Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Schriftsteller
Geboren 25.5.1937
Mitglied seit 1995

Johann-Heinrich-Merck-Preis 2001
Laudatio von Uwe Pörksen
Dankrede von Friedrich Dieckmann
Urkundentext

... dem nahezu universellen Publizisten, der als Theaterschriftsteller und Musikgelehrter, Literatur- und Architekturkritiker, Historiker und politischer Kopf den öffentlichen Gebrauch der Vernunft beispielhaft und unverdrossen praktiziert.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Christian Meier
Vizepräsidenten Peter Hamm, Ilma Rakusa, Klaus Reichert, Beisitzer Harald Hartung, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Lea Ritter-Santini

 
LAUDATOR
Uwe Pörksen
Geboren 13.3.1935
Sprachwissenschaftler

Sehr geehrte Jahresfestversammlung,
verehrter Friedrich Dieckmann,

von wem sollen wir sprechen? Von dem Essayisten der DDR, auf den nicht nur die Leser der Zeitschrift Sinn und Form achteten? Von dem Monographen des Bühnenbildners Karl von Appen am Berliner Ensemble? Von dem Chronisten des Übergangs der beiden ungleichen Teilstaaten in die eine Republik aus ungleichen Teilen, der diesen Übergang von Herzen bejahte und der im Strudel des Umbaus, an vielen Enden und Ecken den Kopf hinhaltend, der Deutungshoheit des übermächtigen Teils in die Parade fuhr? Von der geachteten Stimme in einer veränderten Landschaft?
Man könnte den Theaterschriftsteller zum Thema machen oder den Musikgelehrten, wozu ich allerdings nicht in der Lage wäre, sondern Nike Wagner −, den Literaturkritiker oder den eher seltenen Architekturkritiker. Den Historiker und politischen Kopf. Warum nicht auch den hartnäckigen Frager? Den an den überraschendsten Ecken plötzlich über genaue Kenntnisse Verfügenden? Oder vielleicht den Verfasser satirischer Verse?

»DRUCKEDIGUH
Ehrlich was meinst du ist
Dieser Text druckbar was hältst du davon Wie
Druckbar wo
Druckbar po-
litisch druckbar oder ü-
berhaupt druckbar bar
Alles Drucks O! des Baren
so bar
Druckediguh!«

Das wurde 1983 geschrieben und 1988 vom Eulenspiegel-Verlag publiziert. Für 1988
hatte Friedrich Dieckmann eine Sammlung seiner Gedichte vorgesehen. Der geplante Titel war »Eingaben«, − das war ein DDR-Wort. Der Bürger hatte ein Recht auf Eingaben, durch sie war er vorhanden und konnte eine Antwort beanspruchen. Kein schlechtes Wort für das, was Friedrich Dieckmann schreibt.
Als wir uns kennenlernten, erzählten Sie mir eine Anekdote, deren Pointe ich völlig mißverstand. Sie hatten mit einigen Westberliner Kollegen zusammengesessen, es war im Vorfeld der Währungsunion, und einer sagte: »Die DDR hat es nie gegeben.« Sie hatten gelacht, hielten es für einen gelungenen Witz, fanden aber damit gar keine Gegenliebe. Ich glaubte den traurigen Witz zu verstehen. Ich verstand: die DDR ist nichts gewesen, alles an ihr war nichts, und darum war sie nicht. Sie war ein Phänomen, das nicht existiert hat.
Es war aber anders gemeint. Es war der Satz eines Altlinken der Bundesrepublik, der seiner Enttäuschung Ausdruck gab: die DDR, die ich mir vorgestellt habe, hat es nie gegeben. Darüber hatten Sie gelacht.
An Friedrich Dieckmann hat mich zuerst am meisten interessiert, daß er der Auffassung war und darauf bestand, nicht verbissen, sondern selbstverständlich, es habe diesen Staat gegeben. Er war das Ergebnis einer geschichtlichen Lage, eine nicht wegzuleugnende Realität, die ihre eigene Geschichte hatte. Und wer in ihr lebte, hatte ein Recht auf diese seine Geschichte, seine Erfahrung, auf seinen anderen Blick. Es verstand sich von selbst, daß das erste Deutungsrecht bei dem Erleber lag.
Von ihm her sah manches anders aus, nicht selten umgekehrt. Dieckmann liebt die Figur der Umkehrung, er ist Dialektiker.
Er schreibt in Der Irrtum des Verschwindens:

»Es ist nicht anders: Hätte die Bundesrepublik die DDR nicht anerkannt, so hätte sie sich nicht mit ihr vereinigen können. Da die Staatsteilung nun einmal eingetreten und in den Jahren danach (es gab noch eine historische Frist) nicht behoben worden war, führte nur ihre Annahme zu ihrer Überwindung.«

Oder:

»Statt das Übermaß an geheimdienstlicher Kontrolle in der DDR als Symptom einer latenten Daueropposition von entsprechender Ausdehnung anzusehen, machte man Miene, den Überwachungsaberwitz zum Wesen der DDR-Gesellschaft zu erklären, so als sei, was den Mangel an Konsens bekundete, gleichsam der Ausfluß eines Konsenses gewesen.«

Oder:

»Die Entstehung und Aufrechterhaltung der Teilung war »ein Ding mit zwei Seiten«; er meint, ein Ding mit nicht zuletzt einer westlichen Seite.«

Als der West-PEN in Mainz die Vereinigung mit dem Ost-PEN hinausschob, legte Dieckmann eine Studie vor, die zeigte, daß die Spaltung des PEN im Jahre 1951 primär unter dem Einfluß Bonns zustande gekommen war, gegen den Willen und die Bemühungen Hans Henny Jahnns und Günther Weisenborns. Der DDR-PEN, der erst 1967 diesen Namen annahm, war, genau besehen, der ältere von beiden.
Man könnte vermuten, hier sei ein Spezialist für brisante Fragen am Werk; ich verstehe es anders. Er ist ein Spezialist für verkehrte und schiefe Antworten, die er auszuhebeln, anzuzweifeln versucht. Für ihn handelt es sich um die Öffnung des Blicks, oder, wie sein schöner Buchtitel von 1991 heißt, um Glockenläuten und offene Fragen. In dem Aufsatz Friedensfeier vom 21. November 1989 ist das Glockenläuten noch einmal hörbar, er beginnt – ausnahmsweise – mit Hölderlin, mit der ersten Fassung jener Hymne:

»Daß alle sich einander erfahren, und wenn
Die Stille wiederkehret, eine Sprache unter Lebenden
Sei.«

Dazu paßt ein junger Mann an der Grenze: »Det is ja utopisch.« Friedrich Dieckmanns Hoffnung in zahlreichen, vielseitigen Aufsätzen zwischen 89 und 92 war: wenn die Bewohner beider Teilstaaten einander ihre Geschichte erzählten, daß dann etwas Zuträgliches für die politische und soziale Ordnung des gemeinsamen Landes herauskommen könnte. Aufeinander bezogen waren sie ohnehin gewesen, in tödlicher oder in komplementärer Symmetrie. »Was hat sie eingebracht?« fragt er 1990, gemeint ist die DDR: »Sie hat die Grundsätze jeder rationalen und preußisch-deutschen Politik eingebracht: Frieden, Ausgleich, Kooperation mit Rußland.« (Vom Einbringen, S. 38). – Seine Vermutung ist: Das Verschwinden der Geschichte, ihre Verdrängung, schlägt ins Gegenteil um und setzt das Überholte in Kraft.
Offene Fragen dieser Art lassen sich nicht nach dem einfachen Muster wahr oder falsch entscheiden. Wir bewegen uns im geschichtlichen Raum, auf dem Feld der unentscheidbaren Fragen. Worauf es ankommt, ist die Qualität der Gesichtspunkte. Dieckmanns offene Fragen stehen nicht auf der Tagesordnung. Veraltet sind sie nicht.
Dieser Autor ist gelegentlich schwierig, sehr komplex, aber nicht schwer, der schwer schleppende Ernst ist nicht seine Sache. Eher eine bestimmte Art von Heiterkeit; er hat einen ausgeprägten Sinn für die menschliche Komödie. Seine Geschichte der Deutschen Hymnen nach 1945 ist da ein Kabinettstück. Er lacht gern, auch als Autor. Er arbeitet mit den aufblitzenden Mitteln des Bonmots, gelegentlich des Malmots, der Umkehrthese, des Witzes, der überraschenden Schlußfrage. Kaum ein Text, der ohne ein lyrisches Element auskommt.
Friedrich Dieckmann kommt aus unsrer Künstlerlandschaft. Er ist in Dresden aufgewachsen und nicht das einzige Akademiemitglied, dem seit der Kindheit die Zerstörung Dresdens vor Augen steht. Fünfjährig lernte er lesen, in dem er sich die Buchstaben, die er auf der Straße antraf, zusammenfragte. Die Eltern wollten kein frühreifes Kind, aber er lief zur Litfaßsäule, fragte Passanten nach einem bestimmten Buchstaben, trug ihn heim und schrieb ihn sich auf. Man sieht: wir sollten uns nicht soviel Sorgen machen. Die Literatur findet ihre Leute, und sei es auf dem Wege subversiver Selbstausbildung. Als Siebenjähriger las er, auf den Knien des Vaters sitzend, mit ihm zusammen die Zeitung. Eine Studie von 1986, Kriegszeit, Kinderzeit enthält ein kennenswertes Porträt des Vaters: eines eigenwilligen Mannes, dessen politischer Mentor Gustav Stresemann gewesen war.
Einige Stationen teilt Friedrich Dieckmann mit anderen Schriftstellerkollegen: auch er studierte deutsche Literatur bei Hans Mayer in Leipzig und wechselte dann zu Ernst Bloch. Als beide im Westen waren, studierte er eine Weile Physik. Er wurde Dramaturg am Berliner Ensemble. In den Jahren davor war das schön ausgestattete, lehrreiche Buch über den Bühnenbildner Karl von Appen entstanden, hervorgegangen aus der Kritik an der berühmten Coriolan-lnszenierung des Berliner Ensembles. Es ist zugleich ein Buch über Brecht.
Der Widerspruch, die Gegenthese bleibt von da an der Motor seines Schreibens; seit 1976 arbeitet er wieder als freier Publizist. Friedrich Dieckmann lebt mit Konfliktthemen und mit den ausgeruhten Augenblicken der Kunst. Er braucht sie nicht zu suchen, sie finden ihn, wach, hell und witzig, einen fundierten vielseitigen Spezialisten in dem Fach »Darstellende Künste«. Ein Theaterkritiker, der sich durch seinen Blick für das Bühnenbild auszeichnet, ein Opernschriftsteller, der sich einen Namen macht, ein Literaturkritiker, welcher gegenüber der Lyrik Erich Arendts, dieser steilen und oft verquälten Trutzburg des hohen Stils, erklärt, bei allem Respekt vor dem Gelungenen, er halte es gelegentlich lieber mit dem Vers:

»Stets wenn Jahreszeiten sind,
Freue ich mich wie ein Kind.«

Der sich früh für Ernst Jandl einsetzt. In den Aufsätzen zwischen 1970 und 1989, gesammelt in den Bänden Streifzüge (1977) und Hilfsmittel wider die alternde Zeit, den der Leipziger Philosoph und Verlagslektor Jürgen Teller 1989 auf den Weg bringt, erfährt man einiges über die intellektuelle Kultur der unterschwelligen DDR. Sie ist handwerklich anspruchsvoll, unkonformistisch, die Prosa ausgeruht.
Das Land hatte einen anderen Rhythmus. Es gab Bremsklötze. Den Sozialismus in seinem Lauf hielten, auf diesem Sektor, der Ochse der Zensur und der Esel der Papierzuteilung auf. Was man das »Erbe« nannte, war ein doppeldeutiger, ein zwiegespaltener Aufenthaltsraum. Der offiziellen Lesart nach eine Vorstufe glorreicher Gegenwart und Zukunft, der inoffiziell verbreiteten nach eine Fluchtburg, ein Ort unsrer gemeinsamen Geschichte, der geistigen Verständigung und Aufgeschlossenheit, des vernünftigen Gesprächs. Ich möchte keins der Gespräche missen, das meine Frau und ich in jenen Jahren jenseits der Grenze geführt haben. Der private Raum, so schien es, war der öffentliche Raum.
Kam die Zensur dem Stil zugute? Das ist fast schon eine Dieckmann-Frage. Nachdem Sie mir die Ehre erwiesen haben, mich als Ihren Laudator vorzuschlagen, muß ich in einem Punkt meine Unzuständigkeit gestehen: ich teile nicht eure Erfahrungen. Ich glaube nicht, daß ich die Untertöne und Obertöne richtig höre, deren eine Textpartitur in der DDR fähig war. Ihr fünfzig Seiten langer Text ERINNERUNGEN AN DIE ZENSUR, Drei Briefe nach Delaware, klärt mich auf über dies exotische Phänomen, ich muß ihn mehrmals lesen, die höfliche Antwort an einen holzschnittartigen Frager. »Es ist immer anregend, wenn die Fragen nicht ganz zum Gegenstand passen«, lese ich da. Ich beneide Sie nicht um das Spannungsfeld, in das die gütige Natur Sie zu setzen die Freundlichkeit hatte, aber ich bewundere, was Sie daraus gemacht haben.
Da gibt es einen Text, Ausblick auf Kant, geschrieben 1972. Die Zeitschrift Sinn und Form hatte eine Umfrage veranstaltet, Wie entdeckte ich Literatur?, und Friedrich Dieckmann antwortet: durch Kant. Ausgerechnet. Dieckmann entdeckte die Literatur durch Kant. Er rühmt sein Pathos der Nüchternheit, macht an ausgesuchten Beispielen den Stilisten erkennbar und geht dann auf eine andere Umfrage zu, die 1784 in einer »Berliner Monatsschrift« erschien: Was ist Aufklärung? Die Herkunft der Frage wird nach allen Seiten erzählt, Mendelsohns Antwort darunter, bis die entscheidenden Kantschen Sätze fallen: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.« »Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« »Zu dieser Aufklärung... wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch zu machen.«
»Das ist«, kommentiert Friedrich Dieckmann, »die Forderung nach Pressefreiheit. Kant ist sich der Brisanz des Gedankens bewußt.« Kant? Der 1972 verfaßte Ausblick auf Kant ist von A bis Z doppelbödig, ein ironisch gewürzter Hochseilakt brisantester Opposition. Friedrich Dieckmann ist auch einer von den Versprengten des 18. Jahrhunderts, die sich von Anlaß zu Anlaß als Parteigänger der Vernunft outen.
Zwischen den beiden Großmächten, die das historische Experiment, von dem Sie sprechen, auf unsere Staaten verteilt hat – die Übermacht des Staates dort und die Übermacht der Wirtschaft hier −, existierte eine dritte Kraft, die über wenig Geld und noch weniger Gewalt verfügt und sich erstaunlich behauptete. Eine dritte Großmacht besonderer Natur. Ihr hat Friedrich Dieckmann seine Kräfte gewidmet.
Ich denke zurück an den 21. Juli dieses Jahres. Wir hatten im »Four Seasons« gesessen, mit dem Blick auf den Gendarmenmarkt, und spazierten »Unter den Linden«. Ein Strom von Tanzenden kam uns entgegen, Haarfrisuren in allen Farben, von der Friedrichstraße wummerten die Technobässe herüber. Es war in der Höhe der russischen Botschaft. LOVE PARADE. Alles tanzte. Das Brandenburger Tor war verhängt von einem Tuch mit der Aufschrift »Habt euch lieb.«
Einen Augenblick zweifle ich, ob es die DDR jemals gegeben hat, aber Friedrich Dieckmann sagt: Die Denkmalpflege fürchtet, daß sich da oben die Fugen lockern; wenn einer dieser Quader herunterfällt und ein paar Leute erschlägt: wer ist dann verantwortlich? − Ja, wer ist dann verantwortlich?
Lieber Friedrich Dieckmann, wenn es die offenen Fragen gibt und sie zugelassen werden, wird es eines Tages nicht nur die DDR, sondern am Ende vielleicht sogar uns und die gemeinsame Republik gegeben haben.