Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Martin Kessel

Martin Kessel

Schriftsteller
Geboren 14.4.1901
Gestorben 14.4.1990
Mitglied von 1954 bis 1966

Georg-Büchner-Preis 1954
Laudatio von Fritz Usinger
Dankrede von Martin Kessel
Urkundentext

... den Erzähler und Lyriker, dem es stets um die prunklose Wahrheit der Wirklichkeit geht...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Hermann Kasack
Friedrich Bischoff, Bernard von Brentano, Kasimir Edschmid, Rudolf Hagelstange, Gertrud von le Fort, Wilhelm Lehmann, Rudolf Pechel (Ehrenpräsident), Rudolf Alexander Schröder (Ehrenpräsident), Gerhard Storz, Fritz Usinger

Dankrede

Für die hohe Auszeichnung, die Sie mir haben zuteil werden lassen, danke ich hiermit herzlich, sowohl den Vertretern von Ministerium und Magistrat als auch den Herren und Kollegen der Akademie. Ich tue es, wie gesagt, herzlich und nicht ohne Mitgefühl, dies um so mehr, als es sicherlich nicht nur ein Vergnügen war, sich mit meinen Büchern zu befassen, es war wohl auch eine zusätzliche Arbeit, wobei höchstens der Trost abfällt, daß nicht auch noch irgendwelche lichthungrige Manuskripte zu begutachten waren, obwohl ich auch damit hätte aufwarten können. Nehmen Sie also meinen Dank für beides, für Ihr Verständnis und für Ihre Mühe.

Es freut mich besonders, daß der von Ihnen gestiftete Preis den Namen eines Dichters trägt, dessen naturhafte Potenz und äußerst geschärfte Geistesart, dessen wundervolle Methode, der Realität auf den Fersen zu bleiben, mich seit je fasziniert hat. In gewissem Sinn erleichtert mir das die Annahme des Preises. Sie werden mich fragen: »Wieso erleichtert?« und das veranlaßt mich zu einem Geständnis, das ich hier nicht unterdrücken möchte. Ich muß Ihnen nämlich gestehen, daß mir die Einrichtung der Literaturpreise an sich wie überhaupt der Versuch kultureller Ehrungen oder Hilfsmaßnahmen durch Institutionen und Gremien schon mancherlei Kopfzerbrechen verursacht hat, ich meine im Hinblick auf das Phänomen der gesellschaftlichen Selbstverwaltung und Selbstauslese. Es ist das ein Phänomen, in dem auch eine Ironie der Humanität steckt, besonders in Anbetracht der Imponderabilien, die dabei mitsprechen, und insofern zeigt sich mein Gerechtigkeitssinn, möglicherweise auch meine Skepsis, zuweilen ein wenig überbeansprucht und gereizt. Ich will damit nur angedeutet haben, daß es sicherlich leichter ist, einen Preis zu empfangen als ihn zu verteilen. Gewiß, der Preisträger hat auch seine Last; wie schon der Name besagt, hat er den Preis zu tragen, manchmal auch zu ertragen; vor allem aber hat er ihn zu bestätigen, nicht zuletzt auch durch sein künftiges Werk. Die hohen Gremien indessen haben die Qual der Wahl, und das scheint mir, selbst bei erzielter Einstimmigkeit, weniger beneidenswert. Nun, vielleicht verhält es sich damit wie mit der Relativität allen Wissens und Tuns. Wissen kann man nur, sofern man sich bewußt ist, daß man nichts weiß, und Entscheidungen treffen kann man nur, indem man sich auf das beschränkt, was für die eigene Person gerade noch zu verantworten ist, also innerhalb gewisser Grenzen und im Bewußtsein dieser Bedingtheit. Die ausgeschiedenen Faktoren sind damit weder beseitigt noch abgetan, und fast immer kommt ja die Zeit, wo man wieder auf sie zurückgreift. So bleibt nur zu hoffen, daß diese Zeit, für wen auch immer, nicht zu spät kommen möge.

Dichten – diesen Eindruck hatte ich immer – ist eine Sache des ganzen Lebens, es ist eine Sache des Schicksals, und man braucht nicht nur ein ganzes Leben dazu, sondern innerhalb dessen auch mehrere Daseinsformen. Man ist ein Bettler und ein Krösus in einem, ein Arbeiter und ein Müßiggänger, ein undurchsichtiger Findling und ein geselliger Sozialpartner, ein Schenkender und ein Beschenkter, und es ist oft ein Kunststück, sich abzufangen und wiederzufinden, bei all den Störungen und Widrigkeiten, mit denen man heutzutage zu rechnen hat. Dabei kommt es darauf an, im Einklang zu bleiben mit seinem Gesetz und den Orgelpunkt oder Generalnenner nie außer acht zu lassen, es kommt darauf an, einem ursprünglichen Traum die Treue zu halten. Das ist leichter gesagt als getan. Nichtsdestoweniger erweist sich dabei das musische Gesetz als ein doppelt hilfreicher Faktor: es ist eine Aufgabe, die uns in ihren Dienst lockt, und es ist auch ein Glück.

Noch in Bombennächten, während im Radio die Totenuhr tickte, habe ich es erfahren, welch eine erstaunliche Kraft in der Dichtung steckt, sei es in einem Gedicht, das man sich aufsagt, oder in einer selbstgewonnenen Erkenntnis oder in der Sprachpartitur einer auswendig gelernten Seite. Das musische Gesetz entpuppte sich als eine jede Fragwürdigkeit, wenn nicht überwindende, so ihr doch Widerpart haltende Eigensphäre, als eine Sphäre persönlicher Sympathie und innerer Freiheit. Und wie der Höhlenbewohner seine Zeichen an die Wand malt, wie der Wüstenwanderer seinen Gruß in den Sand schreibt, wie der Ertrinkende im letzten Moment die Bilder seiner inneren Welt oben in die umgestülpte Tiefe des Firmamentes projiziert, so auch der Dichter. Was bleibt ihm zuweilen anderes, als sich ans Elementarereignis der Phantasie zu klammern, an dieses sein Gesetz, das ihn dahin trägt und das er doch auch, in der Artistik des Kunstverstandes, beherrscht. Die Kunst? Was ist die Kunst? Sie ist alles mögliche: eine Aussage, eine Imagination, ein Ausdruck, eine Bewältigungsform, eine Dressur, eine Organisation des inneren Triebs. Mir gefiel es immer, daß sie auch ein exakter Triumph der Besessenheit ist, voll Feuer und Kälte zugleich, voll nächster Nähe und sachlichstem Abstand, beflügelt und kritisch, wissend und intuitiv, dabei außerdem eine recht handfeste Sache, die mehr als einen Zusammenbruch übersteht, zuletzt sogar den Zusammenbruch des Künstlers selbst. Ich wüßte nicht, wie anders das Leben derart von Grund auf, derart in der Universalität seiner Möglichkeiten und Kräfte gelebt werden könnte, wenn nicht durch die Kunst, und insofern ist die Kunst auch eine Dokumentation eines wahrhaft erfüllten Lebens.

Glücklich jede Epoche, in der sich dieser Akt in kultivierter Wechselwirkung vollzieht, also zwischen Produktivität und nicht minder bedeutsamer Rezeptivität. Fruchtbar aber auch jede andere, in der nach dem Sinn dieses Tuns und dieser Erscheinung gefragt wird. Denn die Frage nach dem Einklang von Leben und Kunst ist nicht nur eine artistische oder ästhetische, sie eröffnet ein ganzes Spektrum. Dabei handelt sich‘s auch um die Nachprüfung geglaubter und überkommener Werte, um die Belastungsprobe der Erlebnis- und Anschauungsweisen, um die Art der Existenzbestreitung, um die Struktur der Gesellschaft, wie überhaupt um die Durchleuchtung der inneren Beschaffenheit jener Faktoren, denen Leben sowohl wie Kunst die Gewißheit ihrer ewigen Frische verdanken. Die Frage nach dem produktiven Zentrum ist dann genau so wichtig wie das produktive Gebilde selbst. Wir haben in Deutschland große Geister, die sich gleichsam auch neben die Kunst gestellt und sie als seismographisches und barometrisches Kulturphänomen befragt haben. Von Nietzsche stammt das für mein Gefühl geniale Wort, daß es für den Künstler wie für das Signum einer Epoche immer bedenklich sei, wenn der Instinkt sich zu früh versteht. Dann nämlich setzt jenes Experimentieren um seiner selbst willen ein, das in Kunst wie in Politik die gleichen betrüblichen Folgen zeigt und das schließlich im Selbstgenuß der Auflösung endet oder in der Impotenz schöngeistiger Formspielerei oder gar in theoretisierender, scholastischer Selbstzerfleischung und Rechthaberei. Es wird dann nicht mehr um des Lebens willen gedichtet, sondern das Dichten wird als Spezialität betrieben, gleichsam als Atelierkunst. Wir kennen das aus der Geschichte, vom Nürnberger Trichter bis zum Pankower Mikrophon.

Ich wüßte nicht, was in diesen und ähnlichen Stadien heilsamer wäre, als sich an jene Geister zu wenden, in denen sich die Kunst manifestiert als eine jede Ästhetik und jede Moral weit überragende Macht, in denen die Kunst ein Vulkan ist, schaurig, explosiv, großartig und gefährlich. Ich brauche hier nicht zu betonen, daß Georg Büchner zu diesen Geistern gehört. Dieser erstaunliche junge Mann, der eigentlich nie ein richtiger Jüngling war, jedenfalls nicht im klassischen Sinn, dieser radikale Student und seiner Sache so sichere Mediziner hatte den Instinkt für die Polarität der Kunst: er besaß die ungebrochene Potenz und auch den Scharfsinn des Kunstverstandes, er hatte den zwiefachen Blick für Unten und Oben, für Draußen und Drinnen, er hatte den Sinn für die Strategie und für die Kreatur, an der diese Strategie praktiziert wird. Er war – wie Gutzkow es einmal, in der Tat treffend, genannt hat – spekulativ, poetisch und kritisch. So ist es kein Wunder, daß sich sein Werk auch heute noch als eine Fundgrube ersten Ranges erweist, übrigens nicht nur sein Werk, sondern auch die Anlage seines Wesens sowie die immer wieder erregende Identität von Leben, Schicksal und Werk. Trotz alles Fragmentarischen, das seinen Schöpfungen unvermeidlicherweise anhaftet, ist das alles aus einem Guß, ist die geistige Vielfalt und Dimensionalität durch ein absolutes Gesetz gebunden, ist das Typische und das Individuelle, wie bei allen großen Geistern, unlösbar ineinander verflochten. Woyzeck und Danton, sie geistern auch in seinen Briefen, und selbst die Lust an der Narrheit stammt nicht nur von Shakespeare wie der Schauer des Wahnsinns nicht nur von Lenz.

Es fällt mir nicht schwer, das auszusprechen und zu bekräftigen, war mir doch Georg Büchner schon frühzeitig, ich möchte fast sagen, ein hilfreicher Freund. Die drei Inselbändchen, die ich noch besitze und in die ich damals meinen Namen schrieb in schrecklich schwungvollen Zügen, so als wäre ich selber ein Halbverrückter und Terrorist, diese Bändchen tragen die Jahreszahl 1921, und die Stellen, die ich mir darin anstrich, können sich wahrhaftig noch sehen lassen, wenn mir auch die Art der Auswahl heute ein Lächeln abnötigt. Aber ich lebte damals, sehr verlassen und einsam, in Berlin, ich hatte mich aus meinem kleinen amusischen Ort bewußt dorthin dirigiert wie auf ein Experimentierfeld. Berlin war in meiner Gefühls- und Gedankenwirrnis ein nahezu selbstmörderisches Abstraktum, es war für mich ein Phantom, das täglich realisiert werden mußte, es war ein Moloch, der mich verschlang, sofern mir nicht gelingen wollte, ihm einen Sinn zu entreißen. Mit anderen Worten: es war eine Lebensaufgabe. Nun, es hat sich daran nichts geändert. Eine Lebensaufgabe ist es für mich und nun sogar für ganz Deutschland noch immer. Es ist noch immer eine Art Hydra, der die Köpfe nachwachsen, wenn man sie abschlägt, es ist andererseits eine Art sokratische Provinz, wo der Geist der Öffentlichkeit, wo der Faktor der Publizität eine ebenso ventilierende wie stimulierende, das heißt aber im Grunde nichts anderes als eine hochpolitische Rolle spielt, wie in jeder echten Polis seit den antiken Zeiten, und wo die dialektische Auseinandersetzung mit der eigenen Realität und Mentalität einen jeden bedrängt und gerade durch diese Bedrängnis befruchtet.

Jenen drei Inselbändchen ist wenig später die Dünndruckausgabe der Sämtlichen Werke gefolgt und glücklicherweise auch ein tieferes Verständnis. Aber damals, da zeigte sich ganz primitiv, was in einer Situation der Verlorenheit und der nahezu anarchistischen Freiheit ein dichterisches Werk zu bedeuten vermag. Ich sagte: es zeigte sich ganz primitiv, denn dieser Büchner hielt stand wie ein Stück Brot. Er war einer der Ersten, bei denen man spürte, daß die klassischen Phänomene rissig geworden sind, daß es deshalb an der Zeit sei, den Bildungsbegriff zu erweitern durch den Trieb zu Erkenntnis, Analyse und Humanität. Dieser Umstand versetzt den produktiven Akt in eine andere Sphäre, es ist jene Sphäre, wo es keine Götter mehr gibt, es gibt nur noch Geheimnisse und uns in ihren Sog ziehende und bannende Kräfte. Was dadurch sichtbar wird, ist nichts Geringeres als die Dramatik der Realität bis in Mikro- und Makrokosmos sowie eine bestimmte Attraktion des Lebens, in der ein Gesetz der Notwendigkeit und Unentrinnbarkeit mitwirkt und als Gegenaktion ein Gesetz der Selbstbehauptung und der persönlichen Freiheit, wobei man sich aber bewußt sein muß, daß es diese Freiheit auch auszuhalten gilt. Dieses Aushaltenmüssen erzeugt nämlich ein ganzes Gewimmel neuer Komplexe und Elemente, darunter auch die erschreckende Tatsache, daß der Mensch durch seinesgleichen selber zum Experiment wird. Muß ich angesichts dessen noch auf Büchners Kritik an der Guillotinenromantik verweisen und auf den durchdringenden Witz seiner Sezierfähigkeit? Er hat ja das alles schon vorexerziert. Er hatte die betörende Schärfe der Konsequenz, von der Logik bis zur blutigsten Paradoxie, von der wollustvoll-zynischen Faulheit der Sexualität bis zur blumigen, fruchtigen Süße reinster Erotik, von der Langweile und Relativität der Zeit bis in die Mechanik momentaner Puppenexistenz, und er hatte das alles (und noch viel mehr, was ich hier nicht alles ausführen kann), er hatte es unmittelbar, in geradezu schreckhafter Weise, nämlich in Fleisch und Blut. Da war jener Woyzeck, der auf Befehl Urin lassen muß, da waren Revolutionäre und Huren, da waren geniale Charaktere, deren einer – ich erwähnte das später in einem Essay – seinen Daumen betrachtete und sagte: »Sehen Sie nur, das Ding hat eine ganz eigene Physiognomie.« Und wie dieser Daumen, so war das alles leibhaftig, es war auf der Straße, es war nebenan, und es war auch in meinem Zimmer dank meines Kopfes und meiner Begegnung mit Büchner. Ja, mit solch einem Dichter ließe sich leben, auch bei Inflation, Demonstration, Schiebertum, Revolution und Selbstzerstörung. Das Poetische war hier autonom, es war selber eine Naturkraft.

Lassen Sie mich noch sagen, daß es mir eine große Genugtuung ist, daß mir das Schicksal die Möglichkeit gegönnt hat, von hier aus Zeugnis abzulegen für die beispielhafte und lebensbestimmende sowie für die letzthin unantastbare Größe der Dichtung. Diese Größe ist einfach und kompliziert, sie ist überirdisch und doch auch praktisch, und man kann von ihr sagen, daß sie das Opfer des Lebens wert ist. Gewiß, die seit je so urdemokratischen Darmstädter haben ganz recht, wenn sie, offenbar auf den kritischen Spuren ihrer Landsleute Merck und Lichtenberg wandelnd, in einer ihrer Anekdoten sagen: »Lieber Ofenrohr, mer kann de Sach‘ auch übertreibe!« und deshalb empfiehlt es sich auch, bei Betrachtung der Künste niemals die Notwendigkeit der Könnerschaft und des Handwerks zu unterschätzen, denn Kunst kommt von Können, Haben (nämlich Talent haben) und Sein zugleich. Aber dieses Opfer, von dem ich sprach, ist nichts Übertriebenes und kein leeres Pathos, es ist nur der Ausdruck täglicher Bewährung, ein Ausdruck dafür, daß es gilt, den Weg zu Ende zu gehen und das Gesetz zu erfüllen, das man in sich entdeckt hat.

Wohl dir, lieber Freund und Kollege, wenn sich dir dabei eine Hand entgegenstreckt, die dir aus dem Sumpf hilft und die auch bereit ist, falls du wider Erwarten fehlgehst, dich abzuwinken und zu warnen. Daß sie dich auch beglückwünscht, ist rührend, es ist herzlich und dankenswert und keineswegs selbstverständlich.

In diesem Sinne bin ich so frei, den Büchner-Preis entgegenzunehmen, in der Hoffnung auf eine sich auch fernerhin den Künsten geneigt zeigende Lebensgemeinschaft und Öffentlichkeit.