Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Hans Heinz Stuckenschmidt

Hans Heinz Stuckenschmidt

Musikwissenschaftler und Musikkritiker
Geboren 1.11.1901
Gestorben 15.8.1988
Mitglied seit 1977

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1973
Dankrede von Hans Heinz Stuckenschmidt
Urkundentext

Er läßt moderne wie klassische Musik in der Beschreibung durchsichtig werden.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Karl Krolow
Vizepräsidenten Horst Rüdiger, Dolf Sternberger, Wolfgang Weyrauch, Beisitzer Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Carl Linfert, Hans Scholz, Gerhard Storz

Kritik und Essay

Meine Damen und Herren, Kritik und Essay sind in ihrem Wesen gegensätzlich, jene dem Ziel des objektiven Urteils zustrebend, dieser zu subjektiver, umkreisender Betrachtung seines Gegenstandes neigend, jene auf der Analyse gründend, dieser von der Anschauung bestimmt. Der Kritiker darf – rechtens oder nicht – Autorität für sich und seine Arbeit in Anspruch nehmen; unter den Begriffen, die ihn definieren, steht Bescheidenheit sicher nicht obenan. Der Essayist tritt hinter eine Denkform zurück, die als bloßer Versuch, mit den Dingen fertig zu werden, die Endgültigkeit ausschließt. Wenn Kritik den mildernden Umstand für ihr Urteils-Objekt geltend machen kann, so wohnt dieser dem Essay selbst inne. Kritik ist der Spruch des Richters; Essay die Rede des Verteidigers.
Und doch gäbe es keine nennenswerten kritischen Äußerungen, gleichviel ob in den Bereichen der Literatur, der Bildkünste oder der Musik, wenn der Denkprozeß, der ihnen voranging, nicht die Mittel des umkreisenden Betrachtens anwendete. Und umgekehrt kann der Essay die zergliedernden und richtenden Verfahrensweisen im Ansatz seiner scheinbar tendenziösen Anschauung nicht ausschalten.
Johann Heinrich Merck ist in die Geschichte der Literatur als kritischer Mentor des jungen Goethe und eine Art von Ur-Mephisto eingegangen. Daß ihm nicht nur die ätzende, zweifelsüchtige Geistesart des Empörers zu Gebote stand, der – mit seiner eigenen Formel ausgedrückt – »Staub von den Perücken der Kahlköpfe aufwirbelte«, bezeugt der Dialog zwischen dem jungen, in Italien geschulten Maler und dem mathematisch gebildeten Gardeoffizier, Kernstück des im Teutschen Merkur 1781 erschienenen Aufsatzes »Über die lezte Gemälde Ausstellung in **«. Da verbindet sich kritisches Denken mit einer meditativen Umschau, die wir heute dialektisch nennen und die, ganz im Geist Montaignes, die Dinge aus wechselnden Perspektiven zu deuten trachtet. Was dabei herauskommt, ist freilich doch die Einsicht, daß künstlerische Dinge auch einem gebildeten Laien schwerer zu erklären sind als einem Künstler und daß die verschiedenen Sekten in der Kunst gleichen Respekt verdienen wie die der Philosophie.
Wer heutzutage im Bereich der deutschen Sprache als Kritiker und Essayist arbeitet, wird Tag für Tag fast unablässig an die Fragwürdigkeit solcher Arbeit erinnert und gemahnt. Die Nachricht, daß mir die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Johann Heinrich Merck-Preis für literarische Kritik und Essay verliehen hat, erfüllt mich mit Freude und Stolz. Ich habe seit einem halben Jahrhundert beide Formen literarischer Äußerung als Kulturspezialist auf meinem Gebiet der Musik betrieben. Von den mehreren Zeugnissen öffentlicher Zustimmung ist dieses mir das wichtigste. Nicht so sehr, weil es von einer Akademie ausgestellt wird. Ich habe mich, auch auf dem Lehrstuhl, der mir achtzehn Jahre lang anvertraut war, nie als Akademiker gefühlt, wenigstens nicht in dem hochmütig-ausschließenden Geiste, der besonders in deutschen Landen ein Monopol des Denkens und Lehrens für sich beansprucht.
Daß aber eine wissenschaftliche Institution zur Pflege und Förderung von Sprache und Dichtung solche Kritiken und Versuche durch Anerkennung auszeichnet, das mildert meine Zweifel an Sinn und Wert geistiger Arbeit in einer Zeit der Entgeistigung und des Bildungsverfalls. Der platonische Garten, wo Gespräche über Sinn und Wert des Lebens geführt werden, steht heute nicht sehr hoch im Ansehen Derer, die einer anonymen Gesellschaft den Vorrang über der Elite zusprechen wollen. Und doch haben Gespräche zwischen den wissenschaftlich oder künstlerisch Gebildeten zu allen Zeiten die Impulse zu schöpferischen Leistungen geliefert, an denen die künftige Menschheit sich orientieren konnte.
Das Material, aus dem Gespräche aufgebaut werden, ist die Sprache; und nach dem hellseherischen Wort von Karl Kraus ist sie auch die Mutter des Gedankens. Es war vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert, daß hier in Darmstadt die ersten noch tastenden Gespräche nach dem zweiten Weltkrieg über moderne Musik geführt wurden. In dem alten Jagdschloß Kranichstein fanden sich junge Menschen mit uns erfahreneren Männern zusammen, um Orientierung auf einem Gebiet zu gewinnen, das zwölf Jahre lang unter der Herrschaft einer ideologischen Ästhetik gestanden hatte. Bei dem Prozeß gründlicher Ent-Ideologisierung hatte die Sprache die wichtigste Funktion. Erst als die Vokabeln geklärt und von aller außerkünstlerischen Nebenbedeutung gereinigt waren, begann die Verständigung. Aus der Sprache wurden die Gedanken klar. Die Folgen dieser Darmstädter Kurse, Gespräche und internationalen Kontakte sind evident und haben seither technisch und ästhetisch die Musik der Welt verändert.
Sprache hat ihre arteigenen Formgesetze, auf denen auch die der Dichtung beruhen. Sie ist wandelbar wie alles Lebendige, stößt erschöpfte Elemente ab, nimmt neue in sich auf und zeigt in ihrer Geschichte einen Prozeß stetiger Entwicklung, der von zahlreichen Umständen beeinflußt wird. Ihr unwandelbarer Sinn aber ist die Verständigung zwischen dem Sprechenden und dem Angesprochenen. Und das Wesen der Verständigung ist, komplizierte Tatbestände einfach darzulegen. Wo immer die Sprache diese Verpflichtung außer acht läßt und sich über die Funktion der vereinfachenden Darstellung hinaus selbständig macht, ist der Geist in Gefahr. In Deutschland treten mitunter Tendenzen zutage, die Sprache auf solche Weise ihrem wesentlichen Zweck zu entfremden. Auch unsere Zeitläufte haben derlei Entartungen gesehen und gefördert. Und gerade die negativen Eigenschaften eines esoterischen Gelehrtenidioms, die Krümmung geradliniger Gedankengänge, die Überschwemmung und Verschmutzung des Deutschen mit philosophischem Jargon und griechisch-lateinischen Synonymen, haben epidemische Ausbreitung in Literatur und Journalismus gefunden. Verbunden mit einer neuerlichen Ideologisierung nehmen sie mehr und mehr der Sprache ihre Fähigkeit, Mutter von Gedanken zu sein.
Dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, ist heute eine der wichtigsten Aufgaben der literarischen Kritik. Sie darf sich dabei nicht auf die Anprangerung von Tatbeständen beschränken und so die Aufmerksamkeit des Publikums wecken. Sie muß selbst ein Beispiel geben, indem sie sprachliche Entartungen vermeidet. Ein guter Stilist ist heute vor allem an Dem erkennbar, was er nicht schreibt.
Und darin kann der Essayist zum Helfer des Kritikers werden. Denn seine das Objekt umkreisende Betrachtung enthält die Fähigkeit, Symbiosen von Verhaltensweisen zu entschleiern und bloßzustellen, die dem analytischen Blick des kritischen Auges leicht verborgen bleiben.
Gewiß sind Kritik und Essay in ihrem Wesen gegensätzlich. Doch die geistige Situation unserer Zeit weist ihnen ein gemeinsames Ziel. Sie können Verbündete sein in der Aufgabe, die Sprache zu reinigen, zu entideologisieren und ihren einzig wichtigen Zwecken wieder zuzuführen: der Klärung, der Verständigung und der Geburt von Gedanken.