Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Peter Weiss

Peter WeissPeter Weiss

Schriftsteller, Maler und Filmemacher
Geboren 8.11.1916
Gestorben 10.5.1982
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1982
Laudatio von Walter Jens
Dankrede von Peter Weiss
Urkundentext

... der in seinem weitgespannten Werk entschiedenes Engagement für die Sache der Unterdrückten in aller Welt mit hohem Kunstverstand und artistischem Wagemut vereint.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Peter de Mendelssohn
Beda Allemann, Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Kultusministerium), Ludwig Harig, Geno Hartlaub, Herbert Heckmann, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bruno Snell (Ehrenpräsident), Dolf Sternberger (Ehrenpräsident), Gerhard Storz (Ehrenpräsident), Bernhard Zeller, Eva Zeller, Ernst Zinn

GUNILLA PALMSTIERNA-WEISS­­­­: Peter Weiss im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik

Es fällt mir schwer, den Büchner-Preis für Peter – nachträglich − entgegenzunehmen und nicht mehr als ein Wort des Dankes zu sagen. Deshalb möchte ich etwas zu dem, was man über Peter geschrieben hat, sagen − zu dem, was vor seinem Tode, vor allem aber auch nach seinem Tode geschrieben wurde. Ich möchte aber auch davon berichten, wie er auf die Preisverleihung reagierte.
Peters Einstellung zu Literaturpreisen, vor allem aber zum Büchner-Preis, war kompliziert. Noch kurz vor seinem Tode haben wir hierüber gesprochen. Einen Preis zu bekommen, wenn man jung ist, noch bevor man bekannt ist, das ist einfach. Es bedeutet Bestätigung, Anerkennung, Herausforderung und eine Aufforderung weiterzumachen.
Als Peter − vor bald einem Vierteljahrhundert − den Charles Veuillon-Preis in Lausanne empfing, war das ganz unproblematisch. Ohne Geld fuhren wir hin, Peter nahm den Preis entgegen, auf dem Rückweg fuhren wir nach Paris, dort wurde das Geld schnell kleingemacht, und genauso arm wie vorher kamen wir wieder nach Hause.
Übermut wie dieser verschwindet. Die Forderungen, die man an sich selbst stellt, werden größer. Ein Büchner-Preis, der spät verliehen wird, vielleicht zu spät, kann betroffen machen, ja Angst auslösen. Man kann wohl nicht darüber hinwegsehen, daß auch politische Gründe eine Rolle gespielt haben, warum man ihm so spät erst diese Auszeichnung zusprach.
Peter stellte sich also die Frage, ob er den Preis ablehnen sollte. Wie Sartre den Nobelpreis. Aber das wäre ein Schlag ins Wasser, meinten wir. Aber eine Rede zu halten, seine Gedanken öffentlich zu machen, weiter ganz klar und deutlich seinen Standpunkt zu vertreten, das würde seinen Vorstellungen am nächsten kommen. Die Gelegenheit wahrnehmen und dann weitergehen!
Peter hat noch Zeit gehabt, in Büchners Werken und Briefen Notizen zu machen, Textpassagen anzustreichen. Jede angezeichnete Stelle deutet darauf hin, daß es sich in seiner Rede um Kunst und Politik, um Revolution und Tod handeln sollte. Unter anderem unter Bezug auf die Lage in Polen, damals, vor der Errichtung der Militärregierung, und heute. Um die Bedeutung der Sprache und die Schwierigkeiten im Umgang mit ihr.
Hierbei muß ich an einen früheren Büchner-Preisträger denken − an Paul Celan, mit dem sich Peter bis zu einem gewissen Grade identifizierte, in bezug auf den Büchner-Preis und auch hinsichtlich seines Verhältnisses zur Sprache. Die Aufgabe, diese Rede zu schreiben und die ambivalente, die widersprüchliche Einstellung gegenüber dem Preis waren Gegenstand unserer letzten Gespräche und Diskussionen. Mehr kann ich über den Inhalt der Rede nicht sagen. Etwas hingegen aber noch über Peters Ambivalenz, weil sie mir für das Verständnis seines Werkes sehr wichtig erscheint. Ambivalenz im positiven Sinne, mit den beiden Komponenten: reifliche Überlegung und Impulsivität. Widersprüchliche Ansätze, überhaupt der Widerspruch, gehörten zu Peters Wesen, waren seine ständigen Begleiter.
Ich habe Peter 1949 bei einer Vorstellung des indischen Tänzers Ram Gopal kennengelernt. 1952 traf ich ihn wieder, und dieses Mal im Menschengewimmel auf einem Jahrmarkt. Und seitdem habe ich mit ihm zusammengelebt, habe mit diesem Mann der Widersprüche gelebt, mit allem was dazugehört.
Damals malte Peter und schrieb nebenbei. Ich war Bildhauerin und nebenbei Designer. Das Interesse für Theater und Film war der Punkt, in dem wir uns begegneten. Peter als Autor von abgelehnten Stücken und Filmmanuskripten, ich als unbezahlte Bühnenbildnerin bei Studententheatern und anderen kleinen Gruppen.
Mit dem Theater fing unsere Zusammenarbeit an, begann der Dialog, der dreißig Jahre währte. Wir haben nicht zusammen gearbeitet, weil wir zufällig zusammenlebten. Uns verband die berufsmäßige Auffassung von Arbeit, von Kunst und von der Gesellschaft. − Eine lange Entstehungsgeschichte.
Beim Lesen der meisten Arbeiten, die man über Peter vor und nach dem Tode geschrieben hat, fällt mir immer wieder auf, wie jeder hier und dort einen Teilaspekt, der seinen persönlichen Erfahrungen entspricht, herausgesucht hat, was natürlich abhängig ist von den Traditionen und Begriffen der jeweiligen Kultur. Ich habe mehr oder weniger zufällig eine ähnliche Biographie wie Peter, und vielleicht sehe ich deswegen in seiner Arbeit auch andere Strukturen und Bezüge als diejenigen, die sein Werk von außen betrachten. Ich möchte hier zwei Punkte betonen:
1) Emigration und Sprache
2) Das Aufeinandertreffen von zwei Kulturtraditionen
Dadurch, daß in seiner Person die deutsche, die zentraleuropäische Kultur und die skandinavische sich begegnen, aufeinandertreffen, sind in Peters Malerei, in seinen Filmen und in seinem literarischen Werk Gedanken enthalten − Bilder, Theorien, Synthesen − die nicht entstanden wären, wenn er nur in der einen oder anderen Tradition gelebt hätte. Aus dem so oft mit Angst erfüllten Konflikt zwischen seiner deutschen, zentraleuropäischen Herkunft und den schwedischen Traditionen, aus diesem Konflikt fand er einen Weg, bei dem sich die beiden oft weit auseinanderliegenden Lebensanschauungen vermischten und ein Neues ergaben.
Wenn man stark genug ist, wenn man genügend selbstbewußt ist, in bezug auf seine eigenen Arbeiten und wenn es einen oder ein paar Menschen gibt, die daran glauben, daß das, was man tut, wichtig und von Bedeutung ist − dann macht man eben weiter, und dann kann es sein, daß Emigration nicht immer nur von Übel ist. Natürlich ist das auch abhängig davon, in welchem Alter man gezwungen ist auszuwandern, warum und wie. Für einen jungen Menschen, der nirgends zuhause ist, mag es trotz allem auch Freiheit bedeuten, mit größeren Möglichkeiten für ein neues Ichbewußtsein.
Die kleine Gruppe von Menschen, mit denen wir verkehrten und arbeiteten, lebte mit den gleichen Fragen wie Peter: Kunst und Politik − was geschah da draußen in der Welt? Wie sollte, wie konnte man sich damit hier in Schweden auseinandersetzen? Diese kleine Gruppe war wichtig für die Entstehung seines Werkes: »Die Ästhetik des Widerstands«. Und für Peter zusätzlich die Angst um die deutsche Sprache, seine Muttersprache, das Werkzeug für seine Arbeit und um das Schwedische als Werkzeug seines Alltags.
Dieser sprachliche Konflikt führte zu der ihm eigenen Sensibilität für jedes einzelne Wort, für jede Nuance. Jedes Wort galt es zu wägen, Schreiben bedeutete Widerstand zu überwinden und zugleich zu leisten, ästhetischen Widerstand.
Peter und ich haben oft darüber geredet, daß es viele Schriftsteller gibt, die legasthenisch gewesen sind. Und daß eine Reihe von Schauspielern gestottert haben, bevor sie ihren Beruf erlernt haben. Das Wort, der Satz, das Gesprochene, Sprache ist für sie von tiefster Bedeutung, das Wichtigste, das man nicht hergibt, bevor man nicht alle Schwierigkeiten, die mit ihrem Gebrauch verbunden sind, überwunden hat.
Peter hat in beiden Sprachen, der deutschen und der schwedischen, mit der gleichen Sorgfalt, mit der gleichen Intensität gearbeitet. Er hat sich die schwedische Sprache erobert und gleichzeitig die deutsche behalten, mit ihr gearbeitet. Sechs Bücher sind in schwedischer Sprache erschienen, die letzten drei wurden aufgrund des Inhaltes abgelehnt.
Auch in unserem letzten Gespräch ging es um Sprache. Also nichts Außergewöhnliches. Das gehörte ja zu unserem Alltag. Was Peter fehlte, war die deutsche Alltagssprache, Umgangssprache, die gesprochene Sprache der Straße, der Teil der Sprache, der sich ständig wandelt. Genau diese Sprache fehlte ihm, wenn er in Schweden war.
Wir haben auch über die sprachliche Kluft zwischen den Generationen gesprochen. Auch wenn man die gesprochene Sprache beherrscht, beschränkt sie sich ja auf die der eigenen Altersgruppe. Wir sind alle eingeschlossen in unsere eigene Sprachgeneration. Die Sprache einer anderen Generation zu lernen, ist nur begrenzt möglich.
Wieder nach Deutschland zu ziehen, das hat er sicher mindestens zehnmal versucht. Aber das war für ihn nicht möglich. In Deutschland fehlte ihm das abgeschirmte Arbeitsmilieu und die kleine Gruppe von Menschen, die für seine Entwicklung so viel Bedeutung hatte. In Schweden fehlte ihm das turbulente Leben, die lebendige deutsche Sprache, die Intensität. Er wollte beides. In ihm lebten zwei Menschen, der eine, den man im Norden kannte und der andere, den man in Deutschland treffen konnte. In Schweden lebte jener, der die Stille brauchte, um zu arbeiten. In Deutschland war er der Suchende, der Material sammelte, oft geradezu euphorisch. Das sind die beiden wichtigsten Komponenten, die für sein künstlerisches Schaffen maßgebend waren. Peter identifizierte sich weder mit der einen noch mit der anderen Kultur. Er benutzte ihre Ergebnisse als Arbeitsmaterial und natürlich schuf das die Schwierigkeit: wo bin ich zuhause?
Dieses Dilemma der Emigration haben viele beschrieben. Auch bei Peter ist das bis zu einem gewissen Maße der Fall. Dieses Dilemma, diese Emigration hatte meiner Meinung nach schon viel früher begonnen, nämlich als künstlerische Emigration − nicht als Flucht, sondern aus innerer Notwendigkeit. Die äußere Emigration war eine Bestätigung der inneren, die bereits angelegt war.
Bei unserem letzten Gespräch, ein paar Stunden bevor er starb, ging es um den Ursprung des künstlerischen Schaffens. Ich möchte es den schwarzen Abgrund nennen, den wir alle in uns tragen, das schwarze Loch − so wie es im Makrokosmos schwarze Löcher gibt, so auch im
Mikrokosmos, Im Menschen, Um dieses schwarze Loch, diese Leere überwinden, müssen wir sie ständig besiegen. Und jedes Mal wenn gelungen ist, ist sie wieder da, und der Prozeß beginnt von neuem. Um dieses Dunkel zu überwinden, darum schaffen wir, sind wir schöpferisch. Für Peter war es ein ständiger Nahkampf mit diesem Abgrund. Und er vermochte das Dunkel zu verwandeln in eine konstruktive Kraft, mit der er überleben konnte. Vielleicht ist es das, was man auch den Ursprung des Schöpferischen nennt. Dieser ewige Wechsel war eine Voraussetzung für Peter, um spüren zu können, daß er lebte.
Man hat gesagt, daß Peter starb, weil er sein Lebenswerk »Die Ästhetik des Widerstands« beendet hatte, und daß »Der neue Prozeß« das definitive Ende eines desillusionierten europäischen Intellektuellen darstellte. Da kann ich nur protestieren. Es war das Ende einer bestimmten Arbeit, einer Phase.
Als er am 28. April aus Berlin nach Hause kam, voll von Eindrücken, begann er sofort mit einer neuen Arbeit. Aufzeichnungen und Skizzen zeigen deutlich neue Perspektiven und ein neues Thema, mit dem er an seine Arbeiten aus den fünfziger Jahren anknüpfen wollte.
Ich weiß ganz sicher, daß er an diesen frühen und plötzlichen Tod nicht gedacht hat, trotz der in seinen Tagebüchern immer wiederkehrenden Todesmotive und der Angst vor Krankheit. Das waren Beschwörungen. Wir wissen doch, daß es oft Furcht und Ängste sind, die man sich wegschreibt. Das Positive, die Freude, ja Humorvolles, alles das ist für ihn und nicht nur für ihn selbstverständlich gewesen. Den Peter gab es auch! Mit Hunger nach allem und allen!
Eines Tages wird man vielleicht auch diese Seite seines Wesens beschreiben, in allen seinen Variationen, zusammenfügen zum Bild eines Menschen. Nicht nur, wie jetzt, indem man ihn einseitig interpretiert, ihn nur als politisch engagierten Schriftsteller sieht, ihn vielleicht sogar idealisiert und so wirkungslos macht − so wie man es mit vielen künstlerisch, sozial und politisch denkenden Menschen gemacht hat.
Als Letztes möchte ich sagen: Peter lebte im Spannungsfeld zwischen zwei Kulturtraditionen, im Spannungsfeld zwischen zwei Sprachen, im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, im Kampf für den Fortschritt, im Spannungsfeld zwischen dem Traum von der totalen Freiheit und der relativen Geborgenheit und Sicherheit. Er lebte im ständigen Wechsel zwischen einem ereignisreichen und turbulenten Leben, das sich zwischen den Arbeitsperioden abspielte und dem Bedürfnis nach der totalen Stille während des eigentlichen Arbeitsprozesses. Vielleicht fuhr er deshalb immer wieder nach Stockholm zurück, in sein stilles Arbeitszimmer. − In das Land mit der Tradition einer langjährigen Demokratie, in dem er seit 1938 lebte und seit dem 8. November 1946 − seinem 30. Geburtstag − als Staatsbürger angehört hat.