Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Walter Höllerer

Walter Höllerer

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
Geboren 19.12.1922
Gestorben 20.5.2003
Mitglied seit 1959

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1975
Laudatio von Ludwig Harig
Dankrede von Walter Höllerer
Urkundentext

... für seine literarischen Aktivitäten, die er von Berlin aus als Anreger, Vermittler, Herausgeber und Lehrer unermüdlich und originell entwickelt hat.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Karl Krolow, Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Beisitzer Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Geno Hartlaub, Gerhard Storz, Wolfgang Weyrauch

Darmstädter Rede vom Widerspruch

Der Darmstädter Kriegsrat Merck soll der Widerspruch selber gewesen sein: freundschaftlich helfend, – und angreiferisch, mit sarkastischem Witz. Etwas »Tigerartiges«, liest man, habe sich in seiner legeren hageren Gestalt verborgen. Widersprüchlich stand er zwischen den Generationen, zwischen den Aufklärern, die auf Ideen, und den jungen Stürmern und Drängern, die auf den Augenblick aus waren. – Wenn Johann Heinrich Merck den Widerspruch verkörpert hat, – so kommt er mir, für diesen Moment, hier in Darmstadt, gerade recht.
In Widersprüchen stehe ich vor Ihnen. In Widersprüchen sehe ich uns alle vor uns selber.
In Widersprüchen haben wir unsere Arbeit begonnen.
Vor dreißig Jahren, als der Krieg zu Ende war, sah ich, dreiundzwanzigjährig, Frankfurts Geschäftsstraße, die Zeil. Sie war zerstört. Ich spürte den Zugriff der Trümmer, der Häuser und Stadt-Scherben. Zerfallen war alles, was Leute zusammengehalten hatte. Und ich spürte zugleich und ohne daß das eine das andere aufgehoben oder verringert hätte: Erleichterung. Die Systeme, die uns eingemauert hatten; der mechanische Apparat, der uns gefangen hielt, waren ebenfalls zerfallen. Kaum atmen konnte man in den Trümmern, aber man konnte zum ersten Mal wieder aufatmen.
Das Entgegengesetzte schließt in solchen Momenten das, dem es entgegengesetzt ist, nicht aus. Es verstärkt es. Beides zusammen erst ergibt die Wahrheit, die Forderungen stellt: »Nie mehr«, so sagten wir uns vor dreißig Jahren, »geraten wir in die alten Apparaturen und Fallen, – nie!«
Wie weit haben wir diese Vorsätze ausgeführt, – wie weit haben wir sie als Maximen unseres Handelns beibehalten? Ist uns inzwischen klar geworden, daß wir Zusammenhänge, Systeme suchen, in denen wir unseren eigenen Ort und Wert besser bestimmen können, – und daß wir zugleich uns der Gefangenschaft in diesen Systemen zu erwehren haben? Ist es uns klar geworden, daß heimatliche, häusliche Gebundenheiten zu unserem Wohlgefühl gehören, – und daß sie zugleich unserem Wunsch nach offenem Horizont entgegenstehen können?
Dazu kamen Widersprüche, äußere, zwischen den Generationen: vor dreißig Jahren, – wir hatten es nicht leicht mit der älteren Generation, oder: wir fanden uns schwer mit ihr zurecht. In das Pathos, das sie sich aus den Tagen vor Hitler herübergerettet hatte, ein Pathos, zu dem sie noch Bindungen hatte, konnten wir nicht einstimmen. Unsere Erfahrungen sprachen dagegen. Unsere Einsichten hörten sich anders an:

»Heute noch fortzugehn
In Minuten der Aufbruch
Bist du bereit dazu?«

Das ist eine Passage aus einem Gedicht in meinem ersten Buch. Solche Zeilen suchten damals einzustehen für unsere Einsichten.
Zeit der Widersprüche: es war auch eine Zeit der Mißverständnisse zwischen den Generationen, – sie sind bis heute nicht ganz ausgeräumt. – Es kam manchem der Älteren so vor, als wollte da eine Generation ohne Rücksicht auf Überlieferung etwas völlig Neues anfangen. Daß ein solcher Versuch unsinnig gewesen wäre, wußte wohl jeder, auch von den Jüngeren. Was wir allerdings wollten, das war, aus irreführenden Klassifizierungen und damit aus irreführenden Beziehungen zu der Überlieferung herauszukommen. Es wurden da viele Ansatzpunkte gefunden, – solche, die vorher vernachlässigt worden waren: von Abraham a Santa Clara bis Christian Reuter, von Lenz bis Büchner, vom jungen Schiller bis Grabbe und Heine; der bislang kaum entdeckte Jean Paul kam neu ins Gesichtsfeld; die witzigen und wenig hochtrabenden Autoren Lichtenberg und Nestroy, Niebergall nicht zu vergessen hier in Darmstadt, und Karl Valentin; bislang ganz Verschollene wie Weerth, Scheerbart, Carl Einstein, Kurt Schwitters, – und sie alle nicht nur in der deutschsprachigen Isolation gesehen, sondern im Zusammenhang der weiträumigen, vielsprachigen Literatur. Wir versuchten die großen literarischen Werke – Goethe, Schiller, Novalis, Gottfried Keller – auch einmal gegen den Strich der eingebürgerten Betrachtungsweisen zu lesen, – und daraus Lehren zu ziehen, nicht nur für unsere eigene Schreibweise, sondern auch für öffentliches Handeln.
Es ist richtig, daß wir die Literatur und ihre Wirkung näher am Alltag angesiedelt wissen wollten, – daß uns der enthobene Nimbus, daß uns eine Metaphysizierung der Literatur wenig lag; – daß sie mit uns lebendig sein sollte, nicht im hallenden Raum, sondern in unserem Haus, mit unseren Sorgen. – Es ist ein Mißverständnis, zu meinen, wir hätten, mit dieser veränderten Sicht auf die Tradition die Literatur, die wir vorfanden, vernachlässigt, – und vielleicht ist heute der Tag, in dieser Konstellation der Preisvergebungen, das Mißverständnis auszuräumen. Im Versuch der Erneuerung hatte die ältere Emigranten-Generation, die kontinuierlicher an ältere Traditionen anknüpfen konnte, mit uns Jüngeren wahrscheinlich mehr gemeinsam, – jetzt, im Abstand gesehen, – als das erste lebhafte Engagement von beiden Seiten damals erkennen ließ.
Widersprüche zwischen den Generationen: damals unvorhersehbar, zeigte sich zwanzig Jahre später eine andere Konstellation: die Heimkehrer- und Aufbruchsgeneration von 1945, als wir, kamen in ein seltsam zwiespältiges, widersprüchliches Verhältnis zu denen, die dieses Jahr 1945 als Kinder, als Fünf- und Sechsjährige, erlebt hatten; – die diese tumultuarischen Jahre als ihren ersten Wirklichkeits-Eindruck im Leben festhielten, als eine bei allen Beschränkungen anarchisch-ungeregelte Zeit. Darauf griffen sie später zurück, scheint mir, das wirkte weiter in ihnen, als sie erwachsen wurden, Ende der sechziger Jahre, als sie nach Glückszuständen Ausschau hielten, bei ihren Versuchen der Selbstverwirklichung. – Als diese jüngere Generation mit ihrer Aufbruchs-Stimmung losbrach (»Was neben uns Löcher schlug, das machte uns klug, bevor wir sprechen konnten!« sagten sie), befanden wir uns, die damalige Heimkehrer-Generation, in einem Dilemma. Viele von uns, die die Vorsätze gegen die alten Fallen und Apparaturen nach wie vor zur Maxime ihrer Entscheidungen machten, – fühlten sich angesprochen von dem wütenden Aufbegehren der einstigen Bomben- und Ruinenkinder, – aber wir hatten diese entscheidenden Jahre, 1944 bis 1948, in einer anderen Phase unseres Lebens erlebt. – Wir hatten auch die Zeit vorher bewußt erleben müssen. Neben die Sympathie gegenüber den Jüngeren trat gleich stark die Besorgnis, daß hier wieder einmal rapid-emotionell ein Marsch angetreten werden sollte, ideengläubig, und mit Sprachregelungen, die einen Mechanismus bezeichneten, der zwangshaft dem Mechanismus nahestand, den er angriff.
Unsere Generation zwischen den Generationen, – das bedeutet heute auch: zwischen den Institutionen, wenn ich mich so umsehe. Und das ist vielleicht ihr Vorteil. Die ältere hielt und hält mehr vom Institutionalisieren, – und die jüngere, von der hier die Rede ist, wählte sich, bis zu einem gewissen Punkt, dieses Stichwort neu.
Die Zeit, als der Krieg zu Ende war, ist nicht einfach vorbei, – sie reicht in unser gemeinsames Unterbewußtsein und Bewußtsein herein, in unseren dreißigjährigen Frieden. Dreißig Jahre Frieden! – Langsam, aber sicher haben sich die Mechanisierungen und Systeme, die neuen »alten Fallen«, wieder verfestigt, – und dies trotz ständiger Bemühungen von Autoren, von Kritikern, von tätigen Leuten, dagegen zu sprechen, zu schreiben, dagegen »etwas zu tun«: die Bewegung und Beweglichkeit zu stärken gegenüber den neu verfestigten Einteilungen und Computerisierungen des privaten und öffentlichen Lebens.
Literatur als Signalement der Beweglichkeit, für das bedrängte und verdrängte Leben: gegen welche Übermacht stellt sie sich, und mit welchen Mitteln! – Ob es, von mir aus gesehen, Anthologien wie ›Transit‹, Bücher wie ›Movens‹ waren, die solche differenzierende Parteinahme hatten, ob eine Zeitschrift wie ›Akzente‹, mit ihrer Unterstützung dessen, was sonst allzu leicht überhört wurde, was nur schwer sich eine Stimme verschaffen konnte, – ob es Aufforderungen waren wie in dem Gedichtband ›Systeme‹, 1969:

»laßt uns das Mögliche spielen,
das Ende des Narrentums dieser
selber-geschiirten Qual, das
Aufstehn-aus-dem-gequetschten Systemkasten,«

ob es schließlich Roman-Kapitel, die der ›Elephantenuhr‹, waren: – und dies alles in einem geteilten Land, dessen zwei Hälften sich in entgegengesetzte Richtungen weitersystematisierten, in entgegengesetzte Richtungen rigoros-deutsch computerisierten, – Widersprüche! und Kritik, kritisches Fragen, um sich in diesen Widersprüchen überhaupt noch zurecht zu finden!
Ich nehme an, daß es wahr ist, daß Literatur, Kritik, daß kritische Literatur das verdrängte Leben als erfundenes, vorgestelltes Leben »in das gesellschaftliche Bewußtsein zurückholen« kann. Ich nehme an, daß die Literatur an Ideengebäuden beteiligt ist, die einem festgefahrenen Zustand widersprechen, – und daß sie durch Momentaufnahmen, Geschichten, dramatische Handlungen den Ideengebäuden Modelle dessen, was gelebt werden kann, entgegenhält; – daß sie beides durch längere Gedankenspiele verbindet. Sie wirkt im einzelnen und insgesamt gesehen durch ihre Widersprüche.
Ich nehme an, daß dies wahr ist, und daß sie wirklich Wirkungen hat. Die Hoffnung darauf kann ich nicht aufgeben. Ich sehe sonst keine Instanz, die mit Logik und Phantasie, mit Sympathie und Witz alle diese in sich systematisierten Interessengruppen, alle diese sich abschirmenden Spezialgebiete und Einzelfachleute zusammensehen könnte, versammeln und sichten und ihnen miteinander und gegeneinander Sprache geben könnte. Der alte Merck zupft uns am Rockkragen.
Literatur, Kritik, kritische Literatur, – wenn eine Rede wie diese überhaupt einen Sinn haben soll, dann doch nur als Aufruf zur Bundesgenossenschaft: im Erinnern an Vorsätze, die gefaßt worden sind; und wie sie in die Enge geraten sind; und wie sie uns nicht abhanden kommen dürfen!
Bundesgenossenschaft: mit dieser Literatur ein Bündnis einzugehen, quer durch die Berufe, als Bundespräsident oder als Buchhändler, als Kollege am Arbeitsplatz, – oder wenn einer seinem Kind die ersten Geschichten erzählt.
Ein notwendiges Bündnis: daß die Welt nicht noch mehr reglementiert wird, gegen das Wohlbefinden des einzelnen Gehirns, und gegen das Wohlbefinden der Leute insgesamt, – nicht noch mehr verödet wird, – und daß die lauthalsigen Stimmen nicht noch mehr im Recht vor denen sind, die weniger durchschlagskräftig, weil unterscheidender sind.
Wie leben wir? – Wollten wir ein Kollegium gründen, ohne Segregierungen, und Einengungen, und ganz frei für die Tätigkeit, die wir für richtig hielten, – wir müßten uns zu Vögeln erklären, und uns als Vögel maskieren, und für uns Naturschutz in Anspruch nehmen.
Weil dem aber nicht so ist, – weil wir nicht unter Naturschutz stehen, – ist uns aufgegeben, im Widerspruch gegen die Widersprüche zu schreiben, zu leben, – sie nicht abzukonterfeien, sondern ihnen glaubwürdig zu begegnen, – und das läuft auf unseren heftigsten Hauptwiderspruch hinaus: vor der Erkenntnis nicht zurückzuschrecken, und auf Lebensmöglichkeit bedacht zu sein.