Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Ulrich Weinzierl

Ulrich Weinzierl

Journalist, Literaturkritiker und Autor
Geboren 7.3.1954
Mitglied seit 2002

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1996
Laudatio von Eckhard Heftrich
Dankrede von Ulrich Weinzierl
Urkundentext

Ulrich Weinzierl, dem Kritiker, der in Rezensionen und Kulturberichten mit sicherem Urteil und dem Charme der Ironie das klassische Wiener Feuilleton zu neuen Ehren bringt...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Elisabeth Borchers, Norbert Miller, Ivan Nagel, Beisitzer Iso Camartin, Eckhard Heftrich, Hans Wollschläger

Beruf: Feuilletonist

Hohe Herren von der Akademie!
Darf man die Anrede von Kafkas berühmtem Schimpansen leihen und die Damen ausnahmsweise unterschlagen? Ich für mein Teil zitiere nämlich gerne, borge mit Vorliebe bei ersten Adressen. Naturgemäß werde ich mich jetzt trotzdem nicht weiter über mein mehr oder minder äffisches Vorleben verbreiten, sondern eilends auf ein überpersönliches Thema zusteuern. Mit Fug und Recht erwarten Sie von jemandem, den Sie – wie unverdient dies auch sein mag – für etwas auszeichnen, daß er eben darauf irgendwie Bezug nehme. Schwer zu leugnen, Kritik hat am Rande mit mir zu tun und umgekehrt. Rein ökonomisch betrachtet, lebe ich vom Schreiben über Kunstdinge und Menschen aus dem Kunstbezirk. Der Vorteil gegenüber politischer Publizistik springt ins Auge: Kunstfiguren verlangen keine Gegendarstellungen. Bei eklatantem Unverständnis kehren sie uns – in Büchermanier – den Rücken zu.
Anno dazumal hatten Musikliebhaber den Satz aus Verdis Othello im Ohr: »Ich bin nur ein Kritiker«. Bezeichnend und niederschmetternd, wer das singt: Jago ist’s, der Schurke, der Intrigant, der Seelenmörder aus Neid. Nicht zuletzt deshalb bevorzuge ich einen noch antiquierteren Begriff. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Beruf: Feuilletonist. Zweifellos ein aussterbendes Gewerbe, und so erfüllt sich jenes Schicksal, das ihm Karl Kraus immer schon gewünscht hat. Trotzdem denke ich: Gäbe es eine Fackel von heute, sie fände im gegenwärtig herrschenden Journalismus würdigere, weil gefährlichere Objekte der Satire als die paar armseligen, übriggebliebenen Exemplare der feuilletonistischen Zunft, lauter Leihgaben aus dem Museum für Printmedien. Nebenbei bemerkt: In weiser Voraussicht hat mir die Akademie vor Monaten Unterlagen in Sachen Johann Heinrich Merck zugeschickt, offenbar vermutend, ein Österreicher habe nicht die geringste Ahnung von dem Darmstädter Kriegsrat, von Goethes scharfsichtigem Jugendfreund und späterem »Mephisto«, der zum Namenspatron des Essayistik-Preises aufsteigen sollte. Die Akademie vermutete fast ganz richtig. Einem Wiener Hypochonder sind die pharmazeutischen Produkte der gleichnamigen Firma in der Tat geläufiger als des hessischen Firmenahnherrn gesammelte Werke und Briefe.
Inzwischen habe ich ein bißchen nachgelernt. Der Fall Johann Heinrich Merck ist auch außerliterarisch so uninteressant nicht: Immerhin war er betrogener Ehemann und Melancholiker und Selbstmörder; ein Beinahe-Bankrotteur, der mit Waisenkinder-Robot Profit machen wollte, zu Nutz und Frommen der Unmündigen, versteht sich; die Französische Revolution bewunderte er und pflegte doch seine Eingaben an den Landesherrn und Dienstgeber mit der Floskel »Ew. Hochfürstl.en Durchlaucht unterthänigster Knecht« zu unterzeichnen. Genug der echten und scheinbaren Widersprüche! Als Zeitgenossen vermag ich den großen, zerrissenen Kollegen aus dem 18. Jahrhundert am ehesten in seinen privatesten, verzweifeltsten Momenten zu empfinden. »Für mich«, schrieb Merck 1788 an Goethe, »ist keine Freude mehr auf dieser Welt, u. Jammers ohne Ende auszutrinken ein voll gerütteltes Maaß.« Daran fasziniert nicht nur die Präzision eines geradezu klinischen Befundes (Diagnose: Depression), sondern auch der poetische Mehrwert. Er verzaubert selbst die Düsternis, erinnert zumindest unheilbare Romantiker an Schuberts Winterreise.
Im gelehrten Vorwort zu Mercks Schriften entdeckte ich, auf dessen Suizid bezogen, den Ratschlag: »man tut gut, da nicht zu sehr ›forschen‹ zu wollen.« Hier trennt sich der Pfad des Philologen von dem des Feuilletonisten. Denn meine biographische Neugier würde genau an diesem heiklen Punkt anspringen, mögliche Ursachen und Zusammenhänge zu ergründen suchen. Um der Wahrheit die seltene Ehre zu geben: Am liebsten wäre mir eine unabhängige Existenz mitten unter vergilbten Papieren, unter Handschriften und Büchern und Dokumenten. Irgendwann fangen die vermeintlich stummen Dinge zu sprechen an, je vertrauter man mit der Materie wird, desto klarer. Solche – für einen Tageskritiker durchaus sonderbare – Bibliotheks- und Archiv-Marotte leiste ich mir seit eh und je als Hobby. Es hat mich, wie die holde Kunst, in vielen grauen Stunden in eine beßre Welt entrückt.
Wenn ich mich stilistisch schamlos an Schubert und Franz von Schober anlehne, dann nicht nur des Snobismus wegen. Wo sonst als vor diesem Forum könnte ich noch dergleichen einflechten? Daß der klassische Bildungskanon mit dem Bildungsbürgertum verblichen, im Wortsinn verduftet ist, ohne mehr als eine aromatische Spur zu hinterlassen, gehört zu den Leitmotiven reaktionären Ressentiments. Ihm möchte ich keinesfalls huldigen, ich klage nicht an und beklage mich nicht, ich stelle fest. Die Zeiten ändern und wenden sich; wer die Wende mitzuvollziehen nicht willens oder imstande ist, der entschwindet unversehens aus der Gegenwart Richtung Vergangenheit. Aber ist es wirklich so schlimm, altmodisch, ein Mann von gestern zu sein?
Niemand wird gezwungen, mit dem Strom zu schwimmen. Wenige sind auserwählt, gegen die Strömung anzukämpfen, um zum Ursprung, zum Quell des Übels zu gelangen. Für den, der die nötige Kraft dazu nicht aufbringt, bieten Plätze und Nischen am Ufer – vorsichtshalber nicht allzu nah beim Wasser – die beste Sicht. Ist damit das geistige Profil des idealtypischen Theaterkritikers umrissen? In der Loge sitzen, zum Schauen berufen, zum Nörgeln bestellt? Vielleicht. Mit Sicherheit weiß ich jedoch, wem ich die Einführung ins Metier verdanke. Es war der unvergessene Georg Hensel, der vor einem Jahrzwölft die erste Theaterkritik meines Lebens redigierte. Das Typoskript muß schrecklich gewesen sein, ein Artikel strotzend von überflüssigen Informationen, schwerfällig und umständlich. Hensel verlor keine Silbe darüber. Aber wie ungemein zart, gleichsam mit dem chirurgischen Feinbesteck, der Meister für den Druck in der Frankfurter Allgemeinen alles Unnötige entfernt hatte, ersetzte dem Lehrling einen mehrwöchigen Kursus.
Daß ich einst auf die schiefe Bahn des Kritikers geriet, ist indes die Schuld von Hans Weigel, der mich – ohne daß ich zuvor eine einzige Buchbesprechung verfaßt hätte – mit sanfter Gewalt Marcel Reich-Ranicki als Mitarbeiter aufnötigte. Ich bin stolz darauf, Reich-Ranicki-Schüler zu sein, und stets in Sorge, ihm durch ungewöhnlich törichtes Gehaben eventuell Schande zu bereiten. Noch stolzer bin ich, daß er mir im Lauf der Jahre, als sogar er einsehen mußte, aus mir könne trotz pädagogischer Bemühungen niemals ein richtiger, professioneller Kritiker werden, die Freundschaft nicht aufkündigte. Groß ist seine Treue: Wen Reich-Ranicki einmal zu fördern beschlossen hat, den läßt er nicht fallen. Auch das macht ihn zur Ausnahmeerscheinung, wie es übrigens auch mein Universitätslehrer war und ist, Wendelin Schmidt-Dengler, der mich Germanistik als potentiell fröhliche Wissenschaft begreifen ließ.
Daß ich Sie andauernd mit eigenen Belangen behellige, kommt nicht von ungefähr und nicht vom Größenwahn allein. Mir fehlt bereits seit längerem der Glaube ans Objektive, freimütig eingestandene Subjektivität scheint mir der realistischere Zugang zu halbwegs angemessener Berichterstattung. Vornehmlich darum fahre ich »pro domo« fort.
Meine Arbeit jenseits des Brotberufs hat mich unter anderem zu Antipoden der Literatur geführt: dem Kritiker Alfred Polgar und dem Schriftsteller Arthur Schnitzler. Sprachkünstler, Prosaisten von Rang waren sie beide; wahrscheinlich trübte gerade die Ebenbürtigkeit ihr Verhältnis in unziemlicher Weise. Keine Frage: Polgar hat Schnitzler des öfteren Unrecht getan, was diesen umso heftiger erbitterte, als er den Widerpart als den begabtesten unter seinen sogenannten Feinden einschätzte. Der intelligente Spott traf und er verletzte. Andererseits erreichte Schnitzlers Autorenempfindlichkeit extreme Ausmaße, sonst hätte der Dramatiker seine Tagebücher nicht derart mit Groll und Grimm über die ihm zugefügten Ungerechtigkeiten gefüllt, hätte nicht Traktate und Aphorismen sonder Zahl zur konstitutiven Niedertracht der Spezies Kritiker verfertigt. »Nullen«, notierte Schnitzler in auffallend großmütiger Laune – »man mag sich mit ihnen abfinden, es gibt so viele. Aber eine Null und frech dazu, das ist der Rezensent.« Kaum galanter klingt die Unterstellung: »Stoßseufzer des Rezensenten: Ja, wenn man bis zu den Sternen spucken könnte!«
Bestärkt von zahllosen Beispielen aus der Kulturgeschichte, fürchte ich: Zwischen dem Dichter, dem Schöpfer und seinem kritischen Interpreten klafft in der Regel ein Abgrund, und immer ist die Brücke zu freundschaftlichem Kontakt einsturzgefährdet. Jeder, der hin und wieder den Seitenwechsel praktiziert, kann ein Lied davon singen. Es ist das eherne Gesetz, unter dem wir alle angetreten: Schmeichelhaftes verträgt man unbeschränkt, Tadel nicht einmal in homöopathischer Dosis. Enttäuscht bemerkte Schnitzler: »Der Lobende ist im allgemeinen nicht sehr erfinderisch« und: »Nur witzige, boshafte Kritiker werden eigentlich gern gelesen.« Aus diesem Dilemma führt kein Weg ins Freie. Der Feuilletonist als Randfigur, die mit der Praeceptorenrolle nichts anzufangen weiß, hat es freilich leichter als hauptamtliche Kunstrichter samt Theorieverpflichtung und ästhetischem Urteilszwang. Er kann in Meinungsverweigerung flüchten, in Pointen und Nonsens ausweichen, muß nicht unbedingt am ernsthaften, sich ernstnehmenden Diskurs teilhaben. Und was den Makel des Boshaften betrifft, hält er es vorsichtshalber mit Thomas Mann. Im »Zauberberg« steht geschrieben: »Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik«. Seine Position im Charakterspektrum liegt also irgendwo zwischen dem punzierten Scheusal Jago und dem Aufklärer Settembrini, dem berüchtigten »Windbeutel« und Literaten voll anmutigem Pathos. Mal neigt er mehr zum einen, mal zum anderen. Kurzum, er ist und bleibt eine schwankende Gestalt. Mit Ferdinand Raimund zu sprechen: »Es ist ewig schad’ um mich«.