Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Günter de Bruyn

Günter de Bruyn

Schriftsteller
Geboren 1.11.1926
Mitglied seit 1990

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2011
Laudatio von Wolfgang Thierse
Dankrede von Günter de Bruyn
Urkundentext

... der damit eine sprachkünstlerisch glanzvolle Epochendarstellung geschaffen hat, die sein großes erzählerisches Œuvre vollendet.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Heinrich Detering, Peter Hamm, Ilma Rakusa, Beisitzer Peter Eisenberg, Wilhelm Genazino, Joachim Kalka, Per Øhrgaard, Gustav Seibt, Werner Spies

 

Für den Preis, mit dem Sie mich heute ehren, möchte ich allen herzlich danken, die an dieser Entscheidung beteiligt gewesen sind.

Da meine letzten Bücher es waren, die diese Auszeichnung nach sich zogen, möchte ich Ihnen einige Gedanken über ihr Entstehen mitteilen, dabei aber betonen, dass es teilweise nachträgliche Gedanken sind. Denn wenn mir bei Arbeitsbeginn auch klar war, dass ich dem Leser einen wichtigen, heute vielfach umstrittenen Abschnitt deutscher Geschichte anschaulich zu machen vorhatte, so ging dem Prozess des Schreibens neben der notwendigen Wissensaneignung statt eines genauen Plans nur ein von Ahnungen und Hoffnungen erhelltes gedankliches Chaos voraus. Erst dessen allmähliche Klärung während des Schreibens ließ so etwas wie einen Plan des Vorhabens sichtbar werden und gab ihm durch Erweiterung und auch Einengung seiner Grenzen Gestalt. Dass aber dieses am Anfang stehende Chaos, das später Umarbeitungen erforderlich machte, nicht dazu führte, das Vorhaben abzubrechen, lag daran, dass der Urgrund des Entstehens meiner Bücher in dem Vergnügen daran, sie zu schreiben, besteht. Früher, als ich meine eignen Probleme und Leiden noch durch das Schreiben von Erzählungen und Romanen heilen zu können meinte, habe ich, was ich heute Vergnügen nenne, inneren Zwang genannt.

Dieses Vergnügen, das auch Fehlschläge nicht dauerhaft trüben können, hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte mit einem von Kindheit an regen Interesse an allem Geschichtlichen, besonders dem meiner Heimat verbunden und mich zur Wahl historischer Stoffe verführt. Statt fiktiv und verfremdend eigne Probleme oder Befindlichkeiten zu umkreisen, wähle ich nun historische Personen oder Geschehnisse, die mir bedeutsam scheinen, behalte aber auch unter Verzicht auf Fiktionen die Position des Erzählers bei. Da mich historische Romane, auch die wertvollen unter ihnen, niemals befriedigen konnten, weil sich in ihnen Tatsachen und Erfindungen nicht unterscheiden lassen, achte ich streng darauf, dass die von mir erzählten Geschehnisse im Rahmen des dokumentarisch Belegten bleiben, was der Lückenhaftigkeit vieler Überlieferungen wegen den Erzählstrom natürlich einengt oder auch bremst. Deshalb werden, um verstanden zu werden, oft auch Erklärungen oder Mutmaßungen nötig, die aber als solche genauso erkennbar gemacht werden wie Werturteile, die der Erzähler sich manchmal erlaubt. Denn dass hier nicht ein objektiver Geist der Geschichte, sondern ein Subjekt mit eigner Meinung berichtet, soll zu erkennen sein.

Beide hier gemeinten Bücher, die Berliner Kulturgeschichte behandeln, tragen zwar eigne Titel, gehören aber eigentlich zusammen wie Band 1 und 2. Deutlich zu erkennen ist in ihnen, dass mein lebenslanges literaturhistorisches Interesse die notwendige Beschäftigung mit der allgemeinen Geschichte erst nach sich gezogen hat. Denn zu jenen Literaturbetrachtern, die allein den literarischen Text ohne seine historischen und biographischen Bezüge gelten lassen, habe ich nur in jungen Jahren, als mich allein die Schönheit der Sprache berauschte, gehört. Da ich später den Einfluss des Politischen und Sozialen auf die Literatur und das ganze geistige Leben in verschiedenen Variationen an mir selbst habe erfahren können, wurde mir deutlich, dass das Biographische einschließlich seines historischen Umfeldes zum wahren Verständnis eines literarischen Textes unerlässlich ist. Die Erkundung dieses Umfeldes verführte mich zum Biographieschreiben, und nachdem ich das an Jean Paul und anderen erprobt hatte, entstand die Idee zu den oben genannten zwei Büchern, in denen ich versucht habe, einen zeitlich und räumlich begrenzten Abschnitt deutscher, speziell preußischer Geschichte dadurch nacherlebbar zu machen, dass Biographien von Zeitgenossen wie Mosaiksteinchen so zusammengesetzt werden, dass sich ein lebendiges Gesamtbild daraus ergibt.

Dazu gewählt wurde von mir der Zeitraum vom Tod Friedrichs des Großen bis zum Beginn der Restauration in Deutschland, zu dem auch die Glanzzeit deutscher Literaturentwicklung gehört. In ihm wurde unter dem Kanonendonner der napoleonischen Kriege ein neues Zeitalter eingeleitet, in dem vieles von dem, was uns noch heute beschäftigt, begann. Auch Berlin musste sich wie ganz Preußen in diesen Jahrzehnten verändern, und sein bewegtes kulturelles und politisches Leben war immer vielfältig mit Weimar, Paris oder auch St. Petersburg verknüpft. Spätaufklärung, Klassik und Frühromantik wirkten hier gegen- und miteinander. Die Schranken der alten Ständegesellschaft wurden vielfach durchbrochen: Das Nationalbewusstsein, das auch demokratische Forderungen einschloss, gebar auch gleich seine Extremform, den Nationalismus. Der Parlamentarismus und die Parteien, die zwar als solche noch nicht existierten, zeigten sich aber doch schon in Vorformen; und mit dem Siegeszug der kapitalistischen Wirtschaftsweise kündigten sich die neuen Lebensformen des Industriezeitalters an.

Als Friedrich der Große starb, hatte zwar in Amerika die parlamentarische Demokratie schon begonnen, die Herrscher der alten Reiche Europas aber schienen noch sicher im Sattel zu sitzen, doch wurde schon drei Jahre später durch die Pariser Ereignisse auch in Preußen alles Alte in Frage gestellt. Reformpläne werden entworfen, ohne vorerst noch zur Ausführung zu kommen. In den Salons der Rahel Levin und anderer wohlhabend und selbstbewusst gewordener Bürger, besonders der jüdischen, probte man das Gespräch einer ständelosen Gesellschaft. Fouqué und Achim von Arnim wollten den Adel nicht abschaffen, sondern erneuern, und Novalis träumte von einem christlich geeinten Europa unter einer Volksmonarchie. Ein Jahrzehnt nach Kants Traktat Zum ewigen Frieden lebte der kosmopolitische Gedanke der Aufklärung bei einigen Leuten im Glauben an den vom Universalkaiser Napoleon garantierten Weltfrieden kurzzeitig weiter, während Fichte zum Nationalbewusstsein aufrief und einen Erziehungsstaat demokratisch-totalitären Zuschnitts entwarf. Stein, Hardenberg, Scharnhorst und Humboldt verordneten Reformen, die zwar nur halbherzig umgesetzt wurden, den Staat auf die Dauer aber doch umgestalteten, und die Befreiungskriege wurden von den vielen patriotisch Bewegten auch mit der Hoffnung auf eine innere Befreiung und ein einiges Deutschland geführt. Sie endeten zwar mit glorreichen Siegen, bescherten aber auch die große Enttäuschung, dass die alte Ordnung in ihren Grundzügen erhalten blieb.

Obwohl bei dieser von mir in Einzelschicksalen erzählten Geschichte neben den Literaten, den bildenden Künstlern, den Philosophen und Theologen auch Politiker, Militärs und so abenteuerliche Gestalten wie von Schill und von Nostiz auftreten, bleibt sie im Wesentlichen doch Kultur- und Geistesgeschichte, weil in den Abläufen dieser Jahrzehnte die bewegende Kraft von Ideen besonders stark in Erscheinung tritt. Die Ideen der Aufklärung, die man in Frankreich in praktische Politik umzusetzen versucht hatte, waren im Für oder Wider auch in Preußen zu spüren, teils als Veränderungswille, teils nur als Angst vor der Revolution. Die Reformer, die in unblutiger Weise erreichen wollten, was in Frankreich viele Opfer gekostet hatte, waren vom Humanismus der Weimarer Klassiker durchdrungen, auch die Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz, die das Heer nicht nur moderner, sondern auch humaner machten, wurden durch ihn motiviert. Daneben war es die Idee der Nation, die als Frucht von Napoleons Siegen plötzlich auch in Deutschland viele Gemüter bewegte, einen Heinrich von Kleist zeitweilig beherrschte, die Freiwilligen der Befreiungskriege beflügelte und Propagandisten wie Arndt und Jahn mit ihren teils demokratischen, teils nationalistischen Gedankengängen einflussreich werden ließ. Dass die demokratischen und nationalen Ideen in ihren Anfängen unlösbar miteinander verknüpft waren, sollte jeden nachdenklich stimmen, der heute von einem postnationalen Zeitalter träumt.

In beiden Büchern ist es meine Absicht gewesen, die in ihnen dargestellten Frauen und Männer ohne die Arroganz des Nachgeborenen darzustellen, dabei aber auch nicht zu verhehlen, welchen Personen oder Ansichten des Autors Sympathie oder Abneigung gilt. So wird Kleists Hermannsschlacht als genial, aber grässlich bezeichnet. Das Abstruse bis Lächerliche in den Schriften des Turnvaters wird hervorgehoben. Ohne die ihnen zukommende Verehrung zu beschädigen, wird auf weniger zu verehrende Seiten bei Wilhelm von Humboldt oder Rahel Varnhagen verwiesen. Und dem Außenseiter Adelbert von Chamisso wird viel Platz eingeräumt. Er, der zum Berliner gewordene Franzose, darf den zweiten Band einführen, ihm den Titel geben und ihn mit einem Gedicht abschließen, in dem Tränen vergossen werden über die Tatsache, dass nun 1815 alles so bleiben soll, wie es vorher war.

Ich danke Ihnen für Ihr geduldiges Zuhören und der Akademie noch einmal herzlich für den Preis.