Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Günther Rühle

Günther Rühle

Intendant und Theaterkritiker
Geboren 3.6.1924

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2007
Laudatio von Peter Iden
Dankrede von Günther Rühle
Urkundentext

... der in monumentalen Büchern zum Chronisten der Ereignisse und Menschen des Theaters in Deutschland geworden ist.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Gustav Seibt, Werner Spies

Mittäter an dem Neuen

LAUDATOR
Peter Iden
Geboren 11.9.1938
Theaterkritiker und Kunstkritiker

Herr Präsident der Akademie, verehrte Frau Rühle, lieber Günther Rühle, meine Damen, meine Herren,

Mancher unter uns hat zur Zeit möglicherweise noch damit zu tun, die von Günther Rühle soeben vorgelegte, auf mehr als 1200 Seiten zur Darstellung gebrachte Geschichte des deutschen Theaters zwischen 1887 und 1945 lesend zu verarbeiten. Es ist das ein sprach- und bildmächtiges Buch, man wird nicht so leicht fertig damit.
Nachgezeichnet wird die Entwicklung des Theaters in Deutschland seit den großen Umbrüchen im Drama wie in dessen interpretierender Auslegung durch den neu sich herausbildenden Berufsstand der Regisseure auf den Bühnen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Der Bogen der Schilderungen von Ereignissen, welche die alte Kunst des Schauspiels veränderten und von den Menschen, die diese Veränderungen wollten und bewirkten, spannt sich über das Theater im Kaiserreich und dann der Weimarer Republik bis hin zu den propagandistischen Instrumentalisierungen des Dramas und der Bühne durch das Nazi-Regime. Das Erstaunlichste an der Rekonstruktion dieses langen Weges ist die außerordentliche Präsenz, Lebendigkeit, ja: Aktualität, die Rühle in seinen Beschreibungen den einzelnen Vorgängen gewinnt.
Ich will dafür nur eines von sehr vielen Beispielen zitieren. Am 7.November 1910 brachte Max Reinhardt, nach einem Vorlauf in München, in Berlin Ödipus des Sophokles, in der neuen Übersetzung Hofmannsthals, zur Aufführung. Spielort war der Zirkus Schumann. Nun Rühle:

»Das Innere des Zirkus wirkte grau. Ein dunkelbraunes Segel hing unter der Kuppel: der düstere griechische Himmel. Es war ja die Pest im Land, der Tod überall nah. An einem Zugang der Arena stand, mit einer breiten, altargeschmückten Treppe davor, machtvoll der Königspalast. Durch den Zugang gegenüber strömte die Masse des Volkes herein, warf sich auf die Stufen des Palastes: ein wimmelnder Haufen, vom Elend gezeichnet. Erregt reckte die Masse, als Kreon oben erschien, hundertfach die Hände. Der mächtige Paul Wegener, im weißen Gewand, die Krone auf dem Haupt, trat an den oberen Rand der Treppe. Das war: Herrscher und Volk, Mensch und Masse, Macht und Ohnmacht, ein ekstatisches Bild, das oft kopiert werden sollte. [...] Nach Wegeners Abgang kam, gemessenen Schrittes der Chor in die Arena, ballte sich, löste sich auf, immer in geplanten Mustern, als werde ein hoher Stil gesucht, der zu den wilden Volksszenen kontrastierte. Nackte Läufer mit Fackeln eilten zum Palast und zurück. Unruhe wechselte mit Ruhe«.

Das ist alles so erzählt, derart im Wortsinn nahe gebracht, dass wir das Bühnenereignis, das doch beinah einhundert Jahre zurückliegt, unmittelbar, jetzt, vor uns zu haben meinen. Als Abschnitte von Rühles Werk in der Zeitschrift Theater heute vorabgedruckt wurden, bin ich sie mit Studenten in einem Seminar durchgegangen und habe gut die Frage eines der jungen Leute verstanden, der plötzlich wissen wollte, wie es denn einem heutigen Autor möglich sein könne, eine Aufführung aus dem Jahr 1910 gesehen zu haben – ohne die eigene Anschauung sei eine solch detailreiche, Stimmungswerte wie selbst empfundene wiedergebende Beschreibung doch wohl nicht zu leisten: Der Typ könne ja bestenfalls ein Baby gewesen sein, als Reinhardt Premiere hatte, und stünde sogar dann fast im hundertsten Jahr. Obwohl Günther Rühle das Theater lebensfüllend war und ist, war er doch nicht schon als Wickelkind bei Reinhardt, und wir haben ihn heute hier auch nicht als Greis, sondern in frischer Munterkeit bei uns. Es ist eben alles nicht eine Frage der Jahre, sondern des Es-wissen-Wollens, der Hingabe ganz und gar an ein Vergangenes, das fortgeschrieben und erfüllt wird aus der eigenen Phantasie; und es ist, das vor allem: eine Frage der Empathie.
Ruf und Ansehen hat Günther Rühle sich früh, schon bald nach 1960 erworben, als er der Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde. Es waren im deutschen Theater Jahre des tiefgreifenden Wandels. Eine noch durch die Erfahrungen der Vorkriegs- und der Kriegsjahre geprägte Generation gab ihre Positionen ab an die Jüngeren, deren Imagination und Sprache zu anderen Formen der Reaktion auf die Welt drängte. Rühle hat diese Entwicklung gestützt. Er versuchte, in einen ästhetischen, aber auch in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen, was sich zwischen Ulm und Bremen, Basel und Berlin in den Weltbildern der Inszenierungen von Peter Stein und Peter Zadek, von Wilfried Minks und Hans Neuenfels, von Jürgen Flimm, Hansgünther Heyme, Claus Peymann, Peter Palitzsch, Werner Düggelin und Hans Hollmann und ebenso in den Formen der Happenings von Vostell und Ullrichs, Beuys und Bazon Brock an neuen Ausdrucksmitteln zeigte.
Seine Aufsätze etwa zu einem der ersten Happenings von Vostell in Ulm, zu »Iphigenie/Titus Andronicus« von Beuys, Peymann und Wiens im Programm des ersten internationalen Theaterfestivals in Deutschland, der Frankfurter »Experimenta«, die ohne den öffentlichen Zuspruch Rühles kaum möglich gewesen wäre, oder seine analytisch-kommentierenden Beschreibungen der Theaterarbeit Kurt Hübners in Bremen – das waren Glanztaten eines Kritikers, der sich weit vorwagte auf noch kaum begangenes Terrain.
Rühle erkannte an den avancierten szenischen Unternehmungen gegen Ende der sechziger und in den siebziger Jahren deren die politischen Veränderungen im Land antizipierenden Signale: Er hat diesen Kontext zwischen Ästhetik und Gesellschaft, zwischen der Kunst und dem Leben der Einzelnen nie außer acht gelassen. Die Verbindung ist ihm wichtig, bestimmend für die eine wie für die andere Seite. So sehr wurde der genaue Beobachter der Bühne und der Zeit durch seine entschiedene Einlassung selber zu einem Mittäter an dem Neuen, dass gesagt werden konnte, derart nachdrücklich habe Rühle dem Theater mit seinen Deutungen zugesprochen, dass es schließlich nicht mehr anders konnte als ihm Recht zu geben.
Er wurde dann, 1985, als er in einer prekären Situation dieser Bühne die Berufung zum Intendanten des Frankfurter Schauspiels annahm, tatsächlich zum Theatermacher. Und zeigte mit seinem Einsatz für Rainer Werner Fassbinder und Einar Schleef den Mut, den er als ein Merkmal der Wirkungschance von Theater erkannt und hervorgehoben hatte: Die Auseinandersetzungen um die nach Interventionen der Jüdischen Gemeinde schließlich nur als geschlossene Veranstaltung zustande gekommene Uraufführung von Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod bewegten die Stadt und das ganze Land wie seit Erwin Piscators Aufführung von Hochhuths Stellvertreter kein anderes Bühnenereignis. Für die umstrittenen Inszenierungen Einar Schleefs hat der Intendant Rühle unendliche Mühen der Durchsetzung dieses Dramatikers auf sich genommen. Und am physischen Teil der Theaterarbeit gleichwohl auch Undank erfahren. Notorisch wurde der barsche Tadel von Schleef an die Adresse des Intendanten nach dessen Einbestellung auf die unzulänglich beheizte, aushäusige Probebühne der Aufführung von Mütter an einem kalten Wintertag: »Herr Dr. Rühle, lassen Sie es endlich warm werden – die Schauspieler sind keine Russen und ich bin kein Heizer.«
Nach dem Interlude als Theaterdirektor kehrte Rühle zurück in den Journalismus, er leitete nach dem Mauerfall für drei Jahre das Feuilleton des Berliner Tagesspiegel. Es war die Rückkehr in die Stadt, die er in seiner umfänglichen Dokumentation des Theaters und der Theaterkritik der Zwanziger Jahre, Titel: Theater für die Republik, als einen Hauptschauplatz der zeitbezogenen, sich politisierenden Kunst erfasst hatte. Der in den neunziger Jahren nach der Trennung in Ost und West, nun wieder zusammenfindenden Berliner Theaterszene versuchte er, mögliche Neugliederungen vorzuschlagen. Er plädierte für die Restitution unter zeitgemäßen ästhetischen und politischen Vorzeichen: Wäre man ihm gefolgt, stünde es um die Berliner Theaterverhältnisse besser als das realiter der Fall ist.
Dem Publizisten Rühle verdankt das deutsche Theater neben den genannten noch eine Reihe anderer, wesentlicher Beiträge. Ich nenne nur: Zeit und Theater, die Sammlung von zwischen 1913 und 1945 verfassten, auf die Paradigmenwechsel der Epoche reagierenden Dramen; die Veröffentlichung der Gesammelten Werke der Marieluise Fleisser; die Edition der Erinnerungen Bernhard Minettis; die Entdeckung und Herausgabe der Berichte des jungen Alfred Kerr aus Berlin für eine Zeitung in Breslau.
Viele verwirklichte Vorhaben, viele Stationen – und viel bewirkt. Mit Günther Rühle ehrt die Akademie einen Kritiker, dem die Flüchtigkeit des Theaters nicht dessen einzige Wahrheit ist. Das Theater ist ihm verpflichtet.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.