Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Horst Krüger

Horst Krüger

Schriftsteller und Journalist
Geboren 17.9.1919
Gestorben 21.10.1999
Mitglied seit 1973

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1972
Dankrede von Horst Krüger
Urkundentext

Beschreiben von Ansichten überall, in der Literatur wie jenseits ihrer, ist sein Ziel.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Karl Krolow
Vizepräsidenten Dolf Sternberger, Horst Rüdiger, Wolfgang Weyrauch, Beisitzer Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Carl Linfert, Hans Scholz, Gerhard Storz

Verteidigung des Einzelnen

Ich habe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu danken für die Verleihung des Johann Heinrich Merck-Preises. Literaturpreise, meine Damen und Herren, so umstritten sie im Einzelfall immer sein mögen, haben sehr wohl eine Funktion, die unbezweifelbar ist: sie sind Akte öffentlicher Anerkennung und Ermutigung für den Autor. Sie preisen das wunderlichste und anachronistischste Geschäft, dem heute ein Zeitgenosse hauptberuflich nachgehen kann, das Geschäft des Schreibens. Literaturpreise sagen im Klartext: ganz gut so, mach weiter, es hat seinen Sinn, was du tust: schreiben. Wir bescheinigen dir das hiermit, materiell und moralisch. Ich frage mich natürlich: was ist das für eine Existenz, die solchen Zuspruchs, solcher Ermutigung, solcher Bescheinigung von Zeit zu Zeit durchaus bedürftig ist? Wie lebt denn eigentlich der Schriftsteller in unserer Gesellschaft?
Ich meine, er lebt anders, ganz anders, extrem anders als die anderen. Man sollte den Mut haben, das wieder einmal auszusprechen in einer Stunde, wo technokratische Gleichmacher, liebenswerte Revolutionäre und aalglatte Literaturproduzenten bei uns allgemein das Sagen haben. Sie wollen alles glattwalzen. Sie wollen der Öffentlichkeit einreden, Schreiben sei eigentlich die gleiche Arbeit wie andere Arbeiten auch, wie die Arbeit des Kranführers, des Chirurgen, des Postsekretärs, des Setzers in einer Druckerei. Schreiben sei eben nur eine Arbeit auf dem Papier. Eigentlich sei ja jeder Zeitgenosse ein Autor, so las ich kürzlich im ›Kursbuch‹. Ich verkenne nicht den guten, antibürgerlichen Affekt, der hier am Werk ist, den Affekt gegenüber dem alten, schauderhaften Geniekult, mit dem die Deutschen ihre Dichter gern in den leeren Himmel holder Wirkungslosigkeit hochstilisierten. Diese Korrektivfunktion ist zu bejahen. Ich frage mich nur: ist dieses platt technokratische Verständnis des Schriftstellers, das heute bei uns umgeht und mehr und mehr Mode wird, wirklich die volle Wahrheit? Leben wir so? Ist es tatsächlich so einfach, das Geschäft des Schreibens? Schön wäre es schon, will ich voraus sagen.
Jeden Werktagmorgen dieses Rauschen, dieses Brodeln, Strömung und Kraft in der Luft, so zwischen sechs und acht in der Frühe. Ich höre es manchmal im Halbschlaf. Die Stadt erwacht. Sie erhebt sich, fährt zur Arbeit, findet sich wieder zusammen zum täglichen Leistungsprozeß. Banken, Versicherungspaläste, Kaufhäuser, Verwaltungstürme, all diese neonstrahlenden Hochhäuser unserer modernen Bürokratiegesellschaft – alles Treffpunkte, wo man zusammenkommt. Man geht gemeinsam ans Werk. Es wird überall im Team, in der Gruppe, im Kollektiv gearbeitet heutzutage, Hand in Hand, wie man sagt. Gruppendynamik fängt die Unausgeschlafenen und Lustlosen auf und pendelt sie langsam ein ins Soziale. Die Sekretärin kocht Kaffee, sie erwähnt das Fernsehprogramm gestern abend, der Chef revanchiert sich mit dem Fußballspiel. Ich meine, es hockt so viel Nestwärme selbst in kahlen Bürozimmern, manchmal auch Mief. Immerhin, er wärmt. Spätestens um zehn Uhr morgens sind alle existentiellen Anfechtungen niedergekämpft in der Gruppe. Spätestens bei der ersten Konferenz ist man seiner Aufgaben, Absichten, also seiner selbst wieder ganz sicher. Die Gruppe heilt. Ich frage: wo ist die Gruppe, das Team, die helfende Hand für den Schriftsteller? Zugegeben, er kann länger schlafen des Morgens. Es reißt ihn kein schriller Wecker aus halber Nacht. Dafür aber geringe soziale Kontakte schon morgens. Selbstzweifel beim Aufstehen. Texte von gestern gehen ihm durch den Kopf. Statt ins Büro wird er höchstens zum Briefkasten gehen. Die Post ist sehr wichtig für einen Schriftsteller. Sie hat für ihn immer noch etwas von der Rolle des griechischen Boten, und er ist ihr idealer Kunde: morgens holt er die Briefe an sich heraus, abends steckt er seine eigenen Briefe in den Kasten, ein- oder zweimal in der Woche ein Telegramm, dazwischen häufige Telefongespräche. Schon deshalb kränken ihn die erhöhten Postgebühren tiefer als andere.
Also keine Gruppendynamik und Nestwärme: vorwiegend schriftliche Verhältnisse, schon vormittags. Zeitungen lesen, Briefe beantworten, eine Einladung bestätigen, einen Senderechtvertrag unterschreiben, der rückseitig mit dem unverschämten Satz beginnt: »Der Vertragspartner räumt unserer Anstalt die ausschließlichen, sowie zeitlich wie räumlich unbeschränkten Rechte ein, sein Werk in unveränderter, bearbeiteter und umgestalteter Form...« Na und so weiter. So etwas hilft nicht auf. Es kränkt. Wetterfühligkeit stellt sich ein. Ein leichter Kopfschmerz, ein leichtes Ziehen in der linken Schulter. Wird es heute überhaupt gehen, das Schreiben? Wird dir etwas einfallen? Zwei Leserbriefe helfen weiter, richten ihn auf, zwei Leserinnen, die mit dem selben Satz beginnen. Die eine auf grünem, die andere auf lila Papier. Lieber Herr, beginnen sie wie im Chor, noch nie habe ich einem Schriftsteller persönlich geschrieben. Ich überwinde mich jetzt. Ich muß einfach – in Ihrem Fall.
Ich will sagen: der Vormittag tröpfelt sich hin. Er verzieht sich, rutscht irgendwie weg mit Vorläufigkeiten. Es ist etwas tief Asoziales in jedem wirklichen Schriftsteller. Ich weiß, was ich sage und wie schlimm das ist, heutzutage. Es zieht sich zusammen, will zurück, will nur bei sich bleiben. Selbstauferlegte, zarte Gefangenschaft beginnt ganz innen. Er tut dies und das noch und spürt doch schon die Verweigerungsprozesse, die in Gang kommen, jetzt. Er löffelt seine Suppe zum Mittag merkwürdig schweigsam. Er wird immer stiller, glasiger, abwesender, auch gereizter. Der Hund stört ihn plötzlich oder die Sonne, die zu hell scheint. Er sehnt sich nach Dunkelheit. Er läßt die Jalousien runter. Sein Außenverhalten nimmt leicht rituelle, ja zeremonielle Züge an: die Schuhe im Schlafzimmer ordnen, die Bleistifte gerade legen, das Telefonbuch an seinen Ort zurücktragen. Winzige, liebenswerte Zwangsneurosen, die sagen: ich bin schon weg. Ich gehöre euch nicht mehr. Ich schreibe schon – irgendwo.
Die Arbeit des Schriftstellers dann. Es soll hier nichts romantisiert oder idealisiert werden. Es soll nur gesagt sein: sie bleibt die Tätigkeit eines radikal Einzelnen. Keiner tritt für ihn ein. Ich wiederhole: kein Mensch auf der Welt tritt für ihn ein am Arbeitsplatz. Weder Elektronengehirne noch Weltrevolutionen haben an der Tatsache etwas ändern können, daß der Schreibende ganz allein ist, wenn er schreibt. Allein und eben nicht austauschbar wie andere. Er hat keinen Vertreter, wie doch jeder Bürochef, jeder Postsekretär, jeder Chirurg seinen Vertreter hat, zum Beispiel in Urlaubstagen. Es wäre natürlich schön, wenn er manchmal, ermüdet von all dem Schreiben, überreizt von all dem Kaffee und Nikotin, zu seiner Frau sagen könnte: Liesbeth, jetzt schreib du einmal zwei Seiten weiter. Ich geh in die Sauna. Ich komme um sechs zurück und übernehme den Text dann auf Seite 123, ja? Das eben geht nicht. Der Schreibende teilt durchaus etwas von der Einsamkeit des Langstreckenläufers.
Natürlich ist er nicht wirklich einsam. Er ist mit der Sprache zusammen, im Bunde, im Kampf, in einer dauernden heftigen, wütenden, zärtlichen, eiskalten Auseinandersetzung. Die Sprache ist sein Partner, eine seltsame, tiefe, hoffnungslose Liebe, ein Inzest, denke ich manchmal, ein Schlaf mit der Mutter, ich meine, mit der Muttersprache. Schreiben heißt doch: zeugen mit der Sprache. Man hat etwas im Kopf oder im Bauch, im Sonnengeflecht meistens, und muß es nun umsetzen, sprachlich. Es beginnt also dieser zähe und verbissene Kampf um Worte, Sätze, Silben, Rhythmen, ein Herumfummeln im Labyrinth der Grammatik: Hinschreiben und wieder durchstreichen, neu ansetzen, verbessern, die Sätze halblaut vor sich hersprechen, prüfen, ob sie stimmen, musikalisch. Nur Dilettanten schreiben ja freudig erregt und leicht. Für den Schriftsteller ist es eine Tortur, eine böse und zärtliche Selbstbestrafung. Er hantiert also mit Wörtern auf eine versessene, ja verbiesterte Weise und fragt sich immer nur eins: Ist es das? Geht das so? Ist es wirklich genau, was du sagen wolltest? Schreiben ist Ausdruckszwang. Es geht doch nicht um Wahrheiten, Botschaften und Gesinnungen. Die haben wir sowieso. Die verstehen sich von selbst. Es geht um Form, um Ausdruck, um bleibende Gestalt. Hinterlassungsfähige Gebilde nannte es Gottfried Benn.
Für diesen Einzelnen, sein Recht auf sich selbst und sein Stück unaufbrechbare Einsamkeit möchte ich hier plädieren. Er droht etwas in Vergessenheit zu geraten in unserem Zeitalter eines rottierenden Soziologismus. Ich plädiere nicht für den Elfenbeinturm, nicht für die Feste der Innerlichkeit in einer zunehmend gewalttätiger und blutiger werdenden Welt. Es gibt keinen unpolitischen Raum für den Schriftsteller. Er lebt mitten in dieser leidenden, von Haß und Hunger und Ungerechtigkeit erfüllten Welt. Er kann aber seinen Beitrag, wenn es wirklich ein Beitrag seiner Sprache sein soll, nur als Einzelner leisten. Schreiben tut man immer allein.