Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Günter Eich

Günter EichGünter Eich

Lyriker und Hörspielautor
Geboren 1.2.1907
Gestorben 20.12.1972
Mitglied seit 1960

Georg-Büchner-Preis 1959
Laudatio von Walter Höllerer
Dankrede von Günter Eich
Urkundentext

Günter Eich, der durch die unpathetische Sprache seiner Gedichte und Hörspiele ein rückhaltloses Bekenntnis zur Kreatur fordert...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Hermann Kasack
Friedrich Bischoff, Kasimir Edschmid, Hanns W. Eppelsheimer, Adolf Grimme, Rudolf Hagelstange, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Rudolf Pechel (Ehrenpräsident), Gerhart Pohl, Rudolf Alexander Schröder (Ehrenpräsident), Fritz Usinger

Dankrede

Meine Damen und Herren! Für die Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises danke ich dem Land Hessen, der Stadt Darmstadt und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ich danke auch für die Verpflichtung, hier zu sprechen, indem ich das Müssen als Dürfen auslege. Ich darf also einiges womöglich Unfreundliche sagen, unter dem Zeichen Georg Büchners, aber ohne daß mich der Mantel dieses Schutzpatrons decken soll. Ich kann meine Worte nicht immer mit Zitaten belegen. Da ich von der Macht und der gelenkten Sprache sprechen will und weniger davon als dagegen, kommt es mir vor allem darauf an, daß das Ärgernis hörbar wird. Freilich sind in allen Ärgernissen Imperative verborgen, aber ich hoffe, daß es mir gelingt, wenigstens einige zu verschweigen. Sie gehören zu den Sätzen, die nur dadurch gut sind, daß sie ausgelassen werden, und haben an der grauen Erkenntnis teil, die die eigentliche Illusion perdue ist: Daß die Wahrheiten platt und die Plattheiten wahr sind. Man könnte zum Trappisten darüber werden, aber es hilft nicht. Meine Damen und Herren, seit der Doktor den Woyzeck mit Erbsen fütterte, haben sich die Vorwände geändert. Die vorurteilslose zweckfreie Wissenschaft wird uns nur noch mit dem Zusatz angeboten, ihre Anwendung müsse, könne oder werde hoffentlich dem allgemeinen Wohle dienen. Auf diese Weise rosenrot gefärbt, schmeckt uns die Suppe, die Woyzecksche Erbsensuppe, die wir auszulöffeln haben, doch wesentlich besser. Denn das Auge ißt mit, woran man uns neulich wieder erinnert hat. Wir haben viele neue Möglichkeiten, uns glücklich machen zu lassen. Eine davon sieht so aus: Dem Menschen werden, am besten bald nach der Geburt, zwei winzige Elektroden in das Gehirn eingesetzt, was durch einen verhältnismäßig einfachen chirurgischen Eingriff möglich ist. Von diesem Augenblick an, so sagt ein amerikanischer Ingenieur, können Sinneseindrücke und Muskelbewegungen vollständig durch Signale kontrolliert und gelenkt werden, die von eigenen, unter Staatsaufsicht stehenden Sendern ausgestrahlt werden. Hunger, Angst, Zorn, Wohlbefinden, Gleichgültigkeit, alles würde uns auf diese Weise in der richtigen Dosierung zuteil. Keine Qual der Entscheidung mehr und keine lästige Freiheit. Technisch ist die Sache perfekt, es bedürfte nur der Billigung durch den Staatshaushalt und das Gesetz.

Es ist im Augenblick müßig, darüber zu spekulieren, ob sich eine so freundliche Vision verwirklichen könnte. Mehr würde es mich interessieren, wer an den vorgesehenen Sendern tätig sein wird. Und ohne daß ich mein körperliches Befinden schon als Kulturkritik betrachten möchte: Der kalte Schweiß bricht mir aus, wenn ich an die Eliten denke, die mit so einleuchtenden Gründen gefordert werden. Ich sehe sie in Gruppenaufnahmen vor mir, strahlende Lehrgangsteilnehmer, alle bereit, ins Leben zu treten und unsere Elektroden zu betätigen. Wer wird verworfen, wer wird ausgewählt, nach welchen Maßstäben, und wieviel Hitlers werden darunter sein?

Macht, höre ich, ist die Möglichkeit, Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen zu zwingen. Ein sehr schön ausgeprägter Fall, um mit unserm Doktor zu sprechen. Aber freilich viel zu grobschlächtig und zukunftsfern. Es gibt unauffälligere Methoden, die Welt schöner, die Menschen glücklicher, die Macht mächtiger und ihre Süße noch süßer zu machen. Wege durch das Dickicht unseres Mißtrauens, die leichter zu schlagen sind, wenn unser Mißtrauen überhaupt ein beachtenswertes Gewächs darstellt. Wenn es mehr als eine Balkonpflanze ist, hinter der wir uns eines Morgens die Augen reiben und uns verwundern, wer die Stacheldrähte gezogen und die Scheiterhaufen gerichtet hat. Aber Stacheldrähte und Scheiterhaufen – wie grobschlächtig auch das! Eine Art Biedermeier der Hölle. Eines Tages können sie, für die Macht ohne Schaden, zum alten Eisen geworfen werden und vermodern. Es gibt Subtileres.

Gegen eines dieser subtileren Mittel wollen wir Stellung beziehen, in der Hoffnung, dafür den Beistand des Dichters zu gewinnen, in dessen Namen wir hier versammelt sind.

Ein Freund Büchners schreibt über ihn: »Das Bewußtsein des erworbenen geistigen Fonds drängte ihn fortwährend zu einer unerbittlichen Kritik dessen, was in der menschlichen Gesellschaft oder Philosophie und Kunst Alleinberechtigung beanspruchte oder erlistete. Man sah ihm an, an Stirne, Augen und Lippen, daß er auch, wenn er schwieg, diese Kritik in seinem in sich verschloßenen Denken übte.«

Wir kennen den Kritiker Georg Büchner nicht als Verfasser von Kritiken. Er studierte zwar die Natur, las Geschichtsdokumente und Prozeßakten, aber er schrieb Theaterstücke: Seine Form von Kritik, verschlossen und schweigend, eine Kritik in Dichtung übersetzt, heftiger, böser und herausfordernder als jeder direkte Angriff, denn der Zuschauer selbst wird zum Richter berufen, er hat die Entscheidung.

Kritik, eine geläufige Vokabel, wenn von Büchner gesprochen wird, und ich nehme an, daß ich nicht allein bin, wenn ich sie für das Schlüsselwort überhaupt halte, den Wesenszug Büchners, der alle andern Kennzeichnungen und Benennungen einschließt: Realismus, Politik, Groteske, Pessimismus, Ironie und selbst die Seifenblasen, die Narrheiten Valerios und des Prinzen Leonce, mögen sie auch da und dort nicht mehr die Welt, sondern den Himmel angehen.

Mit Kritik ist hier die kritische Haltung gemeint, das vor jedem Objekt vorhandene Bedürfnis, zu prüfen, ehe Ja oder Nein gesagt, zu fragen, ehe geantwortet wird. Sie muß dort Anstoß erregen, wo ein bedingungsloses Ja gefordert wird. In Deutschland sind nur Kümmerformen vorhanden und auch diese wenig geschätzt. In unsern Ohren klingt das Wort überhaupt schon wie das Nein schlechthin. Die grimmige Entschiedenheit, mit der wir Autorität anerkennen, läßt uns Kritik als Kriminaldelikt ansehen, mindestens als beklagenswerte Verirrung.

Hier liegt auch der Grund, meine ich, warum Büchners Ruhm sich so zögernd verbreitet hat. Zu den Klassikern im Bücherschrank gehört er nicht, und nicht jeder Abiturient kennt seinen Namen. Beide Fakten haben gewiß etwas Beruhigendes, aber wie ist es zu ihnen gekommen? Wie hat Büchner erreicht, was Goethe und Schiller versagt geblieben ist? Obwohl doch nie ein Zweifel an Büchners poetischer Kraft bestand, hat seine Produktion offenbar ein Unbehagen hervorgerufen, eine Abwehrreaktion, und als geringstes eine liebevolle Ratlosigkeit, zu seinen Lebzeiten wie in seinem Nachruhm. Die Ratlosigkeit beginnt schon bei seinem unbezweifelbaren Geburtsjahr, bei der Frage, ob er in seiner Zeit nicht fehl am Platze sei und sechzig Jahre zu spät geboren. Ein hübscher Komödienstoff, aber ich würde doch sagen, daß Heine und Nestroy ausreichend für Büchners Zeitgenossenschaft bürgen. Ratlosigkeit auch in der Vermutung, wie die endgültige, verloren gegangene Fassung des Woyzeck geschlossen haben könnte. Ich zitiere: »Wir wissen aus der biographischen Überlieferung nur, daß der Dichter selber bei jener nihilistischen Stimmung nicht verblieben ist, so daß der vollendete Woyzeck, der ja erst in Büchners letzter Lebenszeit abgeschlossen wurde, vielleicht doch versöhnlicher ausgefallen ist.« Und ein ähnliches leises Bedauern über Büchners offenbar nicht ganz ausgereifte Weltanschauung lese ich aus der Charakteristik, die ein Freund über Büchners Braut Minna Jaegle abgab: Es sei ihm sehr wahrscheinlich und natürlich, daß sie eine beruhigende, mildernde Einwirkung auf ihn ausgeübt und ihn religiöser gestimmt habe. In einer Literaturgeschichte unserer Tage heißt es über Leonce und Lena: »Mehr ein verspielter Nihilismus als ein Spiel der Heiterkeit.«

In Minna Jaegles Nachlaß fanden sich keine Papiere von Büchners Hand. Sie hat offenbar nicht nur die an sie gerichteten Briefe vernichtet, was ihr gutes Recht war, sondern auch sonstige Notizen und Entwürfe Büchners, in der Befürchtung, sie könnten seinem Andenken schaden. Ein jüngerer Bruder Büchners, Germanist an einer französischen Universität und 1904 gestorben, erwähnt seinen Namen niemals. Ob die endgültige Fassung des Woyzeck und Büchners viertes Stück »Pietro Aretino« absichtlich vernichtet worden sind, wissen wir nicht. Wenn es die unglücklichen Umstände waren, so waren sie im Bunde, ebenso wie die Mäuse, deren Hunger das Manuskript über die Schädelnerven zu einem Fragment umgestaltet hat.

Gegen all das, gegen Mäuse, Zufall und liebevolle Nachhilfe hat sich Büchner behauptet. Behauptet nicht mit Inhalten, Inhalte gibt es überall, sondern behauptet mit Sprache. Sprache, für die Dauer dieser Rede nicht als additiver Begriff, nicht als die Summe aller Vokabeln und Formen, sondern wertend gemeint. Ich möchte mir damit nicht die Möglichkeit zu Paradoxen erschleichen, sondern das Wort Stil vermeiden, von dem ich das

Gefühl habe, es gehöre eine nähere Bestimmung dazu: Büchners Stil, Goethes Altersstil, der Stil des Expressionismus. Ich will die allen Stilen gemeinsame Qualität auszudrücken versuchen.

Kritik – und mit diesem Begriff wollen wir Büchner begreifen – überlebt ihren Anlaß, wenn sie durch Sprache ein eigenes Leben gewonnen hat. Büchners Zeitgenossen, die Schriftsteller des Jungen Deutschland, Gutzkow, Mündt, Kühne, Wienbarg, kritisch gerichtete Geister wie er, sind so gut wie vergessen. Ihre kritischen Äußerungen mögen dringend und berechtigt gewesen sein, aber siehe da, selbst über die Anlässe im einzelnen könnten wir kein Wort mehr verlieren, es ist keins da, es ist nichts zur Sprache gekommen. Die Entscheidungen sind gefallen, die Anlässe in die große Summe addiert. Kein Rest, der uns beunruhigen könnte, kein Fragezeichen, das uns von der Sprache aufgehoben worden wäre.

Die Sprache der Dichtung also, Mitteilung oder nicht, allenfalls die latente Mitteilung, die präsent wird, keine Dekoration und jedenfalls mehr als der Komfort des Gebrauchs, wo Sprache ihren Platz irgendwo zwischen Plattenspieler und Eisschrank, Sexualität und Touristik hat. Die andere Sprache also, die wie die Schöpfung selber einen Teil von Nichts mit sich führt, in einem unerforschten Gebiet die erste Topographie versucht. Sie überrascht, erschreckt und ist unwiderleglich; sie hat die Kraft, Einverständnis zu erwecken, und altert, wenn das Einverständnis allgemein geworden ist. Sie gehört zu unsern Möglichkeiten der Erkenntnis, ich bin geneigt zu sagen, sie ist diese Möglichkeit. Sie ist exakt. Der Sprache der Dichtung das Vage als Wesensmerkmal unterzuschieben, meint ja nicht die dekorativ geratene Metapher, sondern ist der Versuch, Dichtung zu verharmlosen und sich ihrer Unbequemlichkeit zu entziehen. Diese Verharmlosung, Raffinement und Verdrängung in einem, ist eine Grundtendenz ihrer Widersacherin, der Sprachlenkung.

Was in der Dichtung aber ist denn das Nicht-Harmlose, das Unbequeme, das, was der Sprachlenkung zuwider ist? Zunächst ihre Existenz selbst, die Existenz in einer Sprache, die sich jeder Lenkung entzieht. Weiter: Ihre Fähigkeit und ihre Tendenz, sich in Figuren auszusprechen. Figuren können Fragen stellen oder Fragen darstellen. Sind das aber die richtigen Fragen? Sind es die Fragen, die geradewegs zu den Antworten führen, die die Macht bereithält? Oder könnte etwas, indem es zur Sprache kommt, in Frage gestellt werden?

Auch abgesehen von dem Frage- und Antwortspiel der Macht, scheint mir die Fähigkeit der Dichtung, Antworten zu geben, gering. Sollte es sich um Inhalte und sollte es sich um Thesen handeln: Die Formulierung geschieht in Gestalten und Situationen, getreu dem Kunstmittel des Indirekten, das ich nicht für veraltet halte. Was ferner sollte ein Autor mehr wissen als ein Nicht-Autor? Die Priestergebärde wird nicht mehr geübt, und wo das Opus klüger ist als der Verfasser, ist es gewiß dadurch so weit gekommen, daß es flinker als er vor den Antworten Reißaus genommen hat. Das Verzwickte unserer Situation ist es, daß die Antworten da sind, bevor die Fragen gestellt werden, ja, daß viele uns wohlgesinnte Leute meinen, da es so gute Antworten gäbe, solle man auf die Fragen überhaupt verzichten. Man verzichtet also und die Antworten tummeln sich und wachsen kräftig heran. Sie läuten uns morgens schon wach, essen Vollkornbrot und atmen richtig, blasen Märsche, brennen Weihrauch und tragen rote und andersfarbige Fahnen. Nein, ich bin nicht auf Antworten aus, sie erregen mein Mißtrauen. Ich optiere für die Frage, für die Kritik, für den kritischen Dichter Georg Büchner, für einen Typus von Schriftsteller, der Fragen und in Frage stellt. Wie sagte Büchners Freund? »Kritik dessen, was Alleinberechtigung beanspruchte oder erlistete.« Um die Kritik der Macht geht es, darum, ihrem Anspruch das Ja zu verweigern.

Ich gestehe, daß ich über die Macht recht unvernünftig denke. Wenn sie die unauflösbare Materie unserer Welt ist, so erfüllt mich die Entdeckung der Anti-Materie mit einigem Trost. Wenn ich höre, daß sie schon im Tierreich vorgebildet ist und »eine durchgängige Erscheinung der gesellschaftlichen Ordnung auf allen Seiten ihrer Entwicklung und in allen Bereichen menschlicher Gesellung und sozialer Organisation« darstellt, so setze ich dem das Ressentiment eines anarchischen Instinkts entgegen: Wird damit nicht jede Einsetzung von Macht bagatellisiert und allem Verdacht enthoben? Durch die Deklarierung der Macht als eines Weltprinzips hat sie sich bereits eine Legitimation erlistet.

Und obwohl Macht schon vor dem Sündenfall eingesetzt war, bestehe ich unbelehrbar darauf, daß sie eine Institution des Bösen ist. Die Bemerkung, daß sie nie aus der Welt verschwinden werde, muß in einer Unterhaltung beim Haarschneider gefallen sein.

Und voll höchsten Mißtrauens bin ich gegen die Meinung, Macht müsse erstrebt werden, um einen Wert durchzusetzen. Die Macht hat die Tendenz, sich zu verabsolutieren, sich von ihrem Inhalt zu lösen und sich selbst zum Wert zu machen. So kann sie, indem sie sich selbst durchsetzt, jederzeit behaupten, einen Wert durchzusetzen. Gut und Böse sind in ihren Entscheidungen keine Wahl, sondern Zufallsergebnisse. Freilich wird sie, wenn es sich gerade passend fügt, gern auf ihre ethische Fundiertheit hinweisen. Aber wenn es sich nicht fügt, bleiben ihr doch Möglichkeiten genug, Verschweigen, Lüge oder die Beweisführung ad hoc. Es hat noch nichts Inhumanes auf der Welt gegeben, keine Gewissenlosigkeit, kein Blut und keinen Terror, das nicht durch kunstvolle Beweisführung als gut und richtig gerechtfertigt worden wäre. Köpfe erst einmal deine Feinde – es findet sich dann jemand, der dich als Retter preist. Da muß eine Staatsidee herhalten oder der Kampf ums Dasein, die Dämonie der Natur oder Blut, Volk und Proletariat.

Schöne Wörter und schöne Worte, aber wie süß auch die Koloraturen im Sirenengesang klingen, auf den Felsen liegen die bleichenden Knochen vor aller Augen. Liegen sie lange genug, so gehören sie zur Natur. Ganz zuletzt ist es ein Zeichen mangelnder Delikatesse, sie noch zu bemerken.

Nein, mich ergreift kein freudiger Schauer angesichts der Macht, ich finde sie abscheulich, wo immer sie beansprucht oder erlistet, erkämpft, erzwungen oder wohl erworben sei. Das Ach, das sie enthält, und die Nacht, auf die sie sich reimt, das ist sie: Der Seufzer und die Finsternis in unserm Leben.

Daß die Macht die Sprache für ihre Zwecke einrichtet, sollten wir wissen, seitdem es ein Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gegeben hat. Leider wissen wir es nicht. Goebbels, die harten Zeiten und die harten Herzen, der Endsieg auf Transparenten, das ist alles schon historisch, 1945 war es vorbei. Seitdem wird die Sprache nicht mehr verbogen, zerdrückt, zerbrochen und pulverisiert, Sprache ist ein Verständigungsmittel, jeder spricht, jeder schreibt, jeder liest, jeder kanns kontrollieren, seien Sie nicht kindisch, malen Sie nicht den schwarzen Mann an die Wand, es gibt doch wichtigere Dinge. Also gut, ich sehe es ein, man soll nicht mißtrauisch sein, Sprache ist ja wirklich nicht so wichtig, ein kleiner Nebeneingang in unser Haus, von dort droht keine Gefahr. Und während wir gebannt auf die große Straße blicken, wo uns die Weltereignisse mit Konferenzen und Mondraketen vorgespielt werden, sind einige freundliche Lemuren hereingekommen und sitzen an unserm Tisch. Sie beginnen ein Gespräch, sie sprechen uns an, wirklich, es ist alles sehr ansprechend, es sind doch Sätze, die man anerkennen muß – Gemeinnutz geht vor Eigennutz –, dagegen kann man doch nur etwas sagen, wenn man ein asoziales Subjekt ist. Störend ist ein Lächeln, das uns einlädt, uns mit einzubeziehen. Ein fatales Augurenlächeln, was meinen sie damit? Wir öffnen den Mund zu einer Frage.

Aber die Antwort kommt ihr voraus. Sie paßt zwar nicht ganz zu der Frage, die wir im Sinn gehabt hatten, aber sie ist doch wieder sehr ansprechend, Wörter und Sätze von hohem ethischen Rang, denen man nicht widersprechen kann, ohne sich als minder zu entlarven. Ebenso bedrückend wie das hohe Ethos ist ein Verwesungsgeruch, der die Räume immer mächtiger erfüllt. Wir möchten gern das Fenster öffnen oder wenigstens fragen.

Aber es gibt keine Fragen mehr und keine Fenster, die sich öffnen lassen. Nichts steht in Frage, es ist alles beantwortet, von der Schwangerschaft bis zur Hinrichtung. Es gibt nur noch Antworten. Sie werden mit Mengenrabatt abgegeben, so billig, daß man den Eindruck haben muß, es lohne sich nicht, zu fragen. Und es soll sich nicht lohnen. Inzwischen sind schon die Gitter ins Mauerwerk eingepaßt. Mit freundlichen Wünschen für unsere Nachtruhe verläßt man uns und draußen dreht sich der Schlüssel im Schloß. Wir bleiben mit einigen Körben, Kisten und Säcken voll Antworten allein.

Wenn es um Antworten geht, ist die Macht freigebig. Obwohl der Text im Grund immer derselbe ist, so rufen doch leichte Variationen den Eindruck von Vielfalt hervor, von Weltoffenheit und Konzession ans Humane. Ist es da nicht bösartig, wenn man es für das Generalprinzip der gelenkten Sprache hält, zum Fragwürdigen keine Frage zuzulassen? Die Antworten beweisen, daß es nichts Fragwürdiges gibt. Da wir aber weder Auguren noch reine Toren sein wollen, bleibt uns der Antwortcharakter der gelenkten Sprache verdächtig. Werden da nicht Werthierarchien suggeriert, und bestimmt nicht der Nutzen für die Macht die Rangordnung? Geht es wirklich um Werte oder können sie inhaltlich manipuliert werden? Sind sie nicht austauschbar und dienen der Verführung? Und geht es nicht immer darum, den Menschen zu einem der Macht dienlichen Verhalten zu zwingen, ihn auszurichten und eindeutig zu machen?

Über die gelenkte Sprache gibt es eine Literatur von Bedeutung, die, wie ich fürchte, kaum gelesen wird, aber doch gelesen werden könnte. Ich kann deshalb verzichten, davon, und kann mich darauf beschränken, dagegen zu sprechen. Indem ich die polemische Absicht bekenne, will ich auf einige Vokabeln hinweisen, die in der sogenannten Kulturkritik von heute eine peinliche Rolle spielen. Manche sind auch in die Literaturgeschichte übernommen worden und werden insbesondere bei der Beurteilung Georg Büchners gern benutzt. Sie haben alle den Charakter eines endgültigen Urteils, gegen das es keinen Widerspruch gibt, den Antwortcharakter. Zersetzend, nihilistisch, negativ, trostlos, intellektuell, heillos usw. usw. Als Positivum bietet man uns das Pathos von Mitte und Abendland und die Kulturgüter, die ganz unbemerkt aus dem Feuilleton abwandern, sich als Fleiß und Arbeit durchschlagen und sich im Wirtschaftsteil als »konjunkturpolitische Werte« seßhaft machen. Daß die Werthierarchie, die da so dreist als selbstverständlich aufgestellt wird, nicht nach Wahrheitsgehalten, sondern nach Machtmöglichkeiten orientiert ist, ist zwar nicht undurchschaubar, wird aber in unserer biedermännischen Welt mit gekrümmtem Rücken akzeptiert, und man ist des Beifalls sicher, wenn man weitergeht und das der Macht Widerstrebende diskreditiert.

Am heftigsten ist bei uns die Reaktion, wenn es einer wagt, der abscheulichsten Sprachlenkung zu widersprechen, der religiösen. Gott zu sagen, wo der Teufel gemeint ist, ist eine fast selbstverständliche Übung geworden. Das so von aller Wahrheit entleerte Wort bleibt als Dekoration brauchbar und macht die

Fassade gefällig. Schiebt aber jemand die Papierblumen ein wenig beiseite und entdeckt dahinter das zum Abfall Geworfene, das Gute, das Wahre, das Schöne, Glaube, Hoffnung und Liebe, geschunden und im Schmutz, entdeckt er das und fragt, was da vor sich gehe, so ist er destruktiv, ein Nihilist und wühlt im Unrat. Wenn man das Wort Nihilismus durchaus verwenden will, so trifft es das Verfahren der Macht, die leere Worthülse für die Wahrheit auszugeben. Von Gott kann man nicht sprechen, wenn man nicht weiß, was Sprache ist. Tut man es dennoch, so zerstört man seinen Namen und erniedrigt ihn zur Propagandaformel.

Das Verfahren der Macht, sich mit Werten zu maskieren, spekuliert darauf, daß sie mit diesen Werten identifiziert und also selber für einen Wert gehalten wird. Damit wird alles, was ihr widerstrebt, automatisch zum Negativum. Diese Arithmetik verwechselt aber die Vorzeichen. Sie verdient die gleiche Antwort, wie sie der Reiche in der Legende erhält, der mit gefülltem Geldsack vor die Tore des Himmels kommt: »Hier gilt nur die Münze, die du weggegeben hast.« An den Trick, die Vorzeichen auszutauschen, wollen wir uns immer erinnern, wenn uns jemand negativ nennt. Wir sollten schon wissen, was da gemeint ist, und wenn wir unsern Teil dazu beitragen, daß der Mensch nicht manipuliert und nicht manipulierbar gemacht werden kann, so wollen wir Beschimpfungen gern als Ehrungen akzeptieren. Diesen Teil beitragen heißt weit über unser Schriftstellermetier hinaus die Sprache erhalten. Insofern hat alle Literatur, soweit sie diesen Namen verdient, einen konservativen Zug. Die Konservierung der von der Sprache abgezogenen Inhalte ist der Fortschritt zum Nullpunkt.

Wir wissen, daß die Macht daran interessiert ist, daß alle Kunst die Grenze der Harmlosigkeit nicht überschreitet. Macht widerstrebt der Qualität. Sprache, die über die gelenkte, die von ihr genehmigte, hinausgeht, ist nicht erwünscht. Ihr bloßes Vorhandensein stellt eine Kritik dar, etwas, was der Lenkung und damit der Macht selber widerspricht.

Sprache, damit ist auch die esoterische, die experimentierende, die radikale Sprache gemeint. Je heftiger sie der Sprachregelung widerspricht, um so mehr ist sie bewahrend. Nicht zufällig wird sie von der Macht mit besonderem Zorn verfolgt. Nicht weil der genehme Inhalt fehlt, sondern weil es nicht möglich ist, ihn hineinzupraktizieren. Weil da etwas entsteht, was nicht für die Macht einzusetzen ist. Es sind nicht die Inhalte, es ist die Sprache, die gegen die Macht wirkt. Die Partnerschaft der Sprache kann stärker sein als die Gegnerschaft der Meinung.

Es gibt ein reizvolles, sehr altes ästhetisches Spiel, den Streit um Inhalt und Form. Das Goldgefäß und die Kontur, die den lebendigen Leib umschließt, so hat Theodor Storm formuliert, Benn hat neue Markierungen versucht, und es gehört wenig prophetische Gabe dazu, dem Problem ein ewiges Leben vorauszusagen, bis in die Sphärenmusik hinein, es wird uns auch auf den andern Planeten schon erwarten. Ein Problem, das nicht umzubringen ist, auch wenn wir es unter dem Aspekt der Macht betrachten.

Sie, die Macht, deutet an, daß sie es gelöst hat. Ihr Zeigefinger weist in eine bestimmte Richtung: Da liegt das ganze Geheimnis und es ist keins, es gibt nur den Inhalt, auf ihn kommt alles an, auf Thron und Altar, Proletariat, Freiheit, Fortschritt, Frieden, Wohlstand, Gerechtigkeit, Demokratie. Man ist beschämt, man möchte auch nicht gegen alles sein, und wieder einmal haben wir den alten Zaubertrick nicht bemerkt. Wir starren gebannt auf die Inhalte, die man uns präsentiert, und fragen nicht mehr. Das Problem ist gelöst, indem behauptet wird, es sei nicht vorhanden oder es sei eine Bagatelle. So räumt man das Ärgernis Form, das Ärgernis Sprache aus dem Weg. Ein Inhalt, der zur Sprache käme, ließe sich nicht mehr ohne Aufsehen beiseiteräumen, er wäre ein Felsklotz. Die Macht braucht einen handlicheren Aggregatzustand, Inhalte, die transportabel und im Bedarf austauschbar sind, Luftballons und Seifenblasen, ein Nichts mit etwas drumherum. Die Sprachlenkung, die die Inhalte zum Nichts deformiert, ist das Mittel, sie verwendbar zu machen. Die Macht wittert mit Recht eine gewisse Käuflichkeit in der Neigung, jeden Inhalt für bare Münze zu nehmen. So läuft die Inflation an.

Der Besitz der Gewehre oder der angeblichen Wahrheit, der Druckereimaschinen, der Aktienpakete oder der Ministerien, ich möchte mir die Wahl nicht schwer machen, ich lasse nichts aus, und meine alle, auch die Vergangenheit, auch die Gegenwart, auch die Zukunft. Und ich meine nicht nur die deutsche Sprache und bin auch geographisch nicht festgelegt. Zwischen Ural, Ruhr und Caracas nehmen die Ähnlichkeiten zu: Macht, Machtwünsche, Funktionäre, Schlüsselpositionen. Die Herrschaft über die Hände und die Herrschaft über die Seelen, und alles ist dabei, sich Wörterbuch und Syntax herzustellen.

Dabei ist das, was wir von Sprachlenkung wahrnehmen können, möglicherweise erst ein Anfang. Die Perfektion deutet sich in dem Satz an: »Der Mensch ist eine Nachricht.« Ein Satz, der mich fasziniert. Wobei mich zugleich die Faszination, das Wort und die Sache, mit Mißtrauen erfüllt. Eine Nachricht woher und wohin oder eine Transportmöglichkeit über den Telegrafendraht und das Ende von Verkehrsmisere und Touristik? Der Satz, der von dem Kybernetiker Norbert Wiener stammt, ist nicht bildlich gemeint und bedeutet jedenfalls eins: Es muß eine praktikable Sprache geschaffen werden, in die der gesamte Mensch übersetzt und dadurch mitteilbar gemacht werden kann. An dieser praktikablen Sprache wird gearbeitet, Stichwort: Sprache als Information. Information wird heute noch definiert als die Mitteilung von Tatbeständen.

Mein Mißtrauen ist groß, und ich vermute, daß die Wissenschaft eines Tages, wie es heißt, realistisch denkt und zu den Tatbeständen auch das rechnet, was sein soll: Was wir zu denken haben, zu glauben, zu hassen und zu lieben. Die in Osten und Westen geläufige Verbindung von Reaktion und technischem Fortschritt, die Liaison von Stahlhelm und Physik sind günstige Ausgangsstellungen dafür.

Aber noch sind wir im Vorfeld. Die Rosen haben ringsum hoffnungsvoll angesetzt, und da wir negativ sind, schauen wir nach einem wirksamen Gift aus, das die Blüte verhindern könnte. Wir sind nicht erfreut von der Möglichkeit, Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen zu zwingen. Auch die Aussicht auf eine Zulage stimmte Woyzeck nicht freudiger. Überhaupt wollen wir lieber unfreundlich sein, ehe wir verurteilt sind zu schweigen. Es ist die Zeit für Hohn und Satire, die höchste Zeit. Ich für mein Teil habe den Verdacht, daß die Ewigkeitswerte die Macht verewigen, und die gedichtete Daseinsfreude erinnert mich an das dienstfreudige Gesicht, das ich einmal machen mußte. Diese Lebensbejahung in gelenkter Sprache, dieses unaufhörliche Kraft-durch-Freude-Motiv und Seid-nett-zueinander! (Aber wehe, wenn ihr nicht nett seid, und wehe, wenn ihr euch nicht freut!) Alles im Aufbau, alles positiv, die Wirtschaft, die Helden und die Liebe, weshalb immer nur die dunklen Seiten des Lebens, das Glück und die Freizeit nehmen zu, sorgt euch nicht, wir sorgen für euch. Dieser ganze fatale Optimismus, so verdächtig erwünscht und so genau nach Maß. Augen und Ohren fest geschlossen und ein strahlendes Lächeln auf allen Gesichtern, ein Lied, drei, vier, so marschieren wir zukunftsgläubig in die tausendundeine Art von Sklaverei.

Es wird Ernst gemacht, die perfekt funktionierende Gesellschaft herzustellen. Wir haben keine Zeit mehr, Ja zu sagen. Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien. Die Chance, in das Nichts der gelenkten Sprache ein Wort zu setzen, wäre vertan.

Meine Damen und Herren, indem ich mich zu einer Dichtung bekenne, die Gegnerschaft ist, bekenne ich mich zu Georg Büchner. Jedenfalls vermute ich, daß eine solche Literatur seinem Geiste nicht ganz widerspricht. Ich möchte aber in dieses Bekenntnis noch einige Bundesgenossen einschließen, von denen ich annehme, daß auch Büchner, der den Woyzeck und den Lenz geschrieben hat, ihnen gewogen ist. Sie gehören alle der Ritterschaft von der traurigen Gestalt an, sind ohnmächtig und Gegner der Macht aus Instinkt. Und doch, meine ich, ist der Menschheit Würde in ihre Hand gegeben. Indem sie rebellieren und leiden, verwirklichen sie unsere Möglichkeiten.

Ich schließe alle ein, die sich nicht einordnen lassen, die Einzelgänger und Außenseiter, die Ketzer in Politik und Religion, die Unzufriedenen, die Unweisen, die Kämpfer auf verlorenem Posten, die Narren, die Untüchtigen, die glücklosen Träumer, die Schwärmer, die Störenfriede, alle, die das Elend der Welt nicht vergessen können, wenn sie glücklich sind. Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.