Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Heinrich Vormweg

Heinrich Vormweg

Journalist, Literaturkritiker und Theaterkritiker
Geboren 20.3.1928
Gestorben 9.7.2004

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1986
Laudatio von Helmut Heißenbüttel
Dankrede von Heinrich Vormweg
Urkundentext

Heinrich Vormweg, dem vorsichtig abwägenden und unbestechlichen Kritiker...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Hans-Martin Gauger, Helmut Heißenbüttel, Beisitzer Beda Allemann, Günter Busch, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell

Integer und vorbildlich

LAUDATOR
Helmut Heißenbüttel
Geboren 21.6.1921
Gestorben 19.9.1996
Schriftsteller

Das Wort, das ich zuerst in bezug auf den Kritiker Heinrich Vormweg gehört habe, war das Wort integer. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren sagte in Köln Hans Bender: Heinrich Vormweg ist der integerste Kritiker Deutschlands. – Oder: Bei Heinrich Vormweg kommt man von selbst auf das Wort integer. – Oder: Heinrich Vormweg ist die Integrität in Person. – Oder so ähnlich. Jedenfalls hat mich seitdem dieses Wort: integer nicht verlassen, wenn ich über den Kritiker Heinrich Vormweg nachdenke. Er ist integer.
Als ich darüber nachdachte, habe ich mich gefragt, was denn dieses Wort eigentlich meint und habe im Lexikon nachgeschlagen. Dort fand ich unverletzt, charakterlich unverdorben. Und für Integrität: körperliche und moralische Unverletztheit. Das heißt zuerst einmal, dieser Mann ist nicht beeinflußbar durch äußere Gründe und Argumente, er gehorcht der Sache. Das heißt aber auch, daß er das Charakterlich-Moralische höher stellt als das Fachargument. Hier könnte ein Konflikt entstehen. Denn wäre nicht die fachliche Integrität ebenso gefragt wie die moralische? Die Vorstellung von integer könnte sich verlagert haben von der ursprünglich moralisch-charakterlichen in Richtung auf die fachliche und sachliche.
Ich möchte nun das Wort integer nicht zu Tode quälen und lasse es daher fallen. Heinrich Vormweg ist ein vorbildlicher Kritiker, er ist es von Anfang an gewesen und bleibt es. Könnte man sagen: er ist auch ein unbestechlicher Kritiker? Wer kennt die kleinen läßlichen Versuchungen besser als ein solch unbestechlicher Kritiker? Ich erinnere mich an die Zeit, in der er in der Roonstraße in Köln ein eigenes Büro hatte, wo ich ihn manchmal zum Essen abholte. Dort sagte er eines Tages, daß mehr oder weniger heimlich ihn Rolf Dieter Brinkmann besuchte, um mit ihm zu reden. Nicht, sich Rat zu holen, sondern mit ihm zu reden. Vormweg war an Brinkmann interessiert, er war sich moralisch nicht einig über ihn, mißbilligte manches, was er tat, war sich aber auch fachlich nicht einig über ihn und schwieg.
Da wäre die Gelegenheit gewesen, mit der Bekanntschaft anzugeben, aus der Bekanntschaft heraus etwas zu entwickeln, was vielleicht in eine falsche Richtung geführt hätte, aber immerhin aufregend genug, um etwas zu sagen. Er hat es meines Wissens nicht getan und später, als der zweifelhafte Ruhm Brinkmanns begann, schon gar nicht. Und auch nicht, als dieser Ruhm mehr oder weniger abgesichert war. Vormweg war immer auch ein vorsichtig abwägender Kritiker. Er ist nicht vorschnell in eine bestimmte Richtung gestürmt und hat dann später zurückstecken müssen. Er ist ein solider Kritiker.
Was nicht besagt, daß er nicht immer wieder etwas gewagt hätte. So hat er in seinem Buch über Peter Weiss den Standpunkt eines forcierten Realismus überzeugt und überzeugend vertreten. Vielleicht ist das überhaupt ein Schlüsselbuch für ihn gewesen: experimentelle und realistische Literatur ineins, Theater und Prosa auf gleichen Voraussetzungen beruhend, bildende und literarische Kunst aus ein und derselben Quelle. Er beruft sich gleich zu Anfang auf die »reale Totalität der Literatur als objektiver Geist« von Jean Paul Sartre und transformiert dann Schritt für Schritt den Existenzialismus Sartres in eine andere, zeitgemäßere Form. Was anders bedeutet es, wenn er Weiss bescheinigt, »dafür einzutreten, daß die Benachteiligten und Erniedrigten nicht länger Opfer bleiben, wird zu einer Konsequenz nicht etwa nur der Moral, sondern der Anschauung von Welt«, als daß er im politischen Widerstand den ästhetischen Grund sieht? Damit weit über Sartre hinausgehend.
Am Ende sagt Vormweg:

»Die Schattenseite des Verstehens ist das Verzeihen. ›Alles verstehen heißt alles verzeihen‹, lautet ein Sprichtwort, das keine Aufforderung ist, sondern eine Warnung. Immer wieder ist mir in der Zeit meines Versuchs, Peter Weiss zu verstehen und seine Haltung und Arbeit als Schriftsteller zu erläutern, der verwirrende Gedanke gekommen: Er versteht nicht, und gerade das gibt all dem, was er geschrieben hat, seine Qualität. Zwar wollte und will er verstehen, aber nicht um den Preis des Einverständnisses. Erst das aber gibt den Eintritt frei.«

Vielleicht ist der Satz, daß das Sprichwort: Alles verstehen heißt alles verzeihen eine Warnung sei, ein Schlüssel für die kritische Tätigkeit Heinrich Vormwegs. Damit hat er sich selber zur Debatte gestellt. Er ist nicht bloß irgendein Kritiker, der Bücher bespricht, selber Bücher schreibt, Urteile abgibt, draußen bleibt, nicht eingelassen ist, sondern er ist der, der sich und seine Tätigkeit in Frage stellt. Der den entscheidenden Satz sagt, daß alles verstehen alles verzeihen heißt und daß das keine Aufforderung ist, sondern eine Warnung. Warnung nämlich vor dem, vor dem der Kritiker sich in acht nehmen muß: der allzu offensichtlichen Hingabe an das Kritisierte. Eindringen und Sich-darin-einrichten ist eine Sache, Distanz wahren und versuchen, trotz allem, sich herauszuhalten, ist die andere.
Damit erübrigt sich auch die Frage, ob Heinrich Vormweg ein großer oder guter oder bedeutender Kritiker sei. Denn woran wird all das gemessen? Doch an dem Grad, nach dem er verstehen und verzeihen und zugleich sich objektiv, integer verhalten kann, draußen bleiben, Übersicht wahren, Argumente erfinden und urteilen. Dies ist im Grunde das größte Lob, das ich austeilen kann. Und es ist nicht damit getan, daß ich hinzufüge, es ginge um die Sache, um die Literatur, um die offene Literatur, die neue Ästhetik usw., denn gerade das ist es ja, was nicht festzustellen, was in Frage gestellt ist.
Heinrich Vormweg hat als Theaterkritiker begonnen, war dann mehrere Jahre Redakteur einer damals aufstrebenden Zeitung, hat dann allen Versuchen, sich wieder in geregelte Bürotätigkeit einbinden zu lassen, widerstanden und ist, abgesehen von seinem Engagement an »L 80«, wo er, ebenfalls für ein paar Jahre, Feuilletonredakteur war, der geworden, der er heute ist. Nicht ohne Absicherungen wie feste Kolumnen für Zeitungen oder für Funk, feste Verabredungen, aber im Grunde frei, ein freier Schriftsteller, soweit man das heute sein kann. Es hat eine kurze Zeit gegeben, in der es so aussah, als ob er der Versuchung nicht widerstehen würde, selber zu schreiben. Aber das ist in sich selber zusammengefallen oder geschrumpft oder wieder eingeschlafen. An die Stelle ist das Buch über Peter Weiss getreten, das ja alles auch über ihn selber enthält.
Ich habe ihn früher genommen, wie er kam, ein Freund und Interessenverwandter. Ich habe einen Briefwechsel mit ihm geführt, in dem wir, so würde ich heute sagen, auf weite Strecken aneinander vorbeigeredet haben. Ich habe mir, vor allem aufgrund von gemeinsamen Jury-Sitzungen, Gedanken über ihn und seine Tätigkeit gemacht, und er ist mir erst dann in seiner vollen Bedeutung bewußt geworden. Ich bewundere, was er gemacht hat, ich akzeptiere immer, was er sagt und urteilt. Er ist das Element, ohne das die Kritik in Deutschland nicht wäre, was sie ist.