Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Lothar Baier

Lothar Baier

Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer
Geboren 16.5.1942
Gestorben 11.7.2004

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1989
Laudatio von Helmut Scheffel
Dankrede von Lothar Baier
Urkundentext

Sein großes Thema ist unser Nachbarland Frankreich, dem er engagierte Arbeiten gewidmet hat.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Walter Helmut Fritz, Hans-Martin Gauger, Hartmut von Hentig, Beisitzer Georg Hensel, Ivan Nagel, Lea Ritter-Santini, Guntram Vesper, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger, Ehrenpräsident Dolf Sternberger

Unnachgiebiger Kritiker bestehender Verhältnisse

LAUDATOR
Helmut Scheffel
Geboren 7.5.1925
Gestorben 17.7.2012
Übersetzer

Zur Verleihung des Johannes-Heinrich-Merck-Preises
Ein großer Teil des essayistischen und kritischen Werkes von Lothar Baier, für das er heute den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhält, gilt den gesellschaftlichen, geistigen und literarischen Zuständen und Entwicklungen in Frankreich. Als einer der genauesten und gründlichsten Kenner unseres Nachbarlandes wurde er in diesem Jahr des »Bicentenaire« und des Schwerpunktthemas Frankreich der Frankfurter Buchmesse um zahlreiche Statements und zu diversen Podiumsgesprächen gebeten. Das gehört zu dem, was wir Kulturbetrieb nennen. Liest man Lothar Baiers Bücher, wird man zwar der Wendung »gründlicher Kenner Frankreichs« lebhaft zustimmen, zugleich aber ganz andere Denkdimensionen entdecken und feststellen, daß er in anderen Kategorien denkt.
Dazu ein Zitat aus dem Band mit Berichten und Essays, den der Autor »Französische Zustände« genannt hat: »Kann man eine Stadt (gemeint ist Paris) oder ein Land überhaupt begreifen? Obwohl ich inzwischen sehr viel Zeit in Frankreich verbracht und viele Franzosen kennengelernt habe, bin ich nicht viel klüger geworden: Was Frankreich wirklich ist, gegenüber den Projektionen aus dem Elend der westdeutschen Restauration, weiß ich immer noch nicht. Was kann man von einem Land wissen? Je mehr ich im Lauf der Zeit gesehen habe, desto fragwürdiger ist mir die Wahrnehmung selbst geworden. Was bedeutet es, wenn etwas, das ich sehe oder höre, zum Resultat einer Analyse, zu einem Klischee, einem Vorurteil nicht paßt? Ist es eine Widerlegung? Dazu ist der Vorgang, bei dem eine Wahrnehmung entsteht, selbst viel zu schwankend. Damit die Wahrnehmung zustandekommt, muß etwas da sein, an dem sie sich abarbeiten kann – warum nicht auch Klischees und Vorurteile?«
Symptomatisch für Lothar Baiers Darstellungsweise ist die selbstkritische Einbeziehung der eigenen Person, die wiederum im Zusammenhang mit den Erfahrungen seiner Generationsgenossen gesehen wird. Wenn Lothar Baier von den »Projektionen aus dem Elend der westdeutschen Restauration« spricht, meint er die Erfahrungen jener, die in der Zeit des Wiederaufbaus, des Wirtschaftswunders und der ungeheuren Verdrängung der nazistischen Vergangenheit aufgewachsen sind und von denen viele in anderen Ländern – vor allem im nächstliegenden Nachbarland –, von dem sie nur durch Bücher und Filme etwas kannten, nach dem ganz Anderen suchten. Daher die »Projektionen«. Doch was nützt all das Umherschweifen in der Fremde, wenn es nicht mit dem »Abarbeiten« verbunden ist, von dem der Autor spricht?
Ein Zeugnis für dieses Abarbeiten ist Lothar Baiers französisch geschriebenes und »A l’usage des Français«, zum Gebrauch für Franzosen, bestimmtes und nur auf französisch zugängliches Buch »Un Allemand né de la dernièr guerre«, in dem der Angehörige der »vaterlosen Generation«, um nur dieses eine Stichwort zu nennen, konkret erklärt, wie sich in ihm, auf Grund der Mangelerscheinungen oder auch Defizite, die das hinterließ, was in einem humanistischen Gymnasium in den fünfziger Jahren an Unterrichtung geboten wurde, ein politisches Bewußtsein ausbildete.
»Französische Zustände« ist der Titel des Buches, aus dem ich zitiert habe. Das ist natürlich auch – neben dem üblicherweise abwertenden Gebrauch des Wortes »Zustand« im Plural – eine ironische Anspielung auf einen Slogan der Studentenbewegung von 1968 »Schafft französische Zustände«. Als der Band 1982 erschien, waren die anarchistischen Träume längst verflogen. Die Macht des Faktischen hatte sich als stärker erwiesen. Die Rufe von damals »Die Phantasie an die Macht«, »Seid Realisten, verlangt das Unmögliche« oder auch »Unter dem Pflaster der Strand« sind heute nur noch als surrealistische Poesie verstehbar. Baier war »68iger«, wie man rückblickend sagt. Geblieben ist er der unnachgiebige Kritiker bestehender Verhältnisse – in Frankreich ebenso wie in der Bundesrepublik. Ich nenne nur einige Themen seiner von ungemein breiter Spannweite zeugenden kritischen Betrachtungen: die neue Rechte, die neuen Philosophen, die Ökologiebewegung in Frankreich, aber auch der Revolutionstourismus und seine in rascher Folge wechselnden Ziele, die Alternativreisenden und ihre schwankenden und ahnungslosen Befindlichkeiten, die Ökofreaks und Spontis, die »Fälle« der Schriftsteller Antonin Artaud, Ferdinand Céline, Jean Giono, die Philosophie Paul Feyerabends.
Diese Berichte und Analysen oder auch die Reportagen über die Ermordung des Deputierten de Broglie oder den Barbie-Prozeß sind das Ergebnis konkreter Erfahrungen, gründlicher Recherchen und umfassender Lektüre. Wenn der Autor in einem Aufsatz, der in dem Band »Gleichheitszeichen. Streitschriften über Abweichung und Identität« enthalten ist, die Geschichte der Auffassung von der natürlichen Gleichheit oder Ungleichheit der Menschen nachzeichnet, zitiert er Philosophen, Ethnologen, Biologen, Mediziner, Genetiker, Verhaltensforscher und andere Wissenschaftler. Der Aufsatz ist ein Musterstück für Baiers Methode. Sein überzeugender Schluß: »Les hommes naissent libres et égaux en droits«, Die Menschen werden frei und rechtlich gleich geboren, wie es in der Menschenrechtserklärung vom August 1789 heißt. Dazu Baier: »Die Genetik erhebt keine Einwände; ›verschieden, aber gleich‹... Die Gleichheit wird uns allerdings nicht geschenkt; es kostet Arbeit und Anstrengung, sie zu verwirklichen. Daß die Gleichheit nichts als ein Mythos ist, ist kein Satz der zeitgenössischen Biologie, sondern Ideologie des Status quo, die sich zu Unrecht auf die Natur beruft. Die Natur macht nicht die Geschichte. Und die Geschichte ist mehr als eine Art Verschmutzung der Natur.«
Abermals erscheinen die Begriffe Arbeit und Anstrengung. Gewiß, wie sollte man denn auch anders unseren Vorurteilen und oft vagen Meinungen beikommen. Lothar Baier war Anfang der siebziger Jahre unter den Anhängern der regionalistischen okzitanischen Protestbewegung – noch eine »Ersatzrevolution für heimatlose Linke«, wie Jean Améry schrieb, den der Autor zitiert. Manche Okzitanisten beriefen sich auf die Katharer als Vorfahren eines regionalen Rebellentums. Ein Grund für ihn, der Sache nachzugehen. Das Ergebnis ist das Buch »Die große Ketzerei«, eine Darstellung der Geschichte der Katharer, die sich natürlich auf die Werke der Fachhistoriker stützt, zugleich aber auch zeigt, zu welchen abenteuerlichen Spekulationen diese Geschichte manchen Mystagogen veranlaßt hat. Darüber hinaus ist das Buch eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Behandlung von Abweichlern, Dissidenten oder Anhängern eines als ketzerisch bezeichneten Denkens oder Glaubens.
Lothar Baier als Historiker, das konnte nur den überraschen, der nicht deutlich gesehen hat, mit welchem »historischen Blick« er schon immer, Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben, und selbst Landschaften betrachtet hat. Über viele Jahre hat er im Ardèche, nicht weit vom Rhônetal, Erfahrungen und Beobachtungen beim Zusammenleben mit »einfachen Leuten« gemacht, wie man obenhin sagt, wie er selbst sie aber nie nennen würde, weil er gerade zeigt, was für eine vielfältige komplexe Geschichte in den Lebens-, Verhaltens- und Umgangsformen dieser Bauern, Winzer und Handwerker steckt und wie sie durch genau benannte ökonomische Veränderungen im Verlaufe der Jahrhunderte geprägt wurden, so wie die Landschaft die Spuren all dieser Veränderungen zeigt. Man muß sie nur zu lesen verstehen.
Außer seinen Berichten, Essays, Streitschriften hat Lothar Baier auch eine Menge Buchrezensionen geschrieben, sie zeichnen sich aus durch Genauigkeit und Klarheit. Auf zwei Besonderheiten möchte ich jedoch hinweisen. Sätze nach dem Muster »Mit seinem zweiten Buch hat sich der Autor in den Vordergrund geschrieben« wird man bei ihm nicht finden. Literaturkritik ist für ihn keine Buchhaltung. Außerdem gilt für ihn der Satz: wer nur von Literatur etwas versteht, versteht auch von Literatur nichts. Gerade deshalb erfahren wir als Leser aus seinen Rezensionen oft mehr als aus anderen, zumal, und das möchte ich als drittes hinzufügen, der Rezensent Baier sich nicht als Selbstdarsteller versteht.
Nun soll nicht der Eindruck entstehen, daß man die Arbeiten des Preisträgers, wenn nicht mit jubelnder Begeisterung, so doch immer mit kopfnickender Zustimmung läse. Oft ist er scharf und sarkastisch, und mancher polemische Seitenhieb, den er auf dem Weg seiner Wahrheitsfindung austeilt, löst nicht unbedingt Wohlgefallen aus – und sei es das am blitzenden Wortgefecht –, aber, um im Bild zu bleiben, die schneidende Kraft der Argumente, deren sich der Autor, gestützt auf Fakten, bedient, zeigt in einer Zeit postmoderner Beliebigkeit, des Alles mit Allem verbindenden Sowohl-als-auch-Geredes, eines Denkens, dessen Paradigma der Konsens zu sein scheint, zeigt also unter solchen Umständen, daß erhellendes Denken nicht das in der Mitte liegende sein kann, sondern das abweichende, das sich abarbeitet und nie zur Ruhe kommt.
Eine unbequeme Position. Doch es ist nicht zu befürchten, daß der Preisträger sie verläßt. Daß die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihn auszeichnet, mag ihm zu verstehen geben, daß unbequeme Kritiker, wie man sie fast schon verdächtig rituell zu nennen pflegt, ich möchte deshalb lieber fordernde Kritiker sagen, gebraucht werden.