Georg-Büchner-Preis

Der Georg-Büchner-Preis wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 verliehen. Er war vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet und in der Landeshauptstadt Darmstadt übergeben worden. Er wurde an Dichter, Künstler, Schauspieler und Sänger verliehen.

Seit 1951 wird der Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben. Ausgezeichnet werden Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben.« (Satzung)

Der Georg-Büchner-Preis wird jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt verliehen. Die Dotation des Preises beträgt 50.000 Euro.

Preisträger

Brigitte Kronauer

Brigitte Kronauer

Schriftstellerin
Geboren 29.12.1940
Mitglied seit 1988

Georg-Büchner-Preis 2005
Laudatio von Patrick Bahners
Dankrede von Brigitte Kronauer
Urkundentext

... Meisterin des Vexierspiels, der höheren Heiterkeit und des musikalischen Schreibens...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Klaus Reichert
Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Peter Hamm, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Konrad Schacht (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Sagenschatz und Motivhaushalt

LAUDATOR
Patrick Bahners
Geboren 10.2.1967
Journalist und Schriftsteller
Herr Präsident,
liebe Frau Kronauer,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Laudato si, o mi si-gno-ho-re-e, laudato si, o mi si-gno-ho-re-e, laudato si! Sie müssen entschuldigen. Das war naturgemäß kein Zitat aus einem Roman von Brigitte Kronauer, sondern stammt aus einem Lied, das dem Kleingedruckten im Gesangbuch zufolge auf den Sonnengesang des heiligen Franziskus zurückgeht und in meiner Kindheit an besonderen Festtagen im Schulgottesdienst gesungen wurde. Ich führe es an, um meinen Zweifel zu Protokoll geben, ob ich für die mir von der Akademie übertragene Aufgabe gewappnet bin. Zwar kann ich mich wiedererkennen in der namen- und gesichts-, kontur- und farblosen Randfigur von Brigitte Kronauers jüngstem Roman Verlangen nach Musik und Gebirge, von der nur die Stimme ins Bewußtsein der Erzählerin tritt. Frau Fesch spaziert durch die Straßen des nächtlichen Ostende, an ihrer Seite ein jugendlich-unglücklich Liebender. »Weiter weg hört man jemanden lateinisch singen. War das nicht schon am ersten Abend so? Singt mit Teilen eines Hochamts gegen das Meer an, ein alter Meßdiener, der die Schönheiten seiner liturgischen Jugend nicht vergessen kann.« Auch ich habe eine liturgische Jugend hinter mir, aber eine nachkonziliare, schimmerlos ausgesetzt jener Formlosigkeit, die häretisch genannt worden ist. Das kann für meine Zwecke so stehenbleiben, denn ich möchte um Verständnis dafür bitten, daß es meinem Rühmen an der goldenen Geläufigkeit mangeln könnte, die dem geschenkt wird, der Litaneien vor dem Eintritt ins kritische Lebensalter nachgebetet hat.
Mit Blick auf das Werk von Brigitte Kronauer wäre allerdings zu fragen, wie es mit der Orthodoxie der Formvollkommenheit bestellt ist. In dem Roman Die Frau in den Kissen wird von einer Gräfin erzählt, die sich auf dem Meer bei einer Bootspartie mit einem glatzköpfigen Diener in den »Herrschaftsbereich« von »Szenen der Erinnerung« hineinziehen läßt. »Schicht auf Schicht kann sie nur legen in der Rekapitulation als immer weitere Verfeinerung, Meßopfer auf Meßopfer häufen nach dem festgelegten Ritual, aber mit sich schärfender Sicht.« Man kann diesen Satz wie so viele Kronauer-Sätze als poetologische Selbstauskunft lesen, in diesem Fall sogar als Inkorporierung und Ausarbeitung eines Kritikergedankens. Fritz J. Raddatz schrieb 1986 über die Autorin des Berittenen Bogenschützen: »Ihre Sätze sind lauter kleine rituelle Feste.«
Eben wegen der Häufung von Fest auf Fest verfiel die spätmittelalterliche Werkfrömmigkeit der Kritik einer Theologie der Innerlichkeit. Im Namen der Heiligkeit des Meßopfers wurde gefordert, es nur einmal am Tag zu feiern oder sogar nur am Sonntag die Kommunion zu empfangen. Die innerweltliche Klugheit dieser Heilsökonomie kann ich bestätigen. Hätten wir uns jeden Mittwoch und nicht nur zur Feier des Ferienbeginns im Lob des Si-gno-ho-re-he die Seele aus dem Leib geschrien, wäre sie wohl nach wenigen Wochen vor Erschöpfung zu Boden geplumpst. So aber kann ich kaum anders: Es juckt mich, um eine Laudatio gebeten, das »Laudato si« auszustoßen – denn für mich bleiben diese brüllaffigen Urlaute der nie mehr aus dem Kehlkopf herauszuoperierende Inbegriff des schrankenlosen, enthemmten Lobens. Wer über Brigitte Kronauer spricht, sollte etwas von Ekstasen verstehen, und ich kann nichts daran ändern, daß ich mein Erlebnis des Außer-mir-seins in der Kirchenbank am letzten Schultag hatte.
Der Leser, der das wunderbare Werk von Brigitte Kronauer betritt, läßt sein eigenes wunderliches Leben hinter sich und nimmt es gleichzeitig mit. Dieses Werk ist eine Schatzhöhle mit den Gewölben der großen Romane, den Kammern der Erzählungen, den Kabinetten der Essays und Rezensionen, den Fächern und Löchern der Anekdoten und Sentenzen. Die Höhlenwände öffnen sich lautlos, man braucht kein Zauberwort. »Hier höre ich nichts als leises Fressen, ein gemütliches Flüstern«, lautet der erste Satz der Frau in den Kissen. Allenfalls mag man beim ersten Schritt ins Stolpern kommen, wenn man unvermittelt gegen das Hier der Romanwirklichkeit gestoßen wird. Oder gegen das Da. »Da, damals, die kleine alte Frau im grellen Gras: Was für Knöchelchen!« Der vielgepriesene Anfang von Rita Münster. Macht man seinen Weg, fliegen einem die Zauberwörter zu. Jedes Sesam führt einen tiefer hinein, als Pfeil zum Ausgang taugt keines. Es sind die Halleffekte, die den gewaltigen Eindruck der Dreidimensionalität von Brigitte Kronauers Erzählraum erzeugen. Motivische Korrespondenzen konstituieren ein Sinngefüge oder machen doch die Vermutung unwiderstehlich, es müßte sich der Zusammenhang aller Einzeldinge ausmessen und abschreiten lassen. Dabei sind die Echowirkungen doppelte. Die Zeichen werden häufig schon als Erinnerungsfetzen eingeführt.
Ob die Möwen, die mit ihren spurlosen Schwüngen bestehende, nur ihnen erkennbare Linien nachfahren, diese Luftgleiswerke am Ende lediglich vortäuschen, fragt sich die Tierbeobachterin in der Frau in den Kissen. Daß die Kritik gar keine Metaphern gebraucht, wenn sie von der Konstruktion und der Mathematik der Romane Brigitte Kronauers spricht, hat die Literaturwissenschaft inzwischen mit aller Gründlichkeit nachgewiesen. Die Wirkung der Vorführung dieser Baupläne kann so großartig sein wie die Demonstration der vernünftigen Einrichtung des Fliegenauges durch den Reverend William Paley. Je exakter aber die Schlüssigkeit der Erzählungen dokumentiert wird, desto stärker verdichtet sich die Ahnung der Idiosynkrasie der Autorin. Wenn tatsächlich kein Detail als funktionslos angesehen werden kann, dann ist das Individuelle nicht Zutat, sondern der Grund der Dinge – das Jenseits der geordneten Romanwelt, auf das die Chiffren einer vorliterarischen Erinnerung verweisen.
Dieses Verhältnis von ausgetüftelter Objektivität und unberechenbarem Subjekt hat seine Entsprechung auf der Seite des Lesers. Als im Berittenen Bogenschützen der berufsmäßige Leser Matthias Roth in der italienischen Landschaft beim Meditieren über Joseph Conrad zu der Erkenntnis vordringt, der Romancier brauche »die lebendige, zappelnde Figur nur, um ihr steinernes, dauerhaftes Ebenbild errichten zu können«, da muß ihn dieser Gedanke unwillkürlich abgeschreckt haben, denn er verwandelte sich sogleich aus dem Denkmal eines Denkers in einen zappelnden, etwas unbeholfenen, aber unzweifelhaft lebendigen Wanderer. »Er stand schnell auf, er wollte den Weg zu seiner Lieblingsstelle fortsetzen, dorthin, wo sich manchmal Fische verfingen, aber nach der unbequemen Lage gaben die Beine nach und er fiel zurück, immerhin war der Fuß nicht umgeknickt.« So wird nach Absolvierung der Schule der Genauigkeit, die Kronauer zu lesen bedeutet, jeder Kronauer-Leser seine Lieblingsstellen haben, wo sich Erinnerungen verfangen, die der Romanfiguren, die an die Romanfiguren und die eigenen.
Was der Freundin der Frau in den Kissen in den Gesichtssinn kommt, wenn sie durch die Möwen, die sich »im Kostüm des Heiligen Geistes« das Segnen anmaßen, an »die Hochämter der Kindheit« erinnert wird, mag dann auch nachempfinden können, wer in seiner Kindheit auf das Neue Geistliche Lied als rumpelnden Flugapparat angewiesen war: »Ekstatische Priester in der Luft, fliegende geistliche Würdenträger im vollen Ornat, im Federmantel, mit Käppchen und Mitra ausgerüstet zur jährlichen Feier, die heiligen Gebräuche vollstreckend.« Und so will ich mir die Möwen zum Beispiel nehmen, den Schrei »Gelobt sei Brigitte Kronauer«, der mir auf der Zunge liegt und mit dem tatsächlich hier und heute alles gesagt wäre, unterdrücken und auf die Gefahr der Anmaßung hin formgerecht krächzen auf dieser jährlichen Feier – auf den Bahnen des Dichterlobs, die die Natur der Dichtkunst auch dem spätestgeborenen Rhetor vorzeichnet.
Die Frau in den Kissen, dieser luxuriös ausladende Roman, der mit nichts als sich selbst beschäftigt scheint, enthält die denkbar kürzeste Theorie der Literatur: »Alles Nachahmung.« Daß das Gesetz der Mimesis auch die Binnenstruktur des gegen die Welt abgeschlossenen Textes bestimmt, geht aus Matthias Roths Betrachtungen zu Joseph Conrad hervor. Conrads Figuren sind Nachahmer der Fama, die ihnen vorauseilt: Der Autor hat eine »unübersehbare Neigung zum Legendären, zur gerüchteweisen Einführung einer Person, als errichtete er ihr schon von vornherein einen Thron«. Matthias Roth führt das eigene Leben, als wäre er die Hauptperson eines Conrad-Romans. Über Marianne, seine Geliebte, erfahren wir zu Anfang des Berittenen Bogenschützen: »Noch bevor er sie je gesehen hatte, war sie ihm geschildert worden: Eine extravagante Erscheinung, durch übertriebene Kontaktfreude große Ängstlichkeit überspielend, das Kinn hochmütig vorreckend.« Durch Boten hatte sich die Kunde von Mariannes Schönheit verbreitet. Bei Conrad vertreten diese aus Geschichten zusammengesetzten Charakterbilder die Charaktere gleichsam rechtswirksam. »Die Legende macht die Helden zu etwas Heraldischem, noch bevor sie vor den Augen des Lesers eine Leistung erbracht haben.« Das Bild, das dem Helden vorangetragen wird, ist sein Wappen: Es bezeichnet den Träger unverwechselbar, ein Porträt ohne Porträtähnlichkeit. Wenn Lord Jim »das legendäre Wappentier« genannt wird, so ist das doppelt zu verstehen: Legendär ist der Flüchtling im blütenweißen Anzug nicht nur als Held der von Marlow erzählten Geschichte; er ist auch das leuchtende Musterbeispiel für Conrads heraldisches Erzählverfahren.
Die Heraldik ist die Wissenschaft der Bilder, die Rechtstitel und Herrschaftsansprüche zur Darstellung bringen. Auch Brigitte Kronauers Figurenzeichnung hat diese politische Dimension. Die Autorin hat Matthias Roth einen Thron errichtet. Am Horizont der Phantasie dieses Mieters einer Mansardenwohnung in einem Universitätsstädtchen tauchen regelmäßig die weitläufigen Ruinenlandschaften vorderasiatischer Königsstädte auf. Der Genießer, der sein Reich so eingerichtet hat, daß alles ihm zu Diensten steht, ist ein Despot aus dem Bilderbuch des Orientalismus, ein Wiedergänger des Sardanapal, der seine Konkubinen umbringen ließ, als er mit seinem Palast verbrannte. »Was nun seinen Tod betraf«, so konnte sich Matthias Roth »überhaupt nicht denken, daß seine Freunde, Bekannten, die Leute überhaupt, alle diese nervös Wartenden in Stadt, Land, Welt es fertigbrachten, ohne ihn weiterzuatmen. Er nähme sie alle mit, keiner würde überleben.« Wie ein Monarch die Höflinge, die er in den Adelsstand versetzt, als seine Kreaturen ansieht, so spürte Matthias Roth, »daß die ihn umgebenden Leute sich in seine Geschöpfe verwandelten«. Und wie Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich die Galauniformen seiner Offiziere entwarf, so ist Großkönig Matthias sein eigener Heraldiker: Er fixiert seine Mitmenschen, läßt sie erstarren im Bild. In dieser Weise erlaubt die ästhetische Lebensform des westdeutschen Intellektuellen auch dem Literaturwissenschaftler die Teilhabe am Allmachtstraum des modernen Künstlers. Erst in Gisela, der Frau seines Freundes Hans, der er kein Wappen verliehen hat, obwohl sie den Namen einer Kaiserin trägt, tritt Matthias Roth eine »Macht« gegenüber, der er sich ergibt.
Als er mit Hans und Gisela ein kulturhistorisches Museum besuchte, da malte er sich die Goldkammer natürlich sogleich »als Mausoleum für sich selbst aus«. Aber er erinnerte sich an seinen Vater, der ihn als Kind hingewiesen hatte auf den »unsichtbaren Schimmer in allen Dingen«, einen »Schimmer oder ein Lied«. Und mit diesem Stichwort legt sich über die Szene schon der Schimmer jener Legende eines königlichen Sterbens, in der Matthias Roth seinen Part zu erfüllen hat, ohne es zu wissen. Denn neben den »Spitzenarbeiten aus Golddraht«, »jedes Stück wie die Insignie eines größeren oder kleineren Reiches«, fallen ihm, »in ihrer geheimnisvollen Beleuchtung aufstrahlend«, die »Becher« ins Auge. Wenige Seiten später, in einem seiner Anfälle von Menschenhaß, kommt er am städtischen Hallenbad vorbei, und ihn ekelt die Chloratmosphäre. »Trotzdem atmete er hier, um den Becher bis zur Neige zu leeren, besonders tief ein. Das also war eine ihrer Vereinigungsstätten!« Die Vereinigung ist undenkbar: In dieser Devise wäre Matthias Roths Interpretation von Conrads Liebesmetaphysik zusammenzufassen.
Die Heraldik geriet im Zeitalter der Aufklärung in Verruf als Wissenschaft vom Phantastischen, deren Wucherungen die Vernunft beleidigen. Wenn Brigitte Kronauer ein Bilderrätsel stellt, dann darf man guten Mutes sein, daß man im Romandickicht den Schlüssel finden wird. Daß bei Conrad die Bilder »die Hauptsache« sind, »Inbilder, Inbegriffe«, verdeutlicht sich Matthias Roth am Beispiel der Erzählung vom »goldenen Pfeil«: Ritas Kamm, »das Liebespfand«, das »Zeichen« der »unmöglichen Leidenschaft«, versinkt im Meer, »dann aber überträgt Ritas Liebhaber selbst das Ereignis in ein anderes, schon bekanntes, legendäres Bild, das des Königs von Thule und seines goldenen Bechers«. Die Liebesoffenbarung, das wechselseitige Erkennen von Matthias Roth und Gisela, ereignet sich, als sie einen Kaffeebecher umstoßen. Nachdem eine Ewigkeit vergangen ist, senkt Gisela »ihm den Kopf entgegen, um ein Kämmchen tiefer ins Haar zu stecken«. Und eine »Weile später streckte sie eine Hand nach dem Becher aus, führte ihn an die Lippen und schüttelte dann leicht den Kopf, sie hatte vergessen, daß aller Kaffee herausgeflossen war, legte aber doch den Kopf weit in den Nacken, damit sie noch einen letzten Tropfen abbekäme«.
In den Roman Verlangen nach Musik und Gebirge ist ein Opernlibretto eingelegt, eine Bearbeitung der schon von Matthias Roth ausgelegten Erzählung Joseph Conrads Ein Lächeln des Glücks. An einer Stelle gestattet sich die Librettistin, sich vom Tonsetzer ein Motiv zu wünschen. Alice besingt ihre Liebe zum Kapitän, dessen glorreiche Wiederkunft sie erwartet. Sie will ihn »hin- und herbewegen, / schütteln, schleudern und rütteln, / nichts als ihn, / in meinem Herzen. Hier.« Hier zieht sie das Pantöffelchen aus, das der Oper den Titel gibt; es vertritt den Geliebten »wie ein Wahrzeichen«. Und Frau Fesch merkt an: »Hier könnte sehr gut die Schubertsche Vertonung vom goldenen Becher des Königs von Thule anklingen.«
Die Kronauer-Philologie hätte sich der Unterstützung durch die Zeremonialwissenschaft zu versichern, von der nach dem Untergang des alten Europa die historischen Hilfswissenschaften übriggeblieben sind. Man kann die Kronauer-Lektüre als Hochamt erleben, als Vollstreckung heiliger Bräuche der Verkündigung, Anbetung und Wandlung; aber man wird immer auch die kunstreichen Aufbauten bewundern, die technischen Einfälle und das Zeitmanagement, die prosaische Mechanik, die den regelgerechten Ablauf sichert. Der Leser nimmt die fürstliche Perspektive der Erzählerfiguren ein: Ephemere Architekturen durcheilt er wie bei einem freudenreichen Einzug. »Erfinderisch arbeitet sich der Zug voran, produziert Ort um Ort«, notiert Frau Fesch. »Vermutlich zerfallen die Städte danach wieder alle.« Neben der Heraldik wäre auch die Numismatik einschlägig. Man achte einmal darauf, wieviele Figuren im Profil beschrieben werden. Warum ist im legendären Bild Mariannes das Kinn so prominent? Sie »schob es vor, um ihr Profil mit der ausgeprägten Nase ins Gleichgewicht zu bringen«. Der Leser wandert durch ein Münzkabinett: Wie die Farben des Wappenschildes erlaubt die Kontur des Münzbildnisses die abstrahierende Stilisierung von Individualität.
Für Liebhaber protokollarischer Feinheiten ist bemerkenswert, in welcher Zeile des Berittenen Bogenschützen schwarz auf weiß die Titulatur unseres Staatswesens erscheint. Dieser Roman ist ein Museum der Leidenschaften und Interessen seiner Epoche. Nur scheinbar ist die Politik der Beschriftung wahllos und verschwenderisch. Die Universitätsstadt etwa wird nicht beim Namen genannt, wohl aber der Staat, ausgerechnet in dem Augenblick, da Matthias Roth sich den Zusammenbruch seines Reiches der vorausgewußten Glücke eingestehen muß. »Die Bundesrepublik Deutschland!« Ausrufezeichen. Dieser Absturz des Dichterdeuterkönigs in die republikanische Prosa ist ein komischer, aber auch ein tröstlicher Moment, unsanfte Erinnerung daran, daß nicht alles Literatur ist. Zurecht sind Brigitte Kronauers Bücher als Zeitromane gewürdigt worden, aber liest man den Berittenen Bogenschützen fast zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen, dann frappiert der Eindruck, daß in der Außenwelt des Romans, als wäre Matthias Roths Bann doch wirksam geworden, die Zeit stehengeblieben ist. Die Schlagzeilen des Jahres 1986, memoriert von Herrn Bartels, dem Gatten von Matthias Roths Vermieterin: »Wiederkehr des Leistungswillens, Entbürokratisierung, Zurückdrängung des Staatseinflusses, nur so kann es zur Gesundung unserer Wirtschaft kommen. Raus aus dem Wohlfahrtsmorast!« Man kann nicht viel versäumt haben, wenn man in den vergangenen neunzehn Jahren statt Zeitungen Brigitte Kronauer gelesen hat.
Dennoch darf ich meinem Lob der Autorin eine politische Wendung geben. Den Vorrat der Stoffetzen, aus denen Brigitte Kronauer ihre Bücher näht, möchte man mit einem Wort, das vielleicht in unser aller Ohren aus der Kindheit her einen zauberischen Klang hat, einen Sagenschatz nennen. Ein anderer Begriff wäre Motivhaushalt, und es taugt zum Emblem ökonomischer Klugheit, das auf finanzpolitischen Pakten neben dem Bundesadler prangen konnte, wie Brigitte Kronauer mit ihren Motiven haushält, eine Frau Mühlenbeck im Gehäus ihres Werkes, die alles noch einmal verwendet. In Matthias Roths Ideallandschaft lagen sich »Bergmassen und Meer gegenüber in wuchtiger Ausdehnung, zwei außermenschliche Machthaber, zwei Großmächte, Auge in Auge, unverwandt«. Jede dieser beiden Mächte hat Brigitte Kronauer in einem Roman kartographiert, in »Teufelsbrück« das Gebirge und in dem Roman, der das Gebirge im Titel führt, das Meer. Der Titel dieses Buches wird im Roman im Sinne der Heraldik gedeutet: »es fiel einem die unverwitterte Schönheit der Begriffe ›Meer‹ und ›Gebirge‹ ein, machtvoll, als wären es altertümliche Tugenden, die niemand anzweifelte, oder aber im Legendären längst versunkene Charaktereigenschaften«. Die Zeichen auf den Wappen bürgen für die Tugenden der Ritter, obgleich der Gedanke hinter der Bildauswahl der Vorfahren gewöhnlich vergessen ist. Der Titel Berittener Bogenschütze ist eine solche Figur, deren Bezug zum Helden des Buches im legendären Hintergrund der Handlung gesucht werden muß.
Das Hotel, in dem das Personal von Verlangen nach Musik und Gebirge logiert, liegt am Wapenplein, dem Wappenplatz. Die Figuren werden von der Erzählerin mit mehr oder minder schmückenden Beiworten versehen, die sich wie Doppelgänger vor die bezeichneten Personen schieben. Das gilt an erster Stelle für die schöne Italienerin, die sogenannte Schneeantilope oder Taglilie, auf die sich die Bemerkung Ahasver von Brandts im Werkzeug des Historikers anwenden läßt: »Die heraldische Lilie hat mit der natürlichen Lilie nur wenig Ähnlichkeit.« Die Heraldik empfiehlt sich der Dichterin als ein auf Unähnlichkeit basierendes Abbildungssystem. Die Zuordnung von bezeichnendem Ding und bezeichneter Person ist kontingent. Eine Folge ist, daß Brigitte Kronauer die Personen wie Dinge und die Dinge wie Personen beschreiben kann. So wird das unter Bewahrung der »Konturen des alten Baus« rekonstruierte Piercafé von Ostende der Lord Jim unter den Sehenswürdigkeiten sein: »man baut die Legende als Legende nach«. Willaert, der Ensor-Doppelgänger, reduziert das Luftschloß auf das flatternde Zeichen, das Winkelement, das der einfachste Gegenstand der Heraldik ist: »Kapiert ihr nicht, daß es um ein Wahrzeichen geht? Seht ihr das Fähnchen auf der hellgrünen Kuppel? In Wirklichkeit ist das ganze Ding eine Fahne.«
Hissen wir die Fahne! Georg Büchner zu Ehren die Trikolore, aber in den Farben »einer neuen, bisher haarscharf verfehlten Nationalität«, in denen drei Spaziergänger von Ostende sich gruppieren: »Violett, weiß, knallrot.« Es muß ein frommes Land sein, denn Frau Fesch sieht links und rechts »die Pomp- und Bußfarben der Ecclesia«. Brigitte Kronauer ist zu loben. Die Großartigkeit ihres Werkes liegt vor aller Leseraugen und will doch zur Sprache gebracht sein. So tritt ja auch ein König mit dem Tod des Vorgängers in seine Rechte ein, und dennoch wird sein Herrschaftstitel in alle vier Himmelsrichtungen proklamiert. Ich sehe die Aufgabe des Laudators als Amt des Herolds, der ein Wappen für die Büchner-Preisträgerin zu entwerfen hat – auf daß es seinen Platz einnehme in diesem Theatersaal wie die Fahnen der Ritter des Hosenbandordens in der Georgskapelle zu Windsor.
Im linken Feld des Wappenschildes von Papst Benedikt XVI. erscheint ein gesattelter Bär, der der Legende nach dem heiligen Korbinian, dem ersten Bischof von Freising, das Gepäck getragen hat. Für Brigitte Kronauers Wappen ist der Tanzbär zu erwägen, in dessen Gestalt einmal Matthias Roth herumgeschoben wird und ein andermal Gisela: Das gemeinsame Zeichen weist sie schon als Eheleute aus oder als Geschwister. Im rechten Feld müßte die Truhe Platz finden, das heraldische Bild für Brigitte Kronauers heraldische Methode. Unwiderstehlich die Verlockung, den Deckel zu heben, eben weil man vom Äußeren nicht auf den Inhalt schließen kann. Beim Sperrmüll erweisen sich, wie Matthias Roth notiert, »Truhen und Kommoden als die begehrtesten Schätze«; der Schatz im Schatz ist die dingliche Gestalt der Legende als Legende. Am Wegesrand des Romans steht schließlich alles, um mitgenommen und aufgefüllt zu werden: »Die Dinge sind, wie die Bilder, nur in noch komprimierenderer Weise Truhen, Kassetten der jeweiligen Tugend, Leidenschaft, des dominierenden Lasters, das sie zu seinem eigentlichen spezifischen Gewicht verdichten.«
In der Mitte des Schildes sollte aus dem Maskenrepertoire von Verlangen nach Musik und Gebirge »ihre Majestät, die Erotik« thronen, Frau Venus, die in der Fachsprache der Heraldik übrigens auch nur eine gemeine Figur ist, aber unter dem Buchstaben M, durch den der verstorbene Papst Johannes Paul II. seine besondere Verehrung der Gottesmutter bekundete, auf dem goldenen Grund der Buchmalerei. Als Schildträger werden die Zoobewohner aus der Frau in den Kissen einander abwechseln, die im Tagtraum der Erzählerin die »Wappen des Daseins« stützen: »Als wachehaltende Schlaftiere sollen unsere Freunde aus dem tierischen, pflanzlichen, mineralischen Reich uns umstehen ein Leben lang.« Viele Provinzen des Werkes von Brigitte Kronauer verlangten noch ihren Platz auf dem Schild, doch hinterher hätte ich das sowenig wie Matthias Roth gewollt, »daß alle Ornamente ineinanderschmolzen zu einem Klumpen, zu einem nüchternen Quadrat«.
Die Herolde der englischen Krone tragen prächtigere Kostüme als jeder Priester und phantastische Namen wie Garter Principal King of Arms und Rouge Dragon Pursuivant. Wer sich in Brigitte Kronauers Welt versenkt, mag mit der Zeit glauben, er verwandele sich selbst in ein Fabeltier, den Drachen etwa, mit dessen Urgewalt die Kraft eines guten Bogenschützen sich vergleichen läßt. Doch dann meldet sich die Realität mit dem Bundesrepublik-Deutschland-Effekt. Frau Fesch merkt einmal »im stillen« an, daß Joseph Conrad den ihm von der britischen Regierung angetragenen Adelstitel ablehnte. Er wollte sich nicht vom Hosenbandkönig ausstatten lassen. Damit Sie, liebe Frau Kronauer, den Georg-Büchner-Preis nicht im stillen noch ablehnen, lege ich mein Heroldsamt nieder, indem ich am Ende doch nur sage: Brigitte Kronauer sei gelobt.