Hanns Zischler

Schauspieler und Schriftsteller
Geboren 18.6.1947
Mitglied seit 2019

„Was suchst Du Ruhe, wo Du zur Unruhe geboren bist“

Dieser Satz des Mystikers Thomas à Kempis, den ich als einen fragenden Imperativ lese, begleitet mich seit vielen Jahren. In dem darin ausgesprochenen Dilemma fühle ich mich bis heute erkannt, es ist die Quelle meiner Erfahrung im Leben mit den mir Nahen und Fernen.

Der andere Satz ist Rühmkorfs Zuruf: „Bleib’ erschütterbar und widersteh!“

Am Anfang schien alles vorgezeichnet und sollte nur ausgeschritten werden. Aufgewachsen zwischen den Steinbrüchen des Solnhofener Schiefers, eine aufgewühlte Landschaft von großer Beschaulichkeit. „Das Jurameer!“ sagte man und eine schweigende Hand führte den Blick über die Waldschluchten mit ihren hellen Schütten. Das Kind blätterte und forschte in den blätterteigzarten Steinen, entdeckte bizarre Blüten und Versteinerungen – und irgendwann die dem Stein entlockte Lithographie.

Im Haus und im Dorf rumorten unerklärte Wörter – „Flandern“, „gefallen bei Kursk“, „vor dem Krieg“, „Totensonntag“, „Hege und Pflege“, „Verbiss“ und „Blattschuss“ – fraglos und klamm. Aber bald waren die Schütten verschwunden, die Hügel planiert und die vorgegebene Laufbahn, in den Steinbrüchen unternehmerisch tätig zu werden, unbetretbar geworden, die Eltern gestorben, eine Welt wie verweht, zu vieles war unausgesprochen geblieben.

Geblieben war die Unruhe, die Lust zu blättern, den Lockungen der aus den Büchern aufblühenden Illustrationen sich hinzugeben – „Go ask Alice!“ – und auf diese Weise sein eigener Leser zu werden, d.h. auch, irgendwann, zu schreiben.

Und dieselbe Unruhe war es, die mich früh bewegte, mit anderen etwas zu unternehmen: so entstanden die Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen und später die Drehbücher und Bücher. So kam ich zum Schreiben und wurde zum Verleger – ohne Fortune, doch von einer beunruhigenden Wunscherfüllung getragen, im Verkehr mit wechselnden, anregenden Gesprächspartnern. Nur im Austausch mit diesen soufflierenden Stimmen war Erfahrung und durch sie so etwas wie orientierende Bildung zu gewinnen.


Während dieser dialogischen Operationen war mir, lesend, reisend und übersetzend Paris näher gerückt und vertraut geworden, während mir das Englische, die Sprache allein, wie ein riesiger, expandierender Resonanzkörper zu einer heimlichen Geliebten wurde.

Freundschaften keimten und strebten danach sich zu verstetigen – so mit dem Schriftsteller Jean-Christophe Bailly, dem Maler Gilles Aillaud und dem Lithographen Franck Bordas. Mit diesen dreien entstand in einem jahrelangen und bis heute fortwirkenden Abenteuer die Encyclopédie de tous les animaux, y compris les minéraux, mit Originallithographien und Texten der Freunde.

In dieser Zeit, Anfang der 80er Jahre und in diesem Klima waren die beglückendsten „Blätter-Entdeckungen“ die Texte von Francis Ponge. Ihn zu preisen, zitiere ich den Aphoristiker Georges Perros, dessen vielfältige „Klebebilder“ mir erst durch die kraftvolle Übersetzung Anne Webers nahegekommen sind – und bleiben. Ponge anrufend, sagt Perros: „Nie habe ich einen Text von Ihnen gelesen und mich nicht hinterher besser gefühlt. Ich sage nicht, ein besserer Mensch (welchem Text gelänge das?). Doch haben Sie in sich, was Sie den Gegenständen verleihen: Jubel, Genuss, die beste Art von Naschhaftigkeit, und am Ende haben Sie aus lyrischen Gründen immer recht. Sehr häufig ist so etwas nicht.“

Die Welt der Archive, des Films wie der Dokumente, öffnete sich und gab unerwartete Funde preis. Meiner Unruhe wie einem Flusslauf und dessen Gegenströmungen mich überlassend, bin ich ins Berliner Naturkundemuseum geraten, wo die dort verwahrten Sammlungslawinen ungeahnte Schrift- und Zeichnungsmoränen mit sich führen und in einem langen Winterschlaf ihrer erneuten Verstaubung entgegenschlummern. Erweckungsgelüste. Und auch dort sind immer "zusammen mit anderen" eine Reihe von naturkundlichen Büchern entstanden, wie zum Beispiel der "Vorstoß ins Innere" mit Matthias Glaubrecht, der heute hier geehrt wird.

Es dauerte sehr lange, bis ich es wagte, längere Ausflüge in die erzählende Prosa zu riskieren. Eine gefahrvolle, von Unruhe grundierte Ausfahrt.

Die Hausgötter und -göttinnen mehren sich, sie locken und sie verlangen nach Wiederlesen: Brockes, Goethe, Dickinson, Rudolf Borchardt, Marina Zwetajewa, Edna St. Vincent Millay, Alberto Savinio, Vladimir Nabokov, Wilhelm Lehmann, Peter Huchel, Peter Rühmkorf, Wulf Kirsten und Jürgen Nendza.

Die Dichtung, deren vierte Dimension das Sprechen, der lebendige Vortrag ist, hat mich angehalten hat, meine Stimme, meine Zunge zu schulen. Sie vermag, neben der Musik, als einzigartiger, unerschöpflicher Wortklangkörper dem entwöhnten und überformten Gehör Linderung zu verschaffen.

Über meine Arbeit als Schauspieler für den Film lässt sich hier nur so viel sagen, dass sie sich im Augenblick ihrer Entstehung vollzieht und darin aufgehoben wird.

Ganz auf mich gestellt und der Unruhe entkomme ich, gelegentlich, durch die Fotografie. Da ruhe ich mich aus.