Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Ernst Kreuder

Ernst Kreuder

Schriftsteller
Geboren 29.8.1903
Gestorben 24.12.1972
Mitglied seit 1954

Georg-Büchner-Preis 1953
Laudatio von Kasimir Edschmid
Dankrede von Ernst Kreuder
Urkundentext

... den Erzähler und Publizisten, der mit Mut und Können für die Souveränität der Kunst einsteht...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Bruno Snell
Friedrich Bischoff, Bernard von Brentano, Kasimir Edschmid, Rudolf Hagelstange, Gertrud von le Fort, Wilhelm Lehmann, Rudolf Pechel (Ehrenpräsident), Rudolf Alexander Schröder (Ehrenpräsident), Gerhard Storz, Fritz Usinger

Dankrede

An einem Sonntag vor mehr als dreißig Jahren kam ich zum ersten Male nach Darmstadt zu einer Ausstellung auf die Mathildenhöhe. Ich kam mit dem Zug von Offenbach am Main, wo ich aufgewachsen bin und wo meine Vorfahren ansässig waren. Und hier auf der Mathildenhöhe sah ich zum ersten Male die Bilder der expressionistischen Maler. Es bedeutete für einen Halbwüchsigen, Lehrling in einer Bank, der Schopenhauer und Dostojewskij las, die Begegnung mit etwas Unverständlichem.

Das Unverständliche besitzt für uns eine völlig andere Qualität als das Verständliche. Es wird nicht vom Denken erfaßt, sondern von der Phantasie. Der junge Mensch, der hier durch die Säle ging, begriff damals, daß er von diesen Bildern, die ihn begeisterten bis zum Impuls des Aufruhrs, kaum etwas verstand. Das war auch nicht so wichtig. Wichtig für ihn und seinesgleichen war, in diesen hellen, stillen Sälen etwas Unvergleichlichem zu begegnen; der Erscheinung der modernen Kunst.

Er konnte nicht wissen, als er die Ausstellungsräume verließ und hinaus in den Sonnenschein trat, daß dieser erste Besuch nicht mehr »rückgängig« zu machen war, nie mehr.

Ähnlich erging es ihm damals mit der modernen Literatur, mit den Autoren des Expressionismus. Im Grunde las er ihre Bücher nicht, um sie Wort für Wort zu verstehen, sondern um einer einmaligen, einzigartigen Qualität willen: der Faszination des Fremdartigen. Zu meinen fremdartigsten »Schätzen«, extrem erregend und entfesselt abenteuerlich, zählte damals ein Roman, den ich in einer Buchhandlung in Offenbach im Schaufenster sah, nach acht Tagen kaufte und zwar auch wegen der kubistischen Zeichnung auf dem Einband und wegen des lakonischen, geheimnisvollen Titels. Es war das Buch eines Darmstädter Autors, »Die achatnen Kugeln« von Kasimir Edschmid.

Diese beiden frühen Eindrücke bedeuteten bereits Entscheidungen, lange bevor sie vollzogen waren. Zugleich blieben sie für mich identisch mit der großen hessischen Nachbarschaft Darmstadt. Das Bild, das ich von meiner Umwelt besaß, veränderte sich damit zusehends. Sie wurde plötzlich auf einer anderen Silbe betont. Bisher schien mir diese Welt betrieben vom Verstand und vom Geschäft. Von nun an sah ich sie anders. Quer durch alle praktischen Lebensregungen wirkte eine Schicht, die frei war vom Nutzen, entlassen aus dem Zweck, eine strömende Schicht, die unverdorben war vom Vorteil, der Berechnung entronnen, Beweismitteln unerreichbar, eine imponderabile Schicht, der Zukunft näher als dem geschichtlichen Augenblick, dem Weltgrund näher als dem Weltgeschehen –, die tiefe Schicht des Schöpferischen, die Kunst. Zu ihren Ausdrucksmitteln zählt die Sprache und damit die Dichtung von jeher. Wenn man die Künste nannte, sprach man früher von ihr als von der Dichtkunst. Heute, in einer Epoche, die uns das Äußerste zugemutet hat an Lebensgefahr und Vernichtung, scheint es zunächst begreiflich, daß viele der Dichtung gegenüber mißtrauisch geworden sind. Untersucht man dieses Mißtrauen, trifft man auf Argumente, die zugleich diese Epoche charakterisieren.

Goethe deutet einmal den Beruf des Dichters mit den Worten: »Den edlen Seelen vorzufühlen«. (Das Zitat lautet genau: »Denn edlen Seelen vorzufühlen, ist wünschenswertester Beruf«.) Diese Worte sind heute in Verruf geraten und damit das Musische überhaupt. In einer Gegenwart, in der die Zukunft lange Zeit politisch enthauptet war, weil es faktisch möglich blieb, daß eines Morgens in der Früh die Straßenbahnen nicht mehr fuhren, sondern an ihren Haltestellen vorüber feindliche Panzer, nimmt sich eine Dichtung von Hölderlin oder Trakl anders aus als in einem Jahrzehnt, wo dies, zunächst einmal auch technisch, vollkommen unmöglich war.

Den edlen Seelen vorzufühlen. Dies scheint uns heute passé, jedoch nur auf den ersten, den zweiten und dritten Blick. Wer länger und gründlicher hinsieht, wird erkennen, die Welt kann nicht durch Atomrüstungen gebessert werden, sondern nur durch das Verhalten eines jeden einzelnen von uns. Kriege fallen nicht vom Himmel. Der Zweite Weltkrieg wurde bewußt entfesselt. Die ihn vor 14 Jahren in Polen begannen, hatten Millionen von einzelnen Männern und Frauen als Anhänger hinter sich, jedenfalls bis zum Tag des Kriegsausbruchs, dem 1. September 1939.

Wenn die Dichtung sich an die edlen Seelen wendet, um ihnen vorzufühlen, dann bewirkt sie eine Verfeinerung des Fühlens, eine Humanisierung des einzelnen. Ein humanes Verhalten aber ohne Gewissenhaftigkeit wird es niemals geben. Die Gewissenhaften unter uns lehnten daher von Anfang an jenes »Dritte Reich« ab und verabscheuten seine Machthaber.

Es gehört zu dem gespenstigen Erbe der Terrorjahre, daß man vielem mißtraut, dem einst Generationen vertraut haben, so auch den Worten und damit der Dichtung – daß man gesonnen ist, das Musische zugunsten des Praktischen abzulehnen, vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil einst nicht nur Schriftsteller, sondern auch Dichter der zweifelhaften, berüchtigten Machtergreifung zustimmten; von den Philosophen einmal ganz zu schweigen.

Nicht zuletzt denn es gibt noch andere Gründe. Man hat vollkommen vergessen, daß die ernste und stille Beschäftigung mit der Kunst und mit der Dichtung nicht die Aufgabe hat, den einzelnen vor politischen und militärischen Katastrophen zu schützen. Man ist eher bereit, die Befürchtung auszusprechen, die Humanisierung durch Kunst und Poesie könnte junge Menschen unpraktisch, untüchtig und weltfremd werden lassen. Nun, wir wissen nicht erst seit 1933, daß die unbeirrbare Gewissenhaftigkeit wichtiger und wertvoller bleibt in ihren Leistungen als die pure, unbedenkliche Tüchtigkeit der Praktiker und Weltkundigen. Vermag die hohe Begeisterung für die Dichtung das Fühlen zu verfeinern und zu veredeln, so bewirkt sie noch etwas anderes und außerordentlich Wichtiges, denn jede große Dichtung mahnt und warnt. Sie mahnt den einzelnen, sich auf das ganze Dasein zu besinnen, auf seine immaterielle Transparenz, auf jene Himmelsrichtung der Wirklichkeit, in der die Sinnbilder und Zeichen des Menschengeschickes erscheinen, Trauer und Jubel, Freundschaft und Einsamkeit, in der die Gräber unvergessen sind und alle vergangene Zeit. Und sie warnt ihn vor der Hybris, vor der Ehrfurchtlosigkeit der Geschäftigen und vor jeder leichtgläubigen Zuversicht. Die Dichtung hat nie die Stimmenmehrheit besessen, dies zu ihrem Ruhm und zu ihrer Gefährdung.

Zu den beiden frühen Eindrücken von Darmstadt, der Mathildenhöhe und den Büchern Kasimir Edschmids, kamen bald weitere hinzu. Eines Tages besuchte ich Carlo Mierendorff in der Redaktion des »Hessischen Volksfreundes«, und er druckte einige meiner ersten Feuilletons. Er schickte mich auch zu Dietrich Diestelmann, der in den Blättern des Hessischen Landestheaters Prosa und erste Gedichte von mir veröffentlichte. Ein Jahrzehnt später heiratete ich dann eine Darmstädterin. Mein erstes Buch, ein Bändchen Kurzgeschichten, brachte Herbert Nette in Darmstadt bei Wittich heraus. Bei ihm auf der Rosenhöhe lernte ich einen der liebenswertesten Menschen kennen, den Dichter der »Schalmei vom Schelmenried«, den kongenialen Übersetzer von Thomas Wolfe, Hans Schiebelhuth, dessen Freundschaft ich noch gewinnen durfte. Und in der Erde Darmstadts ruht nun seit Jahren, zu früh verloren, meine große Kollegin aus Rheinhessen, die Dichterin Elisabeth Langgässer.

Nach diesem Überblick über eine Lebensreise von Offenbach nach Darmstadt erscheint es sinnfällig, wenn man nicht sagen will schicksalhaft, daß ich weder nach Frankfurt gehörte, wo ich die Universität besuchte und lange Zeit freier Mitarbeiter am Feuilleton der »Frankfurter Zeitung« war, noch nach München, wo ich in der Redaktion des »Simplicissimus« tätig war, sondern nach Darmstadt, wo alle meine Bücher entstanden sind.

Die hohe Ehre, die mir heute hier zuteil wurde, die Verleihung des Georg-Büchner-Preises durch die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, kann ich nur in Demut und ergriffener Dankbarkeit hinnehmen. Ich bin mir bewußt, diese außerordentliche Auszeichnung besitzt ihre Bedeutung in der unvergeßlichen Größe des deutschen Dichters, dessen Gedächtnis wir hier ehren. »Die Natur«, schrieb einst Georg Büchner in seiner Vorlesung »Über die Schädelnerven«, »handelt nicht nach Zwecken, sie reibt sich nicht in einer unendlichen Reihe von Zwecken auf, von denen der eine den anderen bedingt; sondern sie ist in allen ihren Äußerungen sich unmittelbar selbst genug. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da.«

Mit diesem hellsichtigen Wort, das auch die Kunst, die Dichtung in seinen Schutz nimmt und gegen jede Zweckgesinnung verteidigt, darf ich jetzt schließen und der Akademie, dem Lande Hessen und der Stadt Darmstadt meinen ehrerbietigen Dank aussprechen.