Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Hermann Lenz

Hermann LenzHermann Lenz

Schriftsteller
Geboren 26.2.1913
Gestorben 12.5.1998
Mitglied seit 1974

Georg-Büchner-Preis 1978
Laudatio von Dolf Sternberger
Dankrede von Hermann Lenz
Urkundentext

Sein Werk ist ausgezeichnet durch scharfe Wahrnehmung und treue Erinnerung sowohl unscheinbarer als entsetzlicher Erfahrungen...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Peter de Mendelssohn
Karl Krolow, Manfred Ranft (Hessisches Kultusministerium), Horst Rüdiger, Heinz Winfried Sabais (Stadt Darmstadt), Bruno Snell (Ehrenpräsident), Dolf Sternberger, Gerhard Storz, Bernhard Zeller, Eva Zeller

Den Verfall hinauszögern

Wenn über Büchner geredet wird, erinnere ich mich an eine Liebhaberaufführung von »Leonce und Lena«, in der ich den zweiten Diener zu spielen hatte. Das war 1932, und die Rolle des zweiten Dieners machte mir das innere Danebenstehen gewissermaßen zur existenziellen Pflicht.

In einem dunkelblauen Waffenrock mit goldblitzenden Knöpfen der königlich württembergischen Armee, der bei jener Liebhaberaufführung als Livree benützt wurde, durfte ich, nachdem ich aus dem Saalfenster des Schlosses geschaut hatte, meinem König mit tiefer Verbeugung melden, es gehe jemand auf der Nordgrenze spazieren, aber es sei nicht der Prinz. Dann hatte ich über Hofdamen zu sagen: »Wenn sie auch nicht offenherzig sind, so sind sie doch offen bis zum Herzen.«

Was kann ich Ihnen sonst noch erzählen? Nichts Neues, denn über Büchner ist alles bekannt.

Er kam 1813 auf die Welt, und ich bin hundert Jahre später geboren worden. Das verleitet zu Vergleichen und Überlegungen, die im literarhistorischen Sinn nicht angebracht sein mögen, mich aber dazu verführen, mir klarzumachen, wie ich gewesen bin, als ich so jung wie Büchner war.

Niemals hätte sich Büchner auf die Literatur als Lebenszweck eingelassen. Er war, wie Sie alle wissen, ein nahezu asketisch lebender Medizinstudent, der mit dreiundzwanzig Jahren Privatdozent für vergleichende Anatomie an der Universität Zürich wurde. Die Literatur diente ihm – wahrscheinlich – als Heilmittel, das ihn besänftigte, seine Aggressionen milderte und ihn ins Gleichgewicht brachte. Wobei ich mir anzumerken erlaube, daß für mich auch »Der Hessische Landbote« eine Schrift ist, die Büchner verfaßte, um innere Spannungen loszuwerden. Oder hätte er sonst die Möglichkeit, außer Landes zu gehen, nützen dürfen, die ihm die Polizei als dem Angehörigen einer privilegierten Schicht zubilligte? Ich meine: nein. Auch die Folgen der Veröffentlichung seiner Schrift, die viele, bei denen sie gefunden wurde, für Jahre ins Gefängnis brachte oder außer Landes trieb, scheinen ihn nicht bekümmert zu haben; nur um seine Kollegen und Freunde hat er sich

Sorgen gemacht. Er hat zielstrebig studiert und seine literarischen Arbeiten als Blitzableiter benützt, um seine Aggressionen loszuwerden. Denn Büchner war ein aggressiver junger Mann.

Als ich neunzehn Jahre jung war und den zweiten Diener in »Leonce und Lena« spielen mußte, begegnete ich nur Feinden der Regierung, während es ein Jahr später nach der sogenannten »Machtübernahme« oder dem »Umsturz«, schwierig war, jemanden zu finden, der es wagte, irgendetwas gegen die neuen Herrscher verlauten zu lassen. Man brauchte dafür gleichsam einen psychologischen Geigerzähler, der mit der eigenen Empfindungssphäre verwachsen, ja, mit ihr identisch war.

Büchner schrieb als Zwanzigjähriger an seine Eltern: »Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt.« Der Vater war Hofmedizinalrat und gehörte zu den Honoratioren oder Privilegierten, wie man heute sagt. Meine Eltern rechneten sich dem ›Mittelstand‹ zu, gehörten also, wie Büchners Eltern, zur sogenannten bürgerlichen Schicht, die man heutzutage als »Klasse« zu bezeichnen pflegt. Und ich wurde als Zwanzigjähriger von »haufeng’nug« Gewalt bedrängt, wenn ich dies mal so schwäbisch ausdrücken darf. Heute aber redet man von »Psychoterror«, der von 1933 ab kräftig praktiziert wurde, als von »Revolution« und auch noch von einer »nationalen«, lautstark und aus Lautsprechern die Rede war. Mein Vater meinte, da müsse man einfach dabeisein. An seiner Meinung entzündete sich dann das, was man einen »Generationenkonflikt« nennt.

Ich besitze noch Briefe und Postkarten, die ich Anno 33 meiner Mutter geschickt habe; auch ein Brief der Mutter ist darunter, die vom kräftigen Vater in seinem Sinne beeinflußt wurde, was verständlich ist. Sie schrieb mir: »Versäume doch nichts, um Deiner Zukunft willen! Schlage Dir keine Türe zu, die für Dein späteres Fortkommen offen sein muß! Sei klug!«

Ich antwortete ihr zwölf Tage später, schrieb »Nicht für Begeisterte der ›Neuen Zeit‹!« auf das erste Blatt und fuhr fort: »Was heute herrscht und heraufgezogen wird, sind schnauzbärtige Kommißphilister, denen zu gehorchen ich keinen Trieb in mir fühle, mag dabei alles zugrunde gehn. Lieber ehrlich sein und sich selber treu bleiben, als Knechtsgesinnung verehren! Ich halte es für falsch, mit dieser Meinung vor den anderen zu schweigen, denn es ist ja, rein materiell betrachtet (was ja der alleinige Maßstab unserer Zeit ist) völlig egal, ob ich später einmal keine Anstellung bekomme oder ob ich in einem Schützengraben an der Front ein Stück Blei im Hirnkasten habe. Tot bin ich so oder so!«

Das war mein Briefstil als Zwanzigjähriger. Und wenn ich dies heute lese, lächle ich nicht, trotz aller kuriosen Wörter und Wendungen die mein Brief vom 26. Juni 1933 enthält. Denn alles, was sich damals um mich abspielte und mich beeinflussen wollte, erschien mir als etwas dem es zu widerstehen galt. Und was meine Briefe betrifft, so haben sie bei den Adressaten keinen Sinneswandel bewirkt. Seltsamerweise erscheint heute alles, was ich damals geschrieben habe, als Vorausschau So kam es, und ich wußte, was mich erwartete.

Hundert Jahre zuvor hatte Büchner unter seinen Mitstudenten für hochmütig gegolten. Einen hohen Zylinderhut tief in den Nacken geschoben, ging er einher und fühlte sich hingezogen zu Abgesunkenen und Verluderten, was mir sympathisch ist. Dabei lebte er streng, gestattete sich keine Schlaffheiten und hatte den Wunsch, sich hervorzutun und sich auszuzeichnen, denn sonst wäre er kein so fleißiger Student gewesen, als der er immer wieder geschildert wird.

Bei mir sah‘s hundert Jahre später anders aus. Im Anblick der Uniformen und beim Empfinden der allgemeinen Grobheit, die eine, wenn man so sagen darf, staatstragende Bedeutung gewann, pflegte ich eine gewisse, übrigens mühsam zu bewahrende bürgerliche Eleganz mit langem Haar, weißem Hemd und strengen Bügelfalten, um mich von den anderen zu unterscheiden und der Gleichschaltung zu entziehen. Ich schrieb Gedichte, zeigte sie aber niemand. Dann sagte Georg von der Vring zu mir, ich solle ihn mal meine Verse sehen lassen, denn daß ich keine machte, sei unwahrscheinlich. Und ich brachte ihm einige Blätter, die er, eine Falte in der Stirne, durchlas. Dann zeigte er mit der Pfeifenspitze auf eine schwache Stelle. Aber mein Gedicht ›Das Blatt‹ gefiel ihm.

Ich hatte geschrieben: »In ein gerolltes Weinblatt möcht’ ich kriechen, / Sein mürbes Sterben knistern hören, um / In Spinnenfasern lässig hinzusiechen / Bei einer Wespe brüchigem Gebrumm.« Undsoweiter.

Das Gedicht zeugte nicht gerade von erhöhtem Selbstgefühl, entsprach aber meiner Lebensstimmung, von der ich mich immer wieder befreien mußte, um aufatmen zu können. Ich schrieb auch eine Erzählung, die im Wien der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt, und stellte darin – verfremdet, wie man heute sagt – eigene Kindheitserinnerungen dar. Meine Eltern machte ich zu feinen und reichen Leuten. Der Vater war jetzt Konsul (nicht Studienrat und Zeichenlehrer, wie man damals sagte, denn heute heißt das Kunsterzieher). Aber gespreizt oder affektiert ist es in der Geschichte trotzdem nicht zugegangen. Ich schickte sie, als Unbekannter, wie sich versteht, an die ›Neue Rundschau‹ und erhielt eine zustimmende Antwort. Die Erzählung ist dann dort erschienen; 1938, wenn Sie es genau wissen wollen.

Später freilich erfuhr ich, daß manches oder beinahe alles, was ich inzwischen gemacht hatte, mit »Innerlichkeit« zusammenhänge, und das sei ein Manko. Aber da war der Krieg längst vorbei, und die deutsche Prosperität spreizte sich mit Hochhäusern, und viele Fassaden alter Palais und ehrwürdiger Häuser, die den Bombenkrieg überstanden hatten, wurden demoliert, wie man in Österreich sagt, was mir entsprechender erscheint als das Wort »abgerissen«. An Überliefertem, das mir am Herzen lag, pflegte so gut wie niemand Interesse zu nehmen. Auch Büchner wäre es gleichgültig gewesen.

Das war in jenen Tagen, als das sogenannte »Bürgerliche« oder die sogenannte »Bürgerliche Welt« allgemach verachtet wurde, obwohl bis heute niemand weiß, was an die Stelle dieses sogenannten »Bürgerlichen« treten soll, wenn es einmal beseitigt ist. Diese Entwicklung befindet sich, wie man zu sagen pflegt, noch im Fluß, obwohl die Zerstörungswut, die sich an alten Häusern austobt, ein bißchen nachgelassen zu haben scheint.

Vor fünfzehn Jahren ging mir die allgemeine Demolierungslust nahe. Schade, sagte ich zu mir selbst und schrieb weiter an meinen Büchern, die verschiedenartig sind, weil in jedem von ihnen eine andere Lebensstimmung beschrieben wird. Besonders revolutionsträchtige oder revolutionslüsterne sind nicht darunter; auch werden Sie keine Anklagen an die Gesellschaft als einer Klassengesellschaft darin finden, weil ich meine, eine literarische Arbeit, die sich darum bemüht, das Leben zu erkennen und das menschliche Zusammenleben darzustellen, sei mir gemäßer als jede agitatorische Anstrengung. Schließlich habe ich unter der Diktatur eines Revolutionärs leben müssen, der das Volk verachtet hat.

Wenn ich herumhorche, was über meine Bücher gesagt wird, dann merke ich, daß jeder etwas anderes behauptet, mitunter scharfsinnig und mit Überzeugungskraft; auch die einander widersprechenden Urteile erscheinen plausibel, wenn sie dialektisch vorgebracht werden. Weshalb ich mich bald wieder auf mich selber besinne und denke, es sei gut so, daß es hienieden nichts Sicheres gebe, auf das man sich verlassen könne. Also nicht mal auf die eigenen Bücher.

Für mich ist Literatur eine Möglichkeit, zu mir selbst zu kommen. Trotzdem trete ich in meinen Büchern nicht als einer auf, der den anderen den Weg weist, denn dazu bin ich nicht befugt. Wenn sie aber dem Leser helfen, zu erfahren, wer er ist und sich seiner Zu- und Abneigungen bewußt zu werden, dann haben sie ihren Zweck erfüllt. Ich bemühe mich nämlich darum, mit Wörtern Anschauungsmaterial vorzuführen und Menschen, Landschaften und Dinge so sichtbar zu machen, daß ihre eigentümliche Beschaffenheit erkennbar wird, und meine, dies sei möglich, indem ich versuche, die Empfindungen der andern zu ergründen, mich in sie hineinzudenken.

Jedenfalls bemühe ich mich um Anschauung mehr als um Erkenntnis oder, wie man heute sagt: um Analyse. Ich will auch nichts zerstören, ich will den Verfall hinauszögern wie jeder Arzt. Dabei meine ich, es komme darauf an, im Vergänglichen das aufzuspüren, was gleich bleibt, so lange es Menschen gibt.

Was aber bleibt gleich? Doch wohl Empfindungen und Gefühle. Wär’s nicht so, dann wäre für uns nur die Literatur der Gegenwart verständlich, und auch Georg Büchner hätte uns nichts zu sagen, obwohl er das tat, was man heutzutage »hart und kompromißlos schreiben« nennt. Ich habe allerdings etwas gegen »hart und kompromißlos«, weil in meiner Jugend viele sogenannte »harte Männer« hart und kompromißlos gehandelt haben. Und ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an einen Aufsatz von Heinrich Böll, der darauf hinwies, wenn von einem Autor im lobenden Sinne gesagt werde, er schreibe ›vital‹, dann vergesse man, daß auch die Machthaber des sogenannten ›Dritten Reiches‹ sehr vital gewesen seien. Trotzdem erscheinen Vitalität, Härte, Kompromißlosigkeit, ja am Ende gar die heute viel gepriesene ›Dynamik‹ dann als schätzenswerte Eigenschaften, wenn sie sich um Menschenwürdiges bemühen; denn die Wörter sind vieldeutig.

Vielleicht sollte ich an all dies nicht erinnern, weil Literatur nur mit Wörtern zu tun hat, die allerdings dann und wann eine allgemeine Stimmung wiedergeben. Die Grenzen sind fließend, und einer wie ich täte wahrscheinlich gut daran, an die Grenze zwischen Literatur und Wirklichkeit oder zwischen Literatur und Leben nicht zu rühren, obwohl man immer wieder liest und hört, diese beiden sollten möglichst »hautnah« zusammenkommen. Auch Büchner hat dies gefordert, nur gebrauchte er nicht jenes Wort »hautnah« sondern sagte »lebendig«. Was aber die Grenze zwischen Literatur und Leben betrifft, so fällt mir wiederum jenes Wort ein, das ich in der Aufführung von ›Leonce und Lena‹ als zweiter Diener zu sagen hatte: »Es geht jemand auf der Nordgrenze spazieren...«

Allerlei Abseitiges kommt mir dabei in den Sinn, beispielsweise der Bayerische Wald. Die Natur dort hat es mir angetan, das Granitgebirge mit weiten Ausblicken nach Böhmen, mit Bäumerauschen und Stille und dann und wann dem schnarrenden Ruf eines Vogels.

Aber davon möchte ich nicht erzählen. Es will mir nämlich so scheinen, als sei ich zeitlebens auf einer Grenze spazieren gegangen, auf der zwischen Erfolg und Mißerfolg wie jeder Autor, aber auch auf jener unsichtbaren zwischen Wirklichkeit, Phantasie und Traum. Denn ich habe mehrere Bücher geschrieben, in denen sich Vergangenes mit Gegenwärtigem mischt. Die Übergänge sind fließend, und ich meine, Traum und Phantasie ließen jedenfalls etwas anderes ahnen als – sagen wir mal – Greifbares und Schmeckbares; weshalb es möglich sein könnte, daß auch die sogenannte »Wirklichkeit« ein Zwischenbezirk ist; doch dürfte dies eine Bemerkung sein, die Sie nicht zum ersten Mal hören. Und weil jeder die sogenannte Wirklichkeit anders sieht und in seinen Büchern anders darstellt, könnte man daraus folgern, es gebe keine Wirklichkeit. Allerdings, es gibt eine gewisse Übereinkunft, beispielsweise über Tastgefühle und andere Sinneswahrnehmungen. Und, was mich betrifft, so stelle ich in meinen Büchern meine Erfahrungen auf eine Weise dar, die einen Lebensbezirk erkennen läßt, in dem Vergangenes und Gegenwärtiges ineinanderfließen.

Es geht mir – mit Hilfe verschiedenartiger Mittel – um die Suche nach etwas Beständigem. Dabei bin ich – ich muß dies eingestehen – übers Stadium der Suche noch nicht hinausgekommen, obwohl ich, wie ich zuvor angedeutet habe, das, was sich am wechselvollsten erweist, nämlich Gefühle und Empfindungen zum Beständigen der menschlichen Natur rechne. Auch ein Granitgebirge gehört dazu, denn es bleibt – wahrscheinlich – bis ans Ende aller Tage. Jedenfalls wird es mich überleben.

Ihm wende ich mich immer wieder zu. In einer naturfeindlichen Zeit wie dieser habe ich mir erlaubt, Landschaften darzustellen, was eine Zeitlang nahezu als literarisches Vergehen betrachtet wurde. Es kann aber sein, daß sich dies inzwischen geändert hat. Dann würde meine Sympathie zu sanften und weiten Höhenzügen oder zu Silberdisteln im warmen Gras auf einem Weg in tausend Meter Höhe ebensowenig belächelnswert erscheinen wie mein Interesse an alten Dingen, die im Antiquitätenladen oder im Museum zu besichtigen sind. Denken Sie zum Beispiel an das Wagscheit, das Ihr Großvater ein Leben lang benutzt hat, um seinen Gaul einzuspannen, oder an den Messingleuchter, der Ereignisse und Ratlosigkeit und Glücksgefühle widergespiegelt hat, die immer gegenwärtig zu sein scheinen, auch wenn heute niemand mehr etwas davon weiß. Das Mehl des Holzwurms in einer alten Kommode fühlt sich wie der Staub an, den jedermann in Katakombengräbern berühren kann. Das ist‘s, was von uns übrigbleibt.

Übrigens hat sich auch ein Revolutionär wie Büchner der Vergangenheit zugewendet, beispielsweise in seiner Novelle »Lenz«, die mir nicht ihres Titels wegen bewundernswert erscheint. Und wieder muß ich an allgemein Bekanntes erinnern und sagen, mit diesem ›Lenz‹ sei jener Freund Goethes gemeint, der Jakob Michael Reinhold Lenz geheißen hat, als Dichter des ›Sturm und Drang‹ in die Literaturgeschichte eingegangen ist und einer Gemütskrankheit anheimfiel, als er den Pfarrer Oberlin im Elsaß besuchte.

Die fragmentarische Erzählung beginnt mit der Darstellung der Naturgewalt eines Granitgebirges im Januar und stellt Landschaften, Vorgänge, Geschehnisse, Empfindungen in beständigem, oft abruptem Wechsel von Sanftheit und Kraßheit dar.

»Den 20. (Hartung) ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.

»Es war naßkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träge, so plump.«

»Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.«

Jede Einzelheit erhält eine drohende Bedeutung, die immer wieder durch Hinweise auf die Empfindungen dessen, der da wandert, hervorgehoben wird: »Es drängte ihn, er suchte nach etwas, wie nach verlorenen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß; er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen.«

Mürrisches, Depressives, Enges, Gedrücktes, quälende Ungeduld wechselt mit Erhabenem, weiten Ausblicken und »Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen«. Es verschmelzen Gefühle, Naturphänomene, und die Naturbilder werden zu Empfindungen, wenn »der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so daß ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm Jas Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriß«.

Aber, was zitiere ich da mit meinem schwäbischen Tonfall diese unerreichbaren Sätze und bemühe mich darum, etwas zu erklären, das für den Empfänglichen keiner Erklärung bedarf. Hier erneuert sich jedes abgenützte Wort an der Naturgewalt Büchners, die alle Erfahrungen beschwört, alle Freiheiten, alle Belastungen, jedes Eingeengtsein und wie das Gefühl sich ins Kosmische weitet, klein wird und ins Erschrecken fällt.

Die Sätze, die berichten, was geschieht, sind so schmucklos wie die andern, die Naturbilder ausbreiten, und haben dieselbe drängende Gewalt. Dabei erscheint es verwunderlich, daß diese Beschreibungen der Geschehnisse nahezu wörtlich aus Oberlins Tagebuch übernommen worden sind. Aber wer das nicht weiß, dem fällt es nicht auf. Audi kein noch so versierter kritischer Geist kann hier »Stilbrüche« entdecken.

Immer wieder wird die schneidende Schärfe des Winterlichts beschworen, um die schneidende Schärfe wechselnder Empfindungen dessen deutlich zu machen, der, wie wir heute sagen, von schizophrenen Schüben heimgesucht wird.

In die Erzählung fügt sich ein Gespräch über Literatur ein, das als eine Art Manifest des Realismus aus allem Vorhergehenden nahezu selbstverständlich hervorgeht. Es ist Büchners dichterisches Glaubensbekenntnis, das Lenz in den Mund gelegt wird. Und wie der Gymnasiast Büchner Leben statt »toten Krams« forderte, so verlangt er jetzt von der Literatur wiederum »Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist‘s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist«.

Sie sehen, ich will diese Novelle nicht analysieren, ich will sie bewundern. Und ich wiederhole meine Ansicht, daß für Büchner – wahrscheinlich wie für jeden Autor –die Literatur ein Heilmittel war, das seine Aggressionen milderte und ihn ins Gleichgewicht brachte.

Wenn ich mir vorstelle, Büchner wäre, wie ich, aus einem Weltkrieg zurückgekehrt, dann meine ich, er hätte wie manche, zu denen auch ich gehörte, an einen neuen Anfang geglaubt, an die Chance der Stunde Null. Aber es gibt keine »Stunde Null«, denn Gegenwärtiges existiert nie ohne Vergangenes. Auch wollen wir uns der Zukunft erinnern, obwohl es nur Vergangenheit gibt; denn der Augenblick, da ich dies sage, ist schon wieder vergangen. Hoffen aber tun wir alle auf die Zukunft.