Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Erich Heller

Erich Heller

Jurist und Essayist
Geboren 27.3.1911
Gestorben 5.11.1990
Mitglied seit 1964

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1969
Dankrede von Erich Heller
Urkundentext

... in jedem Buch Erich Hellers vereinigen sich ausgebreitetes Wissen, tiefdringende Unterscheidung, klare Zusammenschau zu einem Ganzen von seltener Art...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Gerhard Storz
Vizepräsidenten Karl Krolow, Dolf Sternberger, Beisitzer Friedrich Bischoff, Richard Gerlach, Fritz Martini, Otto Rombach, Horst Rüdiger, Hans Scholz, W. E. Süskind, Wolfgang Weyrauch

Apropos Darmstadt, Merck und Goethe

Herr Präsident, meine Damen und Herren, zwar gibt es hierorts längst nicht mehr jenen literatursüchtigen Kreis, in welchem Goethe und der Taufpate der mir so freundlich zuerkannten Auszeichnung, Johann Heinrich Merck, des öfteren sich zusammenfanden, und der in Literatur- und Stadtchroniken unter dem Namen »Die Darmstädter Empfindsamen« geführt wird, aber »Danke«, sogar ein tief empfundenes, darf man in Darmstadt ja wohl noch sagen; und der Dankredner ist um so empfindsamer, als man ihm schrieb, daß der Preis nur einmal vorher als Essay-Preis verliehen wurde und also mein – in dieser engeren Bedeutung – einziger Vorgänger der mir verehrungsvoll liebe Max Rychner war, von dem ich nach jeder der – Gott sei’s geklagt! – seltenen Begegnungen hätte sagen mögen, was Goethe im Januar 1772 an Herder über Merck schrieb: »Vor einiger Zeit bracht’ ich auch einen reichen Abend mit Mercken zu. Ich war so vergnügt als ich sein kann, wieder einen Menschen zu finden, in dessen Umgebung sich Gefühle entwickeln und Gedanken bestimmen «
Sonst aber läßt sich wohl von Merck und Rychner kaum in einem Atem sprechen. Gewiß hätte Rychner, der Essayist des umsichtig-behutsamen Urteils, von den »Leiden des jungen Werthers« nie gesagt, was niederschmetternd Merck sagte, als Goethe ihm »Brief vor Brief« den Roman vorlas: »Nun ja, es ist ganz hübsch«; auch wäre er nicht gerade der Meinung gewesen, daß »Clavigo« »ein Quark« sei, und hätte sich also sicherlich nicht das Prädikat zugezogen, das Goethe einmal Merck gab: er, Goethe, sei im Begriffe – so heißt es in einem Brief an Charlotte von Stein – nach Kühlhausen zu fahren, wo er »Mephistopheles Merck« treffen sollte. Solche Äußerungen bei dieser Gelegenheit zu zitieren, ist nur deshalb nicht unverzeihlich taktlos, weil seither eben die fast zwei Jahrhunderte verstrichen sind, in welchen die Darmstädter Empfindsamkeit ausstarb, und weil Goethe – Mephistopheles hin, Mephistopheles her – immerhin nach Kühlhausen reiste, um Merck zu sehen.
Auch wollen wir es nicht bei solchen fidelen Boshaftigkeiten der Literaturgeschichte sein Bewenden haben lassen. Goethe sprach oft auch ganz anders von Johann Heinrich Merck, etwa, wenn er ihm »wunderliche Großheit« nachsagte, oder im 18. Buch von »Dichtung und Wahrheit« eines »merkwürdigen Wortes« seines Freundes gedachte, das er sich oft wiederholte und »oft im Leben bedeutend fand«. »Dein Bestreben, deine unablenkbare Richtung«, so hatte Merck ihm einmal gesagt, ist es, »dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben«, während »die andern das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen suchen«, »und das gibt nichts wie dummes Zeug«. Das ist wahrhaftig eine diagnostische Unterscheidung von erlesener Stimmigkeit. Sie bezeichnet zum Beispiel den Grund, warum Goethe dem »Romantischen«, von welchem seine Zeit so viel Aufhebens machte, dermaßen abgeneigt war, daß er es »das Kranke« nannte: weil, wie er meinte, »das Romantische« das »Wirkliche« schwächte, entwertete, poetisch proletarisierte, in eine Art von spirituellen Invalidenstand versetzte, und abergläubisch dem Glauben anhing, daß das eigentlich Poetische nur in den alle Wirklichkeit transzendierenden Aufschwüngen der Phantasie und des inneren Gesichts zu finden sei. Ja, so bedeutend ist die Merck’sche Unterscheidung, daß sie nicht nur derjenigen, die Schiller zwischen naiver und sentimentalischer Dichtung machte, wesensverwandt ist, sondern auch jenseits aller ästhetischen Spekulation für das quasi-politische »dumme Zeug« gilt, das sich unvermeidlich einstellt, wenn das »sogenannte Poetische, das Imaginative«, will sagen, das Dialektisch-Spekulative, das Utopische, das Sozial-Phantastische aus spiritueller Verdrießlichkeit über das ach, so unpoetische »Wirkliche« seinen unrealisierbaren Anspruch auf Verwirklichung erhebt. »Dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben« – ja, so ist es also um Goethes Genie bestellt, dies ist die »unablenkbare Richtung« seines poetischen Charakters. Man sagt es immer wieder, und immer wieder mit Recht. Merck meinte es, Schiller, Goethe selbst. Es ist wahr. Ist es aber die ganze Wahrheit? War die Eintracht, in welcher unter Goethes Obhut das Poetische mit dem Wirklichen lebte, von keinem romantischen Einbruch bedroht? Man muß die Frage nur stellen, um schon zu wissen, wie sie zu beantworten ist. Vergegenwärtigen wir uns – und nicht nur, weil nun einmal von »Mephistopheles Merck« die Rede war –, wie es zu der in der Entstehungsgeschichte des »Faust« so lange hingehaltenen, so spät erfundenen Wette zwischen Faust und Mephistopheles kommt. Faust ist wieder einmal »des Treibens müde«:

»Und so ist mir das Dasein eine Last,
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.«

Aus welchem Grund kommt die Verzweiflung? Aus vielen Gründen; ja, Fausts Rede legt einem nahe, zu sagen: aus allen Gründen des Lebens; indem aber der Dichter seinen Faust die Gründe benennen läßt, hebt er einen davon durch Schreibweise und Unterstreichung hervor:

»Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen.
Den Tag zu sehen, der mir in seinem Lauf
Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nicht Einen...,«

wobei »Einen« beidemale großgeschrieben und unterstrichen ist. Faust aber ist hier nicht der Mann, sich nur zu beklagen. Dem Lamento folgt die metaphysische Diagnose. Nein, es ist nicht nur der Laune seines Schicksals, oder dem kapriziösen Charakter seines Begehrens zuzuschreiben, daß ihm bislang kein Wunsch erfüllt wurde; auch nicht dem Übermaß seiner Sehnsucht, oder seinem aufs Unendliche gerichteten Streben, das an keinem irdischen Ziel Genüge fände: der wahre Grund ist die prästabilierte Dissonanz zwischen Innen und Außen, Seele und Welt, der Poesie des inneren Gesichts und der unnachgiebigen Prosa des »Wirklichen«, dem Ruf der inneren Stimme und jedweder Antwort, die das äußere Dasein zu geben vermag. Wie der Mensch in die Welt hineinruft, so schallt es nicht zurück:

»Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Innerstes erregen;
Der über allen meinen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen...«

Die Einsicht in diese metaphysische Unstimmigkeit der menschlichen Existenz – Hegel sah darin den Grund alles Romantischen – ist gewiß eines der Hauptthemen von Goethes Dichten, seiner berühmten poetischen Wirklichkeitstreue, seiner Naturfrömmigkeit Kontrapunkt; und diese wäre ohne solchen Gegensatz nicht, was sie ist: nämlich ein das Goethesche Leben sowohl wie das Goethesche Werk tragender Glaube. Dieses Werk aber verdankt sein Wortgefälle, sein mitreißendes lyrisches Strömen, dem Umstand, daß so viele Widersetzlichkeiten und Anfechtungen mitgerissen sein wollten in die Bejahung. Denn läßt sich auch stets von neuem – und in stets neuen Abwandlungen – in Goethes Dasein und Dichten das hohe Ja-Lied des sehenden, schauenden Türmers vernehmen:

»Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehen,
Es sei wie es wolle,
Es war doch schön! – «

so bricht es doch immer wieder ab, sobald das ins Religiöse und sogar ins Wissenschaftliche gesteigerte ästhetische Schauen der glücklichen Augen auf andere, auf moralisch-praktische Art der Welt gewahr wird – wie Lynkeus unmittelbar nach der Lobpreisung der in der reinen ästhetischen Kontemplation so schönen Welt den Brand erspäht, der die Hütte von Philemon und Baucis, ja das alte Paar selber vernichtet:

»Nicht allein mich zu ergetzen,
Bin ich hier so hoch gestellt,
Welch ein greuliches Entsetzen
Droht mir aus der finstern Welt!«

Freilich sträubte sich Goethe in heftigen Lehrgedichten gegen ein »Naturbetrachten«, das streng zwischen Außen und Innen unterschied:

»Nichts ist drinnen, nichts ist draußen
Denn was innen, das ist außen.«

Und

»Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male...;«

aber was den Menschen, was zum Beispiel seinen ewig-strebenden Faust betrifft, so erscheint doch die Inkongruenz zwischen dem inneren Verlangen und den Möglichkeiten der Erfüllung in der äußeren Welt stets als das Verhängnis schlechthin. Was sollte denn sonst auch das »ewige Streben«, wenn es vielleicht gleich um die nächste Ecke der Außenwelt an sein Ziel kommen könnte?
In der Mitte dieses Mißstandes der Menschennatur ist bei Goethe immer wieder das Liebesverlangen: Werther, Gretchen, Tasso, die »Wahlverwandtschaften«, die Marienbader »Elegie«. Diese oft tödlichen Verstrickungen ergäben jedoch nur traurige Liebesgeschichten, wären sie nicht durch die Gefühlserkenntnis der Dichtung in jene exemplarische Klarheit gehoben, wo die Zufälligkeit der So-und-so-Verhältnisse von ihnen abfällt; und da zeigt sich denn, daß die widrigen Umstände in ihrer jeweiligen Tatsächlichkeit nur das vergängliche Gleichnis sind für die Disproportion der menschlichen Innerlichkeit (und nicht nur des Genies, wie Goethe einmal in bezug auf seinen »Tasso« gesagt haben soll) – die Inkommensurabilität der menschlichen Innerlichkeit mit dem Leben. Auf diese in der Ordnung oder Unordnung der Welt begründete Zwietracht zwischen seelischem Innern und weltlichem Außen deutet die vom Dichter ausgewählte oder erfundene Konfiguration der Umstände in ihrer flüchtigen Kontingenz als auf ihre wahre Bedeutung hin. Wäre es anders, so wäre längst geschehen, was mancher dem neueren historischen Sinn oder Unsinn ganz Ergebene für geschehen erachtet: daß uns – zum Beispiel – Werthers Schicksal nicht mehr zu bewegen vermöchte, weil die bürgerliche Konvention, die seine Liebe vereitelt, so passé ist wie der ungebrochene Überschwang der sprachlichen Gefühlsäußerung; daß uns Tasso kalt ließe, weil es seither nicht nur viel weniger Prinzessinnen gibt, sondern auch die wenigen manchmal sich von noch geringeren Künstlern, als es Dichter sind, umarmen, küssen, ja ehelichen lassen; daß die Liebe Ottiliens, wie das Mädchen selbst, längst zum Schatten verwelkt wäre, weil in den Schlafzimmern der Zeit, besonders in den an die Literatur angeschlossenen, ein Kommen und Gehen herrscht und ein so mannigfacher Verkehr wie auf den Straßen der Großstädte. Nein, die äußeren Begebenheiten sind im geglückten Werk nicht viel mehr als historisches Kostüm: es bleibt aber der Leib der Dichtung; sind zeitbedingte Maschinerie: es währt aber die Kraft, die sie treibt; sind die der Epoche entliehenen Zeichen: es gilt aber noch immer, was sie bezeichnen.
Ähnlich war es ja bereits um die oft gerügten groben Zufallsmanöver bestellt, die sich Shakespeare einfallen ließ, um Romeo und Julia sterben zu lassen. Denn das »Wie« der äußeren Katastrophe tut nur wenig zur Sache, nachdem die Verse der Liebeslyrik als die geformte Äußerung der Seele das ihre getan hatten, das dunkle Geheimnis an den Tag zu bringen: daß für dieses innere Gefühl weder Verona noch sonst die Welt der rechte Ort ist, und der Gott des Innern die Macht nicht hat, sich das Außen gefügig zu machen. Diese Tragik, die bei Shakespeare in erster Blüte steht, reift bei Goethe zur Altersweisheit der Entsagung, der stets so verwunderlichen, weil sie mitten im Reichtum der Gaben des Genies und der Liebenswürdigkeit verkündet wird, und verdorrt im Spätherbst von Kafkas Parabeln des Absurden. Die Liebe der Kinder und die Feindschaft der Eltern Montague und Capulet, oder Werther und Lottes Verlöbnis, oder Hamlet und die Fäulnis im Staate Dänemark, oder der Untertan Tasso und die Prinzessin von Este, oder Ottilie und die Ehe Eduards, oder der greise Dichter und das blutjunge Ding in Marienbad, oder der Landvermesser K. und das Schloß sowohl wie das Dorf – Namen sind es, Einrichtungen und Chiffren einer dem Zufall anheimgegebenen äußeren Welt; Notwendigkeit liegt allein darin, daß diese Welt, sei sie sonst wie immer, mit dem Innern des Menschen in unlösbaren Widerspruch gerät.
Mit solchen zeitentrückt-zeitnahen Überlegungen war ich beschäftigt, als man mir schrieb, daß ich mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis geehrt werden sollte. Eine Dankrede, sagte man, werde erwartet. Wovon, vom Danke abgesehen, sollte die Rede sein? Es schien, daß der Zufall – wenn es einer war – entschieden hatte. Hier war die Verleihung eines Essay-Preises, der den Namen Johann Heinrich Mercks trug, und hier war ein Essay im Werden, der in der literarischen Hauptsache von der Wette zwischen Faust und Mephistopheles (Mephistopheles Merck) handelt. Es war klar, daß der Essay meine Dankrede sein mußte. – Nichts da! Er wurde viel zu lang. Und das konnte wohl kaum anders sein. Denn ist auch Fausts Teufelspakt dieses Essays eigentliches Thema, so ist doch das Thema hinter dem Thema eben die Inkongruenz zwischen Innen und Außen. Und soll Faust die Wette gewinnen, so muß die metaphysische Krankheit sich in seinem weithin stellvertretenden Fall als unheilbar erweisen: nichts Wirkliches, und sei es auch durch Magie erhöht und verschönt, wird je den Hunger seiner Seele stillen können. Nein, das Thema von Fausts Wette läßt sich nicht auf Fausts Wette beschränken – gewiß nicht, wenn derjenige, der sich damit abgibt, aufmerksam in dieser Zeit lebt. Hatte doch Goethe selbst schon sein Kreuz damit – mit dem Pakt selbst wie auch mit dem Konflikt dahinter: dem Konflikt zwischen Innen und Außen. Der dem Außen zugewandte welttätige Prometheus und der in sein Inneres und seine Träume versunkene Epimetheus sind Goethes poetisch sublimste Verkörperungen des Gegensatzes, und seine berühmtesten sind Antonio und Tasso. Es stimmt schon, daß er in der langen Zeit nach dem »Werther« für die Schlichtung des endlosen Streits durch das aktive Leben, durch den heilsamen Eingriff in das Außen zu plädieren geneigt war: man denke nur an »Wilhelm Meister«, an »Faust«; jedoch blieb das Plädoyer stets ambivalent. Denn einerseits verdient sich nur derjenige Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß, aber andererseits heißt es, daß der Handelnde immer gewissenlos sei: »es hat niemand Gewissen als der Betrachtende«. Teils ist Antonio, der Tätige, ein eifersüchtiger und mißgünstiger Politiker, teils aber auch der Freund, an den der schiffbrüchige Dichter, der innige, sich wie an einen rettenden Felsen anklammert. Und in den »Wahlverwandtschaften« ist es der stets tuend-geschäftige Mittler, der dennoch nur dem Quasi-Naturgesetz assistiert, das Ottilie an ihrer mit den menschlichen Umständen des Außen zerfallenen Innerlichkeit zugrunde gehen läßt. Und Faust? Daß im Anfang das Wort war, oder der innere Sinn, will ihm, dem Neuübersetzer des Johannes-Evangeliums, so recht nicht einleuchten, weshalb er getrost schreibt: »Im Anfang war die Tat.« Da knurrt und bellt aber auch schon hielt nur wenig von der Tat und dem äußeren Tun, um so mehr dafür vom inneren Glauben an das Gotteswort als der Quelle des Heils.
Man sieht: es ist ein hochgespanntes Pendel, das da schwingt; und spricht man von diesem Gegensatz, so geht die Rede von einer Grundfigur der Epoche. Ein Schritt nur – und wir sind bei Hegel; bei Marx, der sich ja schon zu Wort – und Tat – meldet, da der mit Blindheit geschlagene Faust wähnt, daß die Schaufeln, die sein Grab schaufeln, den freien Grund bereiten, auf welchem er dereinst mit freien Volk stehen wird, zum Augenblicke sagend: »Verweile doch, du bist so schön!«, ohne jedoch zur Hölle zu fahren. Ein weiterer Schritt und wir sind bei Rilke, der in den »Duineser Elegien« den langen Krieg zwischen Innen und Außen auf seine Weise beendet: »Und immer geringer schwindet das Außen«, und »Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen«, und Verwandlung der Welt in menschliche Innerlichkeit ist das Ziel des »Herz-Werks«, das er sich auferlegte. – Nein, es war nicht daran zu denken, den weitläufigen Essay vorzulesen. Ich muß Sie, sollten Sie etwa neugierig sein, vertrösten.(1) Auch wäre es ja nicht gerade schicklich, sich so gründlich auf die Erforschung einer Zwietracht einzulassen, wo doch einmal die seltenste Harmonie obwaltet: nämlich zwischen äußerem Anlaß und innerer Stimmung, öffentlicher Ehrung und herzlicher Dankbarkeit.

(1) Der Essay ist einer der vier, die mein in diesem Jahr im Insel Verlag erscheinendes Buch »Essays über Goethe« bilden. Teile des Essays wurden in diese Dankrede aufgenommen.