Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Heinz F. Schafroth

Heinz F. Schafroth

Publizist und Literaturkritiker
Geboren 18.3.1932
Gestorben 12.3.2013
Mitglied seit 2002

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1997
Laudatio von Raoul Schrott
Dankrede von Heinz F. Schafroth
Urkundentext

... dem Freund der Dichtung, der die Tapferkeit vor schreibenden Bekannten – und bekannten Schreibenden – bescheiden, doch hartnäckig bis zu ihrer nachweislichen Förderung getrieben hat.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Christian Meier
Vizepräsidenten Elisabeth Borchers, Peter Hamm, Norbert Miller, Beisitzer Giuseppe Bevilacqua, Kurt Flasch, Adolf Muschg, Erica Pedretti, Klaus Reichert

Schimpf und Ernst der Kritik: Über Heinz Schafroth und die Augenhöhe der Literatur

LAUDATOR
Raoul Schrott
Geboren 17.1.1964
Germanist und Schriftsteller

Platon, Aristoteles, Longinus, Horaz – oder Opitz und Lessing: am Beginn der Literatur schien die Kritik immer notwendig gewesen zu sein. Fast notgedrungen ließ dies auch ihre eigenen Anfänge didaktisch werden. Es galt ja, einen Katalog rhetorischer Figuren zu entwerfen, provisorisch einen Kanon zu etablieren, das Kaleidoskop ihrer Formen wahrzunehmen und vor dem Publikum immer wieder auch zu verteidigen, eine Sichtung, die zuerst der noch ungeschriebenen Literatur galt – zur beßeren Fortpflantzung, wie Opitz schrieb.
Der sogenannte Pöbel wird irgendwann einmal seiner Dichter wert geworden sein, die Dichtung sich zur Gänze entfaltet und die Belehrung auch in den Augen der Kritiker überholt haben – so könnte man meinen, wenn man nicht manchmal den Eindruck hätte, als läge das Land immer noch vnter einer rawen vnd vngschlachten Lufft und bei ersten barocken Versuchen. Als müßten Exempel immer noch erst examiniert und dann statuiert werden, als würden in den höheren Rängen noch immer Vorurteile, Vorverurteilungen und Gerüchte herrschen; als wären wir wirklich noch bei Hofe.
Es scheint, daß es für diese Gerichte der Vorkoster bedarf, um das Publikum vor größerem Schaden zu bewahren, bevor ihm Bücher vorgesetzt werden. Einmal für ungenießbar erklärt, gibt es dann aber erst recht ein Fressen, bei dem man vor lauter Schmatzen vergißt, daß der Teller leer geblieben ist. Der Tonfall dieser Tischgespräche ist polemisch, wogegen nichts einzuwenden ist, im Gegenteil: er fördert zweifellos Appetit und Verdauung. Doch in diesen Runden geht die Polemik oft auch in die Bulimie von Berufslesern über, und diese wiederum meist in moralinsaures Aufstoßen.
Die kulinarische Metapher steht der Literatur gut an; für die Kritik jedoch manchmal, leider, sprechender sind die Kostverächter. Seit der Übernahme des Begriffs bei uns im 18. Jahrhundert – wo man ihn noch mit einem C schrieb – versteht man unter Kritik immer noch hauptsächlich nur das Kunstrichtertum. Dessen Kriterien, wie die Diskussionen der letzten Jahre zeigen, sind alles andere als verbindlich. Um das deshalb so vordergründig Geschmäcklerische zu verbrämen, gibt man sich dabei entweder distanziert, oder aber philosophisch, ethisch, politisch oder didaktisch, als hätte die Literatur nach wie vor sich diesen Intentionen anzudienen und Leitsätze eines biedermeierlichen Utilitarismus zu verbreiten.
Dem hohen Ansatz von Maximen gemäß, bedarf es deshalb auch stets eines Podiums, wie es immer schon für die Ehrengäste in diesem Zirkus vorgesehen war. Vor Publikum kommt keine literarische Loge, keine Runde und kein Preisredner ohne diesen Sockel aus, wie auch die deutsche Sprache noch vor der Poesie die Stichworte Podest und Podium reiht – verschmitzt dazwischen aber auch den Podex.

Es ist ein alter rhetorischer Trick, allgemeinen Tadel vor das Lob des Einzelnen zu stellen, um letzteren stärker noch hervorzuheben, und Heinz Schafroth vermöchte ihn auch bei seinem lateinischen Namen zu nennen – genauso, wie er auch weiß, daß das Horazsche Diktum dulce et utile mit seinem trennenden und nur in dieser Reihenfolge richtig ist, nicht aber sich umkehren läßt. Dulce et utile. Intelligenz, Wissen und Witz sind Qualitäten, die man vielen guten Kritikern unterstellen kann, aber nur bei wenigen ist das Wort Enthusiasmus auch in seinem ursprünglichen Sinn so angebracht wie bei ihm. Voll der Dämone der Literatur zu sein, war von jeher schon Bedingung des poetischen Aktes. Die Poesie liegt jedoch dann nicht – wie man vielleicht gemeinhin versucht ist zu glauben – im Schreiben, nein, eigentlich entsteht sie erst beim Lesen. Sie zu vermitteln, wach und klar, mit dieser so schwer zu erreichenden Einfachheit, von der Poesie zu erzählen, ihren ganz feinen, unmerklichen Brüchen nachzugehen, um den Worten auf die Spur zu kommen: Heinz Schafroth gehört zu den ganz wenigen, die dieses Fingerspitzengefühl besitzen. Und der beredt, aber umso redlicher seine Eindrücke darzustellen, in ein Argument einbinden und ihnen dann auch einen Standpunkt abzugewinnen vermag: nicht als Urteil in einem absoluten Sinn, sondern als Dafürhalten, Erkenntnis oder Anschauung. Nicht über sie hinweg, sondern in Augenhöhe mit der Literatur.
Jeder seiner Essays ist dabei, nicht zuletzt zwischen den Zeilen, auch eine Lektion. Die Paradigmen der Kritik, hat er einmal erklärt, leiten sich von den vier Bedeutungen des griechischen Verbes krinein ab: der Wahrnehmung (was für ein schönes Wort: ein Buch für wahr zu nehmen), Unterscheidung und Entscheidung, um mit ihnen ein Urteil nachvollziehbar zu machen und zu begründen. Und das geht bei ihm bis in die Wortwahl und den Satzbau hinein. Jenseits dessen gibt es bei ihm kein Kritteln, sondern etwas, das er gerne mit einem Schulterschlag Schimpfen nennt: und er meint den vertraulichen Unterton dieser Vokabel, die nichts mit Schande und Spott zu tun hat. Denn eigentlich leitet sich das Schimpfen von den skimphari ab, den mittelalterlichen Possenreißern und fahrenden Schauspielern – die die Schriftsteller nun einmal auch sind.
In ihrem Ernst jedoch liegt das Objektive an der Literatur im Eingeständnis ihrer Subjektivität. Auf welche Weise sie das tut, macht ihre Größe, nicht aber ihr Scheitern aus. Zur Kritik gehört deshalb wesentlich – auch wenn darüber ringsum meist Stillschweigen herrscht – Schafroths Bekenntnis, daß literarische Qualität nicht als Maxime definiert werden kann. Sie hat vielmehr mit den Eigenarten und Eigengesetzlichkeiten jedes einzelnen Werkes zu tun: diese aufzuzeigen, nur darin findet die kritische Arbeit ihre Berechtigung und Glaubwürdigkeit. Was bereits Voreingenommenheit oder Erwartung ist – wird er nicht müde zu betonen –, muß sich überprüfen lassen: ein gutes Buch wird ohnehin immer derart sein, daß es die Lektüre der vorherigen wieder vergessen macht.
Als Rezensent persönlich greifbar, als denkende und formulierende Person faßbar zu werden, darin liegt die Anständigkeit der Kritik: sich weder vom beschriebenen Werk, noch von sich selbst zu entfernen, um auch nicht den Leser aus dem Blick zu verlieren. Nicht einmal in Zurschaustellung des eigenen Ichs, schriller Begeisterung oder philisterhafter Anbiederung an das Publikum auszuarten, zeigt eine selten gewordene Uneitelkeit, eine Moral, die nie jene eines Besserwissers war. Wenn dies ein goldener Mittelweg sein sollte, dann nicht in der Legitimation des Biedersinns, sondern als Gratwanderung: eine, bei der nicht Scheuklappen, sondern eine gehörige Portion von Horazschem Gleichmut zählt – und vor allem das Augenmaß.
Seine Arbeit als Verfasser von Autorenbüchern, Herausgeber für Reclam, Lehrer für Deutsch, Latein und Griechisch sein Leben lang, Dozent für Gegenwartsliteratur an der ETH, Autor für das KLG, Juror und Theaterkritiker spricht davon ebenso wie die Bandbreite seiner Rezensionen: die Aufsätze, mit denen er die römischen Klassiker wieder einem Publikum nahegebracht hat, die Wiederentdeckung von Catherine Colomb, Essays zu Nathalie Sarraute wie zu Gerhard Meier, die Palette der Schweizer Literatur von Muschg über Marti, Bichsel, Widmer, Jörg Steiner, Hanna Johansen und Felix Ingold bis Klaus Merz und Peter Weber, der große Anteil an der Vermittlung der österreichischen Literatur, Mayröcker, Aichinger, Jandl, Artmann, die Gegenwart von Michael Köhlmeier bis Klaus Händl.
Es ist eine Kunst, die Kunst einer empathischen Kritik, für sie alle und gegen das Vereinnahmende und Staatstragende den richtigen Ton zu finden. Seine Schriften sind dabei immer ein Korrektiv gewesen – zum Trend, zur literarischen Mode, zum Etablierten, wie es auch seine Dialoge und Briefwechsel mit Friederike Kretzen, Friedhelm Rathjen und Hermann Wallmann waren: Plädoyers für eine literarische Gerechtigkeit, mit denen er sich etwa für Niklaus Meienberg einsetzte, bevor dieser zu Grunde ging.
Darin liegt ein Engagement, das nicht von kleinlichen politischen Prämissen ausgeht, sondern einzig und allein vom Werk selbst. Und das ist es, was man sich als Schriftsteller wünscht. Man will keine dieser Psychologisierungen, die hinter einem Buch immer auch den Autor in die Hände kriegen will, wenn sie ihn an seinem Werk mißt. Denn der Autor schneidet dabei immer schlechter ab – er muß es ja, schon allein, weil die Literatur seit ihren Anfängen eine nichtsnutzige und doch schöne Illusion ist. Weil nichts, kein Symbol und keine Maxime jemals wahr sein könnte, jemals gültig bis zum Ende. Weil kein Ende denkbar ist und kein Anfang. Der Literatur auf die Spur zu kommen, kann eben nicht heißen, sie als Widerspruch und Paradoxon zu entlarven, ganz einfach, weil sie dies bereits verinnerlicht hat, davon ausgeht und trotzdem, trotz alle dem etwas entwirft, was für wenige Seiten uns über die kosmische, komische Absurdität des Daseins hinwegzutäuschen vermag. Sie auf die banale Biographie eines einzelnen Menschen zu reduzieren, heißt zu Enttäuschen und ihr poetisches Versprechen auf einen Freudschen Versprecher einzuschränken. Denn wenn man sie so auf den Punkt bringt, wessen wäre man damit schon klüger?
Heinz Schafroth hat es in einem Aufsatz über Friederike Mayröcker präzise auf den Punkt gebracht: eine poetische Wirklichkeit kann mit der alltäglichen nie ganz in Deckung gebracht werden, so wenig wie das lyrische Ich mit dem realen, denn dessen ständige Erfahrungen sind Wirklichkeits- und Selbstverlust. Das gerade ist ja die raison d’être der Literatur. Und diesen Anspruch hat Heinz Schafroth nie verraten, sondern ist ihm gerecht geworden, indem er jedes Werk in seinem ihm eigenen Kontext zu positionieren versucht hat: nur darin offenbaren sich die Stärken und Schwächen einer Arbeit. So tritt er dezidiert zurück, und ist dabei jedoch umso tendenzierter: indem er es ernst nimmt. Doch in diesem Schritt zurück, in dieser Geste erst – die mehr ist als nur bloßes Understatement – tauchen die Urteile dann wie von selbst auf. Literatur, hat er mir einmal gesagt, ist immer noch die menschlichste vieler denkbaren Beschäftigungen, eine Art gelebter Humanismus.

Die republikanische Freiheit der Literatur, sie liegt auch im Augenmaß und in der Augenhöhe. Von seinem Fenster aus hat man einen weiten Blick über den Bieler See, die Weinberge entlang bis zur Petersinsel hinunter. Seine Frau Ruth, und auch das hat nicht wenig mit Literatur zu tun, kocht, als würde sie auch der Weite vor den Fenstern aufkredenzen, und er tischt einem dazu seinen sabinischen Wein auf, aus seinem so ganz un-horazischen Gut, einem Refugium vor allen mäzenatischen Salons. Es ist ein schöner Ort, still genug, daß oberhalb seines Hauses Asche eines großen deutschen Lyrikers verstreut wurde; und das hat auch mit der Literatur zu tun: daß sie eine Freundschaft auch über den Tod hinaus ist, eine andere Art der Werk-Schätzung und Treue. Und man kann Heinz Schafroth kein größeres Kompliment machen, als die Wertschätzung, die ihm die Dichter schon seit langem entgegenbringen, Ilse Aichinger, Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, Marianne Fritz, Brigitte Kronauer oder W. G. Sebald, und auch die toten.