Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Wolf Biermann

Wolf BiermannWolf Biermann

Liedermacher und Lyriker
Geboren 15.11.1936
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1991
Laudatio von Marcel Reich-Ranicki
Dankrede von Wolf Biermann
Urkundentext

Durch Witz, Eigensinn und Ehrlichkeit der Wahrnehmung ermutigt uns sein Werk zu eigener Wahrhaftigkeit und Courage.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Herbert Heckmann
Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst), Günter de Bruyn, Walter Helmut Fritz, Hartmut von Hentig, Ivan Nagel, Oskar Pastior, Lea Ritter-Santini, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

»Der gräßliche Fatalismus der Geschichte«

Es muß einen wie mich ja entzücken, daß die höchste literarische Auszeichnung in Deutschland nicht etwa unter dem großen gemeinsamen Nenner Goethe steht, sondern ausgerechnet an den Namen unseres größten Dichters gebunden ist. Georg Büchner, ein Staatsfeind! ein verjagter Umstürzler! ein verreckter Aufrührer! Gefahndet wurde nach ihm. Und er entwischte seinen Häschern mit knapper Not.

Dem Historiker Walter Grab in Tel Aviv verdanken wir die Bekanntschaft mit dem vergessenen radikalen Demokraten Wilhelm Schulz, Zeitgenosse Büchners und Leidensgenosse. Nach seiner abenteuerlichen Flucht aus dem Kerker freundete er sich im Exil in Straßburg mit Büchner an und wohnte mit ihm dann auch im selben Haus in Zürich, wo beide sich um einen Lehrauftrag an der neugegründeten Universität bewarben. Schulz schrieb 14 Jahre nach dem Tod des Freundes:

»Keiner wußte es besser, als Büchner selbst, daß er kein Shakespeare war. Aber wenn irgend Einer, so hatte er das Zeug dazu, es zu werden [...]. In ihm hätt Deutschland seinen Shakespeare bekommen, wie es 1848 beinahe seine Freiheit und seine Einheit bekommen hätte. Aber es hat so wenig diese verdient, als Jene [...] dieses Deutschland – oder nenne man es lieber die unselige Verdrehtheit und Zerrissenheit der socialen Zustände – hat ihn auch ums Leben gebracht.«

Was wir schon dunkel ahnten, dank Walter Grab, genannt der Jakobiner-Grab, haben wir es schriftlich: Büchner ist im Exil am lieben Vaterland krepiert und nicht nur in Zürich am Typhus gutbürgerlich verstorben. Aber was heißt hier »hätte Deutschland seinen Shakespeare bekommen, wie [...] seine Freiheit und seine Einheit [...]« – Wir haben die Freiheit (welche auch immer!), wir haben sogar die Einheit (frag mich nicht welche! und wir haben einen Dramatiker von des Elisabethaners Kaliber. Seine drei Stücke beweisen es ja.

Der Büchner-Preis hat freilich nebenbei auch seinen Preis. Ich, der x-te Laureat, muß mich gewiß nicht ängstlich an den belorbeerten Wortathleten vergangener Jahre messen. Und schon gar nicht mißt sich der Preisträger 1991 an den ewig nach schnell verderblichen Genies suchenden Juroren mit ihrer zeitgeistlichen Wünschelrute in den Händen. Aber messen muß sich jeder Preisochse in Darmstadt an diesem Büchner. Sowas tut weh. Und das ist womöglich der größte Gewinn: Man weiß wieder schärfer, wo Gott wohnt, und lernt ohne alle lumpenhafte Bescheidenheit wieder Bescheidenheit. Falls wir es auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten je vergaßen: Gemessen an diesem frühgestorbenen Riesen sind wir alle nur langlebige Zwerge.

Bei dem Jahrtausendgenie Georg Büchner gibt es keinen Abfall. Und doch stochert jeder rum wie im Müll und findet, was er grade am allermeisten braucht. Woyzeck – lieber armer Mörder! Dantons Tod – es lebe der König! Leonce und Lena – die hinreißende, die aufreizende Langeweile der Parasiten! und das Lenz-Fragment – wen das nicht umhaut, der hat nie gestanden. Und Büchners politische Umtriebe: die illegale Gründung einer geheimen »Gesellschaft der Menschenrechte« in Gießen. Der Hessische Landbote – ein aggressiver Traum mit statistischen Stacheln! Aber das wahre Wunder an diesem Menschen ist, daß er auf zwei Beinen ging. Unter lauter tagespolitischen Vierfüßlern und abgehobenen Einbeinern war Georg Büchner ganz ein Dichter und zugleich ganz ein Mann der politischen Tat.

Seine aufklärerische Hetzschrift für die Bauern in Hessen hat die Sprachkraft der Bibel und hatte damals die Sprengkraft einer Anarchistenbombe. Freilich, Sie wissen ja, es versagte der Zünder.

Im Juni 1833 schrieb der junge Mann an seine Familie nach Darmstadt:

»Ich werde zwar immer meinen Grundsätzen gemäß handeln, habe aber in neuerer Zeit gelernt, daß nur das notwendige Bedürfnis der großen Masse Umänderungen herbeiführen kann, daß alles Bewegen und Schreien der Einzelnen vergebliches Torenwerk ist. Sie schreiben – man liest sie nicht; sie schreien – man hört sie nicht; sie handeln, man hilft ihnen nicht [...] Ihr könnt voraussehen, daß ich mich in die Gießener Winkelpolitik und Kinderstreiche nicht einlassen werde.«

Wir wissen, das sollte eine Beruhigungspille für die Eltern sein. Gut ein Jahr später ließ Büchner sich nämlich doch ein, er machte genau solch einen todernsten Kinderstreich zusammen mit einem Häuflein Vereinzelter: ›Der Hessische Landbote‹ wurde heimlich gedruckt und sollte illegal verbreitet werden. – Für diese Tat aus vertaner Druckerschwärze bewundern wir Büchner und lieben ihn, obwohl wir ja wissen, daß diese Flugschrift gar nichts bewirkte. Büchner und seine paar Freunde erreichten nicht einmal ein Zipfelchen jener »großen Masse«, von der er behauptet, sie allein könne etwas in der Gesellschaft verändern.

Keiner der gemeinten Adressaten kam damals überhaupt an das Pamphlet ran. Nur wenige Schwache lasen die starken Worte, geschweige denn tat irgendwer danach.

Wie es so geht, ein Spitzel war außerdem noch im Spiel. So tappten diese paar Freiheitsfreunde in die Falle, sie gingen verschütt und kaputt. Büchner entkam mit viel Glück. Bei Wissembourg sprang er über die rettend Grenze in das Elend des Exils. Die einzigen wirklich guten Leser seine Hetzschrift blieben damals des Verfassers Todfeinde, es waren die Zensoren mit der feinen Nase und die erbarmungslosen Vollstrecker, es waren hirnlose Gedankenbüttel und scharfsinnige Plattköpfe in der Justiz, Die revolutionssüchtigen Worte unseres Dichters führten also nicht zu dem was man so Taten nennt.

An diesem Mangel leiden wir alle. Es ist das Dilemma und die Berufskrankheit der meisten Intellektuellen, die mit Worten sagen, daß Worte nicht ausreichen. Wir, deren Beruf es wurde, hauptsächlich mit Papier umzugehn, haben eine manchmal wütige, manchmal melancholische Sehnsucht nach dem praktischen Leben: Taten wollen wir tun. Aber was sind schon Taten? Daß auch das Wort Tat sein kann und Untat, das wissen wir wohl. Aber wir wissen’s nur im Kopf und wolln es im Herzen nicht wahrhaben. Viele kleine deutsche Fauste genießen das Privileg geistiger Arbeit, und zugleich erleiden sie den Mangel an praktischem Leben, den sie bei solcher Arbeitsteilung in Kauf genommen haben.

Dabei geht es gar nicht so sehr um einen Zwiespalt zwischen dem, was die Nazis mit den Schlagworten »Arbeiter der Faust« und »Arbeiter der Stirn« meinten. Die meisten Intellektuellen leiden kaum daran, daß sie ihre Fäuste nicht auch als Klempner, als Boxer, Zuhälter, Bäcker oder Maurer gebrauchen. Nein, Taten, von denen nicht nur in Deutschland allerhand Eierköpfe träumen, sind Taten bei irgendeiner politischen Produktion, sowas wie: Revolution, bißchen Drachen töten, irgendwelche kleinen Tyrannen aufmischen, Sabotage an der Unterdrückungsmaschinerie.

Die allermeisten, ich auch, wollen das sein oder werden, was der Philosoph Aristoteles einen Menschen nennt: ein zoon politikon. Das heißt auf deutsch: Ein Tier wollen wir sein, das in der polis lebt und sein Gemeinwesen gestaltet – ein Tier mit einem etwas größeren Freiheitsgrad als Termiten in einem totalitären Staat.

Seit wir merken, daß die Menschheit unter der Fahne der Aufklärung blind ins Verderben rast, denken wir verschärft über die Grenzen der praktischen Vernunft nach. Und mancher kippt dabei zurück ins mystische Mittelalter. Was ist da Ursache und was Wirkung? Kommen wir der Menschheit geduldig mit sanften Argumenten und Vernunftgründen, um die alles verderbenden Mächte zu verderben, oder versuchen wir, sie mit geistloser Gewalt zu stürzen, damit man dann endlich vernünftig reden kann? Zwei Jahre nach dem Landboten verfaßte der Arzt Büchner in Zürich seine Probevorlesung »Uber Schädelnerven«. Da findet sich die gleiche Frage in medizinischer Verkleidung: Haben die Menschen die Hand zum Greifen –oder greift der Mensch, weil er Hände hat? Doktor Büchner tanzte da eine philosophische Pirouette vor, die uns heute noch schwindlig macht. Was ist angesagt; Soll man Taten tun oder Taten tuten? Und welcher Art Taten wäre da Torenwerk und Kinderstreich?

»Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. [...] Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen.«

So schrieb Büchner mit 20 Jahren an seine Braut. Ja, er mag nicht. Aber genau diesem unbequemen Gedanken ging er dann tiefer nach: dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Der junge Mann durchschaute ihn mit Schaudern und hat sich trotz alledem beherzt gegen das schicksalhafte Verhängnis mit seiner ganzen kleinen Menschenexistenz geworfen: ohne Rücksicht auf den deutschen Shakespeare, der er schon war und noch werden sollte. Was für eine romantische Rangordnung der Wichtigkeiten!

Wir können einen aufschlußreichen Vergleich ziehn: Brecht, immerhin ein Jahrhundertgenie. Bertolt Brecht bewegt sich in seinen besten Gedichten auf der Höhe von Büchners Stücken. Und Brecht wußte peinlich genau, daß er ein unersetzbares Einzelexemplar ist. Er verbot es sich, seine Existenz im weltgeschichtlichen Handgemenge zu gefährden.

Nicht mal seine Mitarbeiterin Ruth Berlau, die Dänin, die ihm im Hellen wie im Dunkeln unabkömmlich war, hatte er an den Bürgerkrieg gegen Franco ausleihen wollen. Die Gewehre der Frau Carrar für den Kampf gegen General Francos Faschisten? Ja. Aber nicht Brechts Ruth Berlau nach Barcelona zu den Interbrigaden! Wütend rief er sie aus Spanien an seine schnell wechselnden Schreibtische nach Skandinavien zurück. Er befahl sie wie ein General wieder an die Front der Worteschlachten. Brecht brauchte sauber geschriebene Manuskripte für die nächste Stückfassung. Der Dichter fand, daß er in Svendborg und Hollywood größere Kriege zu gewinnen hatte als alle derzeitigen Freiheitskrieger der Welt.

Brecht lebte das kalte Prinzip der Zweckmäßigkeit, das brutale Primat seiner Produktivität über so wacklige Werte wie Freundschaft, Liebe und Solidarität. Nach Jahren des Exils in Dänemark, Schweden, Finnland durchquerte er fluchtartig die heißgeliebte Sowjetunion. Keins seiner Jubelgedichte über Stalins Vaterland aller Werktätigen hielt ihn im Land des »Großen Oktober der Arbeiterklasse« fest. Zum Glück, muß man sagen, denn Brecht hätte das Exil am Busen der Schlange nicht überlebt, er wäre krepiert im Gulag wie Carola Neher. Brecht ließ seine allerliebste und allerwichtigste Mitarbeiterin, die schwindsüchtige Margarete Steffin, sterbend in Moskau zurück und rettete sich vor seinen geliebten Genossen mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok zum allerletzten Schiff, das ihn über den Pazifik zum Klassenfeind nach Amerika brachte.

Kurz bevor er die kalifornische Küste erreichte, trennte Brecht sich von einem wichtigen Teil seines Reisegepäcks. Weil er Scherereien mit den Einwanderungsbehörden vermeiden wollte, fütterte der Surabaya-Johnny an der Reeling die Haifische mit Lenins Gesammelten Werken in einer stürmischen Nacht unter dem Moon von Alabama. Ja, das Meer ist blau, so blau... ...Und der Brecht war schlau, so schlau.

Gräßlicher Fatalismus der Geschichte? Büchner war da anders.

Ich sah dieser Tage im Fernsehn Dokumentaraufnahmen von einem Aufmarsch in Dresden. Ein Nazilied wurde gebrüllt Sieg Heil! Sieg Heil! und immer wieder der Hitlergruß. Vorneweg frisch bundesrepublikanisierte VP- und Stasi-Bullen mit ihren nagelneuen Westhelmen und Plastikschilden und Knüppeln, sie eskortierten die johlenden Heil-Hitler-Sachsen. Warum bloß schreiten Sie nicht ein, fragte verzweifelt der Fernsehreporter aus Köln den Einsatzleiter der Polizei. Wieso, widersprach der Beamte und Ritter des Knüppelkampfes in seinem gemütlichsten Sächsisch: Die Demonstration dieser Bürger ist ordentlich angemeldet, und wir schützen sie.

– Aber die rufen doch faschistische Losungen und machen den Hitlergruß!

– So? sagte der Oberbulle – ich sehe nischt. Gräßlicher Fatalismus der Geschichte.

Meine lieben Ossis, ich mag sie nicht mehr. Sie wurden mir vor 16 Jahren gestohlen, und sie können mir gestohlen bleiben. Einzelne tapfere und kluge Menschen gab es immer, auch in den finstersten Zeiten, und ich werde sie immer achten und immer lieben.

Das weiß ja jeder: In finsteren Zeiten sieht es so aus, als hätten die Mächtigen für ewig die Sonne ausgeknipst. Solche menschengemachte Nacht dauert oft länger, als mancher von uns dauert. Aber helle Sterne gibt es trotz alledem, auch wenn ich sie durch die Wolken aus Regen und aus Rauch nicht seh. Es waren immer einzelne gute und mutige Menschen, die stehn für die Menschheit. Sie sind Stern am Himmel und ein Schluck Wahrheit in den

Wüsten der Lüge. In den Zeiten des Hessischen Landboten waren es Namen wie Weidig, Minningerode, Schütz und Zeuner. In den Zeiten der Unterdrückung unter Ulbricht und Honecker gab es genau solche Menschen auch, und ich könnte die dreißig Minuten, die ich hier rede, einfach verbrauchen für die Aufzählung der Namen. Ihnen verdanke ich, daß ich heute hier stehe, und für sie stehe ich: Volker Böricke, Bernhard Theilmann, Max Hoyer, Ingeborg und Otto Manigk, Mathias Wegehaupt, Helga Novak, Jürgen und Lilo Fuchs, Bernd Markowski, Pofi Pofahl, Emmchen Liebig, Reimar Gilsenbach, Jürgen Böttcher, Ilja und Vera Moser, Peter Graf, Peter Herrmann, Ralf Winkler, Sabine Grzimmek, Susanne Frost, Ekke Maaß, Doktor Tsouloukidse, Rolf Schälike, Siegmar Faust, Mathias und Tine Storck, Horst Mölke, Horst Hussel, Lothar Reher, Erhard Frommhold, ach und die furchtlose Eva-Maria Hagen – und so viele viele, die ich nicht kennen kann, ich hör schon auf. Ja, viele, nicht wahr? Aber doch nur ein Häuflein mehr oder weniger Aufrechter, einzelne kleine Menschen, die es immer wieder gab und überall gibt. Sie sind die menschlichen Menschen, die 36 Gerechten, ohne die es keine Götter mehr gäbe und keine Menschheit.

Aber das massenhafte, das breitärschige Selbstmitleid der wohlgenährten Untertanen in der ehemaligen DDR widert mich an. Es ging ihnen zu lange zu schlecht, und es ging ihnen dabei offenbar nicht schlecht genug. Ihr Glück, daß nebenan steinreiche Verwandte leben, wird zum Pech. Den ruinierten Tschechen und den verarmten Polen geht es da besser, denn sie wissen, daß sie sich selbst helfen müssen, und sie tun es mit großem Elan. Die meisten Deutschen in der Ex-DDR aber glotzen gelähmt über die geschleifte Mauer auf den wohlsituierten Bruder. Sein Geiz ärgert sie, seine Großzügigkeit kränkt sie. Die Besserwisserei der Wessis beleidigt, sogar ihre Hilfsbereitschaft macht mißtrauisch. Die Cleverness der Westler treibt die entlassenen Heimkinder des Ostens in eine neue Unmündigkeit. Wie es im Liedchen heißt:

»Der Schwejk im Goldenen Prag, er vergleicht

Sein Heute vergnügt mit dem Gestern

In Halle Herr Schultz ist verzweifelt, der Mann

Vergleicht immer nur mit den Schwestern

Und Brüdern im Goldenen Wessiland

Die Einzigen, die fröhlich klotzen

Sind Stasischweine im Manager-Rausch

– ach, ich finde den Osten zum – Küssen«

Sie haben sich halt viel zu wenig in ihre eigenen Angelegenheiten eingemischt. Sie wollten billig davonkommen, und sowas kommt eben teuer. Es gab keine Charta 77 in der DDR, zu einer Gewerkschaftsbewegung wie in Polen gab es nicht mal Ansätze, im Gegenteil. Als Jaruzelski seinem frechen Volk mit Panzern statt mit Schinken das Maul stopfte, da waren die meisten DDR-Menschen der Meinung: Diese dreckigen faulen Polen sollten erst mal das Arbeiten lernen.

Ach, und der permanente Aderlaß. Die unruhigen Geister der DDR potentiellen Rebellen wurden 40 Jahre lang in den Westen getrieben oder vom Vogel verkauft. All zu viele der übriggebliebenen hellen Köpfe, so manche Dichter, lagen bis zuletzt mit der Partei im Bett. Es bildeten sich kleine Nester des Widerstands. Es gab beseelte Kristallisationsnienschen wie Robert Havemann und Bärbel Bohley und Katja Havemann und Reinhard Schult und Jens Reich und Wolfgang Templin, Roland Jahn, die Pastoren Schorlemmer und Walter Schilling, es gab den Waldschrat Mathias Büchner in Erfurt, Hans-Jürgen Fischbeck, Ralf Hirsch, Old Popow und seine Ulrike Poppe in Berlin, Roland Geipel in Gera, Michael Beleites mit seinem Pechblende-Pamphlet über den Uranbergbau in der Wismut. Aber alle Oppositionsgruppen waren von Stasi-Metastasen zerfressen. Rechtsanwalt Schnuur, Waisenkind Böhme, Jutta Braband, Heimkind Monika Heger, der hochbegabte Poet Heinz Kahlau, der sich nun entblößt und beknirscht hat, der unbegabte Schwätzer Sascha Arschloch, ein Stasispitzel, der immer noch cool den Musensohn spielt und hofft, daß seine Akten nie auftauchen. Das MfS setzte seine Kreaturen überall an die Spitze der Opposition, um sie besser abbrechen zu können.

Nichts wird vergessen, aber alles wird verziehn. Es tut noch weh, aber der Stachel ist aus dem Fleisch. Genug geweint und geflucht. Ich lerne grad ein Verzeihen, das sich ausschüttet vor Lachen. Ich laß Euch los, ihr Trauergestalten: Ruhet sanft, kratzt euch den Sand aus der Hirnschale und werft ihn euch selber mit dem Schaufelchen hinterher ins Grab! Ketchup über das zertretene Herz der Revolution. Die Kilobites aus Glanz und Elend sind längst auf einer Diskette im Computer gelandet, gespeichert in Milliarden Jas und Neins. Die Festplatte surrt. Ein Leichentuch aus Gelächter liegt über den finsteren Zeiten.

Die Revolution in der DDR war wohl doch keine Revolution, sondern mehr ein günstiger Notverkauf der Russen, ein welthistorisches Abfallprodukt der Perestroika. Ohne Gorbatschow würden manche heldenmütigen DDR-Schriftsteller heute noch den Stiefel küssen, der sie tritt. Und die Ausländer-Raus-Faschos in Hoyerswerda würden noch immer brav ihre FDJ-Lieder brüllen. Brave Bürger, die ihnen in Hoyerswerda beim Pogrom zuschauten und Beifall klatschten, würden immer noch ins Wahllokal trotten

und mit 99 % die Kandidaten der Nationalen Front wählen. Viele der jungen Faschisten im Osten kommen aus einstmals staatstragenden Familien. Papa war kleiner Funktionär, jetzt isser arbeitslos und säuft sich vor der Glotze die alten Märchen aus der Birne. Gestern noch trugen sie das Blauhemd der FDJ und grölten »Schbanjens Himml« oder schlichen im typischen Anorak der Stasi-Spitzel durch die Straßen – nun marschieren sie glatzköpfig in der glänzenden amerikanischen Bomberjacke und reißen den rechten Arm hoch zum Führergruß – es ist das gleiche brutale stumpfsinnige Pack.

Wenig Eigenes. Sogar die berühmt gewordene Wortschöpfung des Jahres »Wir sind das Volk!« ist ja ein Plagiat, schlecht abgeschrieben aus Georg Büchners Stück. Das schöne Zitat aus ›Dantons Tod‹ haben sich diese ewig Verkürzten zurechtgestutzt. Beim Originalautor schreit ein lynchlustiger Bürger auf der Straße dem Robespierre zu: »Wir sind das Volk, und wir wollen, daß kein Gesetz sei; ergo ist dieser Wille das Gesetz, ergo im Namen des Gesetzes gibt‘s kein Gesetz mehr, ergo totgeschlagen!«

Totgeschlagen wurde kein einziger Folterknecht, kein Schießbefehler, kein Menschengroßhänder, kein Denunziant, kein Milliardendieb. Das, was sie sich an Aggressionen gegen ihre Unterdrücker nicht trauten, lassen diese Feiglinge jetzt an den Schwächsten aus, an Vietnamesen, die ihnen jahrelang in den verfaulten Chemiefabriken die gefährliche Dreckarbeit machten. Sie stürzen sich nicht in die Aufbauarbeit, sondern auf kubanische Mohren, die in den VEBs Castros Schuldigkeiten taten, ich meine die sozialistisch ausgeliehenen Arbeitssklaven. Die Meute wagt sich an elende Zigeuner aus Rumänien, auf wehrlose Kinder machen die angesoffenen Schwächlinge Jagd.

Jorge Gomondai wurde in Dresden von jungen Deutschen umgebracht. Sie schlugen ihn zusammen und warfen ihn aus der fahrenden Straßenbahn. Das passierte grad zu Ostern. Eine schöne Auferstehung: Der eine kommt, der andre geht, das eiskalte Bett ist noch warm. Christus steigt lebendig hoch aus dem Grab, und dieser Schwarze aus Moçambique fällt hinab in die freigemachte Gruft. Er hatte jahrelang im VEB-Schlachthof als Fleischhauer gearbeitet, er hatte diesen mordsgemütlichen Jungs so manches Schnitzel aus den LPG-Schweinen rausgehackt. Egon Krenz aber und andere feudalsozialistischen Mumien auferstehn derweil in Talk-Shows, sie schmieren verlogene Memoiren zusammen und lachen sich eins. Die passionierten Großwild- und Menschenjäger zogen sich als Rentner auf ihre ergaunerten Datschen zurück und stutzen nun ihre Hecke wie früher die Gesellschaft. Der Liquidator Erich Mielke mimt den Doofen. Der elegante Lump General Markus Wolf spielt den Geheimdienst-Lord und plündert das Moralkonto seines berühmten Vaters und seines toten Bruders Konrad.

Was einer wie Büchner in diesen Tagen wohl sagen und tun würde. Die Neonazis, der Fremdenhaß, die flott gewendete SED-Mafia. Ach und im Westen die Selbstgerechtigkeit, mit der Kohl und seine geschichtslosen Sieger ihren geschenkten Triumph über einen kranken Kettenhund feiern, als hätten sie einen Drachen erschlagen. Ich denke, Büchner würde die Unbelehrbarkeit der Neofaschisten als schicksalhaftes Verhängnis beklagen, ja, als einen weiteren Beweis für den gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Aber er würde wohl gleichzeitig zu den wenigen gehören, die gegen den Strom schwimmen. Wo die Kristallnacht mangels Juden wieder an Ausländerwohnheimen geübt wird, wo halbe Kinder Feuer legen und Sieg Heil brülln, da würde einer wie Büchner praktische Nächstenliebe predigen und sich mit seinem schwachen Körper gegen den Mob stellen. Und, das versteht sich, ohne große Hoffnung auf Erfolg. Wir kommen alle nicht davon. Manès Sperber schrieb den verblüffenden Satz: »Auch wer gegen den Strom schwimmt, schwimmt im Strome.« Ob Büchner das damals schon wußte? Der ja.

Und weil ich ohne dieses heillose Hoffen nicht leben kann, suche ich, wie andere auch, nach ein paar Fünkchen Fortschritt, lechze nach Beispielen, die jenen gräßlichen Fatalismus der Geschichte doch durchbrechen.

Einen Lichtblick hab ich immerhin entdeckt: Das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR hatte einen Personalstand, der doppelt so hoch war wie der der Gestapo. Es gab also doppelt so viele Herz- und Hirnbewacher für nur 17 Millionen Menschen. Das bedeutet, Honecker hatte auf Großdeutschland umgerechnet sogar sechs- bis siebenmal so viele Spitzel wie Hitler. Und wenn man noch einrechnet, daß es vor 50 Jahren keine Computer gab, keine vergleichbar leistungsfähigen Nachrichtenwege, keine Abhörwanzen, dann war der Apparat zur Bewachung des Volkes in der DDR im Vergleich zur Nazizeit mindestens zwanzigmal so groß.

Diese gräßliche Statistik ist vielleicht das Beste, was man über die DDR sagen kann. An der Größe des Unterdrückungsapparates erkennt man nicht nur die Angst der Herrschenden, sondern auch die Widerspenstigkeit ihrer Untertanen. Ich könnte es auch andersrum und weniger erbaulich darstellen: Die Gestapo konnte so klein gehalten werden, weil die Liebe des Volkes im Tausendjährigen Reich so groß war. Die Masse der Deutschen liebte halt den Führer. Die Masse begehrte treu ergeben, feige, beutegeil, mordbereit und sterbebereit und mit allen lächerlichen Symptomen einer sexuellen Hörigkeit. In der DDR war das nicht so. Das ist ein Beweis für historischen Fortschritt, ein aufmunterndes Argument gegen Büchners gräßlichen Fatalismus der Geschichte.

Wenn ich wieder und wieder lese, denke ich: wie würde ein Hessischer Landbote in unseren Tagen aussehn? Auch er wäre bös gespickt mit aufreizenden Statistiken, Zahlen über die Karriere von Nazirichtern nach ’45 im Westen, Zahlen über die Vergeudung von Steuergeldern für hohe Pensionen an Völkermorden Das Pamphlet wäre angereichert mit empörenden Fakten über deutsche Firmen, die Massenvernichtungswaffen an Libyen, Syrien, Irak, Iran, Südafrika, Chile, Pakistan und ähnliche Musterdemokratien verscheuert haben. Solch ein Pamphlet würde Material über die Mafia der Stasi-Seilschaften beim Leichenfleddern an DDR-Betrieben liefern und womöglich spektakuläre Enthüllungen über die krummen Finger der Treuhand. Solch eine Streitschrift wäre vielleicht, wie damals auch, ohne geschichtliche Wirkung, aber in Büchners lutherstarker Sprache ein Bestseller mit Honoraren statt Strafen für den Autor und mit einem Gewinn für den Verleger. Ist das etwa kein Fortschritt?

Georg Büchner, der radikale Sozialist, hatte den aufrührerischen Wunsch, daß alle Menschen satt werden sollen. Er schrieb an seinen Freund Gutzkow: »Das Verhältnis zwischen Armen und Reichen ist das einzige revolutionäre Element in der Welt; der Hunger allein kann die Freiheitsgöttin [...] werden.«

Na dann, denke ich, wird/'s ja noch munter und revolutionär in unserem Wirtshaus »Zur schönen blauen Kugel«. Wir haben auf der kleinen Erde ja keinen Mangel an entsetzlicher Armut und keinen Mangel an aufreizendem Reichtum. Es sieht allerdings nicht so aus, als ob je aus Hunger irgendeine Freiheit kam. Im gleichen Brief schrieb Büchner nach Deutschland: »Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie. Ein Huhn im Topfe jedes Bauern macht den gallischen Hahn verenden.«

Die meisten Menschen auf dieser Welt haben kein Huhn im Topf. Und einmal im Leben ein bleu-blanc-rouges-Brathähnchen auf der Barrikade macht auch nicht satt. Als Pamphletist wollte Büchner die Geschichte zur Freiheit hin zwingen. Das mißlang ihm. Als Dichter nahm er sich die Freiheit und zeigte den zernichtenden Zwang der Geschichte. Das gelang ihm glänzend. Ich hätte in dieser Welt gern beides: mehr Freiheit von Hunger und trotzdem große Dichtung, die aus dem Hunger nach Freiheit kommt.

Die Karten werden uns von den Göttern immer wieder neu gemischt, aber die Einsätze wurden gefährlich hoch. Der Kreuzbube mit dem Steinbeil, der Karokönig mit dem roten Knopf für den atomaren Erstschlag Die Herzdame verblutet immer blutiger. Knüppel, Schwert, Armbrust Pulver und Blei, Kalaschnikow, Stalinorgel, Giftgas, Napalm, Neutronenbombe und Krieg der Sterne. Unser Spiel geht immer so weiter. Aber immer so weiter geht es nicht.

Das Tiefste gegen Büchners gräßlichen Fatalismus der Geschichte habe ich von meiner Großmutter gehört. Als sie auf dem Sterbebett lag, hielt sie sich nicht mehr an den Text meiner Ballade »Großes Gebet der alten Kommunistin Oma Meume in Hamburg«. Nix war da mehr mit »O Gott, laß du den Kommunismus siegn!« Halb taub, halb blind und weise, wie sie inzwischen geworden war, krächzte sie in ihrem lieben hallenser Sächsisch: Mei Junge ich habbe diese Nacht jeträumt, de Welt jeht unta! Aber dann hab ich drüber nachjedacht: die kann jaarnicht unterjehn!! – Da stotterte ich: Wieso kann die Welt denn nich untergehn, Oma Meume?!!! Und darauf kam aus ihrem zahnlosen Mund ein Wort, über das Albert Einstein Tränen gelacht hätte: Mei Wolf, wo soll die denn hin.