rangordnung der Genres gehe, sondern darum, in gleich welchem Genre immer aufs Ganze zu gehen. So ist er der bedeutendste Journalist unter den österreichischen Schriftstellern geworden. Stets hat er nicht nur an Romanen, sondern auch für Zeitungen geschrieben, Glossen, Feuilletons, Kritiken, Reportagen, die ihm selbst nicht minder wert waren als jene. Vergleicht man seine Sammlungen von Reportagen mit den zeitgleich entstandenen Romanen, fällt es schwer zu sagen, auf welchem Gebiet er Bedeutenderes geleistet hat. Das Gesetz allen literarischen Schreibens hat er einmal so formuliert, dass es dem Schriftsteller verboten sei, »mit der linken Hand« zu schreiben, es also beispielsweise bei einem Feuilleton billiger zu geben als bei einer Passage für einen Roman. Wer glaubt, er könne im Brotberuf hurtig Zeitungsartikel verfassen, um sich damit das Geld für die Arbeit am großen Roman zu verdienen, wird am Ende schlechte Zeitungsartikel und den großen Roman gar nicht geschrieben haben.

Ich selbst würde es als grobe Kränkung empfinden, wenn jemand sagte, er hätte von mir zwar ein paar gute Bücher, aber auch viele unbedeutende Zeitungsartikel gelesen. Nicht minder schrecklich, aber eben auch nicht schrecklicher – wenn dies ein Adjektiv wäre, das eine Steigerungsform zuließe –, nicht minder schrecklich wäre es, die Rechnung umgekehrt präsentiert und das in Buchform Veröffentlichte gegen das in der Tagespublizistik Vorgelegte abgewertet zu bekommen: Wie gut oder weniger gut es auch gelungen sein mag, es war stets das Beste, zu dem ich damals eben fähig war, da habe ich keine Ausrede und begehre ich keine Nachsicht.

Meine Damen und Herren, wohin soll diese Rede, die ungebührlich mäandernde, noch hinführen? Zurück zum Lob der Sprache, die das Mädchen Luise verloren und wieder gefunden hat und für die viele derer so bewundernswert sorgen, denen sie, als Angehöriger gefährdeter Sprachgemeinschaften, abhandenzukommen droht. Und dank deren ich mir das Leben immer wieder so zu entwerfen vermag, wie ich mir wünschte, dass es alle Tage sei. Ich gebe es zu: Ich schreibe so gerne, weil ich das Leben liebe. Dass ich dafür auch noch mit einem Preis belohnt werde, ist fast schon übertrieben.