Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Peter Rühmkorf

Peter RühmkorfPeter RühmkorfPeter Rühmkorf

Schriftsteller und Kritiker
Geboren 25.10.1929
Gestorben 8.6.2008
Mitglied seit 1977
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1993
Laudatio von Peter Wapnewski
Dankrede von Peter Rühmkorf
Urkundentext

Peter Rühmkorf, dem wir ein vielstimmiges, alle Literaturgattungen umfassendes Œuvre von hohem artistischen Rang verdanken...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Herbert Heckmann
Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst), Elisabeth Borchers, Günter de Bruyn, Iso Camartin, Eckhard Heftrich, Norbert Miller, Ivan Nagel, Hans Wollschläger

Deutschland, ein Lügenmärchen

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lieber Freund und Präsident Herbert Heckmann,

Über welchen Bibeltext sprechen wir heute zum 180. Geburtstag des Dichters Georg Büchner und im Hinblick, nun schon wieder Rückblick, auf den dritten Jahrestag der deutschen Einheit? Eine Stelle aus dem »Hessischen Landboten«: »Wehe über euch Götzendiener – ihr seid wie die Heiden, die das Krokodil anbeten, von dem sie zerrissen werden«? Das ließe sich den gewesenen Brüdern und Schwestern in den neuen Ostprovinzen vielleicht auch als Merkblatt fur den Umgang mit den Werten der Freien Marktwirtschaft empfehlen. Beziehungsweise Dantons Tod, I. Akt, I. Szene, Hérault zu Camille Desmoulins: »Jeder muß in seiner Art genießen können, jedoch so, daß Keiner auf Unkosten eines Anderen genießen oder ihn in seinem eigentümlichen Genuß stören darf.« Was man dann anders herum unseren Kreuz-, Glücks- und Konjunkturrittern des privaten Unternehmertums ins Fahrtenbuch schreiben könnte. Es sei denn, daß wir uns letzten Endes doch fur den armen Woyzeck entschieden, mit der Treuhand an seinem zunehmend matter werdenden Puls und dem moralisierenden Erbsendoktor in der Gestalt eines akademischen Evaluationsoffiziers: »Die Natur kommt, die Natur kommt!... Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit. Den Harn nicht halten können!«

Das sind nun allerdings alles ganz wunderbare und wunderbar treffende Sentenzen. Eine uns so teuer wie die andere, übrigens auch so vertraut wie die andere, denn das schmale Werk ist natürlich so schnell durchmessen wie leerzitiert. Trotzdem auf eine bleibende Weise rätselhaft, der unerschöpfliche Brunnen sprudelt auch nach 150 Jahren dichterischer und forscherischer Sondierungstätigkeit noch immer die allerbewegendsten Fragen herauf, richtige Daseinsfragen, Gewissensfragen, Entscheidungsfragen, wobei fur die Wissenschaft sogar die leidigen Datierungsfragen einen obersten Rang einnehmen können. Und wie sollten sie auch nicht, wir werden ja selbst mit hineingerissen, wo ein undatiertes Dokument wie der sogenannte »Fatalismus-Brief« sich bei falscher chronologischer Einordnung etwa wie ein Defätismusbrief lesen ließe.

Um uns nicht gleich aufs Schwierigste einzulassen (»Ach die Wissenschaft, die Wissenschaft«, sagt Valerio, »wir wollen Gelehrte werden! a priori oder a posteriori«) ziehe ich es vor, mich zunächst in den Stand der Unschuld zurückzuversetzen. Genauer gesagt, in das Jahr 1947, als ich siebzehn Jahre alt war und auf einem privaten Nachkriegsedukatorium zum ersten Mal mit dem Namen Georg Büchner bekanntgemacht wurde. Es war eine Zeit – Sie erinnern sich oder haben sie sich von kompetenten Zeitzeugen schildern lassen

– als nach der Niederwerfung der Nazis tatsächlich für einige Monate Sinn in der Geschichte zu erkennen war, wirklich faßbarer Freiheitssinn, und die gemeinheitlich bedrückende Brotfrage sogar so etwas wie einen Ahnungshauch von Egalität aufkommen ließ, da lasen wir in einem dörflichen Interessentenkreis den Danton, und ich muß schon sagen, diese schneidende Weise von Menschenspott vor Scharfrichterthronen war Musik in meinen Ohren. War das denn noch zu fassen, bzw. nicht schon fast verboten: »Es gibt nur Epicuräer und zwar grobe und feine, Christus war der feinste, das ist der einzige Unterschied, den ich zwischen den Menschen herausbringen kann.« Und wo hatte man solche gegen den leeren Himmel gerissenen Vanitaswitze überhaupt schon mal aus dem Mund eines literarischen Helden vernommen: »Es ist nicht so übel, seine Toga zu drapieren und sich umzusehen ob man einen langen Schatten wirft. Was sollen wir an uns zerren? Ob wir uns nun Lorbeerblätter, Rosenkränze oder Weinlaub vor die Scham binden, oder das häßliche Ding offen tragen und es uns von den Hunden belecken lassen« –? Also, wie gesagt, Musik, und das sogar auf eine seltsam seelenverwandtschaftliche Weise, als mein eigenes früh geschärftes Interesse an Freiheits- und Gleichheitsfragen immer schon von diesem unprogrammgemäßen Vergeblichkeitsflöten begleitet war. Aber davon will ich im Augenblick gar nicht reden. Interessanter scheint mir, daß ich mit dem nervschmirgelnden Stück nicht die geringsten Indentifikationsprobleme hatte und der bedrohlich knisternde Bühnenboden sich mir absolut zweifelsfrei zerteilte in eine Welt der Ankläger und der Angeklagten. Hier der Gefangenenchor, bzw. die jeweils individuell getönten Oberstimmen der Danton, Desmoulins, Hérault, Lucile, Julie und Thomas Payne und auf der anderen Seite die Henker und ihre Henkershelfer mit ihrem speziellen Machthaberhumor, den kannte ich noch von den Nazis her, und daß die eine Gruppe objektiv mit dem Fallmesser philosophierte und die andere unter ihm, gab meinem jugendlichen Anlehnungsbedürfnis ziemlich klare Sympathielinien vor.

Daß man das Stück auch anders lesen kann, weiß ich inzwischen wohl. Meine eigene frühe Lesart ist ja geradezu einfältig, kindlich oder doch jünglingshaft, denn wie Sie wissen und ich mich erst belehren lassen mußte, ist selbst der gräsige Saint Just noch als besonders schräg angeschnittenes Mundstück seines Autors zu verstehen, was die Sache nicht gerade gemütlicher macht. Wenn das Drama aber weder als klassische Tragödie (d. h. als ein Trauerspiel mit Katharsis und allem Komfort) zu betrachten ist und auch kein Tendenzstück gegen die sogenannten »Schreckensmänner« darstellt, was ist es dann?

Um seinem Gorgonenblick nicht auszuweichen – und sei es nur, um die Geburt des Pegasus aus dem Blut der Medusa schrittweise mitzuverfolgen – wenden wir uns am besten jenem Büchnerschen Schicksalsjahr 1834 zu, das der Niederschrift des Dramas vorausging. Es beginnt – wovon unter anderem einige Briefe an die Braut berichten – zunächst mit eigenartigen psychosomatischen Störungen, bei denen dem Briefschreiber selbst am unklarsten ist, wo der Kopfschmerz und die meßbaren Fieberkurven aufhören und das subjektive Stimmenhören anfängt. Es organisiert, bzw. strukturiert sich dann aber bald in einer rastlosen Folge von politischen Aktivitäten (Abfassung und illegale Verbreitung des »Hessischen Landboten« – Mitbegründung der Gießener und später auch der Darmstädter »Gesellschaft für Menschenrechte« – schließlich konspirative Tätigkeiten für einen überregionalen »Preßverein«), und wenn die Schicksalskrise des Frühjahrs zweifellos die gesamte Person bis in ihre feinsten nervlichen Zusammenhänge in Anspruch nahm, scheinen die Leiden in der folgenden, stark nach außen gekehrten Lebensphase beinah rückstandslos aufgehoben. Merkwürdig freilich auch: als der Verschwörerkreis im Herbst des Jahres zerschlagen ist, der Freund Minnigerode inhaftiert, der geistige Mentor Weidig strafversetzt und Büchner seiner Freiheit nicht mehr sicher, zieht er sich in das vorher nur noch gelegentlich gestreifte Vaterhaus zurück, um der niedergewiegelten Akademiker- und Handwerkerrevolution das Stück von Dantons Tod als ein siebendeutiges Epitaph hinterherzuschleudern.

Der Befund ist befremdlich, meine lieben linken Damen und Herren, wenn sich solche überhaupt noch in diesem posthistorischen Zirkel befinden, die Botschaft niederschmetternd, die Folgerungen peinlich. Was uns eben noch als beinah idealisches Einvernehmen von Denken und Handeln, Geist und Tat, kühnem Ideenflug und reeller Basisarbeit vor Augen schwebte, scheint durch einen höchsten Gewährsmann unvermittelt in Frage gestellt und ist – nehmen Sie es erstmal zur Kenntnis, ohne sich gleich dran zu stoßen – auch durch keinen dialektischen Hebebühnentrick mehr auf ein vertretbares Hoffnungsniveau zu bringen.

Ja, wenn es sich wenigstens noch um ein bißchen ein anderes Stück gehandelt hätte als gerade dieses dornenreiche, aussichtslose. Wie es sich jedem kleineren Zeit- und Gesellschaftskritiker – beispielsweise mir – doch postwendend nahegelegt und in die Feder gegossen hätte. Mit einer unmißverständlich gezogenen Frontlinie gegenüber dem politischen Gegner und einem sich durch den Druck der Verhältnisse eher noch bestärkenden Genossenschaftsgeist im Innern. Mit ein paar mitten aus der widrigen Zeit herausgegriffenen Charaktermasken – einem Minister Du Thil zum Beispiel als feudal-bourgeoisem Strippenzieher und einem Studentenrichter Georgi als dessen vom Laster gezeichneten Erfüllungsgehilfen – das hätte doch sofort eine schneidige Gesellschaftssatire abgegeben, und wenn »trotz alledem und alledem« noch tragisch, so doch nur in Anbetracht des zu früh gewählten Zeitpunkts und eines vorläufig noch zu mächtigen Gegners.

Liebe Herren, schöne Damen – der Brunnen ist tief, sehr tief, in den wir blicken, und unsere Zeit bemessen, und wenn wir das Drama auch nicht gleich eine Absage, einen Widerruf nennen wollen, ein Abgesang ist es mit Sicherheit. Von den Scheiterbergen einer fehlgeschlagenen Revolution aus beschwört Georg Büchner noch einmal die Manen der revolutionären Urszene (»Vor vierzig Jahren«, so vielleicht ein sich heute nahelegender Untertitel) und setzt sie alle wie sie da sind der ideologischen Zweideutigkeit und dem moralischen Zwielicht aus. Geschichtsphilosophisch positiv oder perspektivisch erbaulich ist hier nämlich gar nichts mehr. Unter dem vier Akte lang drohend über der Szene schwebenden Fallbeil beschleunigen sich allenfalls die Atemzüge, schärfen sich die Wetzmesser, steigert sich der Witz zum Aberwitz, wobei das letzte Wort – nein, keiner dieser angespitzten Helden, sondern nur noch der klirrende Widerspruch hat: »Es lebe der König!« – »Im Namen der Republik.«

Daß Büchner seine politischen Freunde mit diesem Stück im Stich gelassen hätte, ist damit nicht gesagt. Weder hat er sie im folgenden Exil aus den Augen verloren (die neu entdeckten Briefdokumente belegen es eindrucksvoll) noch lassen sich Zeugnisse eines moralischen Gesinnungswandels entdecken. Das heillose Nervenflackern kriegen wir damit aber auch noch nicht raus aus dem Drama und den Karriereknick vom Illegalen in die Doktorlaufbahn nicht aus Büchners Leben. Ich sehe aber noch etwas anderes. Ich sehe das gegen den fatalen Zug der Geschichte sich sträubende Fell und ich sehe den Funkenflug. Ich sehe (was auch schon andere gesehen haben und wofür ich die Abteilung Kritische Kunst noch ein bißchen um Triebaufschub bitten muß), daß der unter Schmerzen aufgegebene Kokon des Aktionsliteraten nun eine reichere Imago freigibt, den dramatischen Dichter, realistischen Poeten, den die Wahrheit unserer Schädelnerven letztlich mehr interessiert als die perspektivischen Täuschungen unseres politischen Glaubenslebens. Aus den Trümmern zerscherbter Fortschritts- und Gemeinschaftsutopien erhebt sich – gegen alle Vernunftgründe nebst auch allen nachträglich verzerrenden Idealkonstruktionen – der Ausdruckskünstler, was nicht jedermanns Sache sein muß, unter Dichtern aber eine bekannte Erfahrungswahrheit ist.

Daß keiner der in seinem Namen Geehrten an Georg Büchner herangereicht hat, ist eigentlich allen Betroffenen klar gewesen – aber sich in Beziehung setzen darf man doch wohl noch. So erwähne ich, mit dem gebührenden hochachtungsvollen Abstand, daß auch wir immerhin mal an einer Revolte teilgenommen haben, der sogenannten Studentenrevolution oder ApO, die gerade in diesem Jahr einigen Anlaß zu Jubiläumsfeiern hergeliefert hat. Mein Verhältnis zu ihr war von Anfang an keineswegs bloß sentimental, und auf keinen Fall zählte ich zu den zahlreichen Seiteneinsteigern und Spätbewegten. Wortwörtlich hatte ich das Verlangen nach einer »außerparlamentarischen Opposition« bereits im Jahre 1957 in der Zeitschrift Studentenkurier vorgebracht, die sich später konkret nannte. Weiter war ich der »Bewegung« mit vielen Zeit-, Leit- und Streitartikeln vorausgeeilt und hatte auch so allgemein bewegende Fragen wie die nach der antiautoritären Erziehung und ungegängelter Selbstorganisation der Kinder am Beispiel des Abzählverses abgehandelt. Ich war sogar – was wir nie vergessen wollen – ein richtiges Opfer der alten Ordinarienuniversität gewesen und – ja, wie soll ich sagen, wegen was? – vielleicht nur wegen abweichenden Verhaltens aus einigen Seminaren verwiesen worden, und als dann die neue frohe Botschaft von den »Talaren« mit ihrem »Muff aus tausend Jahren« durch die Lande wallte, flog ich dieser ApO entgegen mit allen Symptomen einer Altersliebe und aus dem Sessel gerissen wie der 65-jährige Klopstock bei der Einberufung der »Etats généraux« im Jahre 1789.

Nicht sehr lange, meine Damen und Herren Altlinke und nachgeborenen Frühsozialisten, denn wir saßen mit unserer Zeitschrift praktisch im Brennpunkt des Geschehens, und der Platz war entsprechend heiß. Die Revolution, die sich frühzeitig teilte in einen linkshedonistischen, einen Indulgentenflügel (das waren wir) und eine terroristische Tugendlinie (die war bei uns durch Ulrike Meinhof vertreten) ging mitten durch unser Blatt hindurch und riß uns zunächst die Redaktion und schließlich die ganze Zeitung auseinander. Um es abzukürzen, noch ehe die Revolution am Ende ihre Kinder fraß, stürzte sie sich auf ihre ungeliebten Paten. Schon nach einem Jahr konnte man praktisch keinen Schritt mehr in die Öffentlichkeit tun, ohne von den Bühnen gepfiffen oder in den Seminaren mit dem Scheidewasser der reinen Lehre

bekübelt zu werden, davon gab es allerdings auch bald die 67 oder 68 Sorten, und nach zwei weiteren Jahren des ätzendsten Inquisitionswesens war es mit der stabgereimten Liebesbeziehung von Poesie und Politik dann vollends vorbei.

Warum ich Ihnen das heute erzähle? Nun, mit Sicherheit nicht, um Ihren Beifall für die Tränen von vorgestern zu erbitten, das sind alles tempi passati, längst verschmissene Tempotaschentücher. Und schon gar nicht, um die ApO für die marodierenden Jungnazihorden von 1993 verantwortlich zu machen. Aber wenn Georg Büchner uns in seiner ganzen spirituellen Unvergleichlichkeit doch so etwas wie ein weltliches Vergleichsmodell hinterlassen hat, dann dort, wo nach innen verschlagener Tatendrang sich im Medium der Sprache einen verwandelten Ausdruck schafft. Was das große Beispiel zeigt, offenbart sich im Rahmen unserer eigenen kleinen Bretdbühne auch nicht ganz unsignifikant. Nachdem die Politik mir für gut ein Jahrzehnt lang die Poesie verschlagen hatte (mein persönlicher Beitrag zum viel beratschten »Tod der Literatur«) setzte das Zerplatzen der schönen blauen Blase Utopie seltsamerweise längst erstorben geglaubte Stimmen wieder frei – ziemlich hadesmäßige Stimmen – fast nur ein Gegurgel –, aber auch hier gespensterten die Schatten der Vergangenheit noch einmal fadenziehend durch mein weltentrücktes Souterrain.


»Komm an die Theke, Besiegter, heut abend,
verbirg
dich nicht hinter Mumienbinden –
Wir werden im kapitalistischen Tollwutbezirk
schon noch einen Barhocker finden.

Schmeiß du die Lage, ich sing dir ein Liedchen dafür
von den fast schon
zertretenen Flammen...
Kopf hoch, Genossen, mit noch was Obstler bringen wir
genug kritische Masse zusammen.

Was man uns abband, steht deshalb nicht still;
selbst hier nicht im freundlichen Feuchten:
Ich will meine Stelle am Himmel
wieder haben, ich will
noch einmal von vorne leuchten.

Wo ich schon nichts mehr beherrsche,
hassend was ich bediene,
liebend was ich verlor,
zöge ich selbst noch die rasende robespierrsche
Gleichmachemaschine
diesem Konkurrenzkäfig vor.«

Das Gedicht geht noch weiter, meine Damen und Herren, und andere Gedichte gehen noch sehr viel weiter, nur das hilft uns im Augenblick auch nicht richtig voran. Denn wir fiebern ja innerlich längst einer anderen und uns näher gelegenen Revolution entgegen, einer von uns allen bei vollem Bewußtsein erlebten Gesellschaftswende, kann doch sein, daß wir mit der gegen alle Voraussichten glücklich zu Wege gebrachten »Einheit in Freiheit« schließlich doch noch bei einem utopischen Gemeinplatz Einkehr halten können. Noch befinden wir uns allerdings unterwegs, und der möglicherweise entstandene Eindruck, daß die schöne Literatur unsere Niederlagen allemal mit Gewinn verschmerzt, bedarf der sofortigen Gegendarstellung. Praktisch gibt es dies restaurative Ruhekissen für die mächtig an ihrer eigenen Beweglichkeit interessierte Dichtkunst nämlich nicht. Praktisch muß auch die holde Poesie immer wieder raus in die Welt und sich neu an den Tatsachen reiben, denn: »einmal Politik – nie wieder Politik«, »einmal Utopie – nie wieder Utopie«, »einmal Sozialismus – nie wieder Sozialismus« ist für das freie Spiel der Künste gewiß das alleruntauglichste Bewegungsprinzip.

Da die Einheit über die nächsten anderthalb Jahrzehnte hin nur unfriedlich diskutiert wurde und das Sturmgeläute der Freiheitsglocken den Ruf nach Ausgleich und sozialer Gerechtigkeit fast gewalttätig überdröhnte, hielten die deutschen Dinge unsere Federn notwendig weiter am Glühen. Ja, ich gehörte oder zählte mich doch zu jener gar nicht so verbreiteten Spezies von linken Patrioten, für die die große Doppelinitiale der Französischen Revolution – FREIHEIT und GLEICHHEIT – auf dem gespaltenen deutsch-deutschen Boden besonders verhängnisvoll zerrissen schien. Noch im späten September 1989, als wir mit unserer hausgemachten Mixtura solvens »Jazz-und-Lyrik« durch die DDR-Länder kurvten, habe ich die von mir bevorzugte Doppelflöte vor jedem sich mir entgegenstreckenden Mikrophon ertönen lassen – im Osten muß mehr Freiheit her und im Westen fehlt es an Gleichheit – was sich als dialektisch gedachte Balanciernummer dann auch gleich als Auftrag an den literarischen Artisten weiterleiten ließ.

Damit messe ich mir keine Verdienste zu und maße mir keine rechtzeitig gehabten Ahnungen an. Der ziemlich bald nach unserer Tournee erfolgte Fall der Mauer war für alle mittelbar oder unmittelbar Beteiligten ein wie durch Zauberkraft erwirktes Zerbröckelungswunder: das Volk hatte seinen eigenen Namen ausgerufen, und die Volkskammerabgeordneten und die Volksarmee und die Volkspolizei erstarrten in Anhörung des magischen Wortes, und die eben noch für allmächtig gehaltene Staatssicherheit stand gelähmt zwischen ihren Aktenordnern und Tonbandgirlanden und Weckgläsern mit stinkgeheimen Duftprotokollen. Und tatsächlich ein zweites Mal in einem begrenzten Menschenleben glaubten wir für ein paar bewegende Weltsekunden einen Sinn in der geschichtlichen Fatalität zu erkennen – bis – bis – na, Sie wissen ja – bis die Revolutionsspekulanten an die Stelle des Mirakels eilten und den von niemandem vorausgesehenen Sternschnuppenregen in ihre eigenen, weit ausgespannten Schürzen lenkten.

Was geschehen war, der helle – ich zitiere – »Wahnsinn«, heckte dann weiter Geist von seinem Geist und am Ende die totale Absurdität. Gestandene Girondisten strömten zu den ihnen erwartungsvoll entgegengehißten Fahnen und ließen sich, wo nicht gerade als Jakobiner, so doch als den wahren Jakob feiern. Bekannte Ordnungspolitiker, die in ihrem eigenen Herrschaftsbereich noch den geringsten Anflug von plebiszitären Meinungsbekundungen verdammt und verdonnert hatten, priesen nun die historische Weisheit eines mit den Füßen ertrappelten Volksentscheids. Altgediente Kaltkriegskanonen – na, wer wohl? Wörner! – rasselten heran, als ob es ihre mörderischen Vorwärtsverteidigungspläne nie gegeben hätte. Ja, so gewaltig war der Sog dieses Freiheitsfeldzugs, daß eine sich links genannt habende Intelligenz an ihren alten Konjunkturkurven zu zweifeln begann – die ewig Heutigen – die immer gleichen Krisengewinnler und Zeitgeistwender –, und die persönlich die meisten Leichen im Keller hatten, schrieben nun die ergreifendsten Nekrologe: auf ihre eigene Vergangenheit.

Ich habe die ganze Zeit nichts dazu gesagt. Ich habe ziemlich kalt vor meiner Feuerkieke gesessen. Ich habe meinen abweichenden Ansichten gerade noch durch privat verschickte Scherzpostkarten Luft zu machen versucht – der Rest war Schweigen. Offen gesagt, mir war der Mund vernagelt, und ich mochte mich als ganz kleiner melioristischer Brötchenbäcker auch zu solchen Wundern nicht äußern. Wie besudelt stand man denn auch da mit seinen unansehnlichen Tante-Emma-Parolen »Wandlung durch Annäherung« usw. Wie belämmert und in Anbetracht dieses nie erträumten »Sieges der Phantasie« – nein, der bloßen Phantasmagorie – blamiert bis auf die Knochen. Springer ein Prophet. Dulles ein Seher. Löwenthal und Löwenstern als astrale Zwillingskonstellation an unserem freiheitlichen Einheitshimmel. Schließlich McCarthy noch als der ganz große Vordenker und eiserne Cato gegenüber dieser verratzten Fünften Kolonne der Brecht und Eisler und Charlie Chaplin und Arthur Miller und Thomas Mann und Klaus und Heinrich und so weiter. Nein, die Niederlage war schon total, und an eine Sammlung der zerstreuselten Compañeros nie wieder zu denken – es sei denn unter einem derart desperaten Titel wie »Passionseinheit« – so hatte ich im Jahre 1961 mal einen Wahlaufruf überschrieben.

»Schiff ahoi!

Also, das war es dann wohl, der Mast zerspellt,
die Schot gebrochen,
als hätte die ganze Welt
sich gegen dich abgesprochen.

Nord – Süd – Ost – oder West,
was noch atmet, zehrt vom Geraubten.
Praktisch kein Krümel Brot, kein Tropfen Trinkwasser läßt
sich ohne Gewalt behaupten.

Deine Hoffnung steht gegen den Wind.
Deine Tränen nicht brennbar.
Unlautere Absichten sind
an einem Lächeln erkennbar.

Noch Lichter am Horizont?
Ah-sieh-an, die Vorüberzieher –
Hast du alles mal selbst gekonnt,
fünf, zehn Jahre früher.

Aber früher, da trug auch der Blinde den Hinkenden
und der Lahme führte den Blinden –
Schiff ahoi! heute klammern sich die Verdurstenden an die Ertrinkenden
um gemeinsam zu Grunde zu finden.«

Meine sehr geehrten Damen und Herren. Es sind jetzt auf den Schlag dreißig Jahre her, daß mein kritisch verehrter Sangesbruder Hans Magnus Enzensberger an dieser Stelle stand und ein verflixt gebrochenes Deutschland-Deutschland-Lied anstimmte, daran hatte ich eigentlich kollegial anknüpfen wollen. Daß es nicht dazu kam, hing dann mit den mehr und mehr mich bedrängenden Fragen nach unseren Niederlagen und nach unseren Gegengesängen zusammen – Georg Büchner hatte sie mir bei der erneuten Lektüre unwiderstehlich eingeflüstert – und ich meine schon, daß sie des Nachsinnens wert waren. Trotzdem möchte ich den von Enzensberger ahnungsvoll auf die Reise geschickten Zeitpfeil noch für anderthalb Minuten begleiten und in eine seinerzeit noch nicht sichtbare Zukunft verfolgen dürfen. Die im Jahre 1963 von einem deutschen Dichter scharfsinnig diagnostizierten Widersprüche der bundesdeutschen Wiedervereinigungspolitik – hier zahlungsunwillige Dickfelligkeit bis zum Gehtnichtmehr und dort Lippenbekenntnisse klebrig und gewunden wie ein Fliegenfänger – stehen nämlich erst heute wirklich zum Spruch an und beweisen uns, daß, was schon damals zusammengelogen wurde, gar nicht bruchlos Zusammenkommen konnte. Wir haben es doch gesehen, rechtzeitig, daß die noch und noch nachgenagelten Alleinvertretungsansprüche auf die nackte Bevormundung ausliefen – nur trügerisch von den Klangstores der Brüderlichkeits- und Schwesterlichkeitsparolen überschleiert. Wir haben auch mitgekriegt, daß die angestrebte »Einheit in Freiheit« zwar in den Spielkasinos unserer Atomschlagstrategen bis zum letzten verkokelten Megatoten durchgepokert wurde, aber für den friedlichen Fall der Fälle waren real keine zwei Blatt Papier auf dem Schreibtisch. Ja, liebe Leute, leider, so war es und so ist es, und wenn Sie mir darauf antworten möchten, daß uns solche Beschwerden um keinen Meter weiter nach vorne brächten, sage ich, richtig, nach hinten, und zwar genau zu jener ideologischen Müllkippe, wo unsere eigenen unerledigten Altlasten schmoren.

Sie um Himmels Willen bedeckt zu halten, ist den Nutznießern der Einheit denn auch jede Schutzbehauptung recht gewesen und keine Lüge zu billig. Wie allerdings – wo alles schon von Anfang an auf bloßen Faden-schein gegründet war – notwendig immer nur Trostpflaster die aufgeplatzten Notverbände von gestern überdecken konnten, folgte wahrhaftig die eine Lüge der anderen auf den Fersen: Die Lüge von den »Tausenden von investitionsbereiten Unternehmern« der Lüge von den »blühenden Landschaften«. Die Lüge von den Langfingern, die sich »Treuhand« nannten, der Lüge von den »revolutionären Antworten auf die revolutionären Herausforderungen«. Die Lüge von den »Steueraufwendungen aus der Portokasse« der Lüge, daß »keiner wegen der Wiedervereinigung auf etwas verzichten« müsse. Die Lüge von »vor der Wahl nicht anders als nach der Wahl« der Lüge, daß »niemand Leistungskürzungen zu befürchten brauche«, ach, und so weiter und so fort – Deutschland, ein Lügenmärchen – bis schließlich hin zu jenem von unserem Kanzler in die Arena getriebenen Ochsi von Präsidentenanwärter, der angeblich »sagt, was er denkt«, aber das ist dann beinah schon keine richtige Truggestalt mehr, sondern der am Nasenring vorgeführte Offenbarungseid.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, über solche und ähnliche uns aktuell bewegende Themen hatte ich eigentlich mit Ihnen sprechen wollen, den mit System mißgeschaffenen siamesischen Zwilling Deutschland- Deutschland immer inklusive. Ich hatte mir sogar schon einen sprechenden, bzw. sprechend klingenden Titel ausgedacht, der hieß »Freiheit! Ungleichheit hör ich schallen«, was als etwas verhauener Schillerscher Glockenton dann sofort die gewünschte Dissonanz angerissen hätte, aber – wie gesagt – Georg Büchner! Geben wir ihm zur Feier des Tages das letzte Wort. Es ist wieder mal aus dem Danton und paßt insofern vorzüglich in unser postrevolutionäres Poesiealbum: »Geht einmal Euren Phrasen nach bis zu dem Punkt wo sie verkörpert werden. Blickt um Euch, das alles habt Ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung Eurer Worte.«

Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit, meine lieben Damen und Herren. Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für den erhebenden Preis und das erhabene Podium, das einer ein bißchen versackt gewesenen Stimme wieder neuen Auftrieb verlieh. Ich danke besonders auch Ihnen, verehrte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen, die Sie der Ehrenmedaille erst zu ihrer beachtlichen irdischen Plastizität verholfen haben. – Mein lieber Peter Wapnewski, ich danke Dir für Deine in Freundschaft verfaßten Worte.