Johann-Heinrich-Merck-Preis

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wird seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Preis wird von dem in Darmstadt ansässigen Unternehmen Merck finanziert und jährlich während der Herbsttagung der Deutschen Akademie in Darmstadt vergeben. Seit 2013 beträgt die Dotation 20.000 Euro.

Preisträger

Albert von Schirnding

Albert von Schirnding

Schriftsteller und Literaturkritiker
Geboren 9.4.1935

Johann-Heinrich-Merck-Preis 1982
Laudatio von Joachim Kaiser
Dankrede von Albert von Schirnding
Urkundentext

In Schirndings schriftstellerischem Werk verbinden sich unaufdringliche Gelehrsamkeit und behutsame Stabilität.

Jurymitglieder
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Herbert Heckmann, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Gerhard Storz, Bruno Snell

Heitere Leidenschaft des Wissen-Wollens

LAUDATOR
Joachim Kaiser
Geboren 18.12.1928
Journalist und Musikwissenschaftler

Jede Akademie, gar die überregionale Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, ist ihrem Wesen nach eine Vereinigung älterer Menschen. Die Gefahr selbstgerechter Erstarrung droht darum immer, die Gefahr sanft professoralen Realitätsverlustes in weißen Oberhemden und dunklen Maßanzügen, die Gefahr des »Akademischen« im Sinne des Dünnblütigen, wenn nicht Blutleeren. Das »Alter«, das »Gealtert-Sein« darf für eine Akademie nie eine Art höherer Weisheits-Garantie darstellen. Es sollte immer als unvermeidliche biologische Bedrohung empfunden werden.
Darum muß sich jede Akademie um die Jüngeren und anderen kümmern. Nicht auf dem Wege charakterloser Anbiederei, wohl aber, indem sie – alle ihre Maßstäbe und Anforderungen aufrechterhaltend – um die Jüngeren kämpft.
Auch in diesem Sinne stellt es eine Freude für uns dar, daß wir dem Essayisten und Literaturkritiker Albert von Schirnding den Johann-Heinrich-Merck-Preis verleihen können. Schirnding ist ein Publizist von Rang. Es ist leidenschaftlicher Altphilologe und Spezialist für Psychoanalytisches, er ist umfassend gebildet und dazu Autor schöner Gedichte. Wir dürfen froh sein, einen solchen Preisträger gefunden zu haben. Und für mich, der ich Schirnding aus langer gemeinsamer Arbeit in der gleichen Stadt und am gleichen Publikationsort kenne, ist diese Preisverleihung ein Augenblick freundschaftlicher Genugtuung.
Ein mögliches Mißverständnis sei ausgeräumt. So groß, wie es nach meinen Einleitungssätzen scheinen könnte, ist der Altersunterschied zwischen dem laudator und dem Objekt dieser laudatio nun wieder auch nicht. Sieben Jahre. Schirnding gehört dem Jahrgang 1935 an. »Was sind denn sieben Jahre?«, hat die unvergessene Frau von Kaschnitz einst – es war ein Hörspiel-Titel – ein wenig herausfordernd gefragt. Sub specie aeternitatis sind sieben Jahre gewiß wenig – aber im Hinblick auf die Jahresringe unserer zeitgenössischen Literatur doch mehr, als man vielleicht auf den ersten Blick meint.
Wir wollen nicht vergessen: die deutsche Buchkritik und Essayistik der fünfziger, sechziger Jahre hing eng zusammen mit der Zeitgeschichte. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, mit der philosophischen und soziologischen Frankfurter Schule. Adornos Schatten war übers deutsche Feuilleton gefallen. Die Bildungserlebnisse einer frühen Nachkriegszeit prägten unter der damals jungen Intellektuellen-Generation einen ganz spezifischen Denk- und Schreibstil aus – irgendwo zwischen Kafka und Hegel, »Frankfurter Heften« und Berliner »Kursbuch«, zwischen Unseld und Wagenbach, Thomas Mann und Elisabeth Langgässer, Sartre und Marx.
Ich weiß, wie sehr das alles später zersplitterte oder sich differenzierte. Aber bestimmte gemeinsame Voraussetzungen waren damals doch eine Art höherer Selbstverständlichkeit.
Demgegenüber verlief die intellektuelle Biographie des etwas jüngeren Albert von Schirnding anders. In einem außerordentlich schönen und aufrichtigen Essay, der den Titel »Rückkehr zu Büchern« trägt und den Eindruck wiedergibt, den der tapfere, aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossene Werner Bergengruen einst auf Schirnding machte, als er dem Dichter im Hause seiner Eltern begegnete, beschreibt Schirnding sorgfältig, wie er bei Bergengruen Trost suchte. Später war er für kurze Zeit Ernst Jüngers Sekretär. Dann drangen die Positionen der Frankfurter Schule, die Polemik gegen »Naturgedichte« und mannigfache kontroverse Erfahrungen in sein Denken ein, erweiterten es, machten es universaler.
Ich glaube nicht zu irren, wenn ich andeute, daß Schirnding sich seiner beiden Gedichtbände aus den fünfziger Jahren, derer er sich nicht zu schämen brauchte, vielleicht lächelnd doch ein wenig geniert. Da klingt manches nach Gottfried Benn und manches nach junger Daseins-Verzweiflung; aber wehe dem Autor, der altklug sich gar nicht einläßt auf dergleichen.
Worauf ich mit alledem hinaus möchte: daß eine intellektuelle Biographie – die so anders anfing, als es bei den etwas früher geborenen Wortführern der fünfziger Jahre Mode war – ihrerseits überhaupt nicht in irgendeiner konservativen Antithese verharrte, sondern hinübergriff in die Fülle und Heftigkeit beträchtlicher literarwissenschaftlicher, künstlerischer Erfahrung! Auch so stellt sich Tradition her und stiftet Gemeinsames. Jetzt beurteilt Albert von Schirnding etwa die Harmonisierungsbestrebungen der Staigerschen Goethe-Interpretation eher kritischer als manche Älteren, jetzt gibt ihm, wenn er Rezensionen schreibt, bei Siegfried Lenz manchmal ein gewisse Sprachharmlosigkeit und bei Luise Rinser manchmal ein gewisser Temperamentsüberschwang – sagen wir es vornehm – »zu denken«.
Dabei ist er wirklich kein Essayist oder Rezensent, der nur dann originell zu formulieren vermag, wenn er »tadelt«; dem aber beim Lob die Sprache versagt, weil alle Lobe-Vokabeln ja als Werbungsvokabeln, als meinungsblasse Reklame-Zeichen so ärgerlich abgenutzt sind! Albert von Schirnding besitzt einen elementaren Respekt vor dem Ganzen eines Buches, eines theoretischen Gebäudes, eines Werkes. Er reißt nicht eilfertig Zitate heraus und triumphiert rechthaberisch gegen dieselben, was ohnehin meist weniger ein kritischer Triumph ist als eine Form schlichter Selbstbefriedigung. Er gibt – und darin kommt auch seine behutsame genaue Vertrautheit mit psychoanalytischen Autoren, Werken, Entwürfen zum Ausdruck – der Gestalt eine Chance, bevor er eingreift, zurechtrückt, kommentiert. Er informiert dann so, daß die Fakten selbst zum Gedankengang sich gliedern: er hat es nicht nötig zuzuschlagen, weil dann meist ein Hinweis genügt.
Ob er über Erich Fromm schreibt oder über Freud, ob er sich Thomas Mann widmet, ob er sich meisterhaft mit Vergil auseinandersetzt oder mit den Übertriebenheiten eines wichtigen neuen Cäsar-Buches, ob er, als Lyriker, Peter Rühmkorf analysiert, ob er, als betroffener Zeitgenosse, die unvergleichlich sublimen Einsichten Ernst Jüngers ernstnimmt, als Pädagoge die Wege und Abwege der Jugendliteratur, als Christ Hans Küng: in ihm steckt eine heitere Leidenschaft des Wissen-Wollens, eine Bereitschaft, sich zu verändern und eine freundschaftliche, aber nicht fundamentale Skepsis gegenüber dem Nur-Modischen. Lauter Eigenschaften, die etwas zu tun haben mit guten Traditionen großer deutscher Essayistik und Literaturkritik – für die auch unsere Akademie einsteht.
»Nur die Pianisten reden verächtlich über Technik – die keine haben«, weiß ein alter Musikerwitz. Mit der Bildung verhält es sich ähnlich. Oft wird sie geschmäht gerade von denjenigen, denen da die entscheidenden Erlebnisse noch bevorstehen. Wir kennen die Redensarten: Bildung sei das, was übrigbleibe, wenn man alles vergessen habe. (Oder so...) Als ob bereits das Vergessen eine Leistung sei – und nicht vielmehr das Behalten, das Erkannthaben und das Fruchtbarmachen. Gebildet sein heißt – um eine kunstlose, aber anspruchsvolle Definition ins Feld zu führen – es heißt, eine Reihe wichtiger Dokumente der traditionellen und gegenwärtigen Kultur wirklich aus erster Hand innig kennen. Sie als Quelle kennen, dank selbständiger Lese-, Hör- und Seh-Erlebnisse. Das ist Voraussetzung,
wenn man mit jener Sphäre lebt, in der das Wirkliche zu Geist gerinnt und das Geist-Geronnene im Werk es fest wird!
So gesehen aber ist der Pädagoge, Schriftsteller, Kritiker und Autor Albert von Schirnding eminent, je beneidenswert gebildet. Aber die Bildung beschwert ihn nicht. Sie macht ihn nicht säuerlich, mürrisch, unfroh, versnobt, besserwisserisch – sondern sie macht ihn vergnügt. Auch haben weder die Eindrücke seiner intellektuellen Jugend noch die religiösen und lyrischen Erlebnisse seines Werdens ihn im mindesten falsch altmodisch werden lassen, genüßlich verstockt, dumpf traditionalistisch. Dazu ist er zu anspruchsvoll, zu wagemutig, zu sehr ein Künstler, der sich heftig und öffentlich mit der bayerischen Schulpolitik herumschlägt, falls es nottut.
Lieber Herr von Schirnding, ich muß jetzt, um nicht unglaubhaft zu wirken, wohl auch irgend etwas Einschränkendes Vorbringen. Sei es also. Mir liegt es wirklich fern, das kritische Publizieren für den Tag, das punktuell essayistische Wirken in Zeitungen oder Zeitschriften auch nur im mindesten zu unterschätzen. Das alles ist für den geistigen Haushalt der Nation nötig. Nötiger vielleicht als so manche eitle, überflüssige Einzel-Veröffentlichung. Trotzdem wäre es – angesichts der Qualität Ihrer Arbeiten, Analysen, Würdigungen – nicht falsch und nicht zu früh, wenn Sie sich bemühten zu sammeln, zu binden, festzuhalten, wonach sonst die Furie des Verschwindens so tückisch greift.
Übrigens läßt sich auch dieser letzte Rat, wie ja in einer laudatio recht und billig, ohne weiteres als indirektes Lob verstehen. So bleibt mir nun nichts mehr übrig, als Ihnen im Namen der Akademie aufrichtig und von Herzen zu gratulieren.