Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Hans Egon Holthusen

Hans Egon HolthusenHans Egon Holthusen

Germanist und Lyriker
Geboren 15.4.1913
Gestorben 21.1.1997

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1993
Laudatio von Peter Wapnewski
Dankrede von Hans Egon Holthusen
Urkundentext

Hans Egon Holthusen, dem Essayisten, Kritiker und Biographen, der die Maßstäbe abendländischer Tradition auch für die Literatur nach 1945 zu erhalten trachtete...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Günter de Bruyn, Hartmut von Hentig, Ivan Nagel, Beisitzer Walter Helmut Fritz, Oskar Pastior, Lea Ritter-Santini, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

Der Essay als literarische Kunstform

Peter Wapnewski hat mich und meine kritische Arbeit in einer Sprache vorgestellt, die mich – ich sollte wohl manierlicherweise sagen: beschämt hat, ich ziehe es aber vor zu sagen: die mich beglückt hat.
Die Jury hat sich diesmal für einen Zeitgenossen entschieden, der in den Buchläden kaum zu finden ist und der auch bei den Medienbossen seit Jahrzehnten alles andere als eine persona grata zu sein scheint, also für einen nicht Best- sondern Worstseller, um es genau zu sagen, der die Langmut seiner Verleger immer wieder bewundern muß. Man könnte ja, wäre man nicht eben erst zum Preisträger berufen worden, auf den Gedanken kommen, zu fragen, ob sich denn bei uns zulande seit Johann Heinrich Merckschen Zeiten überhaupt etwas verändert, will sagen zu Gunsten der einschlägigen Autoren verbessert hat... Es gibt ja nicht ganz wenige Länder, in denen man die spezifische Ausdruckswelt des Essays nicht weniger ernst nimmt als die sanktionierte Dreieinigkeit der ausdrücklich »schöpferischen« Gattungen Epos, Drama, Lyrik. Weshalb denn dort auch Meisterwerke unseres Metiers zu den »Klassikern« der Nationalliteratur gerechnet werden, will sagen von Jahrhundert zu Jahrhundert immer wieder präsentiert, diskutiert und bewundert werden. Da wird zum Beispiel meine vor zwanzig Jahren in New York für 50 Cents erstandene Taschenbuch-Ausgabe von Francis Bacons Gesammelten Essays schon auf dem Buchumschlag mit den Worten »The little classic that is among the most important treasures of all English literature« gepriesen. (Das Wort »Klein« bezieht sich auf die bescheidene, aber elegante Buchgestalt dieser Veröffentlichung, vielleicht aber auch auf den erstaunlich geringen Umfang dieser Sammlung von 59 Meditationen über den Menschen und seine Angelegenheiten, Erschütterungen, Probleme und Erkenntnisse.)
Wenn man, wie Bacon, im Jahre 1561 geboren wurde, dann war man Zeitgenosse Shakespeares und noch als Dreißigjähriger auch Zeitgenosse eines genialen Franzosen namens Michel de Montaigne, den er offensichtlich gelesen, weil gleich im ersten Text seiner Sammlung – mit dem Titel Of truth – Über die Wahrheit – zitiert hat. Montaigne! Dieser so brillante wie liebenswürdige Kavalier aus dem südfranzösischen Périgord, von dem Nietzsche gesagt hat, durch ihn sei »wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt« worden: er war es ja doch gewesen, der als Schöpfer einer neuen Spielart der literarischen Ausdrucksformen zum Klassiker für ganz Europa geworden ist, den man noch vier Jahrhunderte nach seinem Ableben alle paar Jahr wieder einmal lesen möchte. Er war, so könnte man sagen, die Frühe der Neuzeit in Person, hatte er doch als Zeitgenosse des 16. Jahrhunderts und seiner religionsgeschichtlichen Katastrophen (Hugenottenkrieg, Bartholomäusnacht) mit seiner autoritäts- und glaubenskritischen Freigeistigkeit gewissermaßen die Ideen der Klassischen Aufklärung des Achtzehnten vorweggenommen; freilich hätte er vermutlich in der »Tugend- und Schreckens«-Zeit dieses Jahrhunderts zu den Emigranten, nicht zu den Jacobinern gehört. Er war nicht, was Max Weber in seiner berühmten Rede Politik als Beruf den »Gesinnungsethiker« nennt, er hatte – noch einmal Weber – die »geschulte Rücksichtslosigkeit des Blicks in die Realitäten des Lebens und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen gewachsen zu sein.« Als zweimal nacheinander gewählter Bürgermeister von Bordeaux hat der Verfasser der Essais seinen Mitbürgern vorgelebt, was man seit Weber unter »Verantwortungsethik« versteht.
Nur en passant kann hier daran erinnert werden, wie unaufhaltsam die neue – »neuzeitliche« – Errungenschaft der essayistischen Prosa im 17. und 18. Jahrhundert sich durchgesetzt hat, nicht nur in der genuin »literarischen« Disziplin, sondern auch in der Philosophie. So bei Descartes, der seine Essais philosophiques, wie er sie nennt, mit dem berühmten Discours de la Méthode beginnen läßt, oder auch bei Pascal, der sein kaum weniger berühmtes »Argument der Wette« (über die Existenz Gottes) als Dialog zwischen zwei Gesprächspartnern artikuliert; nicht weniger eindrucksvoll aber auch bei Leibniz oder David Hume. Dann die großen, nach wie vor unvergessenen Autoren der diskursiv operierenden Darstellungsformen der Französischen Literatur des 18. Jahrhunderts wie Montesquieu, der Verfasser der Persischen Briefe, oder Voltaire, Diderot und Chamfort. Was für sie alle, Philosophen und Literaten, charakteristisch ist, das ist die Absage an die systematische Abhandlung zugunsten einer spontan persönlichen, an die monologisch briefliche und die dialogisch »sprechende« Ausdrucksweise erinnernde Textgestaltung, in der sich künstlerische und kritische Impulse verbünden. Wobei dann freilich – das sollte man vielleicht betonen – der Begriff »Kritik« zu verstehen ist als abgeleitet von seinem griechischen Mutterwort »krinein«, zu deutsch »unterscheiden«, »entscheiden«, schließlich »urteilen« –, nicht aber das, was unsereiner nun schon seit mehr als dreißig Jahren darunter verstehen soll, nämlich Feindseligkeit und revoluzzerhaftes Gerede gegen sogenannte »bestehende Herrschaftsverhältnisse«, gegen »restaurative« Widerwärtigkeiten und so weiter, und das in einem Lande, von dem ein französischer Autor ersten Ranges wie Michel Tournier im Jahre 1976 – wohlgemerkt: nicht gestern oder vorgestern, sondern 1976! – öffentlich, in seinem publizierten Tagebuch Le Vent Paraclet – behauptet hat, es sei das »demokratischste Land der Welt«.
Schön wärs natürlich, wenn wir bei dieser Gelegenheit auch auf die entsprechenden Entwicklungen in anderen Ländern, sagen wir Italien oder Rußland, mit der faszinierenden Geschichte des »russischen Formalismus« der Jahre 1915 bis etwa 1930 eingehen könnten, nicht zuletzt auch auf die Vereinigten Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts und ihre nicht weniger denkwürdige Leistung auf dem Felde der Literatur und Kritik, beginnend natürlich mit dem genialen, von Friedrich Nietzsche fast schwärmerisch bewunderten Deutschland-Fan Ralph Waldo Emerson und seiner sensationellen Rede über den amerikanischen Gelehrten (The American Scholar) von 1837, die als Unabhängigkeitserklärung der amerikanischen Kultur (in ihrem Verhältnis zur englischen, versteht sich), Epoche gemacht hat –, und abschließend mit den großen Autoritäten unserer eigenen Zeit von Edmund Wilson (1895-1972) bis zu Figuren wie Cleanth Brooks und dem eingewanderten Tschechen bzw. Österreicher René Wellek mit seiner ungeheuer umfangreichen History of Modern Criticism, einem Meisterwerk von einzigartiger Bedeutung.
Leider müssen wir aus Zeitmangel auf diese vielseitige Thematik verzichten, um endlich doch auch das eigene Land ins Blickfeld zu rücken. Es gibt ja bei uns in der literarisch empfänglichen Öffentlichkeit seit wer weiß wie lange schon ein philiströs-provinzielles Vorurteil gegen den Essay als ein bloßes »Schreiben über«, als ein Produkt blutloser Gehirnmenschen, wenn nicht »subversiver« Intellektueller, dem die Hervorbringungen drittklassiger Gedichteschreiber und unbedarfter »Fabulier«-Talente mit »Weserlied«-Horizont (wie Gottfried Benn gesagt hätte) immer noch vorzuziehen seien. Dies Vorurteil, diese spießige Geringschätzung einer Gattung, die nun auch in Deutschland von Lessing bis Kassner, von Herder, Wieland und Lichtenberg bis Nietzsche, von Schiller bis Thomas Mann, bis zu Jünger, Benn und Benjamin eine mehr als glanzvolle Geschichte gehabt hat. Dies Mißtrauen gegen die kritischen Köpfe ist bekanntlich im Dritten Reich zum kunstpolitischen Dogma erhoben worden; unter Goebbels wurde sogar der Begriff »Kritiker« offiziell abgeschafft und durch den albernen Terminus »Kunstbetrachter« ersetzt.
Daß dieser Unfug auch nach dem Untergang der Nazi-Herrschaft noch ernst genommen wurde, kann niemand behaupten. Heute steht bekanntlich, wie schon angedeutet, alles »kritische« Denken auf dem Felde der gesellschaftspolitischen Diskussion in hohen Ehren –, an der Einschätzung des Essays als einer literarischen Kunstform hat sich aber in der literarischen Öffentlichkeit, auch in den Köpfen der meisten Gutachtergremien, Kunstdezernenten usw. immer noch kaum etwas geändert.
Der Fall eines Essayisten von ganz außerordentlicher Distinktion aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, mit dem mich während der letzten Jahre seines Lebens eine persönliche und nahezu freundschaftliche Beziehung verbunden hat, steht meiner Erinnerung zur Verfügung, um meine Diagnose zu bestätigen.
Es handelt sich um den Verfasser des allerersten Beitrags in der ersten Nummer des ersten Jahrgangs der Zeitschrift Merkur, die nach monatelangen Gründungsverhandlungen in Baden-Baden und in München, vielfach auch in meiner ersten Nachkriegsbude im nördlichen Schwabing, im Frühjahr 1947 erscheinen konnte; der Titel lautete Im Hinblick auf die Atombombe, als Autor zeichnete Rudolf Kassner. Natürlich war dieser Mann mir nach meinen jahrelangen Rilke-Studien als Freund und Kritiker des Dichters der Duineser Elegien und Vermittler zwischen ihm und der Fürstin Thurn und Taxis schon längst ein Begriff, er war es ja auch gewesen, der unmittelbar nach dem Tode des Dichters in der Sprache seiner »physiognomischen« Methode die faszinierendste kritische Deutung der Person des Verstorbenen und seines Werkes zu Papier gebracht, die ich kenne.
Kassners Quartier war seit 1945 das aus Rilkes Biographie bekannte Hôtel Bellevue in Sierre, einer der ältesten Siedlungen im schweizerischen Rhônetal, nicht mehr als fünf Autominuten vom Château de Muzot, dem letzten, fast 800 Jahre alten Wohnsitz des Dichters, entfernt. Was hatte ihn, den geborenen Österreicher und seit Jahren schon ansässig in Wien, dorthin verschlagen? Es war das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Rote Armee hatte die schon stark ramponierte Kaiserstadt besetzt, der alte Herr saß allein und hilflos mit seinen Krücken unbeweglich und ohne Nahrungsmittel irgendwo im vierten Stock, die Frau Gemahlin war schon auf und davon, hatte in Basel im Hauptquartier der Anthroposophen Zuflucht gefunden und ihre Bekanntschaft über die Sachlage informiert. Es war Burckhardt, Carl Jacob Burckhardt, als Historiker und Diplomat – denken Sie an seine »Danziger Mission« vom Sommer 1939 – schon damals eine Europäische Nummer, der die Initiative ergriff. Er ließ sich von der schweizerischen Armee einen geländegängigen Jeep geben, raste mit wehender Rotkreuzflagge ungehindert nach Wien, holte den Gefangenen aus seiner Höhle heraus und brachte ihn nach Sierre, zu deutsch Siders. Dann wandte er sich an Werner Reinhart, den westschweizerischen Akteur der ruhmreichen Mäzenatenfamilie aus Winterthur: Werner Reinhart, der schon 1921 das Château de Muzot für Rilke und seine polnische Freundin Baladine Klossowska gemietet, ein Jahr später käuflich erworben hatte, und legte ihm nahe, den völlig mittellosen Meister hinfort zu »übernehmen« und bis an dessen Lebensende mit dem Nötigsten zu versorgen. Für einen Reinhart war so etwas keine Frage. Was Burckhardt bewirken wollte, verstand sich von selbst.
Dies alles erfuhr ich in den frühen fünfziger Jahren, nachdem eine neue, noch sehr jugendliche Generation der Reinhart-Familie mich eingeladen hatte, meine Sommerferien in Muzot zu verbringen, eine Einladung, die sich Jahr fur Jahr bis 1993 wiederholen sollte. Kassner war ein Gesprächspartner von Gottes Gnaden und er blieb es auch nach seinem Exitus am 1. April 1959 im Alter von 86 Jahren. Noch heute besuche ich Sommer für Sommer im parkartigen Friedhof von Sierre sein Grab, um den orakelhaften Grabspruch – aus seinen eigenen Schriften entnommen – wieder zu lesen und womöglich zu ergründen. Ich zitiere:

»Vielleicht war es früher so, daß ein Mensch einfach bis zur Grenze ging, und dort starb er dann und das Ewige Leben begann.
Seit Jesu Christo geht aber die Grenze mit und so weiss niemand, wann und wo das Ewige Leben beginnt.«

Kassner ist auch in den letzten immer noch produktiven Jahren seines Lebens nicht viel gelesen worden, und das Einzige, was er aus der eigenen Tasche bezahlen konnte, waren monatlich schätzungsweise 150 Franken Lohn für den stummen, ihm herzlich ergebenen Fahrer seines Rollstuhls, einen ehemaligen Hilfsarbeiter aus Paris. Es gab eine hochnoble Festschrift zum Achtzigsten mit Beiträgen von T. S. Eliot und W. H. Auden und anderen Zelebritäten, – und Emil Preetorius, der zweite Präsident – nach Hausenstein – der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, hatte dem König von Schweden empfohlen, den alten Kassner fur den Nobelpreis vorzuschlagen. Fehlanzeige, versteht sich: die zuständige Akademie hatte offenbar keine Ahnung, wer das sein könnte.
Was ist nun aber, meine Damen und Herren, die Moral von der Geschieht? Nichts Anderes als daß ich daran erinnern möchte, daß das Mäzenatentum, wie es Horaz vor zweitausend Jahren in der allerersten Zeile des ersten Buches seiner Carmina sozusagen kanonisiert hat, als Prinzip der Relation zwischen Kunst – vor allem aber Literatur – und »Gesellschaft« nach wie vor gültig ist. In älteren Zeiten waren es die Fürsten und die Aristokraten, auf die der Dichter angewiesen war – siehe Walther von der Vogelweide – »ich han min Lehen...« – und siehe noch sieben Jahrhunderte später den großen Weimeraner höchstselbst –, heute sind es neben einzelnen vermögenden Kunstfreunden die Institutionen einer demokratischen Gesellschaft, Stadträte, Akademien mit ihren Preisverleihungen und anderen Vergünstigungen.
Was das Mäzenatentum des Großherzogs Karl August von Weimar für ihn bedeutet hat, das hat der princeps maximus unserer Literatur in einem Vierzeiler zur Sprache gebracht, den er als Neujahrsgruß zum 1. Januar 1828 dem Landesherrn ins Gästebuch schrieb bzw. zu Füßen legte. Das zweite Verspaar lautet:

»Nur weil es dem Dank sich eignet,
Ist das Leben schätzenswert.«

Ich darf mir vielleicht, in meines Nichts durchbohrendem Gefühl, erlauben, dies Verspaar – wie Peter Wapnewski es vorausgesehen hat, zu übernehmen, und damit verbeuge ich mich dankbar vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. – Für den Fall, daß Ihnen, meine Damen und Herren, dieser Goethe-Schluß zu naheliegend oder zu anspruchsvoll erscheinen sollte, hätte ich noch eine bescheidene, aber liebenswürdige Kleinigkeit von Lessing in der Tasche, von dem großen und gramerfüllten Dichter und Essayisten der Vor-Goethe-Zeit, den ich schon als Sechzehnjähriger geliebt habe wie einen Vater. Es ist ein winziges Zitat aus Nathan der Weise, erste Szene:

»Nimm du so gern als ich dir geb’.«

Ich darf Ihnen versichern: ich nehm es gern!