Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Marcel Beyer

Marcel Beyer

Schriftsteller
Geboren 23.11.1965
Mitglied seit 2009

Georg-Büchner-Preis 2016
Laudatio von Anke te Heesen
Dankrede von Marcel Beyer
Urkundentext

Seine Texte widmen sich der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der sie dem Sound der Jetztzeit nachspüren.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Heinrich Detering
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Gustav Seibt, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Felicitas Hoppe, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Nike Wagner[br]
außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Stefan Schmitt-Hüttebräuker (von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien), Regine Bantzer (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Hund

Ich verbeiße mich. Verbeiße mich in Schrift. Verbeiße mich in die Hand einer alten Viehmännin, die kurz vor ihrem Tod vom unsichtbaren Hund erzählt.
Im Oktober 1808 konsultiert eine fünfundsiebzigjährige, von einem fremden Hund gebissene Frau im holländischen Hondshollerdyk den jungen Regimentschirurgen Ernst Büchner. An ihrer stark geschwollenen linken Hand zählt er drei kleine Male, ein Zahn des Hundes ist von unten, zwei Zähne sind von oben in die Fleischmasse eingedrungen, ohne sie aber völlig zu durchbohren. Er rät, die Wunde auszuschneiden, in solchen Fällen sei das Messer lieber zu dreist als zu furchtsam zu gebrauchen. Die Frau mag an keine unsichtbaren Keime glauben, eine Behandlung mit Cantharidenpflastern scheint ihr völlig auszureichen. Der Wundarzt gibt Insekten in den Mörser, zerreibt Spanische Fliege, reibt die Hand der morschen Alten ein, verabreicht ihr Aphrodisiakum und tödliches Reizgift in einem. Einige Wochen lang eitert die Wunde so vor sich hin, dann erfolgt innerhalb weniger Tage die Vernarbung. Die Patientin, meint man, ist geheilt.
Eines Morgens taucht der Knecht der Gebissenen auf und gibt Büchner zu verstehen, die Alte sei behext. Nach einem heftigen Fieberanfall habe sie heftigen Durst verspürt, sonderbarerweise jedoch sei sie »im Augenblick der Darreichung des Wassers sehr erschrocken, habe nicht davon trinken können und solche Geberden gemacht, daß er sowohl als die Magd darüber hätten lachen müssen«.
Die Fiebrige ist außerstande, Flüssigkeit zu sich zu nehmen, »viel dünne Feuchtigkeit« fließt ihr aus Mund und Nase, sie speit unablässig um sich. Immerhin: »Beißlust oder Töne, die dem Geheul der Hunde gleichkommen, wie man solches bei der Hydrophobie beobachtet haben will, waren nicht zu bemerken«, notiert der Arzt. Vier Tage später ist die Patientin, Ende der »Jammerscene«, tot.
Die Art der Ansteckung, die Inkubationszeit, Symptome wie die Schluckbeschwerden, Momente der Apathie und äußerste Rage – hier wird der typische Verlauf einer Tollwutinfektion beschrieben. Der ungeklärte Rest dieser Geschichte, der Ernst Büchner noch umtreibt, als er auf die vierzig zugeht, liegt außerhalb des Bildes: der Hund. Mit seinem Auftauchen und Verschwinden droht sich der medizinische Bericht in ein schiefes Märchen, in ein krankes Volkslied zu verwandeln.
Die Frau hat geschlachtet. Ein Hund stiehlt sich zur offenen Tür herein und fällt über die Würste her. Hastig packt er eine Wurst ins Maul, legt sich unter den Tisch, wird von der Frau überrascht. Die Frau holt, aufgebracht »über diese Frechheit des ungebetenen Gastes«, einen Stock. Die Frau schlägt zu. Der Hund läßt von der Beute, springt unterm Tisch hervor, beißt »seine Feindin« und läuft davon.
Merkwürdig nur, daß außer der Alten niemand im Ort den fremden Hund zu Gesicht bekommen hat. Das Vieh auf den umliegenden Weiden zeigt keine Verletzungen, kein zweiter Unglücksfall ereignet sich, in den ein tollwütiger Hund verwickelt ist, »ebensowenig konnte in Erfahrung gebracht werden, daß der Hund in dieser oder einer andern Gegend von anderen Menschen gesehen worden wäre«.
Ein Arzt erinnert sich an einen Hundevorfall im holländischen Hondshollerdyk. Eine krude, alle Vorstellungskraft sprengende Mischbildung aus Hund und Holunder und ausgehöhltem Deich, nach der man auf der Landkarte vergeblich suchen würde. Tatsächlich existiert sie, ein Schreib-, ein Hör-, ein Erinnerungsfehler, allein in Büchners Bericht. Im Namen des unweit von Den Haag gelegenen, unter der französischen Besatzung als Spital genutzten Huis Honselaarsdijk dagegen läßt sich kein tollwütiges vierbeiniges Haustier entdecken.
Bisse von Hunden, die kein Mensch gesehen hat, um sich speiende alte Frauen, dem Hexenzauberglauben verfallene Knechte und Mägde, die am Sterbebett in Gelächter ausbrechen: Ernst Büchner verläßt Holland wie ein von der Heillosigkeit in die Flucht geschlagener Landarzt. »Du Vieh«, schreie ich wütend, »willst du die Peitsche?« Als er nach Hessen zurückgekehrt ist, zeugt er einen Sohn und gibt ihm den Namen nicht eines Hundebezwingers, er gibt ihm, sicher ist sicher, den Namen des großen Drachentöters: Georg.
Der Hund aber ist in der Sprache aufgegangen. Nein, er hockt in der Sprache halbversunken, semihundido wie jener Hund mit graphitgrauer Schnauze, den Goya in seiner Quinta del Sordo, in seiner Villa des tauben Mannes in den Putz gezeichnet hat.

Mit zwölf Jahren schiebt Büchners Sohn den unsterblichen Friedrich Schiller in die Pathologie, nicht ohne ihm zuvor einen Einlauf aus dickflüssigem Darmstädter Dialekt zu verpassen, indem er Schillers Kriegslied Graf Eberhard der Greiner von Wirtemberg in Straßensprache übersetzt. Mit Anfang zwanzig ist ihm das dahinfließende Flußbarbenfranzösisch geläufig, beherrscht er das glasklare Schädelnervendeutsch, wie man es heute noch in Zürich braucht. Georg Büchner weiß sehr genau, Sprache ist nur vor dem Hintergrund anderer Sprachen zu haben. Über das selbstbesoffene Eierlikördeutsch seiner Zeitgenossen – süßlich, klebrig, sittenrein – kann er nicht einmal mehr lachen, »das ästhetische Geschlapp« steht ihm bis »am Hals«. Er beschließt, die deutschsprachige Literatur um »Ferkeldramen« zu bereichern.
Sein ungeheuer feines Gehör erlaubt es ihm, gepaart mit einer ungeheuren Belesenheit, aus der geschriebenen, der gesprochenen, der gesungenen Sprache ein ganz eigenes Ferkeldeutsch zu extrahieren. Eine Kunstsprache, die keiner Desinfektion bedarf, angereichert mit Silbenverschleifungen, mit halben Sätzen, mit Verschlucktem und mit Wortfindungen, in denen mehrere Sprachen zusammenschießen. Büchner spricht mit den schlachtenden, schlagenden alten Holländerinnen, wie er den Worten hexengläubiger Knechte folgt, er hat das irre Gelächter einer Magd im Ohr. Er praktiziert als guter Arzt – indem er schreibt. Ein Mann in Betrachtung der Suhle: Er will aus nächster Nähe hören, wie die Ferkel quieken. Jedes hat seinen eigenen Ton.
Als Fachmann für alles vom Menschen Angezüchtete, Zurechtgebogene arbeitet er mit Kanarienvogeldeutsch, als Fachmann für Melodienachahmung mit Spötterdeutsch. Er beherrscht die Klangregie auf kleinstem Raum. Der tabaksehnsüchtige Andres sagt: »die Mensche dämpfe« – Woyzeck, im Schub, unterbricht die Sonntagsträumereien mit: »Verdammt!« Marie will »beten«, sucht nach einer Bibelstelle, fühlt sich von ihrem Kind gestört und mault: »Das bäht sich in der Sonne!«
Die Ferkelsprache speist sich aus Dialekten, Nichtmuttersprachlerdeutsch und einem Deutsch, das aus der Schriftsprache in die Mündlichkeit gefunden hat. Schriftdeutschsätze in den Mund zu nehmen heißt im Woyzeck, sie laden sich wie von allein mit bedrohlicher Albernheit auf. Figuren, die weder Schreiben noch Lesen gelernt haben, dürfen bei Büchner auf Shakespeare, Goethe, Grabbe anspielen, selbst in den ungedruckten Schriften ihres Autors kennen sie sich aus. Was minimale Textvarianten in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm angeht, unterscheiden sie instinktsicher zwischen den Ausgaben von 1812 und 1819.
Ein Deutsch der Zungensätze, in denen die Sprache selber spricht, nervendurchzogener Fleischlappen, Untersuchungsgegenstand, Werkzeug wie Objekt von Gewalt: »und wenn Gott will, daß Ihre Zunge zum Teil gelähmt wird, so machen wir die unsterblichsten Experimente.« Die Sprache fragt: »Kerl, soll ich dir die Zung aus dem Hals ziehn und sie um den Leib herumwickle?«
Ein Deutsch, offen nach allen Seiten, hochartifiziell und zugleich hingeferkelt wie die Manuskriptblätter, auf denen Woyzeck überliefert ist. Ein angefressenes, ein angestecktes Deutsch, wie eine nach dem Hundebiß gräßlich entstellte linke Hand. Ein Wölfinnen- und Zicken- und Zeckendeutsch, das sich mit seiner Offenheit für Rotwelsch und Argot wie nebenbei offen für Ferkeleien zeigt. Ein Halb- und Doppelwesendeutsch, das bis heute niemand zweifelsfrei entziffert hat.
Büchners Drastik bleibt rätselhaft. Geht man ihr nach, landet man nicht in der Enge, nicht in der Gosse, man folgt Büchner auf die Rückseite der Sprache, auf die Rückseite der Welt. Wollte man dazu ansetzen, seine ferkeldeutschen Figuren zu guten Normdeutschen zu machen, man würde ihnen die Zunge abschneiden. Ferkeldeutsch ist nichts anderes als eine Übung in Schutzlosigkeit.

Kein Zufall, daß der akustisch hypersensible Georg Büchner mit Woyzeck einen Stimmenhörer in die Mitte eines Ferkeldramas setzt. Durch ihn fließt alle Sprache, fließt auch die unhörbare Wahnsprache hindurch. Er kann die Ohren nicht verschließen. Um so aufmerksamer muß man hinhorchen, wenn Büchner seinen Woyzeck reden läßt, nur um ihn binnen eines Atemzugs zum Schweigen zu bringen, indem er die notierten Woyzecksätze wieder streicht.
Eine solche gestrichene Passage findet sich in einem Entwurf der Szene »Buden. Lichter. Volk« im Anschluß an das mit einem Ausrufezeichen versehene mehrdeutige Wort »Geschlecht!« – Woyzeck könnte es zum Anlaß nehmen, in höhere Sphären aufzusteigen und das Menschengeschlecht zu besingen. Woyzeck könnte den Blick nach unten wenden, um sich den männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen zu widmen. Die einzige Stelle – eine ›Stelle‹ im fast schon klassischen Sinne – im gesamten Stückfragment, an der Büchner es seiner Hauptfigur überläßt, eine souveräne Entscheidung zu treffen. Treffsicher wählt Woyzeck eine dritte, eine unerhörte Möglichkeit, die Büchnerforscher bis heute unruhig auf dem Sessel herumrutschen läßt – die Sittenpolizei würde den geschilderten Fall im schmalen Ordner mit der Aufschrift »Unzucht mit Gegenständen« ablegen.
Woyzeck erzählt: »Das will ich dir sagen, ich hatt ein Hundele und das schnuffelte an ein großen Hut und konnt nicht drauf und da hab ich’s ihm aus Gutmütigkeit erleichtert und hab ihn drauf gesetzt. Und da stande die Bube herum und die Madeln.«
Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, nachdem jeder Mensch, der über Augen verfügt, die rasende Verwandlung der Welt in ein Schlachthaus miterlebt hat, dürfen in dieser Szene keine Kinder unter den Beobachtern sein – anstelle von »Bube« und »Madeln« steht mit einem Mal »Volk« herum. Noch in den achtziger Jahren streiten sich Büchnerforscher, aus der sexuellen Revolution gestählt hervorgegangen, was da genau passiert sein soll, wenn Woyzeck erzählt, er habe einem Hund auf einen Hut geholfen. Mit stoischem Ernst zieht man Auskünfte über die maximale Größe zeitgenössischer Zylinderhüte heran. Am Ende lautet der bündigste Vorschlag: Selbst, wenn im Manuskript ohne jeden Zweifel das Wort »Hut« zu entziffern sei, habe der Autor ohne jeden Zweifel das Wort »Hund« hinschreiben wollen. Woyzeck könne nur einem sehr kleinen Hund auf einen sehr großen Hund geholfen haben.
Es könnte einem in den Sinn kommen, aus medizinischer Perspektive zu argumentieren. Tollwütige Hunde durchlaufen eine Phase gesteigerten Geschlechtstriebs, im Verlauf der Krankheit treten Lähmungserscheinungen auf. Ohne jede Scheu würde Woyzeck einen tollwütigen Hund berühren und ihm zur Erfüllung seines absurden Verlangens verhelfen. Gebissen wird er nicht.
Es könnte einem in den Sinn kommen, aus philologischer Perspektive nüchtern festzustellen: Wenn Woyzeck einem Hund auf den Hut hilft, hilft zunächst einmal Büchner der Sprache auf die Sprache.
»Sei vernünftig. Kannst du nicht singe?« Man braucht ja nur, wie Büchner es getan hat, ein wenig in die Landschaft zu lauschen. Dort finden Hut und Hund in derselben Tonfolge zusammen, finden sie dank einer vom Teufelsgeiger 1816 aus Venedig importierten Melodie aufeinander: Wer »Ein Hund kam in die Küche« singen kann, kann auch »Mein Hut, der hat drei Ecken« singen, samt »Napoleon soll verrecken«.
Vielleicht wird sich eines Tages ein in Ferkeldeutsch beschlagener Philologe über die gestrichenen Woyzecksätze beugen und im Manuskript statt einem »Hundele« doch noch ein »Hunderl« entdecken – die im Rotwelschen geläufige, liebevolle Bezeichnung für das weibliche Geschlecht.
Ich habe mich entschieden, der Koseform »Hundele« einen imaginären Bindestrich anzuhängen, mit dem die Rede mitten in der Rede abbrechen würde. In ihm schwingt Woyzecks eigenes, vom Schwert des Scharfrichters um seine letzte Silbe verkürztes Hundeleben mit.

Kein Hundele, kein Hund, keine Woyzeck-›Stelle‹ mehr in Büchners Text. Möglich, im Schreibverlauf ist ihm aufgegangen, daß sich im selben Szenenentwurf bereits ein anderer Hund verbirgt. Der ist kaum mehr erkennbar, zugegeben, da alles fortschreitet, Biologie und Zivilisation, bis auf die unterste Stufe des menschlichen Geschlechts, kaum mehr erkennbar ist der Hund durch mehrere Sprachen geglitten und hat sich mit dem Vertreter einer anderen Art gepaart: Neben dem klugen Pferd und dem musikalischen Affen verspricht der Ausrufer an der Jahrmarktbude »kleine Kanaillevögele«, und die sind, glaubt man Marie, »schön Dings«.
»Kanaillevogel«: scherzhaft für »Kanarienvogel«, »Kanalje«: südhessisch für »Schurke« – mag ja alles sein. »Schön Dings« aber erkennt man in den Kanaillevögele erst, wenn man in sie hineinhorcht: Lateinisch canis ist schön Dings, italienisch cane ist schön Dings, die canaglia dann, das Hundepack, ist so wenig schön Dings wie die französische canaille, der Pöbel, das Lumpengesindel. Man muß sie auf der Zunge drehen, ihr eine andere Richtung geben, damit sie sich von neuem in schön Dings verwandelt: Als trotzige Selbstbezeichnung eben jener sich gegen den Adel auflehnenden Canaille wird sie zum Geusenwort, wie »Schwuler«, »Kanake« oder – proud to be deaf – neuerdings auch »taub«.
Mit dem »Canaillevogel« schmuggelt Büchner sich selbst in den Text, ein Exemplar der domestizierten Form des Kanarengirlitz, ein über die Jahrhunderte zurechtgezüchteter Positurkanarienvogel mit seinem in der freien Wildbahn gänzlich unbekannten Gesang, ein schiefgesprochener deutscher Zimmervogel. Die untergetauchte, ungenannte, anonym reisende, ins Exil gegangene Canaille Georg Büchner hat sich als Objekt der Neugier Woyzecks und Maries in eine Jahrmarktbude, in seine eigene Woyzeck-Handschrift gesetzt.
Hier müssen sie zusammenfinden, Büchner und sein stimmenhörender Held. In einer natürlich unschicklichen Geste fallen sie in eins, an einem Punkt, in einem Strahl, in einer gelbschäumenden warmen Pfütze: wenn Woyzeck auf die Straße pißt wie ein Hund.

Der Hut reibt den Hund.
Der Hund beißt die Frau.
Die Frau reibt den Hund.
Der Arzt reibt die Frau.
Die Frau reibt den Knecht.
Der Knecht reibt die Magd.
Der Hund reibt den Hut.
Der Hut reibt den Hut.
Das Wort reibt das Wort.
Die Sprache reibt den Mann, der Georg Büchner heißt.

Die Welt hängt voller Kuckucksuhren, aus denen zu jeder vollen Stunde eine Walther P.38 hervorgeschossen kommt.
Aus nächster Nähe höre ich das Knatterdeutsch der fernen, fernen achtziger Jahre, mit dem die Weltkriegsveteranen damals Drückeberger, Vaterlandsverräter an die Wand zu stellen gedachten, während der Zivi ihnen geduldig den wunden Wehrmachtshintern wischte. Ich höre, wie sich kluge, sprachbewußte Menschen eines rüden Tons bedienen, der vielleicht auf liederlich geführten Hundesportplätzen gebräuchlich ist. Höre, wie Liebling von alle Potentate Europas und Mitglied von alle gelehrte Societät eine Sprache über die Lippen geht, die ich sonst nur von Gestalten kenne, die nichts weiter vorhaben, als dem Rest der Welt die Hölle zu bereiten. Ich höre ein nahezu kryptisches, der Heimatliebe verschriebenes Spreizdeutsch, ein aseptisches, duftendes, feistes Rosenstuhlgangdeutsch, höre das unbeholfene Carl-Schmitt-trifft-Florian-Silbereisen-Deutsch der Leitkulturpamphlete.
»Was mit der rechten Hand an de rechte Ellboge? Ihr seid geschickt.«
Ich sauge alles ein, mit einer Aufmerksamkeit, als hätte ich eben den linken Backzahn von einem Infusionstier unter dem Mikroskop, als würde ich Entzifferungsvarianten der Woyzeck-Manuskripte studieren.
Weil Sprache alles ist, brauche ich alles. Brauche Kalbsdeutsch und Erbsenfresserdeutsch so dringend wie das Hammelfleischdeutsch der nächsten Woche, brauche das Leoprintdeutsch der Krawallfernsehfamilien, brauche patzergesprenkeltes Dünkeldeutsch, brauche das Edeldeutsch von Leuten, die ihren Gästen Katzenfutter mit Kaviar servieren, brauche das 48-Stunden-Deo-Deutsch der Zeitgenossen, die vor lauter Nationalempfinden schwitzen. Ich brauche das Mühedeutsch, wie es mir entgegenkraxelt, -schwillt, -weht, -bastelt, -schnauft und -stürzt, brauche das dampfende Kartoffelsuppen- und Semmelknödeldeutsch, ich brauche diese grundverunglückte Heiligabendsprache, die Deutschlandretter mit einem Dschihadistenernst zelebrieren, daß mir das Blut in den Adern gefriert.

Ich brauche sie.
Ich verbeiße mich.
Sprache versetzt mich in Euphorie.
Und Sprache macht mich apathisch.
Sprache lähmt mir den Rachen.

Die Reizdeutschen steigen von ihren Feldherrenhügeln herab und sprechen längst ein anderes, ein Schlüpferjägerdeutsch, ich aber merke, wie ich mürbe werde, mürbe. Ein in den Putz gezeichneter, von der Rückseite der Welt her über den Horizont schauender, auf immer in der Sprache halbversunkener Hund.
Ich fürchte, mir geht das Gegengift, mir gehen die Cantharidenpflaster aus. Wie will ich Wörtlichnehmer bleiben, wenn die Welt um mich herum in wortwörtlichen, in buchstäblichen, in fundamentalistischen Lesarten der Welt versinkt. Ich Sprachsäufer kann keine Sprache mehr saufen. Manchmal weiß ich nicht einmal, ob ich noch ein äußeres Drama verfolge oder ob sich nicht bloß ein inneres Drama abspielt. Ich habe wahnsinnigen Durst, ich speie um mich, ich mache unverständliche Gebärden. Knecht Lexikon und Magd Grammatik stehen an meinem Bett und fangen irrsinnig an zu lachen.
Vor der Sprache rettet mich – die Sprache. Woyzeck rettet mich. Büchner beruhigt mich. Er redet mir gut zu. Von Menschen, die Orte wie Hondshollerdyk niemals erreichen werden, weil es ihnen schlicht an Wahrnehmungsfähigkeit wie an Imaginationsvermögen fehlt, von Menschen, die auf dem Nationalschlauch stehen dürften, fragt man sie, wie der Hund von Kuifje heißt (Bobbie, Snowy und Milou), die Serge Gainsbourg (stöhn, wisper, hechel) nur für einen sündhaft teuren Käse halten können, geschweige denn, daß sie je von einer Googoosh oder einem Fela Anikulapo Kuti gehört hätten, muß ich mich nicht in Sachen Sprache, muß ich mich nicht in Sachen Kultur belehren lassen. Niemand muß das.
In meiner Welt, hier, auf der Rückseite der Welt, wo Georg Büchner gegangen ist, wo das Goyahündchen hockt, dürfen die tollwütigen Ladies bis ans Ende der Zeit in ihren schicken SUVs durch die verkehrsberuhigte Zone rasen, während sich auf der Rückbank Knecht und Magd in Unzucht übereinanderwälzen, das grobe Leder aneinanderreiben. Mit kühnem Sprunge retten sich die Nationalheinis in ihre sprachlichen Stiefmütterchenrabatten –

Ich bin der neuntöter,
der neuntöter!
In meinen träumen
drehe ich das augnlicht auf fahl!

Ich bin der Hund, dem Woyzeck auf den Hut geholfen hat.