Johann-Heinrich-Merck-Preis

The »Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay« (Prize for Literary Criticism and Essay Writing) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964, financed by the Darmstadt-based Merck pharmaceutical company.
It is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The Johann Heinrich Merck Prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Helmut Böttiger

Author and Literary critic
Born 8/9/1956

Mit stupenden Kenntnissen begegnet er sowohl dem einzelnen Buch wie dem Gesamtwerk von Autorinnen und Autoren und verortet sie im Kontext literarischer und politischer Strömungen.

Jury members
Ingo Schulze, Rita Franceschini, Olga Martynova, Lothar Müller, Lukas Bärfuss, Daniel Göske, Felicitas Hoppe, Joachim Kalka, Daniela Strigl, Michael Walter

Laudatory Address by Andreas Isenschmid

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Helmut,

letzte Woche fragte mich meine Frau, warum ich neuerdings immer so gut gelaunt sei. Weil ich Böttiger lese, war meine Antwort. Ich muss gestehen, sie hat mich selber ein bisschen überrascht. Was geht da vor, wenn sich jemand zehn Tage lang kreuz und quer durch die Bücher und Aufsätze von Helmut Böttiger liest und Abend für Abend beglückt, bereichert und voller Fragen heimkommt? Die Fragen übrigens, zu denen einen Böttiger führt, sind das Wichtigste. Das sei hier doch schon mal gesagt.

Man ist beglückt, wenngleich Böttiger ein ausnehmend ernster Kritiker ist. Pointen verwendet er mit wirksamer Zurückhaltung. Die üblichen Mittel, die Leser wachzuhalten, sind die seinen nicht. Gratis-Polemiken und niedermähende Verrisse kann man lange suchen. Das häufige und absichtsvolle Schlagen des stilistischen Pfauenrads fände er wahrscheinlich peinlich.

Die Scheinurteilskraft des gehobenen oder gesenkten Daumens praktiziert er selten. Ja, ich fürchte sogar, dass er das von Kant über Schlegel bis zu Schleiermacher kursierende hermeneutische Mantra, der Kritiker müsse den Autor besser verstehen als der sich selbst, arrogant fände.

Wenn das alles nicht, was dann?

Beginnen wir mit den Äusserlichkeiten, die natürlich keine sind. Helmut Böttiger als herausragenden Kritiker zu bezeichnen, ist eine Untertreibung. Wer seine Bücher über die Gruppe 47, die 70er und die 90er Jahre gelesen hat, um von seinen Ausstellungskatalogen nicht zu reden, weiss, dass er der grosse Geschichtsschreiber der deutschen Nachkriegsliteratur ist ( - übrigens auch mit einer vergnüglichen, detailsatten Geschichte eines gewissen Johann-Heinrich-Merck-Preises). Und dieses enorme literarhistorische Hinterland färbt natürlich die Art seiner Kritiken - mehrfach.

Die isolierte Einzelbeurteilung eines Buches gibt es bei Böttiger kaum. Mehr als andere sieht er jeden Text im historischen Kontext, was der Gegenwartsorientierung just ihre differenzierende Schärfe gibt. Kommt dazu, dass der Literarhistoriker auch ein Sozialhistoriker ist. Wie die Gesellschaft aussah, deren Antisemitismus Celan so sehr fürchtete, oder die, in der die Nachgeborenen ihre Vaterbücher schrieben, weiss Böttiger frappierend genau. Auch wie die Popkultur Handke und wie sie Brinkmann formte. Dass diese gesellschaftsgeschichtlichen Fragmente von einem Linken geschrieben sind, entgeht einem übrigens nicht, es wird einem aber auch nicht aufgedrängt; auch das muss man können.

Doch der wichtigste Einfluss des Literarhistorikers auf den Kritiker ist ein anderer: Helmut Böttiger ist ein erzählender Kritiker. Seine Kritiken sind keine argumentativen Exerzitien mit Beweisziel, es sind eher erzählerische Etüden. Aber wenn nicht Beweisziel, was dann? Wie und zu welchem Ende erzählt ein Kritiker, erzählt dieser Kritiker Literatur? Dass er es nicht tut, um den Autor besser zu verstehen als der sich selbst, hatten wir. Aber bei Friedrich Schlegels Formulierung dieses Gedankens findet sich eine Weiterung, die man geradezu als die geheime Maxime Böttigers ansehen könnte. „Um jemand zu verstehen“, sagt Schlegel in einem postum publizierten Fragment, „muss man erstlich klüger seyn als er, dann eben so klug und dann auch eben so dumm. Es ist nicht genug, dass man den eigentlichen Sinn eines confusen Werks besser versteht, als der Autor es verstanden hat. Man muss auch die Confusion selbst bis auf die Principien kennen, charakterisiren und selbst construiren können.“ (KFSA XVIII, S. 63, Nr. 434)

Das ist es, was Helmut Böttiger in den besten seiner kritischen Erzählungen tut. Er nähert sich dem Rätsel an, das ein Autor in seinem Werk und bisweilen auch in seinem Leben für sich war. Er will das Rätsel nicht lösen, es gar ausplaudern, er will es einfach sehen. Am Ende hat er und haben wir Fragen, die wir vor der Lektüre nicht hatten, und sind beglückt.

Besonders fein kann man das etwa am Ausgang seines Aufsatzes zu Uwe Johnsons „Jahrestagen“ im Buch über die 70er Jahre sehen, wo Böttiger „die einzigartige Erzählsymbiose zwischen dem Autor Johnson und seiner Figur Gesine“ nachzeichnet. Am schönsten ist es ihm aber nach meinem Empfinden im Buch mit dem sprechenden Titel „Wir sagen uns Dunkles“, seiner kritischen Erzählung der „Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“ geglückt. Nirgendwo kann man Böttigers wahrhaft ambitiöses kritisches Erzählen so genau sehen wir hier. Er erzählt das Leben der Liebenden, er erzählt die politische Geschichte, die sie durchlebt haben, und er deutet die Gedichte und den Roman, in denen diese Liebe zu Wort kam. Wie leicht könnte das zu simplistischer biographischer Gedichtsdeutung degenerieren. Oder es könnten die Stränge dieser Erzählung unverbunden nebeneinander herlaufen, statt sich auf ihre Art zu befruchten. Böttiger entgeht beidem souverän. Er zeigt, wie für Bachmann und Celan die Trennung von Leben und Dichtung obsolet war, beides war beides und formte einen dritten, Dichtung und Leben übersteigenden und beide zugleich vereinenden Raum. Und Böttiger? Ist durch sein Erzählen, wie Schlegel es verlangt, Teil dieser „Confusion“ – ein Ausdruck, den man hier durchaus etymologisch verstehen darf. Er bringt uns so nah, wie’s halt geht, an diesen dritten Raum.

Es braucht dafür eine sehr gute erzählerische Verbindung von Weitblick, Tiefblick und Augenmass. Nicht immer ist übrigens Böttigers kritisches Erzählen so sehr auf Moll gestimmt wie im Buch über Celan und Bachmann. Wenn man im Buch über die 70er Jahre die Kapitel über Christa Wolf, Heiner Müller und Fritz Rudolf Fries (einen Liebling Böttigers) liest, dann wechseln hier von Kapitel zu Kapitel die Tonarten so fabelhaft, dass ich mir bisweilen, auch auf solche Gedanken bringt einen dieser Kritiker, einen Komponisten für diesen Tanz der Tonarten gewünscht hätte. Neben Zitaten, die jeden Philologen jubeln lassen, kann er auch Anekdoten und homöopathisch dosierten Klatsch. Und er ist in all dem, nicht zuletzt, ein Reiseerzähler. Wie gern hätte man selber Celans Ferienhaus in einem verlassenen Schlosspark in der Bretagne gefunden und wäre dort bei dem alten Steintisch gestanden, an dem wahrscheinlich am 10. Juli 1961das Gedicht „DIE HELLEN STEINE“ aufs Papier kam.

Die schönsten und ergiebigsten Reisen Böttigers sind aber die über dreissig Jahre sich erstreckenden nach Czernowitz. Auch ich war beim jiddischen Dichter Josef Burg im alten „Jüdischen Haus“. Aber dass im Treppengeländer von 1908 „inmitten der Eisenverstrebungen lauter kleine Davidssterne eingearbeitet waren“, denen man „nach dem Krieg in mühevoller Kleinarbeit (...) jeweils zwei äussere Dreiecke“ abgesägt hat, „so dass nur noch anonyme Rauten übrigblieben“ – das hat nur Helmut Böttiger gesehen.

Und es war wiederum in Czernowitz, nun schon während des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, zu der Czernowitz ja gehört, dass in einem „nächtlichen Gespräch“ zwischen Böttiger und dem ukrainischen Essayisten Jurko Prochasko, Gundolf-Preisträger dieser Akademie, über die Bedeutung und die Möglichkeiten der Literatur noch einmal „alles zu irrlichtern“ begann. „Können Gedichte wie diejenigen Celans für jemanden wie Prochasko auch in der gegenwärtigen Situation etwas bewirken? Jurko Prochasko sagt Ja, und er sagt Nein. Ich spüre, dass ich mich selbst in Frage zu stellen habe, dass ich mit weitaus mehr Fragen aus Czernowitz zurückkehren werde, als ich auf der Reise dorthin hatte.“

Etwas vom Neuen, das sich da bei Böttiger ankündet, vernimmt man schon eine Seite davor im Gespräch der beiden über die Rolle des Kriegs für Ukrainer und Deutsche. Da beginnt Böttiger, von dem es diesen fulminanten Essay über die Väterbücher der 70er Jahre gibt, aufs Mal in bits and pieces an einem eigenen Vaterbuch zu schreiben. „Je weniger darüber gesprochen wurde, desto mehr beschäftigte uns Nachgeborene das, was unsere Väter geprägt hatte. Meiner hatte mit fünfzig Jahren keine Zähne mehr. Alles, was ich von ihm über den Krieg gehört habe, war das Wort „Sewastopol“. Dort, auf der Krim, war er im Einsatz. Einmal sagt er, dass dies die einzige Reise seines Lebens gewesen sei, später gab es noch den jährlichen Wochenendausflug mit dem Kleingärtnerverein nach Oberbayern oder Österreich.“

Un train en peut cacher un autre, sagen die Franzosen am Bahnübergang. Achtung, hinter einem Zug kann sich ein anderer verstecken. Auch hinter einem Erzähler kann sich ein anderer verstecken. Wer weiss, wohin es den kritischen Erzähler Helmut Böttiger bei seinem Erzählen noch treiben wird. Ich freue mich darauf und danke Ihnen.