Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Max Frisch

Max FrischMax Frisch

Schriftsteller
Geboren 15.5.1911
Gestorben 4.4.1991
Mitglied seit 1954
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1958
Laudatio von Rudolf Hagelstange
Dankrede von Max Frisch
Urkundentext

Max Frisch, der in seinem epischen und dramatischen Werk die Spannungen im Menschen unserer Zeit aufspürt...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Hermann Kasack
Friedrich Bischoff, Kasimir Edschmid, Hanns W. Eppelsheimer, Adolf Grimme, Rudolf Hagelstange, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Rudolf Pechel (Ehrenpräsident), Gerhart Pohl, Rudolf Alexander Schröder (Ehrenpräsident), Fritz Usinger

 
LAUDATOR
Rudolf Hagelstange
Geboren 14.1.1912
Gestorben 5.8.1984
Schriftsteller

An einem Tage wie diesem strahlt das Auge der Öffentlichkeit, und unser aller Gemüt (soweit man Gemüt überhaupt kollektiv erfahren kann) ist auf Feierlichkeit, auf Selbstzufriedenheit, auf ein helles Dur gestimmt. Das Wesen des Menschen, des streitsüchtigsten, hinterlistigsten, futterneidischsten Wesens, das auf diesem ebenso großartigen wie lächerlichen Stern angesiedelt ist, ist auf eine merkwürdige, eigentlich rührende Art süchtig, gelegentlich außer sich zu geraten, Friedfertigkeit und Großmut zu bekunden, zu verehren.
Je weniger wir allesamt zu Helden geboren sind und je weniger die Zeit uns erlaubt, solche zu sein, um so mehr vermissen, verlangen wir Helden, Beispiele und Vorbilder.
Auf das Ganze gesehen, verfahren wir – ob aus Not oder infolge unseres ebenso liberalen wie unsicheren Geschmacks – nicht eben wählerisch dabei; unsere Spannweite ist groß: Sie reicht von Albert Schweizer bis zu Mademoiselle Bardot oder Fräulein Schneider. Wenn wir uns hier eingefunden haben, um einen Literaten zu ehren, so liegt der Schluß nahe, daß wir uns damit zu einem Maßstab der Werte bekennen, der als einigermaßen exklusiv bezeichnet werden darf. Exklusiv – im doppelten Sinne des Wortes. Aus was für Gründen immer: ein Literat ist in unseren Breiten etwas durchaus Exklusives. Er ist, das Besondere in allem genommen, ein Außenseiter (womit der Umstand des »Ausgeschlossenseins« sehr zurückhaltend definiert ist). Auch der einmalige und kaum wiederholbare Umstand, daß wir einen sauberen Literaten und noch liebenswerteren Menschen zum Bundespräsidenten haben, kann uns nicht über diese Exklusivität hinwegtäuschen. Sollte es in Deutschland der Vetter oder gar Bruder eines Schriftstellers zu einem Ministerstuhl bringen, so würde man gewiß zum Vorteil des Schriftstellers erwähnt lesen, daß er ein Vetter oder Bruder des Herrn Ministers sei; aber wer würde es dem Herrn Minister antun, ihn als Vetter oder Bruder des Schriftstellers anzusprechen...?
Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat – beileibe nicht ohne Mitwirkung der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen – den diesjährigen Büchner-Preis einem Schriftsteller schweizerischer Nationalität zuerkannt, was gewissen Provinzlern deutscher Zunge ebenso schmeicheln, wie es anderen Provinzlern abwegig erscheinen könnte. Die einen mögen meinen, damit in den Verdacht gefahrloser Weitläufigkeit und eben noch zulässiger Internationalität zu geraten; die anderen mögen fürchten, daß das deutsche Licht dabei unter den Scheffel geraten könnte. An dieser Stelle darf darauf aufmerksam gemacht werden, daß sich beide Provinzen in den gleichen Irrtum teilen oder teilen würden. Wer der Annahme wäre, das bisher vorliegende Werk von Max Frisch ließe eine so oder so provinzielle Interpretation zu, würde beweisen, daß er es mißverstanden hätte – wobei zu sagen wäre, daß heute die meisten Mißverständnisse gar keine sind, sondern auf Unkenntnis beruhen.
Nach allem, was geschehen ist, steht uns die sogenannte Weitläufigkeit gut; aber es würde ein eklatantes und echtes Mißverständnis sein, wollte man der Preisverleihung – ich stelle dahin, daß man es hier und da fahrlässig tut – den Sinn einer selbstgefälligen Eigendekoration geben. Und es wäre nicht minder irrig, wollte dieser oder jener glauben, die Prämiierung eines auch gegen sein eigenes Volk kritischen Schriftstellers sei, aus dem deutschen Krähwinkel gesehen, ein fortschrittlicher oder gar revolutionärer Akt. Es tritt ja bei uns zuweilen eine gewisse Schwäche für Revolutionäre exterritorialer Natur in Erscheinung, die sogar behördlich für kleidsam gehalten wird: Man bescheinigt sich gewissermaßen eine übernationale Loyalität, um hinter diesem Paravent um so fleißiger die nationalen, will sagen eigenen Kritiker kaltzustellen. Diesem Mißverständnis möchten wir keinen Laufsteg bieten. Ich meine allen Ernstes, wir hätten für den Rest dieses Jahrhunderts – sofern wir auf Anstand halten – das Recht verwirkt, den schadenfrohen Beckmesser zu spielen, was die Eigenheiten und Untugenden anderer Nationen betrifft. Und vielleicht ist es gerade die Aufgabe derjenigen, die leidlich ungescholten das Desastre überlebten, aber Verantwortung und Haftbarkeit fühlen, das Gewissen derer hartnäckig zu beunruhigen, die sich stumpfsinnig und rechthaberisch jeglicher Haftbarkeit und Verantwortung ledig wissen möchten. Wenn wir auf Exklusivität Wert legen, so möchte sie vor allem darin deutlich werden, daß wir uns, hier in diesem Raum und auch sonst, nach wie vor Gedanken machen und Gedanken äußern, die uns von der allgemeinen Gedankenlosigkeit wahrnehmbar unterscheiden.
Daß wir uns diese Gedanken machen, daß sie beinahe unausweichlich sind, gehört zu der Person und dem Werk des heute Geehrten. Ich war immer der Meinung, daß der Büchner-Preis – neben dem selbstverständlichen Literarischen – ein eminent politischer Preis ist. Womit weiß Gott nicht gesagt sein soll, daß politisch schon wirke, wer sich vordergründig politisch betätige oder in Bewegung setzen lasse. Aber wer die Rolle Georg Büchners in seiner Zeit aufmerksam betrachtet, sein Leben, seine Impulse und Motive, sein Werk erfaßt, dem kann nicht entgehen, daß dieser Dichter ein recht engagierter Dichter war, einer von jenen, die ihre Unsterblichkeit aus der äußersten Präsenz in der Gegenwart gewonnen haben, ohne zu spekulieren oder die Zinsen des Alltäglichen überhaupt in Betracht zu ziehen.
Es ist ja ein noch immer unter Schreibenden wie Lesenden verbreiteter Irrtum, zu glauben, daß gute Literatur automatisch die Beschäftigung mit den andrängenden Fragen der Zeit ausschlösse, daß Kunst sozusagen ein Neben- oder Überprodukt des Gegenwärtigen sei, daß das öffentlich Uninteressante erst das literarisch Interessante sei. Gottseidank gibt es Abweichungen und Ausnahmen mehr und mehr. Aber als ich das »Tagebuch« von Max Frisch las, das die Jahre 1945-1948 behandelt, wurde mir bewußt, daß hier einer tat, was viele von uns auch hätten tun können oder tun sollen; aber zugleich erkannte ich auch, daß es uns – den Betroffenen – wohl verwehrt gewesen wäre, diese leidenschaftliche Objektivität zu erreichen, die allein schon dieses Tagebuch zu einer unentbehrlichen Erfahrung werden läßt. Wer Ernst Jüngers kürzlich erschienenes Tagebuch »Jahre der Okkupation«, das ebenfalls den Versuch unternimmt, den gleichen Zeitraum zu umschreiben und zu deuten, neben das von Max Frisch hält, wird erkennen, um wieviel bereichernder und vertiefender sich die größere äußere und innere Freiheit des Neutralen auswirkt. Ich möchte mit diesem Hinweis auf gar keinen Fall auf die Seite jener literarischen Berufsinquisitoren treten, die nach wie vor eifersüchtig das »faschistische« oder nationalistische Ghetto umstellt halten oder attackieren, dem Jünger (sofern er darin saß) seit langem entwichen und entwachsen ist. Aber ein Vergleich zwischen Jünger und Frisch drängt sich geradezu auf – um der Sache willen; er läßt fühlen, was es bedeutet, für uns bedeutet, daß hier ein Unbefangener das Wort nahm. Wozu? Und für wen?
»Schreiben heißt«, so bemerkt Frisch an einer Stelle des Tagebuches, »sich selber lesen«. Damit verweist er auf den legitimen Narzißmus des Schriftstellers. Aber was erkennt unser Narziß, wenn er sich liest? – Unter anderem: einen Moralisten. Damit ist deutlich und überzeugend auf das Spannungsverhältnis verwiesen, aus dem der Schriftsteller – der wache, nach allen Seiten hin offene – schöpft und schafft. Moral ist kein literarisches Programm – Moral ergibt sich als Résumé. Moralismus ist zu gewissen Zeiten (und in solchen leben wir seit einem Vierteljahrhundert oder einem halben oder auch immer) ein unentbehrliches Meßinstrument, Sonde, Barometer, Waage – was Sie wollen. Alles andere also als ein weltanschaulicher Talar, ein Palmenzweiglein im Knopfloch, eine Fahne. Sie gehört zu den Voraussetzungen, die Moral, zur Mitgift des Schreibenden; ohne sie gibt es keine intellektuelle Redlichkeit, und sie ist auch keineswegs, wie manche uns glauben machen möchten, von vorneherein außerhalb der Ästhetik angesiedelt. Oder haben uns gewisse Physiognomien, gewisse Stimmen, Rede- und Schreibweisen, gewisse Massenszenen, Kriegs- und Zerstörungsbilder, Vernichtungs-, Konzentrations- und Gefangenenlager nicht deutlich erkennen lassen, daß es nichts Unästhetischeres gibt als die Barbarei? Belehren uns nicht wieder und wieder die Handlungen und Reaktionen von Staaten, die außerhalb unentbehrlicher menschlicher Konventionen glauben leben zu dürfen, daß es ohne die Schutzgräben allgemein bindender Moralgesetze keine Weidefläche mehr gibt für die Wiederkäuer einer selbstherrlichen und weltfremden Ästhetik?
Freilich, der Begriff des Moralisten hat in unserem Zeitalter eine unvermeidliche Entschlackung erfahren, und auch an diesem Prozeß hat unser Autor exemplarischen Anteil. Daß er gewissermaßen ein widerwilliger oder doch unfreiwilliger Moralist ist, wurde schon angedeutet. Darüber hinaus ist er auch Moralist ohne den offenen oder verborgenen Optimismus, zu dem sich manche Moralisten verführt sehen. »Die Sittlichkeit« –
ich zitiere aus dem Tagebuch –, »wie sie uns gelehrt wird, schließt immer schon die weltliche Niederlage in sich; wir retten die Welt nicht vor dem Teufel, sondern wir überlassen ihm die Welt, damit wir nicht selbst des Teufels werden.« – Das stellt nicht nur das Gebaren der Welt in Frage – es stellt auch die Moral selbst in Frage, unsere geläufige, überkommene, approbierte Moral, die vielfach auf den persönlichen Zweck eines Korsetts reduziert erscheint, das uns erlaubt, eine gute Figur zu machen. Von dieser Position einer nur noch privat gelebten oder besser: getragenen Moral bis zum Protest gegen diese Moral ist weniger als ein Schritt. Und, offenbar auf den intimeren Bereich solcher Moral abzielend, äußert Frisch den Verdacht: »Amoralität bei starken Köpfen ist wohl meistens nichts anderes als die Sehnsucht nach einer anderen, einer lebbaren Sittlichkeit.«
Ein gewagter, ein verführerischer Satz. Denn wer möchte die günstige Gelegenheit versäumen, seine amoralischen Affekte und Handlungen gegen einen starken Kopf einzutauschen? Aber selbst unter dieser Prise Ironie behält dieser Satz jene beunruhigende Eigenwürze einer noch nicht säkularisierten Wahrheit. Keiner absolut neuen, gewiß nicht. Aber es bleibt auch nicht bei diesem Satz. Unser »amoralischer Moralist« – und dies unterscheidet ihn grundsätzlich von manchen Thesenfabrikanten, die, wie die Banderilleros beim Stierkampf, ihren hübsch bebänderten Widerhaken in die Nackenhaut des Stieres stoßen und dann rasch wieder in die Sicherheit der Barriere zurückeilen – unser Moralist versäumt es nicht, sich im Sande der Arena auf Tod und Leben mit seinem Stier zu messen.
In diesem »Tagebuch« finden sich die Keimzellen von dramatischen Versuchen, die zum Interessantesten zählen, was die zeitgenössische deutschsprachige Dramatik (die ja sehr zurückhaltend ist) zu bieten weiß. Das Lehrstück »Biedermann und die Brandstifter« zählt dazu, die Fabel von »Als der Krieg zuende war« und der »Graf Öderland«, jener seines bürokratisch-moralischen Inquisitorentums satte Staatsanwalt, der zur Nacht plötzlich ausbricht aus dem Ghetto der Paragraphensittlichkeit und, darin seinem letzten Delinquenten gleichend, mit der Axt »um die Welt geht«, beileibe nicht, um einen neuen Sittenkodex zu propagieren – nur »um zu leben«. Man muß an einen Ausspruch Goethes denken, in dem er sich – auf einer geistigtheoretischen Ebene ‒ jeglichen Verbrechens, jeder Verletzung des Moralgesetzes für fähig erklärt. Im Selbstmord »Werthers«, in den »Wahlverwandtschaften« sind ja gemäßigte Verfehlungen solcher Art auch literarisch gegenständlich geworden.
Dieser Öderland, ein spukhaft-phantastisches Stück, mag mancherlei Interpretationen zulassen – mir ist er einfach »der Mann, der davonging«, nicht unverwandt der Lawrenceschen »Frau, die davonritt«. Ein Mann, ein starker Kopf macht Ernst und rückt (mit der Axt) der Lebenslüge zuleibe, die ihn umgibt, die er selbst tagtäglich gelebt hat. Natürlich ist die Axt eine Axt und kein Schlüssel zu einer neuen Existenz – oder vielmehr: sie ist für uns so wenig greifbar wie der Becher von Thule, so unerreichbar wie das Meermädchen Undine, so unauffindbar wie Rumpelstilzchen. Aber das Unlösbare, Schizophrene unserer möglichen oder tatsächlichen Existenz, der Ausbruch aus dem Doppelleben (wie Benn es benennt), ja, die einfache kreatürliche Flucht in den Bereich des heimlich Ersehnten oder Erträumten gewinnen in diesem Stück erregend Sprache und Gestalt.
Dieses Motiv des Ausbruchs und Aufbruchs, dieses Verlangen nach einer anderen, lebbaren Sittlichkeit gehört wohl zu Max Frisch wie sein eigner Schatten. Was anderes wäre der »Stiller« denn als ein kaum weniger phantastischer Versuch eines Ausbruchs und Neubeginns, ein verzweifeltes Ringen des einzelnen, sich aus der Zwangsvorstellung der Umwelt in die ersehnte Eigenexistenz zu retten, hinein- und hinüberzuleben? Alles, was uns einengt, fesselt, verleugnet, verpuppt, entmannt und entpersönlicht – diese permanente, heimtückische, sozial drapierte Enteignung unserer selbst, diese gutmütige demokratische Kolchosierung unserer individuellsten Nöte und Aufschwünge, Entflechtung unserer geheimsten Verwobenheit mit unserem Dämon, Verpflichtung auf das eingefrorene Soll eines Patent-Humanisten, Schöntuers und Schönfärbers – all dieses nimmt hier Gestalt an, um die neue eigentliche Gestalt zu verhindern, nach der wir verlangen, die zu sein oder zu werden wir begehren. »Oft, während ich hier sitze, immer öfter wundert es mich, warum wir nicht einfach aufbrechen...«, heißt es einmal im Tagebuch.
Diese neue Gestalt, genau umrissen, wie wir Abgucker und Nachäffer sie haben möchten (etwa 78 kg schwer, 1,78 m groß, naturwissenschaftliches Gymnasium usw.), enthält uns der Autor vor. Er zeigt uns die alte, stellt sie in Frage, stellt Fragen, beunruhigt... – wo aber, geehrter Herr Frisch, bleibt das Positive, das Leitbild? Sind Sie nicht ein Anarchist aus dem Kanton Zürich, der schmoren läßt, gar kocht, grillt, aber zu servieren versäumt? Selbst dort, wo Sie am offensten und vielleicht dringlichsten Moralist sind, in der »Chinesischen Mauer«, die sehr bewußt eine Farce genannt wird, sagen Sie von sich, dem »Heutigen«: »Sieh mich an, den Ohnmächtigen!« – »Du hast gesagt, was zu sagen ist«, widerspricht Mee Lan. – »Und nichts erreicht!«, sagen Sie darauf. – »Dennoch mußt du es sagen«, lautet die Antwort.
Und gibt es, heute, eine andere, eine zutreffendere Antwort? Ähnlich hat es Benn in den »Drei alten Männern« gesagt, und wer (um auch den Kontrapunkt einzubeziehen) den späten Reinhold Schneider liest, wird schwerlich, was unser Hiesiges betrifft, von gutem Glauben, von Hoffnung und bevorstehender Rettung etwas finden. Zwar hat Geschichte, die vergangene, bei Schneider noch das überlieferte Ansehen – wer so mit seiner ganzen Existenz der Heilsgeschichte verhaftet ist, kann wohl auch die Geschichte nicht ganz in Frage stellen und muß so zur Perspektive der Endzeit gelangen. Vielleicht war dieses Bündel aus Knochen, Leiden, Gottes- und Weltliebe wirklich ein moderner Prophet – möchten wir es nicht näher bestätigt sehen... Aber ob man nun in der Geschichte das Weltgericht oder eine Farce erkennt – die Diagnose unserer Zeit fällt darum nicht anders aus. Und wer sagt, daß Literatur, die bitter schmeckt, nicht heilsam sein könne? Arznei ist fast immer bitter von Geschmack.
Vielleicht gibt es keinen besseren Anlaß als diese »Chinesische Mauer«, endlich – sie übersteigend – den unfreiwilligen Moralisten hinter uns zu lassen und dem Spieler, dem Künstler, dem dramatischen und epischen Architekten, dem Dichter das letzte Wort zu überlassen. Die Moral – kein künstlerisches Programm oder Prinzip, sondern Résumé – hätten wir vielleicht für den Schluß aufheben sollen. Aber nichts schiene mir abwegiger, als den heute Geehrten in der Schlußapotheose eines Moralisten auftreten zu lassen. Denn das wirklich Bedeutende, Ungewöhnliche dieses schriftstellerischen Oeuvres scheint sich mir vor allem daran zu erweisen, daß nichts von dem, was in ihm unternommen ist (nicht einmal eine moralische Farce), Trockenheit, Monotonie, Gängigkeit, Schablone, Wiederholung, Predigt und Belehrung atmet. Gerade die »Chinesische Mauer« ist beispielhaft für die Phantasie, die Vielstimmigkeit, das Spielertum unseres Autors. Groteskes steht neben Rührendem, Klage und Anklage neben Spott und Witz, ein pathetischer Aufschwung wird fast immer durch einen geradezu Heineschen »Rücktritt«, durch Selbstironie abgefangen; klassische Diktion wechselt mit leichtem Parlando, das Tänzelnde hat sein Gewicht, und noch das Gewichtigste kommt graziösen Fußes daher. Man sagt Frisch einen österreichischen Großvater nach, und man glaubt ihn um so lieber, als man seiner Feder auch einen durch eidgenössische Strenge leicht angeherbten Charme zusprechen kann. Und wenn sich die Vielfalt der scheinbar widerstreitenden Stilmittel beinahe in jedem literarischen Unternehmen Frischs am Ende doch zu einem wohlgegliederten Bau ordnet, so wird weder der Schweizer noch der eigenwüchsige Architekt in ihm zürnen, wenn wir einen winzigen Tropfen seines ökonomischen Blutes auf dem Grabstein seiner schwäbischen Urgroßmutter verdunsten lassen, zumal ja das schwäbische Genieland den Ruf der schaffensten, baufreudigsten und haushälterischsten deutschen Provinz genießt (weidlich genießt). Halten Sie es dem deutschen Trauma zugute, daß wir die schwäbischen, arischen und des Teufels Großmütter noch in Erinnerung haben. – Ich meinte eingangs, daß der Büchner-Preis ein eminent politischer Preis sei – um das garstige und unbeliebte Wort noch einmal zu wiederholen. Aber nicht allein solches Wirken oder solche Wirkung unseres Autors gestatten uns, Bezüge zu Büchner zu entdecken. Die Reihe derer, die bisher mit diesem Preise bedacht wurden, darf sich literarisch wohl sehen lassen. Sie enthält Lyriker, Romanciers, Moralisten; es fehlt aber in ihr ein Dramatiker von Geblüt. Ein solcher war Büchner; ein solcher ist auch, ohne daß damit seinem erzählenden und deutenden Part Abbruch getan wird, Max Frisch. Das Wort Geblüt schließt ja nicht nur das Gelegentliche aus; es schließt im Grunde auch die Routine aus; denn – wir wissen es alle: Ein geübter, mit allen Wassern gewaschener Routinier kann sehr wohl brauchbare, aufführbare, gelungene Stücke schreiben; sie können dabei noch weit davon entfernt bleiben, gute Stücke zu sein. Aber sie erwecken oft den Anschein, gute Stücke zu sein, weil sie einen zufriedenen Zuschauer in einen zufriedenen Schlaf entlassen.
»Als Stücke-Schreiber« – so Frisch in seinem Tagebuch – »hielte ich meine Aufgabe für durchaus erfüllt, wenn es einem Stück jemals gelänge, eine Frage dermaßen zu stellen, daß die Zuschauer von dieser Stunde an ohne eine Antwort nicht mehr leben können – ohne ihre Antwort, ihre eigene, die sie nur mit dem Leben selber geben können.«
Wer seinen Auftrag so versteht und begrenzt, gewinnt zugleich die Freiheit, jede Frage ihrem Sinn gemäß, d. h. originell zu stellen. Wer die dramatischen Versuche, geglückte Versuche, von Max Frisch verfolgt, wird eines vor allem anderen dankbar und erstaunt wahrnehmen: einen unermüdlichen, nie genügsamen, nie zum einmal Versuchten zurückkehrenden Formwillen. Auch ein moderner Dramatiker kann rasch Epigone werden, nämlich sein eigener. Diese Art Epigonen schreiben, wie mir scheint, in nicht geringer Zahl. Sie haben, wie man so sagt, ihre Masche gefunden, und nun stricken sie ein Stück nach dem anderen – man braucht ja nur in der Mythologie nachzuschlagen, und z. B. aus dem Jasonschen Vließ das Material für einen der Zeit eng anliegenden Pullover zu zupfen. Dergleichen Methodik brauchen wir bei Frisch kaum zu befürchten. Er scheint sich beim Namen zu nehmen.
Es wäre, und nicht nur für einen Doktoranden der Dramaturgie, eine höchst reizvolle Aufgabe, die verschiedenen Stücke dieses Dramatikers einer vergleichenden Betrachtung zu würdigen, schon um der Formvarianten willen – von »Santa Cruz« an über »Nun singen sie wieder«, »Die Chinesische Mauer«, »Als der Krieg zuende war« bis hin zu seinem »Don Juan und die Liebe zur Geometrie«, einem Stück, in dem sich Ironie, Spieltrieb, Dialektik, Tiefsinn, Witz und Laune immer wieder einander den Rang ablaufen: Es ist ein intellektuelles Vergnügen seltener Art, dieser geistvollen Umkehrung eines klassischen Motivs beizuwohnen, das – anscheinend zu Tode geritten – nun, scheinbar am Schwänze aufgezäumt, neue Gangart, neue Levaden, neue Perspektiven entdeckt und eröffnet. Don Juan, der noble Schürzenjäger, als der von noblen Schürzen Gejagte, der »starke Kopf«, den alle Sehnsucht nach einer anderen, einer lebbaren Sittlichkeit nicht vor den Attacken und Siegen des schwachen Geschlechtes bewahrt. Gäbe es nur dieses eine Stück aus der Feder unseres Autors – es machte ihn dieses Preises würdig.
Es mag sein, und um ehrlich zu sein: es muß eigentlich sein, daß der Reihenwurf von Literaturpreisen, der Sie, lieber Max Frisch, in diesem Jahre (auf das angenehmste) trifft, das Ansehen des heute verliehenen Büchner-Preises in Ihren Augen etwas schmälert. Auch in dieser Hinsicht befinden Sie sich ein wenig in den Nöten Ihres Don Juan, der auf Geometrie aus ist und Liebe einheimst; etwa nach dem Motto: Max Frisch und die Preise der Literatur. Ich würde, der ich Ihnen heute zum ersten Mal begegne, aus der Kenntnis Ihres Werkes heraus, Ihnen aufs Wort glauben, wenn Sie geständen: Ich bin auf die Literatur aus, nicht auf Preise. (Im übrigen fallen diese Preise auch nicht in geometrischer Reihe – es fehlt der multiplizierende Quotient.) Aber niemand soll Ihnen verdenken, daß Sie die Feste feiern und die Preise nehmen, wie sie fallen.
Solche Preise wollen auszeichnen und ehren. Darüber hinaus wollen sie es dem Ausgezeichneten leichter machen, seiner Arbeit, seinem Werke, seinen Zielen zu dienen. Wir wissen freilich, daß man es manchen, denen man es leichter oder zu leicht macht, im Grunde schwerer macht. Solcher Gefahr möchten wir alle Sie enthoben glauben. Dies ist Glaube und Wunsch zugleich an diesem Tage. Ein Wunsch also, der Ihr Glück meint.