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STATUT
§ 1
Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay pflegt seit 1964 das für die Literatur unverzichtbare Gegenüber der herausragenden Literaturkritik und der essayistischen Erkundung intellektuellen Neulands.
Der Preis trägt den Namen von Johann Heinrich Merck als eines Verfassers vorbildlicher Kritiken und Essays.
Der Preis wird von der Merck KGAa gestiftet und ist aktuell mit 20.000 EUR dotiert. Er wird jährlich im Rahmen der Herbsttagung verliehen.
§ 2
Der Johann-Heinrich Merck-Preis wird vergeben für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Literaturkritik und der Essayistik.
§ 3
Das Vorschlagsrecht liegt in den Händen der Jury.
§ 4
Die Jury besteht aus dem Erweiterten Präsidium der Akademie.
Die Jury berät über die Kandidatinnen und Kandidaten in einem mehrstufigen Verfahren.
Beschlossen vom Erweiterten Präsidium am 18. Februar 2021

Autor und Literaturkritiker
Geboren 8.9.1956
Mit stupenden Kenntnissen begegnet er sowohl dem einzelnen Buch wie dem Gesamtwerk von Autorinnen und Autoren und verortet sie im Kontext literarischer und politischer Strömungen.
Jurymitglieder
Ingo Schulze, Rita Franceschini, Olga Martynova, Lothar Müller, Lukas Bärfuss, Daniel Göske, Felicitas Hoppe, Joachim Kalka, Daniela Strigl, Michael Walter
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Jahr 1964 befand sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wieder einmal in einer Krise. Niemand beachtete sie, die literarischen Debatten der unmittelbaren Gegenwart gingen an ihr vorbei. Da hatte Akademiepräsident Hanns W. Eppelsheimer eine Idee. Der Büchnerpreis trage die Akademie nicht alleine, sie müsse auf Neues sinnen, „um Ansehen zu erobern“, und das beste Rezept dafür sei, einen Preis für Literaturkritik ins Leben zu rufen.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: ein Preis für Literaturkritik, um auf sich aufmerksam zu machen! Um ein breiteres Publikum zu erreichen!
Was heute wie eine Donquijoterie anmutet, hatte jedoch einen konkreten Hintergrund. Die Gruppe 47 war damals auf dem Höhepunkt ihrer Bedeutung. Man schlug sich förmlich darum, eine der begehrten Einladungen zu ihren jährlichen Tagungen zu bekommen. In den eigentlich als Werkstattgespräch unter Schriftstellern gedachten Diskussionen hatten sich einige Kritiker profiliert, die aus ihrer spontanen Bewertung der vorgelesenen Texte einen wahren Event machten.
Damit schloss die Gruppe 47 an eine große Tradition an. Es hatte schon immer eine spezifische Vehemenz der deutschen Literaturkritik gegeben, das lässt sich aus ihren historischen Anfängen heraus erklären. Im 18. Jahrhundert ging es für die Schriftsteller darum, eine deutsche Literatursprache überhaupt erst zu schaffen. Die kleinabsolutistischen Höfe waren für das sich entwickelnde Bürgertum eine beträchtliche Hürde. Schriftsteller betätigten sich unter diesen Umständen ganz selbstverständlich auch als Literaturkritiker. Gotthold Ephraim Lessing etwa war als Kritiker mindestens genauso bekannt wie als Dramatiker, die Literaturkritik wurde als eine eigene literarische Gattung begriffen. Denn es ging um etwas. Man schonte sich nicht. Lessing urteilte über ein Poem seines berühmten Zeitgenossen Friedrich Gottlieb Klopstock: „Es ist, wie des Herrn Klopstocks Lieder alle sind; so voller Empfindung, dass man oft gar nichts dabei empfindet.“
Es ging ums Ganze. Ästhetische Auseinandersetzungen traten oft an die Stelle von politischen, denn das deutschen Bürgertum hatte im 18. und dann auch im 19. Jahrhundert nichts zu bestimmen und nichts zu sagen. Über die Kunst dafür aber umso mehr. Man wurde gerne grundsätzlich. Einer der schönsten Sätze von Ludwig Börne lautet: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum!“
Im 19. Jahrhundert wurde die Literaturkritik aber beileibe nicht mehr nur von Schriftstellern betrieben. Es entwickelte sich eine neue Kaste, die eher akademisch, ja oberlehrerhaft agierte. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Gymnasialprofessor aus Weimar namens Karl August Böttiger. Er schrieb, und damit sind wir gleich bei mehreren Namensfingerzeigen, dass Goethe seinen Darmstädter Freund Johann Heinrich Merck als Vorbild für den Mephistopheles im „Faust“ genommen habe. Und fügte hinzu: „Schade nur, dass dieser Faust, so wie wir ihn jetzt in seinen Werken haben, ein aus früheren und späteren Arbeiten zusammengeflicktes Lappenwerk ist (so wie auch der Wilhelm Meister), und dass die interessantesten Wollustszenen unterdrückt worden sind.“
Damit war ein Ton der Literaturkritik angeschlagen, der bis heute nachwirkt. Meist vergab diese Form von Rezensionswesen die Zensuren eher nüchtern und trocken. Dabei versteckte sie ihre subjektiven Grundlagen hinter einem sich objektiv gebenden Duktus und baute auf die gerade in der Luft liegenden Theoriefelder auf. Im 19. Jahrhundert waren das Vaterland, Religion und Familie, und damit zogen Universitätsdozenten das gelegentlich ungestüm Brausende der Literatur routiniert auf ihr Level herunter. Diese Kritiker sind längst vergessen, aber ihre Attitüde hält sich bis heute. Nur dass die Diskursformen nicht mehr „Vaterland“ undsoweiter heißen, sondern eher von den gerade aktuellen Debatten-Parametern bestimmt sind.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein spielten Literatur und Kritik jedoch noch oft auf derselben Klaviatur. Walter Benjamin las Marcel Proust und schrieb: „Im vorigen Jahrhundert gab es in Grenoble – ich weiß nicht, ob heute noch – ein Wirtshaus ‚Au Temps perdu‘. Auch bei Proust sind wir Gäste, die unterm schwankenden Schild eine Schwelle betreten, hinter der uns die Ewigkeit und der Rausch erwarten.“
Damit sind wir auf dem ureigenen literarischen Terrain: Rausch und Ewigkeit. Der Zivilisationsbruch durch das NS-Regime zeigte sich aber auch auf dem engeren Feld der Kultur. Nach 1945 stellte sich die Aufgabe, an eine kritische Praxis anzuknüpfen, die vollkommen ausgetrieben worden war. Sie fungierte in der Frühzeit der Gruppe 47 als ein Mittel, die Prägungen durch die NS-Zeit zu überwinden, in Form von Rede und Gegenrede. Im Grunde ähnelte die Situation derjenigen im Zeitalter Lessings und der Aufklärung: Man musste sich darüber klarwerden, wie eine neue Literatur der Gegenwart überhaupt aussehen könnte. Und dadurch bekam der Kritiker eine enorme Bedeutung. Es ging um etwas. Für das Zusammenspiel von Literatur und Literaturkritik konnten die emblematischen Zeilen stehen, die Günter Eich 1951 in seinem Hörspiel „Träume“ herausstellte, das die Verdrängung der NS-Zeit thematisiert: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“
Es ist auffällig, dass das für heutige Ohren eher fremd klingt, erkennbar von gestern. Denn die bundesdeutsche Literatur wuchs allmählich in eine prosperierende Wohlstandgesellschaft hinein. 1979 erfand Hans Magnus Enzensberger, der immer als erster dran war, für seine Zeitschrift „Transatlantik“ die ironisch-verspielte Rubrik „Journal des Luxus und der Moden“. Es galt, die neuen, vielfältigen Möglichkeiten des Konsums und der Individualisierung auszukosten. Die in den meisten Feuilletons zelebrierte Kulturkritik galt schnell als überholt. Sie wurde mit dem zur Mode gewordenen Schlagwort „Kulturpessimismus“ gleichgesetzt. Die popkulturelle Wende jener Jahre wurde mit guten Gründen zunächst als eine Befreiung empfunden, es zählte die Lust an der Gegenwart. Neugegründete Zeitgeistmagazine wie „Tempo“ oder „Wiener“ brachten dieses Gefühl auf den Punkt, lösten das Leitbild der schlecht gelaunten Hippies ab und standen für Coolness.
Manche Popexegeten machten allerdings schon früh darauf aufmerksam, dass die Popkultur zwei Pole hat: da ist zum einen die Rebellion, und zum anderen die ekstatische Affirmation des Bestehenden. Und der Markt vereinigt beides. Es ist frappierend, dass Mitte der neunziger Jahre die Leiden eines Schweizer Millionärssohns an seiner Barbourjacke für eine ganze Generation identifikationsstiftend werden konnten. Der Pop- und Magazinjournalismus entwickelte rasch eine Eigendynamik. Die Stars der neuen Medienszene waren der allwissende Reporter und der Kolumnist, der sein Ich absolut setzt und die Welt durch seinen auf Hochglanz polierten Spiegel wahrnimmt. Dieser primäre mediale Narzissmus hat sich flächendeckend durchgesetzt. Und die Pop- und Medienkultur generierte auch einen neuen Typus von Autorschaft, bei dem es darum gut, Aufsehen zu erregen und zum Markenzeichen zu werden.
Mitte der achtziger Jahre definierte der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth als erster die Kultur als einen „weichen Standortfaktor“ für die Wirtschaft. Das hatte Folgen. Innerhalb weniger Jahre entstand eine vielfältige Infrastruktur mit staatlichen Förderungen und Subventionen, Preisen und Stipendien, Workshops, Netzwerken und Festivals. Die deutsche Gegenwartsliteratur wird seitdem sehr verwöhnt. Die Professionalisierung wächst schneller als die Substanz. Und der Schriftsteller ist nicht mehr nur von Kritiken abhängig. Er kann sich selbst vermarkten, vor allem innerhalb des Betriebs.
In den neunziger Jahren, als die Euphorie der Gegenwart auf ihrem Höhepunkt war, entstanden neue Modewörter. Sie hießen „larmoyant“ oder „raunend“ und richteten sich gegen alles, was nicht präsent und eindeutig genug war – zu sehr im Dazwischen, zu schwebend, zu wenig übersetzbar in das aktuelle Mediengefühl. Das Wort „niedrigschwellig“ avancierte zum neuen Mantra der Kulturfunktionäre. Es wird immer vorschnell mit „demokratisch“ verwechselt. Zum Feindbild einer neuen Klasse von Medien- und Kommunikationsexperten wurde das vermeintlich Abgehobene, allzu Voraussetzungsreiche, das schwer Verständliche – also schlechthin: das dezidiert Literarische. In einer Rezension der Wochenzeitung „Die Zeit“ über einen wichtigen Gegenwartsschriftsteller wurde 2017 das Wort „Literatur“ tatsächlich bereits pejorativ verwendet, als Synonym für „Unlesbarkeit“. Bereits 2015 machte das Internetmagazin „Perlentaucher“ eine Umfrage zur Literaturkritik. Der Gestus des Kunstrichters und Gatekeepers, so der Befund, entspreche nicht mehr den Gegebenheiten. Die Rolle des überkommenen Literaturkritikers übernehmen jetzt Kulturmanager, Literaturvermittler, Moderatoren und anderweitig Medienprominente. Sie sind die Schmiermittel des Betriebs – weit entfernt von Günter Eichs Sand im Getriebe.
Kritik – das ist eine Störung des Betriebsablaufs. Als viel passgenauer gelten Kernsätze von amazon-Rezensionen wie: man habe das „gern gelesen“, oder es sei so „furchtbar spannend“. Es ist auffällig, dass man im Politikjournalismus immer noch vor populistischen Vereinfachungen warnt – aber im Kulturjournalismus, bei vielen Bloggern und BookTokkern ist Populismus so etwas wie die Geschäftsgrundlage. Seit jeher haben sich nachdenkliche Köpfe darüber beklagt, dass viel mehr Gedichte geschrieben als gelesen werden. Heute trifft das auf etliche Internetaktivisten zu: zweiminütige Kurzvideos auf dem Sofa, emotional und selbstgewiss. Das Medium ist die Botschaft. Doch wer sich nur für die Gegenwart interessiert, versteht auch die Gegenwart nicht.
Es gibt herausragende zeitgenössische Autoren, die nicht hinter das zurückfallen möchten, was William Faulkner, Ingeborg Bachmann oder Uwe Johnson entwickelt haben, um ästhetische Formen für ein zeitgenössisches Bewusstsein zu finden. Sie haben es naturgemäß schwerer, wenn der literarische Populismus stärker wird. Und auch die Zeit der schriftlich ausformulierten, differenzierten Literaturkritik, auf die solche Autoren angewiesen sind, sei vorbei – sagen die Medienexperten oder das, was die Chefredakteure und Programmdirektoren dafür halten. Empirische Daten über das „Publikum“ scheinen das zu bestätigen. Das „Publikum“ an sich gibt es aber nicht, es ist in erster Linie ein ideologisches Konstrukt. Mit Statistiken kommt man bei Literatur und Literaturkritik nicht weit. Es ist vollkommen verfehlt, sie mit den Mitteln der Konsumforschung erfassen zu wollen. Im szientistischen Zugriff wird das vernachlässigt,was Literatur zur Kunst macht. Wer Genuss daran hat, einen Bordeaux von einem Burgunder zu unterscheiden, wird sich nicht mehr mit Liebfrauenmilch zufrieden geben. Und eine Literatur, die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben. Dann geht es letztlich um nichts mehr.
1953 wurde der weitgehend unbekannte Schriftsteller Arno Schmidt im „Süddeutschen Rundfunk“ interviewt und lobte die Musik. „Wenn ich da“, sagte er, „einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, dass er nichts, auch gar nichts davon versteht. Aber bei einem Buch sind die Buchstaben jedem geläufig. Und so meint jeder, dass er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne. Das ist aber ein Irrtum.“
Das Interview führte der junge, ehrgeizige Radioredakteur Martin Walser, und er wurde im Verlauf des Gesprächs zusehends nervös. Schmidt war nicht elitär. Aber er hatte die Zeit des Nationalsozialismus hinter sich und wusste, was die Parole „Kunst dem Volke!“ bedeutete.
Literatur als Kunst kann provozieren. Sie stößt in Leerstellen vor, in das Mehrdeutige und Unheimliche. Sie entzieht sich den Begriffen und schafft eine Form von Erkenntnis, die überrumpelnd und auf unbekannte Art erhellend ist. Dazu gehören Rhythmus und Form, dazu gehört Sprache als Übersetzung bisher nicht wahrgenommener Bilder. Literatur lebt davon, dass ein anfängliches Nicht-Verstehen produktiv sein kann, und dasselbe gilt auch für die Literaturkritik. Sätze wie: „Das verstehe ich nicht“, oder: „Ich fühle mich da nicht abgeholt“, die oft ganz selbstverständlich als Argument benutzt werden, verweigern sich den schönsten Erlebnissen, die man haben kann.
Marcel Proust war bekanntlich auch ein großer Literaturkritiker, und am Ende seines Großromans über die verlorene Zeit spricht er vom „trügerischen Charakter der angeblich realistischen Kunst“. Sie sei „verlogen“, weil sie dem, „was wir fühlen, einen Ausdruck“ gebe, der den Gefühlen keineswegs entspreche, „den wir aber nach kurzer Zeit für die Wirklichkeit halten.“ Proust steht dafür, dass Literaturkritik nichts mit einem gemeinen Rezensionswesen zu tun hat, mit Daumen hoch und Daumen runter. Ein wahrer Kritiker schreibt nicht nur Rezensionen. Er ist ein Essayist, der die flirrende Zone ausmisst, die von der Kunst ausgeht und sich in ihren Raum hinein bewegt.
In diesem Sinn möchte ich ein paar Lieblingszitate aus der Literatur an den Schluss stellen. Etwa von Wilhelm Genazino: „Erst kurz vor der Haustür der Souterrainwohnung endete mein heutiger Vortrag. Ich ging mit Gudrun in den Hausflur und küsste sie mit einer Erregung, von der wir glaubten, sie sei ein Zeichen unserer Liebe und unserer Zukunft. In Wahrheit ahnte ich, dass ich durch Gudrun hindurchküsste und im Hintergrund Franz Kafka dafür dankte, dass er mich wieder so lebendig gemacht hatte.“
Oder von Judith Hermann: „In den drei Wochen, in denen Stein bei mir lebte, fuhren wir mit seinem Taxi durch die Stadt. Das erste Mal über die Frankfurter Allee, bis zu ihrem Ende und wieder zurück, wir hörten Massive Attack und rauchten und fuhren die Frankfurter Allee wohl eine Stunde lang rauf und runter, bis Stein sagte: ‚Verstehst du’s?‘“
Und zuletzt Peter Handke: „Später werde ich über das alles Genaueres schreiben.“
Ich danke Ihnen. Ich danke Andreas Isenschmid, für die Überraschungen und für das Erzählen. Und ich danke allen, die mich über die Zeiten hinweg unterstützt haben und die sich mit mir freuen.