Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

George Tabori

George TaboriGeorge TaboriGeorge Tabori

Schriftsteller, Übersetzer und Theaterregisseur
Geboren 24.5.1914
Gestorben 23.7.2007

Georg-Büchner-Preis 1992
Laudatio von Wolf Biermann
Dankrede von George Tabori
Urkundentext

Wir bewundern darin seinen Mut, dem deutschen Publikum mit Witz Ironie und doch mit der Leidenschaft des Opfers und der Distanz des Weisen die unheilvolle gemeinsame Geschichte der Deutschen und Juden vor Augen zu führen.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Herbert Heckmann
Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst), Günter de Bruyn, Walter Helmut Fritz, Hartmut von Hentig, Ivan Nagel, Oskar Pastior, Lea Ritter-Santini, Peter Wapnewski, Hans Wollschläger

Liebeserklärung

»Hohe Herren von der Akademie!

Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.«

So beginnt Kafkas Affenmensch eine Liebesgeschichte über den Fremdling unter Eingeborenen; zum Beispiel einen Juden unter Deutschen.

Schon habe ich etwas Fragwürdiges getan oder mindestens Befragungswürdiges, nämlich das Undeutliche zu deuten. Je besser die Deutung, dieses sehr deutsche Wort, wie schon Wagner meinte, desto weiter entfernt sich »das Werk der Finsternis«; das Geheimnis wird nur erklärt, aber nicht offenbart, und hinterläßt eine Art Gebrauchsanweisung, wie man Liebe in die Obszönität des Klischees verwandelt.

Nun ist es wieder gefallen, dieses peinliche, erschöpfte, verhunzte Wort; es riecht nach Kitsch, dieses unvergleichliche deutsche Wort; und es ist fast verschwunden aus unserer privaten und öffentlichen Sprache: ob himmlisch, irdisch oder politisch, wir – pardon, einige von uns – haben Angst, es könnte unerwidert bleiben, erniedrigt und beschmutzt werden. Wer sagt schon, ohne zu erröten »Ich liebe Dich« zu einer Frau oder zu einer Utopie oder zu dem totgeschriebenen Gott? Die Wirklichkeit hat uns Zweifel gelehrt und bittere Galle beschert; das sogenannte Herz wird in einen Überzieher gesteckt; »einer liebt, der andere wird geliebt«, es ist nichts Bemerkenswertes unter dem neidischen Mond. Wir – pardon, einige von uns –leben in dieser kalten Welt und haben schon vergessen, daß das elfte Gebot – »keep cool« –eine afro-amerikanische Redewendung war, die nicht der lieblosen Kälte galt, sondern dem taktischen Versteckspiel mit den Ur-gefühlen – Liebe und Haß, Schuld und Ärger, Trauer und Wut – weil es für den schwarzen, gelben, braunen oder weißen Fremdling lebensgefährlich sein konnte, sie hinauszuschreien.

Jedoch liebe ich dieses Wort Liebe, und zwar die deutsche Liebe, dieses schöne Seufzen, wie Aldous Huxley es verglich mit dem tierischen Grunzen love.

Dieses Wort – L-I-E-B-E – sei nun mein Thema, ohne Angst, wenn auch in Verlegenheit ausgesprochen. Denn der Beruf, den ich ausübe, ist nicht nur, wie der Mime Olivier sagen würde, Liebesakt, er ist auch Verlegenheit schlechthin, ob es sich um Desdemonas Taschentuch, Hamlets offenen Hosenschlitz oder Woyzecks Messer handelt. Eine Dankrede darf ja nicht ein liebloses Ritual bleiben, wie es in dem alten Marx Brothers-Film so herrlich parodiert wird, wo der große Groucho und seine piekfeine Partnerin minutenlang verbales Pingpong spielen mit den Varianten des »Thank you!« – »Thank you!« – »Thank you!« – usw. Aber Sie haben mir, meine Hohen Herren, eine unverdiente Ehre erwiesen, sie riecht nach Weihnachtsbaum und quietscht wie das Schaukelpferd und klingt wie meine ton-taube Mutter, wenn sie mich nächtlich mit einem deutschen Lied – »Kommt ein Vogel geflogen« – in den Schlaf summte.

Nun aber möchte ich versuchen zu erklären, was ich unter »Liebe« nicht verstehe: nicht das universelle Kopfweh des Robert Graves, nicht irgendeine blinde, taube widerspruchslose Schnulze, nicht des Hofnarren Lechzen nach Versöhnung mit der Macht; nicht die lieblose Taktik des Verführens anstatt der Vergewaltigung; nicht das Vergessen, daß der Haß die Kehrseite der erotischen Münze ist, daß Gerechtigkeit – Shakespeare nannte es Rache – in der Liebe wie in der Geschichte eine Utopie bleibt, nur Sehnsucht, keine Erfüllung.

Haß, Mord, Gewalt, die Sehnsucht nach Zerstörung gehören zu diesem schönseufzenden Wort und der wahnwitzigen Gestalt, die es beschreibt.

Woyzeck ist die beste Liebesgeschichte seit Othello, der Messerstich ist der verzweifelt-perverse Versuch, einen Leib zu penetrieren, um die Agonie des Mörders, seine Einsamkeit im Reich des Bösen, durch das Brüllen des Anderen zu überwinden. Das Messer, ein Ersatz-Geschlecht, kommt von einem Juden und erinnert mich unvermeidlich an Shylocks Messer, mit dem er auf dem Pfund Fleisch des Anderen besteht – in einem archaischen Männerwahn, in den Feind so tief einzudringen, bis er die Leidenschaft der Exklusivität spürt, das blutige Bedürfnis, der einzige zu sein.

Da die Liebe, wie die Wahrheit, konkret sein muß, kann der Liebhaber mit Abstraktionen nichts anfangen. Ich liebe nicht »Deutschland«, das Wort ist wie eine Landkarte, brauchbar und informativ, aber nicht zum Anfassen. Was ich hierzulande liebe, könnte ein Brevier füllen; ein Fenster in der Bremer Bismarckstraße, ein gewisser Abendspaziergang die Alster entlang, die unvergeßliche Eiche in Schöneberg, die Liste ist endlos, oder die Bank am Starnberger See, unweit von dort, wo der königliche Patient und sein Arzt sich zu Tode therapierten. Und »die Deutschen« kann ich auch nicht lieben, ich wüßte nicht, wer sie sind, außer ein Kollektiv mit einem Etikett, und das kommt von der einzig brauchbaren politischen Erziehung, die ich durch den ersten und zugleich letzten väterlichen Klaps in den Nacken erhielt, als ich, der Zehnjährige, ihm berichtete, was ich soeben in der Schule gelernt hatte, daß nämlich alle Rumänen schwul seien. Nachdem er sich entschuldigt hatte, erklärte der Vater, dies wäre die Zeit der ekelerregenden Nationalismen, die die Menschheit mit einer Art von Die-da-ismen verdinglicht, um sie leichter zu vernichten. Erstens seien nicht alle Rumänen schwul. Zweitens, es wäre nicht schlimm, wenn alle es seien, und drittens, es gäbe so etwas wie »die Rumänen« nicht. Seitdem fällt es mir schwer, den Menschen nicht eins-zu-eins zu begegnen, ich könnte den Faust, den Kleist, den Heine, den Böll, die Liste ist endlos, nicht mit dem Himmler in einen teutonischen Topf stecken, nur weil sie alle Heinrich hießen. Ich kenne nicht viele Deutsche, die meisten, die ich kenne, liebe ich, weil sie mir Verständnis, Hilfe, Schutz, Treue oder eine stumme Umarmung gaben; einer, den ich nie kannte, hat meine Mutter vor dem Feuer gerettet; ein anderer, der 1933 mein Chef war, hat den kleinen Nazi, der gegen meine Anwesenheit protestierte, mit einem Fußtritt hinausbefördert, die Liste ist ziemlich endlos.

Und ich liebe diese Sprache, diese schönen Seufzer und das trockene Krächzen, all die Dialekte, besonders die von der Bühne verbannten; also das alltägliche, ungepflegte Palaver wie auch das Frühlingsrauschen im »Zauberberg«, oder Kafkas und Heines Stöhnen in ihrer Matratzengruft, die Liste ist endlos; und ich liebe diese Sprache, obwohl ich sie nie bewältigt habe, und das ist gut für den Fremdling, der fremd bleiben will, weil er damit sein drittes Ohr bewahren kann, so daß er, mit der Neugier des Fremden, die Wörter wörtlich nehmen, und so immer wieder in den Eingeweiden der Sprache herumwühlen kann: wenn der Taxifahrer »Grüß Gott« sagt, dann fragt sich der Fremde, läßt Gott mich grüßen, oder soll ich Ihn grüßen. Und wenn da oben, im goldenen Licht, der Liebestod gesungen wird, dann muß der Fremdling mit Freude und Qual fragen, wie er dieses unübersetzbare Wort seinen amerikanischen Enkelkindern erklären könnte – »Is it the death of love or the other way around, the death of death in love –«. Das erste deutsche Wort habe ich als Frischgeborener gehört, »Ein Junge«, schrie die Großmutter; und die letzten deutschen Worte sprach mein Vater – mit der Grandezza, mit der Höflichkeit des Herzens, auch eine Art Widerstand angesichts der Barbarei – in der Tür der Gaskammer, als er, sich verbeugend, zu einem Kollegen sagte, »Nach Ihnen, Herr Mandelbaum«.

Der Fremde ist nicht unbedingt ein Ausländer, aber meistens ein Emigrant, der sein Asyl in der Autonomie und in der Gnade sucht. Wenn er nicht schweigend sucht, kann er mitunter ein Dichter werden; wieder ein unübersetzbares deutsches Wort: nur die verdichtete Sprache führt zu dem wesentlichen Lied, zu dem Messer, das in die Wunde paßt. Solch ein Fremdling ist, wie die deutsch-amerikanische Gertrude Stein meinte, wie ein Detektiv, der in dieser Zeit des Verbrechens, dem Opfer und dem Täter auf der Spur, versucht, beide zu verstehen, indem er sich nicht weigert, etwas von beiden in sich zu finden. Und er ist besonders anfällig für Propheten: es ist ja kein Zufall, daß Propheten, von Johannes bis Dante, von Euripides bis Büchner, die Liste ist endlos, immer wieder im Exil lebten, hinausgejagt in ihr wahres Element, die Wüste, um dort das Fatum der Propheten zu erleben; nämlich daß kein Schwein ihnen zuhört. Trotz der Troerinnen werden Frauen und Kinder noch immer abgeschlachtet; die vier Reiter donnern wie eh und je um die Ecke; und trotz »Dantons Tod« verwandeln sich die lieben klugen Opfer in den Hütten immer wieder in böse dumme Verbrecher, sobald sie in die Paläste ziehen.

Aber die Liebhaber singen weiter, mit oder ohne Gitarre; und da sie oft prophetisch sind, singen sie hier und jetzt für uns, auch wenn ihr Gesang schon alt ist: vor fast zweihundert Jahren singt Büchner in seiner Art »Bericht für eine Akademie« in einem eisigen, vor Wut bebenden Ton gegen die teleologische Wissenschaft: Menschenliebe gegen Unmenschlichkeit, bis die kleine prophetische »Probevorlesung« nach den verbrannten Leibern von Auschwitz, Dresden, Hiroshima stinkt. »Jeder Organismus ist für den teleologischen Standpunkt eine verwickelte Maschine... Das Enthüllen der schönsten und reinsten Formen im Menschen, die Vollkommenheit der edelsten Organe, in denen die Psyche fast den Stoff zu durchbrechen... scheint, ist für sie nur das Maximum einer solchen Maschine. Sie macht den Schädel zu einem künstlichen Gewölbe... bestimmt, seinen Bewohner, das Gehirn, zu schützen, – Wangen und Lippen zu einem Kau- und Respirationsapparat, – das Auge zu einem komplizierten Glase,... ja, die Träne ist nur der Wassertropfen, welcher es feucht erhält – ...«

Schon riecht der Fremde, wie ich, Gas, und reicht den irren entfremdeten Alten auf der Heide, der sich immer wieder gegen die Tränen wehrt, bis er am Ende, endlich, heult, heult, heult gegen die versteinerte Menschheit und um das tote Kind in seinen Armen; auch um alle unsere Kinder, tot oder lebendig, die solche Liebeserklärung nicht hören können oder, was noch schlimmer wäre, nicht hören wollen. Danach bleibt nur das Schweigen des Scheiterns, ein furchtbares Schweigen, das schon Pascal in seiner gottlosen Leere mit Schaudern füllte.

Doch bleibt für uns, meine Hohen Herren, noch immer der Auftrag, durch väterliche Klapse oder musische Küsse erteilt, diese mit Gefasel berieselte Stille durch das Wort zu zerschmettern, immer wieder zu singen, das heißt, die Schnauze nicht zu halten. »Glückliche Liebe, die gibt es nicht«, singt Herr Wolf Biermann, was unsereinen nicht hindern kann, sich wieder zu verlieben, sei es in einen schönen Gedanken, in ein Wort, mit dem man spielen kann, solange es sticht und beißt, das Schlimmste erwartend, ein Hoffender bleibend, weil das Schlimmste doch noch nicht stattgefunden hat; ein fragendes Wort zu fragen, wieso zum Beispiel die Engländer oder die Franzosen meistens sich viel bedanken – thank you very much – merci beaucoup – während die deutsche Dankbarkeit noch etwas kennt, das freundlicher klingt. Danke schön.