Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Gabriele Goettle

Journalistin und Schriftstellerin
Geboren 31.5.1946

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2015
Laudatio von Otto Köhler
Dankrede von Gabriele Goettle
Urkundentext

Ihre Berichte, Erzählungen und Essays von Frauen und Männern aus allen Bereichen der Gesellschaft verbinden politische und ästhetische Sensibilität und demonstrieren in beispielhafter Weise die Zusammengehörigkeit von Kritik und Essay.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Heinrich Detering
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner

 

Ich bedanke mich bei der Akademie und bei der Jury für die Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises. Und ich bedanke mich bei meinem Laudator für seine schöne Rede. Da ich schon beim Danken bin, möchte ich die Gelegenheit nutzen und öffentlich auch denen danken, ohne deren Anregung, Hilfe und Unterstützung ich wohl kaum dieses kleine Lebenswerk zusammengebracht hätte. Ganz besonders danke ich meiner Freundin Elisabeth Kmölniger, die seit mehr als dreißig Jahren mit mir unterwegs ist. Fast alle Reportagen und Portraits machen wir gemeinsam. Und ich bedanke mich bei Hans Magnus Enzensberger, der in seiner Anderen Bibliothek fünf Bücher von mir veröffentlichte und mich mit seiner nie versiegenden Neugier und großzügigen Geduld immer wieder motiviert hat. Ich danke Arno Widmann, der mich in den achtziger Jahren als feste Freie in die taz holte, wo ich seither die Möglichkeit habe, an jedem Monatsende auf zwei Kulturseiten meine Texte zu veröffentlichen. Und ich danke meiner Verlegerin Antje Kunstmann, die mich freundschaftlich in ihren Verlag aufnahm.

Verehrtes Auditorium. Beim Herumgrübeln über Art und Inhalt meiner Dankesrede stieß ich auf Wielands Briefe von Verstorbenen an hinterlassene Freunde und habe mich entschlossen, Johann Heinrich Merck selbst zu Wort kommen zu lassen, sozusagen im Reich der Toten ein Gespräch mit ihm zu wagen.
Mein Ansuchen um eine Audienz bei Herrn Kriegsrath Merck wurde von ihm gütig aufgenommen. Hier meine Aufzeichnung:
»Eine Geschichte wie die meinige ist bald erzählt. Ich will in der hier gebotenen Kürze gerne die Gelegenheit dazu ergreifen. Sie sehen mich allerdings belustigt darüber, daß Sie einen nach mir benannten Literaturpreis erhalten. Ich kann Ihnen versichern, ich selbst wäre für einen solchen Preis nie in Erwägung gezogen worden. Indes, es freut mich, daß die Nachwelt meinen Namen noch kennt.
Davon war nicht auszugehen. Mein Leben war begleitet von der ständigen Bedrohung, in eine precaire Existenz zu geraten. Längere Zeit war ich ohne Stelle, lebte vom Gelde der Mutter und von Übersetzungen. Ich mußte eine Ehe eingehen und fand, zu meinem Glück oder Unglück, endlich eine Anstellung, in der ich aufsteigen konnte zum Kriegszahlmeister und schließlich bis zum wirklichen Kriegsrath. Aber ich war mit 500 bis 600 Gulden per annum nichts als ein schlecht bezahlter subalterner Beamter in Fürstendiensten. Unter den hohen Herrschaften hielt ich mich ungern und nur von Berufs wegen auf. Viel lieber war ich ein Prosaist, leidenschaftlicher Briefschreiber, Verleger, Journalist, Recensent und Beyträger der wichtigsten Literaturzeitschriften. Vorübergehend ritt ich mit Goethen im kleinen Kreise das Steckenpferd der Empfindsamkeit. Gerne verfaßte ich Essays zur Kunst und Literatur, war auch Kunsthändler für die Fürsten, schrieb Satiren, Erzählungen und Fabeln. Doch, obgleich ich mit der literarischen und künstlerischen Welt in enger Verbindung stand und so manche Fäden bey mir zusammen gingen, blieb ich doch ohne gehörigen Erfolg. Meine Kunst war brotlos. Das alles hätte man eben so gut gleich auf den Abtritt tragen können. Also habe ich Schluß gemacht mit der poetischen Trödelbude und bekam allmählich einen Ekel vor der Schriftstellerey,
Noch mehr Ekel flößte mir der Hof ein, besonders unter dem alten Landgrafen. Die Parforcejagd habe ich verabscheut. Jahr um Jahr im Spätherbst sah man nichts als Prinzen, Livreen und große Jagden, wo mit vierzig Pferden ein armer einzelner Hirsch, von dem Kasten an, worin er eingesperrt war, bis 500 Schritt weit zu seinem Tode, mit großem Jubelgeschrey gejagt wurde. Mein junger Landgraf Ludwig IX. hat bey seinem Regierungsantritt zwar die Parforcejagd aufgehoben, den Marstall aufgelöst, den
Stallmeister und fast die gesamte Dienerschaft entlassen, alle Pferde verkauft, ebenso die Hunde, Sogar Theater, Oper und die Folter wurden abgeschafft. Dafür aber ließ er einer anderen Passion freien Lauf, dem Spielen mit seinen Soldaten. Täglich komponierte er Militärmärsche, zu denen er seine Truppen in glanzvollen Paraden aufmarschieren ließ. Täglich mußte sein Leibregiment in selbst ersonnenen Prachtuniformen exercieren. Um Mitternacht marschierte eine Kompanie laut trommelnd durch die Stadt, so daß jeder Bürger aus dem Schlaf gerissen wurde. In Sichtweite meines Hauses ließ der Landgraf eine beheizbare Exercierhalle errichten. Die größte weithin. Sie verschlang 140000 Gulden. Die hohen Militärausgaben — es waren wohlgemerkt Friedenszeiten — rissen regelmäßig ein Loch in meine Kriegskasse. Oft konnte ich nicht einmal die Besoldung ordentlich auszahlen.
Um dieser Eintönigkeit zu entgehen, widmete ich mich in meinen späteren Jahren der Paläontologie, Mineralogie und Osteologie. Meine Trophäen waren nicht erjagt, ich habe sie gefunden im Boden und Gestein, besaß einige bemerkenswerte Fossilien, sogar ein versteinertes Krokodilskelett. Mein Haus glich bald einem Naturalienkabinett. Oft war meine Leidenschaft so groß, daß ich unter Hintansetzung von Frau und Kindern auf dem Schindanger Hirnkästen und Knochen vom Aase ausgrub und mir präpariert habe. Auch vergnügte ich mich mit dem Zeichnen, wo ich recht artige Ergebnisse erreichte. Besonders lieb und unentbehrlich aber wurde mir die Landwirtschaft. Um etwas mehr als die pure Nothdurft befriedigen zu können, mietete ich mir ein Gütchen in Arheilgen, eineinhalb Stunden von Darmstadt entfernt. Erdäpfel und Zuckererbsen zu pflanzen, meine Krauthäupter zu ernten unterm weiten blauen Himmel war meine Errettung vom Stadtleben mit seinen Collegien, Kränzchen, Zirkeln. Ich empfand großen Respect vor der Vegetation, weil ich gewiß wußte, daß ich diesmal nicht ohne Frucht in der Welt arbeiten würde. Hingegen ist mein Experiment,
vermögend zu werden mit einer Baumwollfabrik, schmählich durch Concurse gescheitert. Ich war eine verlorene Gestalt. Es ist leider nun nicht anders, als daß wir alle nur durchs Geld zusammen hängen. Mir fehlte aber der merkantile Sinn, das Talent zur Bereicherung, Überhaupt war mir ein erfolgreiches Verhältnis zur Welt nicht vergönnt, was mich recht bitter machte.
Es gab zwei schmerzhafte Enttäuschungen in meinem Leben, die ich nie habe verwinden können: den Fehltritt meiner Ehefrau mit anschließender Niederkunft eines Kindes, das nicht meines war. Und zum Zweiten, die Verwandlung Goethes von einem freien Geist in eine Excellenz. Sturm und Drang, sage ich, aber nach dem Amte! Es ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch sich so unähnlich werden kann! Ich hatte ihn sehr lieb gewonnen, war ihm gerne älterer Freund und Förderer. Daß ich Clavigo und auch Stella einen Quark nannte, ließ er sich gefallen, auch, daß ich seinen Götz von Berlichingen auf meine Kosten habe drucken lassen. Aber meine Kritik am Werther nahm er mir zeitlebens übel. Ich konnte indes nicht gut heißen, daß er in einem schnell hingeworfenen Text seine unselige Liebe zu Charlotte Buff sogleich verarbeitet und die Angebetete kalten Herzens kompromittiert hat. Der unmäßige Erfolg des Werther fegte freilich alle Einwände hinweg. Mein geliebter Schulfreund Georg Christoph Lichtenberg sprach mir mit seinem Bajonettwitz aus dem Herzen. Er meinte: ›Die schönste Stelle im Werther ist die, wo er den Hasenfuß erschießt,‹ Goethen schrieb mir im Oktober 1775, daß er mit dem Herzog Carl August nach Weimar gehe, und er bat mich, wie so oft, ihm zehn Carolin zu leihen. Ein Carolin zu elf Gulden. Eine Summe, die ich nicht so leicht verschmerzen konnte, allein ich gab sie ihm. Am 7. November 1775 kam Goethe in Weimar an. Ich versichere Ihnen, es ist die volle Wahrheit: Er trug Werthers blauen Rock, gelbe Weste, weißes Hemd, gelbe Hose, den runden Filzhut und Stulpenstiefel. Und sofort wies der Herzog seine Schneiderei an, diese neue offizielle Hoftracht herzustellen. Ich war sehr verwundert, daß er sich damit begnügte, am Weimarer Hofe herumzuschranzen und zu scharwenzeln! Später ist unser Discourse abgebrochen. Bey seiner Ministerschafft ist er mir nur noch mit einer Trockenheit und Kälte begegnet, als ob ich nicht ein alter Freund wäre, sondern ein subalterner Diener oder ein lästiger Supplicant. Meine Arbeit in Wielands Redaktion nannte er ›dilettantischen Productionstrieb‹. Als Carl August mich aus Darmstadt erlösen und in seine Dienste berufen wollte, legte Goethe sein Veto ein. Er schrieb mir mit kaltem Hochmuth: ›Der Herzog hatte etlichemal große Lust dich als Cammerrath nach Eisenach zu haben, aber ich sagte ihm, alte Bäume verpflanzten sich nicht gut. Leb wohl.‹ Auch mit dem armen Lenz hat er ein übles Spiel getrieben und ihn über Nacht zum Teufel jagen lassen. Als seinen größten Verrat aber erachte ich den an der Aufklärung. 1783 votierte er kalten Herzens für die Vollstreckung des Todesurteils an der jungen Magd und Kindsmörderin Anna Catharina Höhn. Ungeachtet dessen, daß sein Fürst Carl August gewillt war, die Todesstrafe für Kindsmörderinnen abzuschaffen. Nach der Enthauptung schickte Goethe Kopf und Körper mit dem Schinderkarren nach Jena, an seinen Freund, den Anatomieprofessor Justus Christian Loder, der dort ein anatomisches Theater betrieb.
Im Januar des Jahres 1791 hat mich mein Fürst ins revolutionäre Paris geschickt mit dem Auftrag, nach Bestrebungen einer Contre-Revolution Ausschau zu halten. Aber es gab keine. Ich habe an Wieland geschrieben, daß die Constitution steht. Das waren freilich schlechte Nachrichten für die Fürsten. Ich hingegen verspürte eine große Euphorie, alle Last und Melancholie ist von mir gewichen. Ich war genesen und sah vor mir, was der Mensch einmal zu werden vermag. An La Terreur war nicht zu denken. Im Februar 1791 kam ich ins erstarrte Darmstadt zurück und mußte sehr bald erfahren, daß sich eine Koalition bildete unter dem Kaiser von Österreich, daß ein Contre-Revolutionärer Marsch auf Paris geplant war. Ich hätte als Kriegsrath mit marschieren müssen. All meine Euphorie, Freude und Zuversicht hat mich jammervoll verlassen. Ich konnte meiner tiefen Verzweiflung nicht mehr Fderr werden. Am frühen Morgen des 27. Juni 1791 verließ ich meine schlafende Familie, ritt auf meinem Braunen von Arheilgen nach Darmstadt, versorgte ihn, strich über seine Nüstern und erschoß mich sodann in meiner Kammer.
Und nun, werthe Dame, wäre es überaus liebenswürdig, wenn Sie mir abschließend aus dem Sectionsprotokoll meines Freundes Dr. Reuling vorlesen würden.«
Gern, also, die Obduktion dauerte von 11 bis 1 Uhr und fand drei Tage nach Ihrem Tod in der Torstube Ihres Hauses statt. Ich zitiere:
»[...] Nachdem die äußeren Bedeckungen abgenommen und die Brust mit der gehörigen Vorsicht geöffnet worden, fanden wir, daß der Schuß auf der 2ten Rippe von oben herab in die Brust eingedrungen, dieße 2te Rippe dicht am sterno abgeschossen und 2/4 Zoll lang ganz verschmettert wäre. Die 4-te Rippe wäre 2 Zoll lang vom sterno entzwey gebrochen, und auf dießer, sowohl als auf der 5ten, wäre ein starker blutunterlaufener Fleck, Die rechte Lunge wäre zußammen gefallen, die linke Brust-Höhle aber wäre voller dünnem und schwarzem Bluth, das stark röche. Der linke Lungenflügel wäre fast gänzlich zerstört und wurde mit kleinen Stücken herausgenommen; nachdem dieße und das ausgetretene Bluth herausgeschafft wäre, so fanden wir das Herz und dessen Beutel, biß über die Mitte durch und durch aufgerißen; vom linken Herzohr sähe man keine Spur mehr, die großen Blutgefäße nebst dem Schlund waren gänzlich abgeschoßen, und die Luft-Röhre wäre entzwey, Durch die 8te Rippe, die zerschoßen wäre, dichte an der rechten Seite des Rückgrades, ginge der Schuß wieder heraus, und hier läge auch der Pfropfen vom Schuß, der aus Löschpapier gemacht wäre und den ich wegen des großen Gestankes wegwarfe. Nachdem wir nun den Unterleib auch geöffnet hatten, so fanden wir den Magen etwas aufgetrieben, und er enthielte ein wenig Weiß-Brod. Die Leber wäre größer als gewöhnlich, und der Große Leberlappen wäre ganz verhärtet. In der Gallen-Blase wäre nur wenige Galle. Das Miltz wäre aufgetrieben und dahere viel größer, als es im gesunden Zustand zu seyn pfleget, und wäre überdießes gänzlich verhärtet; ebenso wäre das Pankreas und die Gekrösedrüsen nicht zu ermitteln. Die übrigen Eingeweide waren geßund, und alle Blutgefäße waren leer. Daß diese Verwundung nun (die auf die Vermuthung eines gefallenen Schusses den 27ten morgens um 7 Uhr geschehen) absolute tödtlich geweßen, daran wird wohl niemand zweifeln.«
Der Kriegsrath lächelt in sich hinein und sagt: »Den schlechten Schützen und den Hypochonder kann man mir nun nicht mehr nachsagen. Nehmen Sie meinen Dank entgegen. Leben Sie wohl, Gott erhalte Sie alle seelig, besonders bewahre er Ihr systema abdominale.«

Und nun möchte ich noch eine Erklärung abgeben:
Da ich kein Geld von einem Pharmakonzern behalten kann, werde ich mein Preisgeld an die unabhängige pharmakritische Initiative BUKO Pharma-Kampagne in Bielefeld weiterreichen. Diese international vernetzte »Bundeskoordination« bietet seit mehr als dreißig Jahren den Pharmakonzernen durch Aufklärung und Aufdeckung von Mißständen die Stirn.