Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Jens Bisky

Jens Bisky

Journalist
Geboren 13.8.1966

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2017
Laudatio von Steffen Martus
Dankrede von Jens Bisky
Urkundentext

... Seine stilistische Brillanz und weltläufige Aufmerksamkeit werden moderiert von einer Besonnenheit, die ihn bei aller Bestimmtheit des Urteils zu einer der verlässlichsten Stimmen in den Debatten der Gegenwart macht.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Heinrich Detering
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner

 

Was suchen Rezensionen in der Zeitung? Wir mögen uns daran gewöhnt haben, nahezu täglich auf dafür reservierten Plätzen Literatur bedacht und bewertet zu sehen, aber eine Merkwürdigkeit ist dies doch. Es könnte anders sein. Manche Zeitungen kommen ganz ohne Rezensionen aus, und Rezensionen erscheinen in großer Zahl auch andernorts, in Fachzeitschriften, Internetforen.

Zeitungen verlangen von ihren Autoren Schnelligkeit, der Platz ist beschränkt, es muss so geschrieben werden, dass alles auch ohne Vorwissen am Frühstückstisch verständlich scheint. Das sind nicht die besten Voraussetzungen für eine kritische Musterung von Literatur. Ob Gedichtbände oder Biografien, Romane oder Sachbücher behandelt werden, es ist nicht selbstverständlich, dies in Zeitungen zu tun, aber es hat Vorteile. Ich will, für den wunderbaren Merck-Preis dankend, dieser lieb gewonnenen Merkwürdigkeit nachgehen.

Es trifft sich gut, dass der Namensgeber ein Mitarbeiter des „Teutschen Merkur“ war, der erfreulich langlebigen Zeitschrift, die zu den Vorläufern jedes gut gemachten, überregionalen Feuilletons zählt. Im Briefwechsel des Herausgebers mit seinem Rezensenten fallen Stichworte, die bis heute zur Charakteristik des kritischen Gewerbes taugen. Eines davon heißt Exekution.

Für Johann Heinrich Merck war die Zusammenarbeit mit dem „Merkur“ ein Glücksfall. Der Herausgeber, Christoph Martin Wieland, behandelte ihn mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit, er schmeichelte, scherzte, flehte oder schrieb dieses: „Ich bitte Sie um Alles, verlassen Sie mich nicht in dieser Noth. Nehmen Sie Vorspan, Rezensiert, rezensiert um aller – willen Leben und Tod des Merkurs hangt von Euren Rezensionen ab. Von allen Orten und Enden wird mirs zugeruffen: mehr Mährchen und mehr Rezensionen, das Publicum will Nichts anders ...“

Märchen und Rezensionen also. Der Wunsch des Publikums dürfte nicht allein auf Wissbegier und Bildungshunger, sondern ebenso auf ein ganz unverächtliches Unterhaltungsbedürfnis zurückzuführen sein. Das können Rezensionen leicht befriedigen, da sie in der Wahl des Tons und der Form große Freiheit genießen. Man erwartet von ihnen eine treffende Schilderung des Werks und ein begründetes Urteil. Mehr nicht. Und wie dies in Szene gesetzt wird, ob einer spottet, parodiert, doziert oder mit kühler Gelassenheit seine Gründe vorbringt, hängt von Autor, Mode und Moment ab.

Das kritische Geschäft ist reich an unterhaltsamen Szenen. Da werden Wunder ausgerufen, Götter gestürzt, Autoritäten verhöhnt, Freundschaften gekündigt, Liebeserklärungen fabriziert und Regeln gebrochen. Was will man mehr? Wieland kam darauf zu sprechen, als Johann Heinrich Merck versprach, sich künftig „aufs loben zu legen“. Ausgerechnet der Mann, dem man ein mephistophelisches, verneinendes Wesen nachgesagt hat, wollte fortan betreiben, was heute „positiver Journalismus“ heißt. Das missfiel dem Herausgeber. Er hatte nichts gegen das Loben, von Zeit zu Zeit jedoch fand er „eine Execution ... höchstnöthig“. Zum einen sehe das Publikum nun einmal gern „jemand hängen oder köpfen“, außerdem erhalte man sich dadurch im Besitz „unsrer hohen Gerichtsbarkeit“. Also, schließt Wieland, mögen solche Exekutionen selten sein, aber wenn sie nötig sind, dann „desto feyerlicher und exemplarischer“.

Eine wenig feierliche Form der Exekution nicht begründeter Urteile hatte Merck eigens für den „Merkur“ vorgeschlagen. Nur die Titel sollten genannt werden, die Bewertung allein im Druckbild Ausdruck finden: vortreffliche Bücher in Schwabacher gesetzt, die guten mit einem Stern gekennzeichnet, die mittelmäßigen ohne Zeichen und die schlechten unter der Rubrik „Makulatur“ versammelt. Das sparte Raum. Mit derlei Ranking, mit „Daumen hoch, Daumen runter“ haben Wieland und Merck im „Teutschen Merkur“ experimentiert. Aber schon nach wenigen Monaten stellte Wieland das Verfahren ein. Er sah sich gezwungen, gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen. Was, wenn das Buch eines Weimarer Kammerherren unter „Makulatur“ rubriziert worden wäre? Außerdem hielt er diese Form des Rezensierens für unfair. Es gebe so viele mittelmäßige Autoren, da sei es unbillig zwei, drei arme Teufel auszuwählen und nur diese an den Pranger zu stellen.

Gerade in seinen beiläufigen Bemerkungen über Pranger und Exekution bewies Wieland seinen feinen Sinn dafür, wie sich ein Publikum konstituiert. Das geschieht gegen Autoritäten, aber nicht ohne Organe, die ihr „Oberstreichsrichterliches Ansehen“, wie er Merck halb ironisch schrieb, zu erhalten verstehen. Ansehen, nicht Amt. Geschmacksurteile spielen eine entscheidende Rolle, aber das tun sie auch für Cliquen oder Milieus. Ein Publikum entsteht, wenn das Gespräch über diese Urteile immer wieder aufgenommen wird. Der Ton kann scharf sein, die Irrtümer groß. Auch ein Publikum, das sich im gemeinsamen Gespräch über seine Urteile aufklärt, also selten einigt, sondern fortwährend zankt, streitet, polemisiert, auch ein solches Publikum ist nicht vor Götzendienst und Illusionen gefeit. Aber es besitzt in der Rezension ein Mittel, sie wieder los zu werden.

Das zweite Stichwort lautet „Ideenpost“. Merck hat es am Beginn seines „Merkur“-Artikels über Landschaftsmalerei erläutert: „Ihre Entreprise von Fuhrwerk, das wir den Teutschen Merkur nennen, muß Ihnen auch darum lieb bleiben, weils einmal im ganzen Reiche durchgeht; und wenns auch nicht allzeit, da es wie andre Postwägen zur bestimmten Zeit abgeht, vollkommne Fracht vorfindet, so bringt es doch zuweilen Rückfracht mit, die einigermaßen für die erste leichte Ladung entschädigt. Eine Idee erweckt die andre, und oft brauchts keiner andern Magie, als von einem Dritten gedruckt zu lesen, was wir selbst längst dunkel über eine Materie gefühlt haben, um uns zur Entwicklung dieser Ideen zu ermuntern.“

Merck greift hier eine Metapher aus seiner Korrespondenz mit Wieland auf und erweist Merkur die Ehre, der zugleich ein Gott der Rede und ein Gott der Wege ist. Er benennt eine Eigenart, die Zeitungen und Zeitschriften von Büchern unterscheidet, die eben nicht zu unverrückbar festgelegter Stunde raus müssen. Die Vollkommenheit einzelner Artikel in Zeitungen mag anzustreben sein, ist jedoch nicht entscheidend, ist nur ein Moment unter vielen, solange der Gedankenverkehr nicht stockt und, so die Post pünktlich kommt, in schöner Regelmäßigkeit fortgeführt wird. Dann bleibt Rückfracht nicht aus; eine gelungene Formulierung, vielleicht ein Halbsatz nur, könnte weiteren Gedanken auf die Welt helfen. Regelmäßiges Erscheinen, Kürze und Raschheit des Auftritts erleichtern es Zeitungsrezensionen, Ideen ins Gespräch, geglückte Wendungen ins Gerede zu bringen. Anders als das Porträt oder die Reportage widmen sie sich gleich der Sache selbst. Sie können daher auf die Rhetorik der Nähe und den Schein der Lebendigkeit verzichten, kaum aber auf Einfälle, Gründe, Zweifel. Sie stehen nicht für sich allein, sie profitieren von der Nachbarschaft zu anderen Artikeln ebenso wie vom Versprechen der Fortsetzung. Selbst wenn sie zur feierlichen Exekution schreiten, haben sie nicht das letzte Wort; die nächste Lieferung bringt ein weiteres.
Philologie bewahrt davor, in Mercks Sätze über die Ideenpost leichtfertig eine Vergötzung des Dialogischen hineinzulesen. Dem sehr gründlichen Kommentar in der der Merck-Ausgabe des Wallstein-Verlags entnehme ich, dass die Fracht, die ihn ermunterte, anregte, nichts anderes war als ein kurz zuvor veröffentlichter Artikel Johann Heinrich Mercks. Es handelt sich also um ein Beispiel für die Verfertigung der Gedanken beim Wiederlesen eigener Texte. Ob nicht auch Selbstgespräche für Dialoge gehalten werden müssen, kann dahingestellt bleiben. Rezensionen sind jedenfalls selten das Produkt eines einsam mit sich und seinem Thema Ringenden. Die Kritiken der „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ waren in dem Jahr, in dem Merck sie verantwortete, wohl wirkliche Kollektivarbeiten, fixierte Gesprächsresultate. Spätere Germanisten haben all ihren Spür- und Scharfsinn aufbieten müssen, die Stimmen der Originalgenies zu unterscheiden.

Im „Merkur“ hat der Herausgeber das Prinzip der Wechselrede den Lesern vorgeführt. Wenn ihn etwas ärgerte, begeisterte, wenn etwas genauer zu sagen war, kommentierte er in Fußnoten die Texte seiner Beiträger. Und wenn es heute unter Zeitungsartikeln einen Abspann gäbe, wie er in Filmen üblich ist, der die an der Entstehung Beteiligten verzeichnete, stünden da stets mehrere Namen. Für mich war und ist es ein besonderes Lebensglück, täglich mit Kollegen wie Lothar Müller, Gustav Seibt und Stephan Speicher über Eindrücke, Meinungen, über Bücher und die Welt reden zu können.
„Weils einmal im ganzen Reiche durchgeht“, heißt es bei Merck. Daran schließt sich das dritte Stichwort an: der Anspruch auf Allgemeinheit. Selbst die von keinem auch nur überflogene Zeitungsrezension verdankt sich der Überzeugung, dass ihr Gegenstand und das, was darüber gesagt wird, für ein allgemeines Publikum, wenigstens für die Leser des Blattes, verständlich und von Bedeutung sein könnten. Wäre es anders, erschiene der Artikel nicht. Rezensionen in einer Tageszeitung sind mit einer meist unausgesprochenen Wette verknüpft: Wetten, dass hierin etwas von allgemeinem Interesse steckt, dass es Dich etwas angeht und dass man darüber am Frühstückstisch in Alltagssprache vernünftig reden kann, über das vermeintlich Abgelegene wie über das angeblich tausendmal schon Wiederholte. Redaktionen streiten immer darüber, welche Bücher, welche Themen diese Wette wert sind. Aber ohne die Spannung zwischen dem Anspruch auf Allgemeinheit und dem Bewusstsein, zugleich für Kenner, Fangemeinden und Expertenzirkel zu schreiben, fehlte ein belebendes Element.

Zeitungsrezensionen zeigen die Kritik im Werktagskittel, mal ist er schlecht geflickt, mal fleckig, mal fehlt ein Knopf, manchmal sitzt er schief oder passt überhaupt nicht. Es wird gelobt oder unblutig exekutiert; Hauptsache, die Fracht kommt pünktlich, bis zur Deadline. Im Hin und Her zwischen den Erfordernissen professioneller Kritik und den Anforderungen des Zeitungsbetriebs, zwischen allgemeiner Öffentlichkeit und Spezialisten, im Dauergeplauder würde das Sonntagskleid nur stören. Wie auch immer kostümiert, der Zweck gleicht dem, den schon Wieland und Merck mit ihrem „Merkur“ verfolgten: dass die Leute, dass wir alle, besser lesen und besser streiten lernten.

Ich danke den Mitgliedern der Akademie für den Johann-Heinrich-Merck-Preis.