Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Hilde Spiel

Hilde Spiel

Schriftstellerin und Journalistin
Geboren 19.10.1911
Gestorben 30.11.1990
Mitglied seit 1972

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1981
Laudatio von Eva Zeller
Dankrede von Hilde Spiel
Urkundentext

... deren kritische Darstellungen geistiger und künstlerischer Zusammenhänge Reichweite der Erfahrung mit gedanklicher Spannkraft und sprachlicher Eleganz zu glücklicher Einheit verbinden.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Herbert Heckmann, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell, Gerhard Storz

Nicht Figur geworden

LAUDATORIN
Eva Zeller
Geboren 25.1.1923
Schriftstellerin

Sie, verehrte Hilde Spiel, sind in einer langen Reihe von Preisträgern männlichen Geschlechts die erste Frau, die den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zuerkannt bekommt. Läßt das nicht tief blicken: in die Vor-Urteile, die, Emanzipation hin, Emanzipation her, immer noch nicht ausgeräumt sind und die besagen, daß Frauen nun einmal von Natur aus eine Abneigung gegen das Intellektuelle haben, gegen das Kritische, gegen das »bedrohlich Tigerartige« des Kritisierens gar, das Goethe an dem Kritiker Johann-Heinrich Merck zum Fürchten fand, gegen das Montaignesche Immer-im-Zweifel-bleiben angesichts der Komplexität und Undurchdringlichkeit einer sich beständig verändernden Welt. Frauen sieht man lieber sich in Systeme schmiegen, in Traditionen zurücklehnen, Gesinnungen huldigen, geistvoll sein, Geschmack haben, als daß man ihnen scharfes Unterscheidungsvermögen zutraute. Beschlagenheit ja, Informiertheit ja, Bildung allright, Gelehrsamkeit gar – das alles sei auch Frauen, einigen wenigstens, zugestanden, nicht aber bittesehr die Sokratische Hebammenkunst, prüfen zu können, ob das Denken Falsches oder Richtiges gebiert.
Es wäre wohl kaum im Sinne der Preisträgerin, wollte ich hier sufragettenhaft und langhalsig diejenigen Frauen aufzählen und verteidigen, die, sich über Traditionen, Autoritäten und männliche Vorurteile hinwegsetzend (um welchen hohen Preis mitunter!), auch ihren kritischen Verstand entwickelten und anwandten. Das »auch« ist der Drehpunkt, und das »auch« hat einen tragischen Klang. Sie, die Frauen, müssen nämlich (und das scheint mir allerdings in der Natur der Sache, in der Natur der Frau zu liegen) ihre Anstrengungen, nein, ihr Leben verdoppeln. Das eiskalte, hochintellektuelle Sezieren, das nicht ruht, bis auch die allergeringsten Gewißheiten zu Zweifeln umgemünzt sind, das Sezieren, mit talentvollem Zynismus und ohne vitale Wärme dargeboten, ist der Frau als Gattungswesen sicher nicht auf den Leib geschrieben.
Sie lebt ausgelieferter und tragischer (tragisch hier ganz im klassischen Sinne gemeint als unvermeidlich und unausgleichlich gegensätzlich) – sie lebt preisgegebener und tragischer in dem Spannungsfeld zwischen Denkkraft und Phantasie, zwischen Präzision und Emotion, zwischen »Hirn und verlängertem Mark«, wie Gottfried Benn es benannt hat. Ihre Zerreißprobe zwischen diesen beiden Polen ist zweifellos härter als die des Mannes; heutzutage zumal, wo alles, was harmonisch ist und Einverständnis mit etwas bedeutet, a priori als verdächtig gilt, den revolutionären Elan zu schwächen. Kraft des ihr eigentümlichen weiteren Ausgespanntseins in diesem Spannungsfeld, so, daß ihre Fingerspitzen beide Pole berühren, erliegt die Frau aber, das wage ich hier zu behaupten, weniger der Gefahr, nur Figur zu werden, nur zu funktionieren in einem System des Denkens, Urteilens, Analysierens.
Diese Überlegungen, in der hier gebotenen Kürze, mußte ich voranstellen, ehe ich auf Hilde Spiel und ihr Werk eingehe. Sie, Hilde Spiel, ist so bewundernswert wenig Figur geworden, so wenig erstarrt in der Pose besserwisserischer Kritik. Auf unnachahmlich einfühlsame Weise, wie mit zusätzlichen Fühlern begabt, nähert sie sich dem zu Beschreibenden niemals nur von einer Seite. Das belegt jeder einzelne Essay von ihr, sei es über Hofmannsthal, über die österreichische Nationalliteratur, die Dichter des Wiener Jugendstils, über Reinhold Schneider, Alexander Lernet-Holenia, Heimito von Doderer, Egon Friedell, Arthur Schnitzler, über Arthur Köstler, William Blake, Virginia Woolf, Katherine Mansfield, Marie Baschkirtseff, Moses Mendelssohn, Erich Kästner, Klaus Mann, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann... Das belegen ihre zahlreichen Theaterkritiken in Presse und Rundfunk. Seit 1963 ist Hilde Spiel Kulturberichterstatterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie hat ihre literarischen Essays zur Kunstform entwickelt. Ihre Doppelexistenz als Kritikerin und Autorin von Rang kommt hier zum Tragen, nehmen wir es wörtlich, trägt ein Sprach- und Denkgebäude und verhindert, daß die Kritikerin sich nur einer erborgten Sprache bediente, nur einer raffinierte, scharfsinnige Zweitverwerterei betriebe. Hilde Spiel ist der lebende Beweis dafür, daß Kritik Einfallskraft und Sprachenergie nicht lähmen muß.
In einem einzigen Satz stellt sie uns eine ganze Stadt vor Augen: »Krakau im Winter, klirrend, himmelblau und schneeviolett, mit spitzen und zwiebelrunden Türmen.« Der Satz, einer von vielen hochpoetischen, augenöffnenden Sätzen, steht in einem Essay mit dem Titel: »Nur nicht die Wirklichkeit«. Dort steht auch: »Orte, ja Orte. Eine Bank im Garten des Belvedere, wo ich als Schulmädchen ein Motiv in Kornblumenblau und Lachsrosa stickte. Der rote Nachthimmel, räudig, über einer Praterau... Wer reißt sich das aus dem Herzen, wen holt es nicht immerfort, wenn er in englischen Bombennächten an das verbotene Land denkt, dorthin zurück?« Wer schreibt hier? Die Essayistin, die Autorin von »Lisas Zimmer«, »Mirko und Franca«, von »Die Früchte des Wohlstands«? Nimmt einer der anderen, die Kritikerin der Schriftstellerin, die Schriftstellerin der Kritikerin den Kugelschreiber aus der Hand? Müssen beide gegeneinander ausgespielt werden? In der Tradition Lessings und der Gebrüder Schlegel ist der Rang des Kritikers mit dem des Künstlers gleich.
In ihrem Vorwort zu den soeben erschienenen gesammelten Essays »In meinem Garten schlendernd« (einer Auswahl aus den Sammlungen »Der Park und die Wildnis«, »Städte und Menschen« und »Kleine Schritte« sowie aus in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Arbeiten) – in ihrem Vorwort schreibt Hilde Spiel:

»Als ich selbst Versuche anzustellen begann, über andere Schriftsteller zu schreiben, gefiel mir der Vorgang des Suchens nach der Person und dem Werk so sehr wie nach dem treffenden Wort. Wenn man es fand, das mot juste, dann schien es wie ein Glücksfall, leichter im Flug erhascht als dadurch gewonnen, daß man lange auf dieselbe Stelle starrt. Dies ist freilich ein intuitiver Vorgang, dem poetischen Akt vergleichbarer als dem kritischen Kalkül.«

Poetischer Akt oder kritisches Kalkül? Ist es einer Doppelbegabung, Doppelexistenz zugemutet, aus diesem Entweder-Oder ein Sowohl-als-auch zu machen? Wird angesichts des poetischen Akts der kritische (und sei er noch so stimmig, so radikal, so mit Augenmaß betrieben) eher als der harte, solide Brotberuf empfunden, gemessen an dem schöpferischen Trieb nach Definition, der, so Benn, »qualvoller ist als der Hunger und erschütternder als die Liebe«? Erscheint neben dem schöpferischen Trieb der kritisch-analytische zu nah am Tagesgeschehen, am »Wundfieber der Wirklichkeit«, am »Sklavenmarkt des Augenblicks« (Jean Paul), und der Kritiker fragt sich, ob der »Diamant der Kunst« sich unter seiner Feder nicht verflüchtige und er nur noch »den Kohlenstoff vorzeige«?
Ich sollte mit wenigen Strichen, in zehn Minuten, ein literarisches Portrait entwerfen. Wie leicht schnurrt da alles zu Formeln zusammen, was im Werk des zu Lobenden als Satz atmet, als Gedanke ausgetragen ist, als Wortgefüge Genauigkeit, Steigerung, Verdichtung erfahren hat. Auch bedrückt mich als Laudator, daß die Portraitierte so wehrlos ist. Sie muß es sich gefallen lassen, was man da über sie sagt. Und was kann man schon sagen über die mörderische Geduld, die zum Schreiben gehört, über die Anlässe und Zwänge, die zum Schreiben führen und die tiefer als alles andere in das Leben des Schreibenden eingreifen, es durchdringen, durchrütteln, ihm Schaffensglanz und Schaffenselend zumuten. Der Preis heute gehört der Kritikerin und Essayistin Hilde Spiel. Für mich ist diese von der Schriftstellerin nicht zu trennen, sondern muß mit ihr ineinsgesetzt werden.
Noch ein letztes, was womöglich nicht in eine Laudatio gehört, was ich aber trotzdem sagen möchte: die Preisträgerin gehört einer selten gewordenen species an, die weniger rüde Zeiten die grande dame nannten. Ich will sie aber nicht so nennen, es klingt mir zu geschmäcklerisch nach Salon. Ich möchte nur anmerken: zu allem Überfluß ist sie, die Preisträgerin, auch noch schön. In Afrika gibt es ein Sprichwort, das in verschiedenen Eingeborenensprachen gleich lautet: es heißt: »Keine Frau sagt zur anderen: wasch dir dein Gesicht.« Zu deutsch: keine Frau sagt zur anderen: sei schön. Ich sage: Liebe Hilde Spiel, wasch dir dein Gesicht und komm aufs Podium, um die Urkunde in Empfang zu nehmen.