Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

François Bondy

François Bondy

Journalist
Geboren 1.1.1915
Gestorben 27.5.2003
Mitglied seit 1981

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1977
Laudatio von Rudolf Goldschmit
Dankrede von François Bondy
Urkundentext

Als Publizist und Übersetzer, als Redakteur und Gesprächspartner dient er stets anregend und kritisch der Vermittlung zwischen den Literaturen vieler Sprachen und Völker.

Jurymitglieder
Präsident: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Karl Krolow, Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Beisitzer Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Geno Hartlaub, Gerhard Storz, Wolfgang Weyrauch

 
LAUDATOR
Rudolf Goldschmit
Geboren 3.3.1924
Gestorben 6.11.1979
Germanist

»Der Tröster prahlt leicht«, heißt es bei Hofmannsthal. Ich fürchte, der Laudator ist in der gleichen Gefahr. Wer einen anderen öffentlich lobt – und gar noch einen Älteren, Beleseneren, weit besser Beschlagenen –, der tut leicht so, als könne er schulterklopfend seinen ganzen Wert ermessen, alle seine Verdienste beurteilen. Er lebt über seine Verhältnisse – er prahlt. Obgleich ich mir dieser Gefahr bewußt bin, habe ich es gern übernommen, François Bondy hier zu loben. Nicht nur, weil ich als Redakteur seinen Rat, seine Mitarbeit vielfach mit Gewinn in Anspruch nehme. Nicht nur, weil ich aus vielen, fast freundschaftlichen Gesprächen mit ihm belehrt und bereichert heimgegangen bin. Es ist ja schwer, sich länger mit Bondy zu unterhalten, ohne dabei etwas Neues zu erfahren. Nicht nur nach solchen persönlichen Erfahrungen wage ich es, Bondy öffentlich zu loben, sondern weil ich glaube, daß er, wie nur ganz wenige, eine wichtige Funktion erfüllt – diejenige des publizistischen Mittlers und Vermittlers zwischen den Kulturen und Sprachen, eines Zwischenträgers zwischen den Literaturen. Warum ist diese Funktion heute so wichtig geworden?
Wir erleben seit einiger Zeit die seltsame Entwicklung, daß immer mehr Menschen immer mehr Sprachen immer schlechter beherrschen. Der Massentourismus, die vielfachen technischen und wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Verflechtungen zwischen den Ländern – das führte dazu, daß heute wohl mehr Deutsche als je zuvor im Ausland mit der Speisekarte zurecht kommen und vielleicht noch in ihrem beruflichen Fachbereich Spezialliteratur entziffern können. Und umgekehrt haben wir heute vormittag, auf einer Arbeitssitzung dieser Akademie, zu hören bekommen, daß 19 Millionen Ausländer an Deutschkursen teilnehmen. Das mag halbwegs zutreffen, aber optimistische Schlüsse auf einen blühenden Austausch zwischen den Literaturen kann man daraus nicht ziehen. Ich wage nicht, mir vorzustellen, wieviele deutsche Touristen, die ein bißchen Italienisch können, imstande (und willens) sind, die »Promessi sposi« im Original zu lesen. Und ich will nicht fragen, wieviele von den angeblich 19 Millionen Deutsch-Schülern es je dahin bringen, einen Thomas Mann, einen Heinrich Böll auf deutsch zu lesen.
Diese eher skeptische Einschätzung der Situation wird bestätigt durch das Angebot fremdsprachiger Bücher in unseren Buchhandlungen. Gewiß, einige Großstädte besitzen sogar ein darauf spezialisiertes Sortiment, und englische Krimis kann man am Kiosk bekommen. Wenn man sich bemüht, kann man sogar das Times Literary Supplement oder den Nouvelle Observateur ergattern – aber versuchen Sie einmal, hier in Darmstadt die jüngste Nummer der New York Review of Books aufzutreiben – von anderen, vielleicht hochinteressanten Periodica aus den Vereinigten Staaten oder gar aus Kanada ganz zu schweigen. Und in anderen Ländern steht es nicht besser, eher schlechter. Ich wüßte nicht, wo man in Paris oder London so wichtige deutsche Zeitschriften wie Paeschkes Merkur oder die Neue Rundschau bekommt.
Also ist unsere Kenntnis dessen, was anderswo gedacht, geschrieben und gedruckt wird, auf Übersetzungen angewiesen. Verleger und Übersetzer haben uns, gleichfalls auf dieser Akademietagung, mit respektablen Zahlen bedient – über die in fremde Sprachen übersetzten deutschen oder über die ins Deutsche übersetzten fremdsprachigen Bücher. Aber man müßte nicht nur die Zahl der Übersetzungen kennen, man müßte auch wissen, zu welchen Auflagen diese Übersetzungen es dann bringen. Ich fürchte, dem, was man unter Rezeption von Literatur versteht, kommt man mit Statistiken überhaupt schwer auf die Spur. Und ich fürchte, Hanns Grössel hatte recht, wenn er vor anderthalb Jahren, als ihm diese Akademie ihren Übersetzerpreis verlieh, die rapide wachsende Provinzialisierung unseres literarischen Lebens beklagte. Bondy hat seinen Klagen entgegnet, Provinz sei heute überall, und ein schwedischer Autor wie Lars Gustafsson, bei uns übersetzt und beliebt, sei etwa in Frankreich völlig unbekannt. Weitere Beispiele dieser Art wird Bondy mühelos beisteuern können. Doch daß es anderswo nicht besser steht, kann uns nicht trösten.
Kurz gesagt: die Grenzen sind offen, aber die Kenntnisse von einander noch immer begrenzt. In dieser Lage ist nun ein professioneller und passionierter Vermittler wie François Bondy wahrhaftig einen Preis wert. Schon seine Biographie scheint ihn übrigens für ein solches Mittler-Amt zu prädestinieren: österreichisch-ungarischer Herkunft, in Berlin geboren, ist er Bürger der mehrsprachigen Schweiz und hat in Paris studiert und lange dort gelebt. Den meisten von uns hat er also einen gewaltigen »Informationsvorsprung« voraus – von seiner Bildung wage ich nicht zu reden, nachdem er hartnäckig versichert, seine Bildung bestehe nur aus den Lücken seiner Bildungslücken. Was ich für eine Untertreibung halte.
Doch damit, daß einer deutsch, englisch, französisch, italienisch (und ich weiß nicht, was sonst noch) liest, spricht und schreibt, ist er natürlich noch kein François Bondy. Hinzu kommen muß die Nase für das Wichtige. Der Johann-Heinrich-Merck-Preis ist ja ein Preis nicht für Sprachbegabte, sondern für Kritiker. Und François Bondy versteht sehr wohl, was kritein bedeutet: er unterscheidet zwischen dem Guten und dem Stümperhaften, zwischen dem Modischen und dem Originalen, vor allem auch zwischen dem Langweilenden und dem, was uns interessieren kann.
Tätig als Übersetzer wie als Kritiker, als Redakteur wie als Interviewer, scheint er alles zu kennen, alles zu lesen. Steht in einem Nachschlagewerk ein besonders drolliger Fehler: er hat ihn entdeckt. Ist an der amerikanischen Westküste ein bemerkenswerter Zeitschriftenaufsatz erschienen: er berichtet uns darüber. Nordafrikanische und russische Erzähler hat er herausgegeben, er kennt Ionescos rumänische Jugendschriften und hat uns früh auf die Polen Gombrowicz und Bruno Schulz aufmerksam gemacht. Wird in Italien der Briefwechsel zwischen d’Annunzio und Mussolini gedruckt: er schreibt als erster darüber. Tritt in Paris neuerdings jene Gruppe der Jeunnes Philosophes in Erscheinung: er weiß es vor allen anderen zu würdigen. Nicht müde wird er, uns auf Autoren aufmerksam zu machen, von denen wir nach seiner Überzeugung zu wenig Notiz nehmen: auf Italo Svevo oder auf den Genfer Professor Starobinski.
Er hat sich übrigens keineswegs auf den Einbahnverkehr beschränkt, sondern – seinerzeit als Redakteur der Pariser Zeitschrift »Preuves« – den Franzosen Texte von Ingeborg Bachmann oder Günter Grass zugänglich gemacht, die noch nicht einmal im deutschen Original gedruckt waren. Den Franzosen hat er etwas aus unserer geistigen Welt vermittelt. Und immer wieder hat er – dieser von Neu-Gier getriebene Liebhaber alles Gedruckten, soweit es intelligent ist – etwas Welt in unsere Provinzen gebracht. Dafür danken wir, deshalb gratulieren wir ihm.