Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Martin Pollack

Martin Pollack

Journalist, Schriftsteller und Übersetzer
Geboren 23.5.1944

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2018
Laudatio von Karl Schlögel
Dankrede von Martin Pollack
Urkundentext

...der seine Arbeit den vergessenen und verdrängten Ereignissen in der mitteleuropäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts widmet...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Ernst Osterkamp
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Monika Rinck, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Elisabeth Edl, Dea Loher, Ilma Rakusa, Marisa Siguan

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Martin Pollack!

LAUDATOR
Karl Schlögel
Geboren 7.3.1948
Historiker

Meine erste Begegnung mit Martin Pollack liegt mehr als 30 Jahre zurück. Ich war auf sein 1984 erschienenes Buch „Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina“ gestoßen, eine übrigens wunderbare Ausgabe des Verlages von Christian Brandstätter. Die Begegnung war also virtueller Art, lange bevor ich ihn selbst leibhaftig kennengelernt habe. Und doch war sie folgenreich, wie ich es mir, wie wir beide es uns nicht haben vorstellen können: dass nämlich eines Tages die „verschwundene Welt“ nicht nur wieder sichtbar werden, sondern auch wieder zugänglich werden würde, so daß auf die imaginäre Reise, zu der wir durch eine so harte Grenze, wie den Eisernen Vorhang gezwungen worden waren, endlich wieder eine wirkliche Reise vor Ort würde folgen können – zum Beispiel in ein Lemberg, das zur alljährlichen Buchmesse im September voll von Besuchern aus ganz Europa ist, eine Stadt, die sich inzwischen mit Billigfluglinien bequem erreichen läßt, in der im Jahre 2008 eine Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung stattgefunden hat, oder die Reise in Paul Celans Geburtsstadt Czernowitz, in der es seit geraumer Zeit das Literaturfestival „Meridian Czernowitz“ gibt.

Es war Martin Pollacks Galizien-Buch, das mich Mitte der 1980er Jahre dazu gebracht hat, auf der Heimreise aus Moskau über Triest nach München in Lemberg auszusteigen und mich in der Welt umzusehen, die mich seither nicht losgelassen hat. Anfang der 1980er Jahre hatte sich ein Gefühl ausgebreitet, dass es jenseits der in Ost und West geteilten Welt noch etwas Drittes geben muss. Milan Kundera hatte seinen Essay „Die Tragödie Mitteleuropas. Un Occident kidnappé“ verfaßt. Intellektuelle in Prag, Warschau und Budapest sprachen von etwas, was es eigentlich nicht mehr geben sollte, und Martin Pollack war der Spurensucher, der Fährtenleser, der Navigator, der die Wege beschrieb und die Karten zeichnete, die ins Kernland Mitteleuropas hineinführten; dorthin, wo sich, so Joseph Roth, die Grenzen verwischten, dorthin, wo einmal die Vielvölkerwelt war, die in der Weltkriegsepoche mit ihren Grenzverschiebungen, Säuberungen, und dem Judenmord untergegangen war. Am Beginn meiner Laudatio steht also der Dank an den Autor, der wohl nicht nur mir die Augen geöffnet und den Weg in eine weithin unbekannte Welt eröffnet hat.

Seit dem Galizienbuch von 1984 hat sich ein Lebenswerk ergeben, um dessen Analyse die Literaturwissenschaftler und Historiker sich kümmern werden, wenn sie es nicht schon getan haben. Die Akademie in Darmstadt ehrt mit der Verleihung des Johann-Heinrich_Merck-Prises für literarische Kritik und Essay ein Werk, das zuletzt in einer Art literarischer Festschrift, zusammengestellt von Freunden gewürdigt worden ist – von Claudio Magris bis Adam Michnik, von Karl Markus Gauss bis Richard Swartz. Wie soll man angemessen über ein Werk sprechen, das so umfangreich und vielfältig ist wie das von Martin Pollack: literarische Reportage, Essay, Gespräch, grosse Erzählung, Bildanalyse, und last but not least und nun auch schon ein Leben lang: die Übersetzung. Weil er das alles kann, braucht er sich an die Grenzen, die das jeweilige Genre definieren, nicht zu halten. Er ist der Historiker, der Monate in den Archiven verbringt, und der Schriftsteller, der die von ihm zu Tage geförderte Geschichte zu erzählen weiss, mit Anfängen, die sogleich medias in res führen und einen bis zum Ende nicht loslassen. Er weiss um die Magie des ersten Satzes, der den Ton vorgibt und der nicht zu hoch und nicht zu tief sein darf, wenn die Erzählung stimmen soll. Er ist der Meister der dichten Beschreibung, um die ihn die Zunft der professionellen Soziologen und Ethnologen nur beneiden kann. Man muss nur seinen „Kaiser von Amerika“ lesen, also die „Geschichte von der grossen Flucht aus Galizien“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts: das ist eine Studie über Migration, Milieus und Netzwerke, die die grosse Wanderung aus sich heraus produziert, und man hat den Eindruck, dass Europa ganz und gar vergessen hat, was es je an Migrationserfahrungen schon einmal gab. Er ist der Journalist, der zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort ist, und zu Protokoll gibt, was in einem historischen Augenblick, in dem eine ganze Epoche abgewickelt wird, wie in einem Zeitraffer abläuft. Er hält den Film an, um besser und genauer sehen zu können in einer Zeit, die aus den Fugen ist. In seinen Miniaturen sind die grossen Augenblicke, die Wenden, an denen etwas umkippt, fixiert. Man lese nur seine Reportagen und Essays über Warschau Anfang der 1990er Jahre: über die Warschauer Intelligenzija, die selbstbewußt genug ist, auch in nachkommunistischen Zeiten ihre Nylonhemden und altmodischen Brillen zu behalten, während die Gewinner des Post-Sozialismus sich schon ihre massgeschneiderten Anzüge zugelegt und ihre erste Million gemacht haben. Er ist ein Physiognomiker der Zeit, der den Vorteil des Fragments, die Präzision der Vignette, an der hart gearbeitet werden muss, schätzt. Er ist als professioneller Beobachter, der nicht verschweigt, wem seine Sympathien gelten, und der doch eine Distanz hält, die man braucht, um seine Urteilskraft nicht zu gefährden. Er hält Polen die Treue, auch wenn er dort in Zeiten des Kriegsrechts zur persona non grata erklärt wurde oder jetzt, wo er nicht aufhört, die gegenwärtige Entwicklung in Polen kritisch zu kommentieren. Er ist der Übersetzer, der in den Semantiken Kontexte erkennt und mitübersetzt. Pollack ist der Entdecker, Förderer und Bekanntmacher der polnischen, ukrainischen, belarussischen Literatur, der alten, bei uns oft vergessenen - etwa Wladyslaw Reymont -, vor allem aber der neuen Stimmen. Wir im Westen verdanken ihm die Entdeckung Ryszard Kapuscinskis, der sein Freund war, aber auch der überragende Meister der literarischen Reportage, die Schule gemacht hat – nicht nur in Polen. „Meine Reise mit Herodot – Reportagen aus der alten Welt“ – so ein Titel eines Buches von Kapuscinski, trifft auch auf Martin Pollack zu, diesen Wiederentdecker der so lange vergessenen Welt des östlichen Europa. Martin Pollack schreibt an einer Stelle, er sei nicht Photograph, er mache keine Bilder. Das ist für einen Schriftsteller nicht so ungewöhnlich: er schreibt, beschreibt, produziert die Bilder von der Welt im Kopf, in unseren Köpfen. Aber er hat über die Jahrzehnte hin eine Sammlung von wohl Tausenden von Photos zusammengetragen, in Antiquariaten, Buchläden, wo immer er gerade unterwegs war: in Nowy Sacz, Posen, Innsbruck, Wien. Er sucht und sammelt Photos nicht zur Illustration, sondern als Zeugnis. Sie sprechen nicht für sich selbst, sondern er bringt sie zum Sprechen, fast wie ein Bildwissenschaftler. Da geht es um das Schuhwerk sonst unsichtbarer Gaffer in Wien während der berüchtigten Reibpartien im März 1938, als die Wiener Juden mit Bürsten die Strassen abwaschen mußten; da geht es um den Blick von oben herab auf eine auf dem Trottoir kniende junge Frau oder ein Gruppenbild von Wehrmachtsoldaten in der Pause zwischen den Kämpfen; es geht um den handschriftlichen Eintrag auf der Rückseite einer bei e-bay ersteigerten Photographie „Russische Frau 1944“. Er versteht, dass im Schnappschuss eine ganze Welt, eine Konstellation, eine Tragödie oder ein Moment des Glücks zusammenschiessen kann. Pollack nimmt Maß an der Genauigkeit der Photographie und weiss doch, wie mehrdeutig eindeutige Bilder sein können.

Man fragt sich als Leser seiner Bücher, und noch mehr als Laudator, was dieses nun doch so vielgestaltige und umfangreiche Werk „im Innersten zusammenhält“, woher die Kraft kommt, den unendlich verworrenen Wegen und Lebensschicksalen in Mitteleuropa nachzugehen, die Adressen ausfindig zu machen und den Wegen zu folgen, die im Niemandsland oder im Gas enden, und dabei doch das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, der Sache treu zu bleiben. Gewiss hat es zu tun mit dem Privileg des Ortes – oder sollte man sagen: mit dem Fluch - also Mitteleuropa und Österreich. Dort geboren und aufgewachsen zu sein, heißt, mit Tausend Fäden und all überall mit Kakanien verbunden zu sein, wie diffus auch immer. Allenthalben ist man auf die grösseren Zusammenhänge der alten Monarchie verwiesen, und auf das, was im 20. Jahrhundert dort geschah. Pollacks Bücher sind eine eigentümliche Heimatkunde - mit Hall, wo er geboren ist, Linz, wo er zur Schule ging, das Internat im Pinzgau, das ihn aus der engen Welt von Amstetten herausgeholt hat, Bocksdorf im südlichen Burgenland, wo Österreich, Ungarn und Slowenien heute auf einander stossen. Und natürlich Wien, das nach dem Ende der Ost-West-Teilung wieder zur postimperialen Metropole geworden ist. Überall sind die alten Verbindungen mit Händen zu greifen, aber überall kommen einem auch Ruinenlandschaften, die Schlachtfelder, die Linien der Deportations- und Fluchtwege entgegen - und die Landschaft des Schweigens, die jahrzehntelang über alles ausgebreitet war, auch in der Familie, in der Pollack selbst aufgewachsen war.

Aber der junge Martin Pollack hatte auch Glück: er wuchs in eine Zeit hinein und stiess auf Menschen, die noch ein anderes Österreich gekannt hatten, ein Kreis wie die Leute um das Wiener Tagebuch herum. Da war man plötzlich in unmittelbaren Kontakt mit einer Generation, die aus der ersten Republik herüberragte, kommunistischen Intellektuellen und Exilanten, ehemaligen Schutzbündlern,die ihre Erfahrung mit dem Austrofaschismus, aber auch mit Stalin gemacht hatten. Da gab es einen Kosmos, zu dem selbstverständlich Budapest und Prag, Moskau und London, Jerusalem und New York gehörten, Überlebende gescheiterter Experimente und Revolutionen: Franz Marek, Bruno Frei, Georg Lukacs, nicht zu vergessen Ernst Fischer und Ruth von Mayenburg, die Bewohner des Hotels Lux in Moskau, ein Brückenschlag ins „Zeitalter der Extreme“ – er, Eric Hobsbawm, von dem der Terminus stammt, war ja auch aus Wien gekommen. Diese alt-neue Linke hatte es mit einem Österreichertum aufzunehmen, das lange in dem Glauben dahin gelebt hatte, es hätte als erstes Opfer Hitlers mit all dem, was geschehen war, nichts oder nur wenig zu tun. So hiess es jedenfalls für viele bis zur „Waldheim-Affäre“.

Martin Pollack ging 1965 weg aus Österreich, um in Warschau zu studieren. Auch von dort aus ergab sich ein anderer Blick auf das Land, aus dem ja nicht nur Hitler, sondern auch Figuren wie Ernst Kaltenbrunner stammten – und sein leiblicher Vater. Die Suche nach ihm, Dr.Gerhard Bast - Jahrgang 1911, SS-Sturmbannführer, Leiter der Gestapo Linz, auf der Fahndungsliste für Kriegsverbrecher geführt - die Suche nach dem, wer er war, was er gesehen hatte, wo er unterwegs gewesen war, machte die Aufklärung über die Vergangenheit zur persönlichen, radikalen und existenziellen Frage. In einem Interview sagte Pollack: „Der Onkel, mein Vater mein Grossvater, mein Stiefvater, alle waren Nazis“. Von dort aus setzt eine nie nachlassende, bis ans Ende gehende Suchbewegung ein, in der Pollack, so verstehe ich es, herausfinden will, ja muss, was in seinem Land, mit seinem Österreich, ja: mit seinen Leuten, seiner geliebten Familie geschehen war in einer Zeit, über die man nicht sprach, obwohl sie überall noch präsent war: in den Lebensläufen von Bürgermeistern, Erziehungsmethoden von Lehrern, ausgewechselten Denkmälern und Symbolen. Die Rekonstruktion des Todes seines Vaters in dem Buch „Der Tote im Bunker – Bericht über meinen Vater“, der 1947 auf der Flucht am Brenner ermordet wurde, die Rekonstruktion seines Lebensweges aus der Gottschee zum Gestapochef von Linz und zum SS-Sturmbannführer, die Verfolgung seiner Spuren – Linz, Kaukasus, Bialystok, Minsk – die Beschreibung der kleinen Welt, die nach dem Krieg fast unverändert weiterlebte, führen ins innere Zentrum, sagen etwas über die Antriebsenergie und den roten Faden, der all die weit verzweigten Erkundungen zusammenhält. Er zieht den Schluss daraus: „Wir können es uns nicht leisten, gewisse Dinge zu vergessen. Wer aus so einer Familie wie ich stammt, verschreibt sich lebenslang dem Imperativ des Niemals-Vergessens“. Das ist kein blosser Appell, sondern das Eingeständnis der Unabweisbarkeit einer Auseinandersetzung, die fällig ist, wenn man weiterleben will. Dieses Muss treibt ihn um, in den verschiedensten Formen wie etwa in der Recherche zum ebenso faszinierenden wie schockierenden Fall des Philipp Halsmann, der als Bergtourist in den Dolomiten Opfer eines antisemitisch gesteuerten Justizmordes wird. Die innere Drift seiner Arbeit zielt sicher auf die dunkle Seite, die es in seiner sonst so liebenswürdigen Familie und in seinem sonst so wunderbaren Land gibt. Ihm ist die Schönheit des Landes und der Landschaften teuer– wie könnt dies auch anders sein in Österreich! Aber die Landschaften, durch die Pollack wandert, haben ihre Unschuld verloren. Kaum ein Ort im östlichen und mittleren Europa, der nicht die Spuren der Verwüstung trägt, Schlachtfelder, Massengräber am Wegesrand, Schluchten, auf die kein Denkmal verweist, Kuhweiden oder Gewerbeparks, wo einmal ein jüdischer Friedhof war, Karsthöhlen, in die die Opfer der Partisanen gestürzt wurden. Martin Pollack zeichnet so das Relief eines versehrten Kontinents, er schärft das Auge für die „kontaminierten Landschaften“ und entwirft „Topographien einer ungeteilten Erinnerung“ – so die Titel seiner letzten Bücher. Solche Vergegenwärtigungs- und Aufklärungsarbeit ist in einer „Zeit der Wirren“, in der alles auf dem Spiel zu stehen scheint, was nach dem Krieg erreicht wurde, dringlicher denn je. Ich freue mich sehr darüber, lieber Martin, dass Dich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung für Deine Arbeit mit dem Johann-Heinrich-Merk-Preis ehrt und gratuliere Dir dazu von ganzem Herzen!