Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Erwin Chargaff

Erwin Chargaff

Chemiker
Geboren 11.8.1905
Gestorben 20.6.2002

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1984
Laudatio von Ludwig Hofacker
Dankrede von Erwin Chargaff
Urkundentext

... für seine geistreich-aphoristischen Betrachtungen, deren melancholisch-satirische Kritik des naturwissenschaftlichen Fortschritts die großen Überlieferungen des europäischen Geistes beherzigt...

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Vizepräsident Herbert Heckmann (geschäftsführend)
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell

 
LAUDATOR
Ludwig Hofacker
Geboren 2.1.1930
Chemiker

Erwin Chargaff, der über sich selbst manchmal ein offenes Wort redet, sieht sich ungern in der Rolle eines Preisträgers. Nun hat sich der Lorbeer aber doch wieder einmal an seinem Haupt verfangen, und es spricht für die Gutmütigkeit des weisen Kopfschüttlers, daß er gekommen ist, so lange stillzuhalten, bis die notwendigen Prozeduren zur Befestigung des Ehrenkranzes vollzogen sind.
Mit der Belobigung des Ausgezeichneten betraut, muß ich gleich zu Anfang einräumen, daß ich von ihm, das heißt durch das Lesen seiner Schriften, wenig Ermutigung für eine solche Aufgabe erfahren habe. Ungewollt vielleicht, aber doch deutlich, vermittelt er das Gefühl, die öffentliche Preisung seiner Verdienste um literarische Kritik und Essay könnte ihm nicht recht willkommen sein. Den im eigenen Fell gewachsenen Widersprecher mit Schmalz zu salben, hieße dann wohl gar, einen Allergietest anzustellen. Obwohl ich auch von seinen milden Seiten weiß, will ich, statt ihn verlegen zu machen, versuchen, ein Hologramm an ihm abzunehmen. Da meine Fähigkeiten besonders in der literarischen Dimension beschränkt sind, wird die Auflösung des Bildes, das ich zu geben vermag, der Komplexität und Feinstruktur des Originals jedoch bei weitem nicht gerecht werden.
Erwin Chargaff ist Chemiker von Ausbildung, Biologe aus Neugier und Literat mit Leidenschaft. In beiden Bereichen, Naturwissenschaft und Literatur, erglänzt sein besonderes Talent für die sprachliche Darstellung und Erhellung schwer begreifbarer Sachverhalte. Naturwissenschaftler sind in ihrer Mehrheit ja eher eine sprachscheue Gruppe, die Kunst- und Formelsprachen auch zur gesellschaftlichen Abgrenzung, nicht nur aus dem Zwang zur Beschreibung abstrakter Zusammenhänge, erfunden hat. Chargaff war in diesem Sinne ein Außenseiter und wurde es um so mehr, als er sich zur Gewohnheit machte, unter die Leute zu gehen und ihnen zu erklären, was die Wissenschaftler in den Laboratorien zusammenbrauten. Bemerkenswert ist dabei, daß er mit einer einzigen leisen Stimme bei dem Lärm, der die wissenschaftlichen Errungenschaften zu begleiten pflegt, so weithin Gehör fand. Die kernigen oder gar bitteren Wahrheiten seiner in geschliffener Dialektik verfochtenen Thesen aktivierten eine Öffentlichkeit, die schon allzu bereit war, die Naturwissenschaften überall nach Belieben gewähren zu lassen.
Jeder Wissenschaftler aus Berufung begeistert sich bei der Beschäftigung mit einem ihm besonders wichtigen Thema. Das Bewußtsein, auch nur indirekt etwas dazu getan zu haben, läßt ihn Mühsal und Frustration der wissenschaftlichen Alltagsarbeit ertragen. Als der junge Chargaff sich zum Naturforscher entwickelte, stellte, in Übereinstimmung mit allen anderen Biologen seiner Generation, die Frage, was Leben sei, für ihn das tiefste Problem dar. Bald erkannte er aber dessen innersten Kern, den er als »Unauflösbarkeit der Frage, was Leben ist« umschrieb und zum Leitthema seiner wissenschaftlichen Existenz machte. Er hat unglaublich hart, aber innerlich erfüllt, an den mit seinem Thema zusammenhängenden Problemen gearbeitet und war versöhnt mit seiner »Wissenschaft vor der Natur«, bis die Molekularbiologie, beginnend in den fünfziger Jahren, alle bis dahin respektierten Ideale der Biowissenschaften über den Haufen warf. Auf die fundamentalen Fragen der Biologie waren jetzt nur noch quasi mechanistische Antworten gefordert. Chargaff hat diese Reduktion der Biologie auf Physik und Chemie von Anfang an für ein Unglück gehalten. Dann sah er sein Urteil durch die Praxis einer in diesen Tagen ziemlich hemmungslosen Experimentier- und Manipulationsfreiheit bestätigt. So erwuchs dem aus seinem Paradies Vertriebenen sein zweites großes Thema – die moderne Naturwissenschaft als Grundrisiko der menschlichen Gesellschaft. Hier liegt der Fluchtpunkt der divergierenden Gedankenlinien seiner Essays, und darum kreisen seine Betrachtungen über die Zukunft von Gesellschaft und Wissenschaft. Diese Thematik bringt, zwischen den Blitzen funkenziehender Polemik, seine ganze Sensibilität und seinen tiefen Ernst an die Oberfläche.
Um Chargaffs Haltung zu verstehen, muß man in das halbe Dutzend Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgehen, als er den Aufbau der Erbsubstanz Desoxyribonucleinsäure (DNS) aus Purin- und Pyrimidinbasen untersuchte. Er fand den entscheidenden Hinweis auf eine Codierung der Erbinformation in Purin-Pyrimidin Basenpaaren und erkannte zu Recht, daß nun die chemische Analyse der Erbinformation möglich war. Für ihn war das ein neues Stadium in der Erkenntnis unserer Unkenntnis über das Leben, nicht aber wie für andere der Anfang einer neuen rationalen Biologie. Als nach der Aufklärung der molekularen Struktur der DNS die Molekularbiologie wie ein neues Jahrtausend eingeläutet wurde, hielt Chargaff sich in banger Ahnung die Ohren zu. Das war das Ende seines Traumes von einer dem Leben dienenden und den Respekt vor dem Leben erhöhenden Biologie. Die neue Biologie freilich marschierte weiter. Das molekularbiologische Grunddogma, in der Eindimensionalität der DNS-Sequenzen liege ein Individuum bis hin zur Komplexität des Menschen beschlossen, hat Chargaff so lange mit ätzender Ironie bedacht, bis man ihn mit dem neuen molekularbiologischen Schimpfwort des Vitalisten kaltstellte. Nicht weniger abgestoßen zeigte er sich von der neodarwinistischen Idee der Evolution als Monophonie akzeptierter Mutationen auf der DNS-Klaviatur. Wie überlegen der Instinkt des geborenen Naturforschers den damals auf Erklärung um jeden Preis ausgehenden Funktionalisten war, kann man zweifelsfrei erst jetzt an der Entwicklung viel subtilerer Auffassungen in diesen beiden paradigmatisch wichtigen Gebieten der Biologie erkennen. Damit sei angedeutet, daß Chargaff inzwischen von einer geläuterten Molekularbiologie akzeptiert werden kann – und vielleicht auch umgekehrt. Diese Erfahrung mit einer Wissenschaft, die erst ihre menschlichsten Bezüge verdrängen mußte, um sie dann mühevoll wieder zu suchen, haben ihn jedoch in einem tiefen Zwiespalt zurückgelassen. Chargaff hatte andere wissenschaftliche Fehlentwicklungen mitangesehen, alle anderen überschattend die Entwicklung der Atombombe. In der Molekularbiologie, wo er sachkundig war, meinte er, in den Versuchen zur Manipulation des Genoms ähnliche Tendenzen zu erkennen. Herausgefordert auf dem Boden seiner eigenen Wissenschaft konnte er nicht länger stillhalten. So geriet sein persönliches Anliegen zum Engagement, die Ernsthaftigkeit seiner Verweigerung trieb ihn zu einer für ihn charakteristischen Form des literarischen Widerstandes. Widerstand gegen jene Wissenschaft, die gesellschaftlicher Kontrolle immer mehr entgleitet und der Menschheit ein kaum mehr tragbares Existenzrisiko auflädt!...?
An dieser Stelle muß man einhalten und, wie auch Chargaff, die Kluft erblicken zwischen unserer Erwartung, gewisse Zustände würden sich durch Einsatz individuellen oder kollektiven Willens in einem bestimmten Sinn verändern lassen und der Respons der realen Welt auf diesen Versuch.
Man braucht nur zu fragen, wer denn diese Wissenschaft vertritt oder wenigstens verteidigt. Schaut man herum, findet sich kein einziger, der mit solcher Wissenschaft etwas zu tun haben will. Würde Das Feuer des Heraklit allen Naturwissenschaftlern zur Pflichtlektüre gemacht, so übertönte bald herzlicher Beifall die wenigen mißmutigen Stimmen. Die Illusion von der Rückkehr zur Wissenschaft reinen Wassers wird überall gehegt. Freilich will auch niemand dafür den wissenschaftlichen Job riskieren, der ihn ernährt. Wie soll man die Aktionsfabrik zurückfahren, auf die »kleine Wissenschaft«, die Chargaff vorschwebt, so lange vom einen zum anderen Ende der Welt noch um Hilfe gerufen wird, schreckliche Zustände mit wissenschaftlich-technischen Maßnahmen zu lindern (die freilich oft noch schrecklichere Zustände nach sich ziehen)? Ohne die Spekulation auf den leider noch ungedeckten Wechsel des künftigen wissenschaftlichen Fortschritts würde niemand der Menschheit eine Chance geben, auch nur die nächsten fünfzig Jahre zu überleben. Kann man das Unvermeidliche da noch abwenden oder müssen wir hinnehmen, daß zwanghafte Entwicklungen etwa zu einer Welt führen, die fünfzehn oder gar dreißig Milliarden Menschen käfigt? Chargaff will mit dieser Zukunft nichts zu tun haben. Das nachkulturelle Zeitalter ist nicht sein Thema.
Anhänger und Kritiker treffen sich hier mit ihm in ihrer Ratlosigkeit. Wenn Beibehaltung und Abschaffung der manischen Produktion verwertbarer Fakten, alias wissenschaftlicher Fortschritt, gleich katastrophale Folgen haben, dann sind wir wohl bald am Ende. Mich hat sehr beeindruckt, daß Chargaff dazu keinen Rat erteilt, so oder so zu handeln. Wie er weiß, gibt es Krankheitszustände, in denen jede gezielte Maßnahme das Ende beschleunigt. Die menschliche Gesellschaft hat die verwertbaren Ergebnisse der Naturwissenschaften wie eine Droge konsumiert; sie kann mit ihr nicht mehr leben und wird ohne sie wahrscheinlich sterben.
Der letzte Halbsatz ist, wie ich zugebe, durch Chargaff nicht gedeckt. Ich möchte dennoch gern daran festhalten, wohl wissend, daß damit die einzige plausible Maßnahme, die Eliminierung des wissenschaftlichen Fortschritts, ausscheidet. Da ich aus der Lektüre von vier bekannten Büchern und etlichen Originalarbeiten doch ein paar Lehren gezogen habe, möchte ich vor unserem Problem noch nicht ganz aufgeben. Meine Hoffnung gründet sich auf das nichtmechanistische Verhalten, das Chargaff biologischen und wohl auch höheren komplexen Systemen zuschreibt. Da die Anlage unseres Denkens überwiegend mechanistisch-deterministisch ist, können wir gesellschaftliche Prozesse, in denen unzählige, prinzipiell unbestimmbare Teilkräfte wirksam sind, intuitiv nie richtig beurteilen. So könnte es gar sein, daß alle heute gehandelten Analysen vom Zustand der Welt falsch sind. Sicher ist, daß wir es auch bei dem Komplex Wissenschaft – Gesellschaft mit einem adaptions-, ja einem lernfähigen System zu tun haben. Zum Verzweifeln ist nur, daß menschliche Lernprozesse einen Zeitstandard setzen, der durch manch katastrophale Entwicklung spielend unterboten werden kann. Die Menschheit muß sicher auch Glück haben, um den verschlungenen und vielleicht entbehrungsvollen Weg aus dem Dilemma zwischen ausufernden Veränderungen und abwürgenden Beschränkungen zu finden, bevor die unvermeidbaren Katastrophen sie einholen. Für diesen Weg gibt es keinen Führer, keine Karte, nicht einmal eine Theorie. Nur als Resultat unzähliger suchend vor- oder zurückgesetzter Schritte ihres riesigen, tumben Organismus kann die menschliche Gesellschaft in diesem Irrlauf wieder festen Grund erreichen. Dieser Prozeß hat eine nicht geringe Aussicht auf Erfolg, weil langfristig gesehen die adaptiven Möglichkeiten eines so komplexen Systems immens sind. Ich möchte ganz ernsthaft behaupten, daß die Zeit noch reicht, gerade weil die Möglichkeiten, Unheil auszulösen, so groß geworden sind und eine weltweite Übereinkunft in der Angst die sofortigen Katastrophen verhindert hat – die langfristigen, anscheinend unabwendbaren, wachsen freilich noch mit dem Zinseszinsanstieg der Weltbevölkerung am Horizont empor.
Herr Chargaff wird mir diesen treuherzigen Versuch, eine etwas bessere Bilanz zu ziehen als er, sicher verzeihen. Mit dem Fazit ›man kann nichts machen, aber es wird sich schon richten‹ läßt sich heute freilich nirgendwo mehr Eindruck machen. Da aber so viele Reden gehalten werden, die nur in die vertrauten Landschaften des Untergangs neue, gräßliche Details einfügen, schien es mir nicht ganz überflüssig, am Ende auch einmal dem Quäntchen Hoffnung, das uns alle beseelt, das Wort zu reden.
Eine gemischte Prognose muß ich indessen stellen, wenn ich noch einmal auf Chargaffs Traum von der Rückkehr zu einer besseren Wissenschaft zurückkomme. Unabhängig davon, ob es der Menschheit gelingt, das Veränderungsstreben der Naturwissenschaften zu bändigen, wird sich Chargaffs kleine Wissenschaft der Gelehrten, der Phantasievollen und Erfindungsreichen nicht so leicht durchsetzen können. Da sie nie ganz gestorben ist, kann sie wohl auch weiter existieren, so lange die Gesellschaft noch ein paar Fuß breit Freiraum erlaubt. An ihrem esoterischen Status und ihrer Einflußlosigkeit wird sich wenig ändern. Es wäre aber schon großartig, wenn sich eine Wissenschaft heranziehen ließe, die trotz innerer und äußerer Beengungen (sagen wir ruhig ›Sachzwängen‹) das Vertrauen der Gesellschaft wieder zu gewinnen vermag. Sollte das gelingen, und einiges spricht dafür, hätte Erwin Chargaff keinen geringen Anteil daran.