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2016: Lyrik-Empfehlungen 2016

Die Lyrik-Empfehlungen werden jährlich zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht. Empfohlen werden zwölf deutschsprachige und zwölf ins Deutsche übersetzte Gedichtbände – ausgewählt aus den Neu­erscheinungen von Anfang 2015 bis März 2016.

Die Empfehlungen sind in der Folge hier aufgeführt. Sie können oben auf die einzelnen Zahlen klicken oder zum Blättern die Pfeiltasten (→, ←) der Tastatur benutzen. Sofern Ihr Lesegerät es erlaubt, können Sie auch einfach »wischen«.

2016: adloff-entzerrt

Gerd Adloff: zwischen Geschichte und September. Mit Kaltnadelradierungen von Horst Hussel. Corvinus Presse, Berlin 2015, 48 Seiten.

Empfehlung von Ursula Haeusgen
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Deutschsprachige Lyrik

»Zwischen Geschichte und September« hat Gerd Adloff diese Gedichte angesiedelt. Nicht zufällig heißt das erste Gedicht des Bandes »Geschichte« und das letzte »September«. Zuerst geht es um weltgeschichtliche Ereignisse – aber der Autor war mit etwas anderem beschäftigt: »Als die Panzer nach Prag rollten, 68 / War ich über alle vier Ohren unglücklich verliebt / Und hörte nichts.« Er musste mit den Folgen leben und sich dazu verhalten – also zur Geschichte. Das letzte Gedicht »September«, kurz nach dem 60. Geburtstag des Autors entstanden, hat mit dem Herbst des Lebens zu tun. Und deutet einen Rückzug an: »Den Nachzüglern viel Glück. / Noch mehr dem Sohn. Verläßt das Haus / in Frieden. Geht seinen Weg. / Meiner verweilt in diesem Garten / in dem ich Gast bin. Gern.« Erinnerungen, erinnerte Gefühlslagen – Szenen aus einem Leben, erlebte und gelebte Geschichte. Freilich ist das Leben mit dem Alter nicht zu Ende, und 60 ist nicht sehr alt. Aber man hat doch einen anderen Blick darauf als junge Menschen. Wenn man dann noch die unmittelbare Gegenwart annehmen kann, ist man ein einigermaßen glücklicher Mensch. Das ist vernünftig und keine Idylle oder Larmoyanz. Ich mag diese Gedichte. Und die Grafiken passen wunderbar. Ein schönes Buch!

2016: bauerstromern

Christoph W. Bauer: stromern. Haymon Verlag, Innsbruck 2015, 136 Seiten.

Empfehlung von Michael Krüger
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Deutschsprachige Lyrik

›Stromern‹ heißt so viel wie ›ziellos wandern, sich herumtreiben (statt zu arbeiten), streunen oder strolchen‹, in Österreich heißt es: ›strawanzen‹. Der aus Innsbruck stammende Dichter Christoph W. Bauer bevorzugt natürlich die erste Bedeutung: die nicht auf ein Ziel hin gerichtete Bewegung. Ersetzt man Bewegung durch Schreiben, hat man die Definition der Poesie, wie sie Paul Valéry gegeben hat. Bauer, 1968 in Kärnten geboren, hat sich als Begleitung für seine sehr unterschiedlichen Wanderungen den französischen Dichter des Spätmittelalters François Villon gewählt, den großen Dichter von Balladen über die Zweifelhaftigkeit des Ruhms, der Ehre, der Anständigkeit. Mit Villon ist er unterwegs in Kärnten oder Paris, in den Welten der Mythologie und der sehr realen Gegenwart. Bauer ist ein belesener Dichter und ein Kenner der Geschichte der Formen, aber auch ein Eulenspiegel, der vermischen und verwandeln kann: »fremd bin ich eingezogen unter meine haut« beginnt ein Gedicht, das mit der Zeile endet: »ich weiß nur eins: fremd zieh ich wieder aus.« Es wäre schön, wenn dieser kluge Vagant bei uns etwas bekannter würde!

2016: falbcek100dpi

Daniel Falb: CEK. kookbooks, Berlin 2015, 72 Seiten.

Empfehlung von Monika Rinck
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Deutschsprachige Lyrik

»Es gibt keinen Fehler in dem Buch«, heißt es auf der letzten Seite des Bandes CEK. Alle textlichen Schreibweisen seien eben so intendiert. CEK ist ein Lyrikband, wie von einem Außerirdischen verfasst: neugierig, informiert, unbeteiligt und nach einer menschenfernen Logik vorgehend. Doch was er nach seinem eigenen Schema hinein- und herausfiltert, ist höchst interessant und erreicht eine merkwürdige Anschaulichkeit. Es sind Gedichte über die Erde in einem kosmischen Zeitmaß. Sie überspannen Jahrmillionen. Diese Gedichte taugen vielleicht nicht für eine Traueranzeige, aber sie eröffnen eine Bühne sprachlicher Entdifferenzierung, auf der sich genau ablesen lässt, wie Sprache Institutionen herstellt, wie sie Autoritäten installiert, wie sie Wissenschaftlichkeit suggeriert und Beziehungen bewirkt. Dies wird sowohl vorgeführt wie auch mit scheuer Willkür zertrümmert. Und beim lauten Lesen entfalten die Gedichte, insbesondere am Ende des Buches, eine betörende lyrische Qualität, im strikten Sinne, ja.

2016: lichtenstein

Swantje Lichtenstein: Kommentararten. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2015, 112 Seiten.

Empfehlung von Holger Pils
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Deutschsprachige Lyrik

Der Band bietet Einblicke in das Laboratorium der Swantje Lichtenstein: Sprachkritik, Weltzweifel, Wissenschaftsparodie, nicht zuletzt Humor. In einer Zeit, in der eine Sehnsucht erwacht nach dem ›Originären‹, das unter einem Berg von Kommentaren, von sekundärem Gerede verschüttet zu werden droht, sortiert Swantje Lichtenstein »Kommentararten «, die zeigen, dass auch Poesie, auch Kunst Kommentar ist. Zugleich ist die Poesie selbst wieder »Auslegware «, zieht Kommentare nach sich. Verschiedene poetische Formationen spielen das durch: Im Kapitel »#Sätze_« lassen sich die Wortblöcke als Bilder wahrnehmen, in »#Avatare_« umspielt Lichtenstein als Kommentarmöglichkeiten »Kommos«, »Kommentationen«, »Scholien« und »Interpretament«. »#Neudef_« bietet weichgespülte und doch festgefügte Formeln (»DIE ROYALEN FARBEN PURPUR UND VIOLETT / BESTIMMEN DIESE SCHMUCKSTÜCKE «), denen Lichtenstein fragende, tastende, poetische Antworten gegenüberstellt. In »#Tagen_« dann tritt ein Ich auf, das eigenes Erleben kommentiert. Eine Lese-Anleitung für all das: »Was man dann daraus hervorliest, das nehme man an. / Nehme man ans Herz und lasse es dann / ganz langsam ins Hirn plumpsen. Nicht alles auf / einmal.«

2016: neeserwie-halten

Andreas Neeser: Wie halten Fische die Luft an. Haymon Verlag, Innsbruck 2015. 80 Seiten.

Empfehlung von Daniela Strigl
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Deutschsprachige Lyrik

Andreas Neeser ist kein Freund großer und vieler Worte. Seine Erkundungen im Zwischenmenschlichen, im Naturraum draußen und drinnen, im Kopf des Ichs, sind beeindruckend konzentriert, wirken wie hingetupft und nehmen doch präzise Gestalt an. Man könnte an Aquarelle denken, aber meist düster getönt: »Seit Jahren mein einziger Bruder / kriech ich beim Rastplatz ans Ufer / im fahleren Licht / bin ich nichts als mein dunkelstes Wort.« (»Drei Schwestern«) Im Zyklus »Schichten von Haut« entblättert Neeser kunstvoll die Zwiebelhäute der Erinnerung, die zusammenhängen wie die einzelnen durch einen jeweils weiterwandernden Vers miteinander verknüpften Gedichte. Die Kindheit ist es, die den Erwachsenen im Halbschlaf »bespricht«, die handfest und körperlich wird: »ein paar Krautstiele wachsen mir mundartlich / urlaut | im Gaumen | behauptet die Sprache die Herkunft, / Geruch und Geschmack«.

2016: seelpraerie100dpi

Daniela Seel: was weißt du schon von prärie. kookbooks, Berlin 2015, 80 Seiten.

Empfehlung von Kristina Maidt-Zinke
in der Kategorie:
Deutschsprachige Lyrik

Jeder Lyrik, die ihren Namen verdient, wohnt ein kryptisches Element inne, das in dem unbeschriebenen Raum zwischen den Wörtern und Zeilen haust. Man kann dieses Ungesagte, Unsagbare im Idealfall wahrnehmen als Bewegungsenergie. In Daniela Seels Gedichten ist der kryptische Anteil besonders groß, zugleich aber ist die darin wirkende Energie stark genug, um die beim ersten Eindruck hermetisch und spröde anmutenden Texte in Schwingung zu versetzen, ihre Bestandteile in einer Schwebe vielfältiger, sich unablässig umgestaltender Beziehungen zu halten. Mit ebenso sicherem Gespür für Proportionen wie für die Heisenbergsche Unschärferelation werden hier Landschaften erkundet, die in der lyrischen Verdichtung nicht etwa selbstbezügliche Gefühlswelten eröffnen, sondern Territorien eines präzisen, kritischen, ja dezidiert politischen Denkens. was weißt du schon von prärie ist ein Gedichtband, dessen eigensinnige Komplexität den Kopf klärt und das Bewusstsein weitet.

2016: seidelchlebnikow100dpi

Anne Seidel: Chlebnikov weint. Poetenladen, Leipzig 2015, 69 Seiten.

Empfehlung von Marion Poschmann
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Deutschsprachige Lyrik

Anne Seidel schreibt in »Chlebnikov weint« die Tradition der russischen Moderne fort. Eisenbahnfahrten durch Sibirien, eine Menge Schnee voller Spuren, die sich wieder auf lösen, aber auch die Sowjethistorie samt ihrer Deportationen und Straf lager bildet die motivische Struktur. Mit einem atmosphärischen, oft klassisch anmutenden Vokabular entsteht in diesen Gedichten ein Bewusstseinsraum, der die logische Struktur der Sprache außer Kraft setzt und stattdessen Brüche, Verkantungen, Öffnungen erzeugt – immer auf der Suche nach einer grundlegenden Stille, von der sich die Wahrnehmungen flüchtig abheben.
»denn nichts / zu verstehen, ist die einzige moeglichkeit, etwas zu verstehen«, heißt es im Eröffnungsgedicht dieses intensiven, hochenergetischen Debütbandes, nach dessen Lektüre man wesentlich besser versteht, was Verstehen sein könnte.

2016: senserliebesleben

Armin Senser: Liebesleben. Edition Lyrik Kabinett, Carl Hanser Verlag, München 2015, 108 Seiten.

Empfehlung von Harald Hartung
in der Kategorie:
Deutschsprachige Lyrik

Der Schweizer Armin Senser ist 1964 geboren und lebt in Berlin. Das ist schon fast alles, was man über seine Person sagen kann. Umso mehr sagen seine Gedichte. Bereits sein Debüt »Großes Erwachen« (1999) beschwor große Poesie. Sein viertes Buch riskierte einen Roman in Versen (gab es bei uns zuletzt vor 100 Jahren!) und das denkbar ambitionierteste Sujet: Shakespeare. Und wenn Senser jetzt seine neuesten Gedichte unter dem Titel »Liebesleben« herausbringt, dann wissen wir, dass uns keine Herz-Schmerz-Poesie erwartet – wohl aber Liebe und Leben. Einmal heißt es schnoddrig »Was soll’s. Liebe, eine Abhängigkeit wie andere auch«. Dann aber, im selben Gedicht: »Liebe heißt / tatsächlich wahrgenommen werden.« Senser ist ein Analytiker der Emotionen, sein Leser fühlt sein Hirn angerührt, aber nicht bloß dies allein.

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Volker Sielaff: Glossar des Prinzen. luxbooks Verlag, Wiesbaden 2015, 82 Seiten.

Empfehlung von Michael Braun
in der Kategorie:
Deutschsprachige Lyrik

Dieser Band ist ein Wunder an poetischer Verwandlungskunst. Auf Prinzenlieder in Volksliedstrophen folgen Gemäldegedichte in funkelndem Surrealismus und schließlich ironische Demontagen der großen Genies (»Metaphysik auf Eis«). Volker Sielaff balanciert zwischen Verzauberung und Ernüchterung. Seine »Prinzen-Lieder« voll Übermut und Ironie nutzen den Reim als Kunstmittel und rütteln zugleich an den festen Versfüßen der Tradition. Es sind Strophen von einer eminenten Musikalität, die nicht nur an Nietzsches metaphysische Heiterkeit anknüpfen, sondern auch an die Liebesdichtung des persischen Mystikers Hafis, an den erotischen Realisten Brecht und an Goethes Diwan-Verse. In seinen Gemäldegedichten vereinigt Sielaff alle Tugenden eines formbewussten Dichtens: sinnliche Anschaulichkeit und metaphysisches Geheimnis. Eine Zeichnung von Paul Klee wird zum Bild einer unerfüllten Liebe: »Man sieht sie noch in der Ferne, / im rauen Wechsel der Gezeiten: / einer auf des anderen Scheitel / ihre kleine Seenot – reiten.«

2016: trompeterzum-begreifen-gross

Julia Trompeter: Zum Begreifen nah. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2015, 112 Seiten.

Empfehlung von Florian Kessler
in der Kategorie:
Deutschsprachige Lyrik

Ein unglaublich freies Buch – voll von einer sehr speziellen Art von Freiheit, die dem Kritiker, der wie die Dichterin Julia Trompeter Anfang der 80er Jahre in Westdeutschland geboren ist, »bundesrepublikanisch« vorkommt. Wie im – nur ganz selten als nervig stickig wahrgenommenen – Windschatten der Geschichte und aller klirrend forcierten Avantgarden nämlich befindet man sich in diesem Band noch einmal in großer Wärme und Sicherheit und kann so, in weichen, kleinen, im Wortsinn komischen Gedichtnotizen ganz gelöst, allen nur möglichen Ideen und Stimmungen nachtasten. »Ja wie soll ich das alles / nur schaffen, schaffen, / immer nur Schaffen, Schaffen, / auf Schaf fellen schlafen: / Das wäre was, wäre doch etwas, / das taugt.« – Diese so selbstsicher übersprudelnden, unverkrampft sprachverspielten, jauchzend gefühligen Gesänge machen ihrem Titel alle Ehre. »›völlixt‹ entspannt« rücken sie einem wirklich »zum Begreifen nah«.

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Christoph Wenzel: lidschluss. Edition Korrespondenzen, Wien 2015, 96 Seiten.

Empfehlung von Thomas Wohlfahrt
in der Kategorie:
Deutschsprachige Lyrik

»WIR SIND EIN FUNDBÜRO ..., wir sind chroniker, chronisten«. Der so spricht, scannt, was ihm vor das Auge, innen wie außen, oder ins Herz gerät, auch wenn man hier »ohnehin sein herz unter der zunge / trägt«. Das Rheinische Braunkohlerevier und Westfalen sind Christoph Wenzels Heimat. Und wie ein »Lidschluss« Erinnerungen auf die Linse des Auges projiziert, fängt er mit Sprachfindungen ein, was dem bloßen Betrachter öde und fad erscheinen mag: »die felder / dazwischen, raps, raps, raps und mais«. Sezierend klar sind seine Sprachbilder: »WESTFALEN WIEGT SCHWER, hier, / heißt es, lagert das lachen / bei den kartoffeln: kühltrocken im keller.« Die Droste steht im Raum mit unterkühlter Emphase oder Willy Brandts Umweltrede von 1961. Wenzel erschreibt der geschundenen Landschaft ohne Dorf leben ihre Würde. Landschaft und die Menschen, die in ihr leben, spiegeln einander: »hier kennt noch jeder jede linde / jeden stammhalter persönlich«, »ungelenkig lehnt ein besen / an der wand, erbschaften im hauseingang, scherben zu haufen / wie braunes, trockenes laub«. Selten sind mir unaufgeregte Landschaften und ihre Menschen so aufregend erschienen.

2016: wolf

Ror Wolf: Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember. Schöffling & Co., Frankfurt a. Main 2015, 128 Seiten.

Empfehlung von Heinrich Detering
in der Kategorie:
Deutschsprachige Lyrik

Für Ror Wolfs Gedichte ist Hans Waldmann ungefähr das, was Donald Duck für die Comics von Walt Disney ist. Hans Waldmann ist der Weltmeister des Verschwindens, der Unfälle und Kalamitäten. Unablässig stürzt er ab und geht zugrunde, stoischen Gesichts wie Buster Keaton, und unauf haltsam ist er wieder da, weil jedes Ende nur vorläufig war. Das fortwährende Ende und sein fortwährender Aufschub – es ist diese Grundfigur von Samuel Becketts Schreiben, die auch die wundersam komischen, makaber traurigen Verse Ror Wolfs bestimmt. Straff und genau gereimt wie bei Wilhelm Busch, bewegen sie sich durch eine traumhaft entstellte Welt voller Schrecken und Wunder, in der noch das Banale und Bekannte erscheint wie nie gesehen – auch in den surrealen Collagen, die sie wie immer zauberisch begleiten. Da der Band »Gelegenheitsgedichte« einschließt, die zwischen 1959 und 2013 entstanden sind, gibt er nebenbei auch eine Einführung in Ror Wolfs poetische Welt. Und die endet auch diesmal nicht, trotz allen Zerfalls: »Wenn es so weitergeht, dann geht es weiter.«

2016: beissel

Henry Beissel: Fugitive Horizons / Flüchtige Horizonte. Englisch / deutsch. Aus dem Englischen von Heide Fruth-Sachs. LiteraturWissenschaft.de (Transmit), Marburg a. d. Lahn 2016, 156 Seiten.

Empfehlung von Ursula Haeusgen
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

Henry Beissel, 1929 in Köln geboren, wandte sich Ende der 40er Jahre von Deutschland ab und wurde in Kanada Professor für englische Literatur. Darüber hinaus ist er Dichter, Dramatiker, Essayist, Übersetzer und Herausgeber. Er schreibt in englischer Sprache. Auf Deutsch erschien 2015 »Ein Kind kommt zur Sprache«, von ihm selbst übertragen, in dem sich Beissel mit seiner Jugend in ns-Deutschland auseinandersetzt. Ende 2015 erschien »Fugitive Horizons«, übersetzt von Heide Fruth-Sachs. Darin setzt Beissel sich mit Mikro und Makrokosmos auseinander, setzt die Erkenntnisse der Wissenschaft mit unserer Wahrnehmung der Welt, unseren Vorstellungen, in Beziehung und zeigt den ungeheuren Unterschied zwischen beiden. Das ist aufregend, wenn man es ernst nimmt, auch aufwühlend. Oder herausfordernd. »Fragen und Antworten stehen nicht in Bezug zueinander / wie Schlüssel und Schloß. Sie bilden viel eher Scharniere, / an denen eine Tür zwischen heute und morgen schwingt.« Die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften werden neu bewertet und zwingen uns, unsere Sinneseindrücke in Frage zu stellen. Eine überzeugende Auf forderung an den Leser, sich der menschlichen Welt angesichts des Unbegreif lichen erneut zu versichern.

2016: carpientweder

Anna Maria Carpi: Entweder bin ich unsterblich. Italienisch – deutsch. Aus dem Italienischen von Piero Salabè. Mit einem Nachwort von Durs Grünbein. Edition Lyrik Kabinett, Hanser, München 2015, 158 Seiten.

Empfehlung von Harald Hartung
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

Die Mailänderin Anna Maria Carpi ist bei uns durch ihre schöne Kleistbiographie (2011) bekannt geworden – in Italien hat sie auch einen Ruf als bedeutende Erzählerin und Übersetzerin (etwa von Nietzsche, Benn und Enzensberger). Der Kern ihres Werkes aber ist ihre Lyrik. Unter dem Titel »Entweder bin ich unsterblich« hat Piero Salabè eine Auswahl aus vier Gedichtbänden kongenial übersetzt; er trifft die feinen Nuancen von Sachlichkeit und Ironie. Die Titelzeile des Bandes findet sich in einem Gedicht, das vom Liebesdiskurs handelt und lautet vollständig »Entweder bin ich unsterblich oder nichts«. Diese Entschiedenheit von Gefühl und Denken findet sich in allen Gedichten von Anna Maria Carpi, ganz gleich, ob sie vom Mailänder Alltag reden, wo die Espressomaschinen dampfen, oder von einer Bar am Meer oder von einer Episode aus der Schlacht von Stalingrad. Durs Grünbein bringt in seinem informativen und sympathetischen Nachwort ein Selbstzitat der Dichterin, das das Wesen ihrer Poesie auf den Punkt bringt: »Prosa zu schreiben – das ist, wie in einer regulären Armee zu kämpfen. Zu dichten heißt dagegen, ein einsamer Franctireur, ein Freischärler zu sein.«

2016: fosse-stille-bearb

Jon Fosse: Denne uforklarlege stille / Diese unerklärliche Stille. Norwegisch / deutsch. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Mit Radierungen von Olav Christopher Jenssen. Kleinheinrich, Münster 2015, 172 Seiten.

Empfehlung von Heinrich Detering
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

Mit seinem ›postdramatischen Theater‹ und mit Romanen
wie »Morgen und Abend« ist der Norweger Jon Fosse zu einem
Klassiker der zeitgenössischen Weltliteratur geworden.
Dass er auch ein bedeutender Lyriker ist, hat sich hierzulande
noch nicht herumgesprochen. Dabei liegen auf Norwegisch
bis jetzt bereits neun Bände vor, dazu nicht weniger
als drei Auswahlsammlungen. Fosses lyrische Diktion ist
von derselben sensiblen Musikalität, die auch sein Theater
und seine Prosa bestimmt. Ganz leise vollziehen sich
die Übergänge aus alltäglichen Szenen in metaphysische
Dimensionen; immer scheinen die Wörter sich zurückzuziehen
vor der Stille, um die sie sich bewegen. Fosse schreibt
Lieder und Psalmen, Naturgedichte und Meditationen,
Texte von einer in der Tat unerklärlichen Stille. Der jetzt im
Verlag Kleinheinrich erschienene Band versammelt wunderbare
Gedichte, in Fosses klangvollem Nynorsk und in der
kongenialen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel.
Und er ist dank der Radierungen von Olav Christopher
Jenssen auch ein Buchkunstwerk geworden.

2016: garcia-lorcaliebesgedichte150dpi

Federico García Lorca: Liebesgedichte. Spanisch – deutsch. Aus dem Spanischen übersetzt und erläutert von Ulrich Daum. Rimbaud Verlag, Aachen 2016, 112 Seiten.

Empfehlung von Daniela Strigl
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

Lorca muss man nicht wiederentdecken, er ist immer schon da. Aber als Einstiegsbuch für Neugierige empfiehlt sich dieser tatsächlich taschengerechte Band: eine Auswahl der erotischen Gedichte in einer unprätentiösen Übersetzung von Ulrich Daum. – »Nur dein heißes Herz / und sonst nichts. // Mein Paradies, ein Feld ohne Nachtigall und Leiern, / mit einem stillen Fluss und einer kleinen Quelle.« Das Spektrum reicht von traumhaft eigenwilligen Stimmungsbildern (die frühen Verse sind noch an Frauen adressiert) bis zu den wuchtigen »Sonetten von der dunklen Liebe« (1936). Lorcas Bemühen, die verbotene Männerliebe in diskreten Symbolen zu verstecken, verleiht den Gedichten eine unheilvoll schwebende Sinnlichkeit. Das Ich spricht als ein Gezeichneter, der Tod ist allgegenwärtig: »Durch den Bogen, an dem wir uns treffen, / wächst langsam der Schierling. «

2016: johnsondas-fest

Bengt Emil Johnson: Das Fest der Wörter. Aus dem Sumpf. Mit einer Nachschrift von Staffan Söderblom. Aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler. edition offenes feld, Dortmund 2015, 116 Seiten.

Empfehlung von Marion Poschmann
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

Eine Wanderung durch den Sumpf. Vogelschau. Wissenschaftlich präzise Naturbeschreibung. Emphatische Evokation von Nachtigallengesang. Sprachkritik und Wahrheitssuche. Misstrauisch bohrende Meditationen über den Tod. Selbstironie und lakonischer schwarzer Humor. Wie passt das alles zusammen? Bengt Emil Johnson begann seine Lauf bahn mit Lautpoesie. In seinen grandiosen späteren Gedichten, die sich konventionellerer Sprechweisen bedienen, aber dafür ein experimentelleres Denken pflegen, strebt das lyrische Subjekt nach nichts Geringerem als nach der Selbstauf lösung als Erkenntnisform. Natürlich scheitert es meist tragikomisch an der Trägheit der Materie und der Widerstandskraft des Ichs, aber dennoch erzeugt die Brillanz der Sprache immer wieder berückende Momente des Gelingens. Bengt Emil Johnson, einen der bedeutendsten schwedischen Dichter, gilt es hierzulande erst noch zu entdecken – ebenso wie den neugegründeten Verlag edition offenes feld, der sein erstes Programm der Lyrik widmet.

2016: kemeny-gross-entzerrt

István Kemény: Ein guter Traum mit Tieren. Ungarisch – deutsch. Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalász und Monika Rinck. Matthes & Seitz, Berlin 2015, 134 Seiten.

Empfehlung von Michael Krüger
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

»Ich wasche meine Hände, aber in Dreck, in Blut – / wir werden nie mehr unschuldig sein, weder du – noch ich.« Aus Ungarn hört man im Moment wenig Gutes. Die Gesellschaft, die sich 1989 die Demokratie erkämpft hat, ist entweder dabei, sie abzuschaffen, oder muss zusehen, wie sie abgeschafft wird: »Die Welt ist nicht zugrunde gegangen. / Das ist keine Welt mehr, / die zugrunde geht« – heißt es in einem der Gedichte dieses großartigen Dichters, der mit unfassbarer Leichtigkeit schweres Gerät stemmt. Mit schöner Bravour und nicht nachlassender Melancholie geht er auf der schmalen Grenze zwischen Gut und Böse seinen Weg, spricht mit Gespenstern und mit Königen, schreibt Nachrufe auf die große Liebe und Elogen auf den Kleinmut, ihm ist der ferne Olymp mit seinen Göttern ebenso vertraut wie das geheime Leben der Dinge – mit einem Wort: Er ordnet als Dichter die Welt neu, ohne sich Illusionen hinzugeben. »Mein Leben kann auch ohne ein großes Finale / zu Ende gehen, still wie die Zeile eines Gedichts.« Nach den vielen wunderbaren Prosa-Schreibern endlich mal wieder ein großer Dichter aus Ungarn! Für mich nach György Petri der interessanteste, beste, lesenswerteste!

2016: manger-dunkelgold

Itzik Manger Dunkelgold Jiddisch / deutsch. Herausgegeben, aus dem Jiddischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Efrat Gal-Ed. Jüdischer Verlag / Suhrkamp, Berlin 2016, 431 Seiten.

Empfehlung von Thomas Wohlfahrt
in der Kategorie:
internationale Lyrik in Übersetzung

»Laßt uns singen einfach und klar / von allem, was heimisch, lieb und teuer: / von alten Bettlern, die fluchen dem Frost, / und von Müttern, die segnen das Feuer.« Itzik Manger (1901–1969) stammte aus Czernowitz und war Zeitgenosse von Paul Celan, Rose Ausländer. Er gilt als einer der wichtigsten jiddischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Jiddisch galt ihm dabei immer als »hefker«, vogelfrei, eine Sprache, die niemandem gehört und worüber niemand verfügen kann. Der zweisprachige Band versammelt das über Kontinente verteilt erschienene poetische Werk Mangers und Gedichte aus dem Nachlass. Eine gefährdete wie Lebenslust betonende Landschaft taucht in ihnen auf, die den Stampfschritt des Volkstanzes genauso kennt wie tief empfundene Religiosität und die Einsamkeit des ewig Flüchtenden. Zusammen mit dem Dokumentenband »Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter« konnte eine große Lücke der jiddischen Kultur und Dichtung geschlossen werden. Der Herausgeberin beider Bände, Efrat Gal-Ed, gelang es, Lebensgeschichte und Werk Itzik Mangers in der Gesellschaftsgeschichte der Juden Europas zu orten und mit ihr zu verflechten. »Ich komme aus den Öfen von Auschwitz / ich bin jung und auch alt / ich war Millionen gewesen / jetzt bin ich Ein-Gestalt«.

2016: tempest

Kate Tempest: Hold Your Own. Englisch / deutsch. Aus dem Englischen von Johanna Wange. Suhrkamp, Berlin 2016, 200 Seiten.

Empfehlung von Florian Kessler
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

»Hold Your Own« ist eine körperliche, gegen die Festschreibungen des eigenes Körpers revoltierende Geschichte des Sehers Teiresias: Von den Göttern dazu verurteilt, sieben Jahre als Frau zu leben, später vor ein Göttergericht gezerrt, um darüber zu entscheiden, ob Männer oder Frauen die größere geschlechtliche Lust empfinden, für seine Entscheidung ein weiteres Mal gestraft und mit Blindheit geschlagen. »Hold Your Own«, das sind Gedichte der 1985 geborenen Britin Kate Tempest, deren große Musik-Alben und Spoken-Word-Auftritte in den letzten Jahren Dichtung immer wieder hautnah und körperlich erfahrbar machten. »Hold Your Own«, das heißt in Johanna Wanges sehr angemessen geradliniger Übersetzung einmal schlicht: »Sich zu behaupten«. Behauptet werden in diesem Band in immer neuen Bildern und Verwandlungen im Wortsinn diverse Entwürfe von Körperlichkeit und selbstbestimmtem Leben. Die Bilder strömen von einem blinden Seher aus, sie zeigen lauter Unmöglichkeiten, die man früher Utopien genannt hätte. Die deutsche Übersetzung entrückt und entkörperlicht die Verse stärker als Tempests raues Englisch, sie ringt aber ebenso heftig und wahrhaft politisch um nicht weniger als das gute Leben.

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Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki: Tumor linguae. Aus dem Polnischen von Michael Zgodzay und Uljana Wolf. Edition Korrespondenzen, Wien 2015, 222 Seiten.

Empfehlung von Michael Braun
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Internationale Lyrik in Übersetzung

»Ich habe mit dem Tod geredet, und er hat mir versichert, es gebe weiter nichts als ihn.« Dieser Satz Jean Pauls kommt einem in den Sinn, wenn man sich den düsteren, die Schmerzzonen des Lebens ausleuchtenden Gedichten des polnischen Lyrikers Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki widmet. »Tumor linguae«, die Wucherung der Sprache, sie führt ins Elementare, zum Kern unserer Existenz, wo alle Illusionen zerfallen sind und wir in das Kraftfeld des Todes geraten. Diese Gedichte sprechen von den Versehrungen des Körpers und der Seele – und verbinden sich dennoch zu einem ergreifenden Gesang des Lebens: »schizophrenie ist ein haus / gottes seit ich erkrankte / vielfach und erwachte / im fieber der liebe«. Die »Lieder aus Notwehr« beschwören in der Art einer Litanei die Krankheit der Mutter, den Krebstod des Lebensgefährten, sie locken uns an Orte, wo der Schrecken wohnt. Für die Liedhaftigkeit dieser todessüchtigen Verse haben Michael Zgodzay und Uljana Wolf in ihrer Übersetzung überzeugende Lösungen gefunden.

2016: waldrop

Rosmarie Waldrop: Ins Abstrakte treiben. Amerikanisch – Deutsch. Übersetzt von Elfriede Czurda und Geoff Howes. Edition Korrespondenzen, Wien, 112 Seiten.

Empfehlung von Monika Rinck
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

Brauche ich Beine, um Emily Dickinson zu schätzen? Die Antwort, die Rosmarie Waldrop in ihrem essayistischen Langedicht mit dem Titel »Ins Abstrakte treiben« gibt, ist: ja. Denn um etwas zu wissen, muss der Körper einen Pakt geschlossen haben mit der physischen Welt. »Geistkörperlich intakt«. Da sind die Beine Stellvertreter in Bewegung. In einer so lockeren wie folgerichtigen Weise angeordnet, zeichnet Waldrop die Kontur des Gedankens, der in diesem Moment erst entsteht – klar, diskret, erstaunlich. Als würde sie alle Register der Abstraktion körperlich durchqueren und gedanklich zusammenheften. Was immer sie vorfindet und anspielt, ist aus Höflichkeit gegenüber den Leserinnen und Lesern auf den Gedanken reduziert, auf das Schönste und Klügste, und dennoch semantisch, aber auch in der Textbewegung, der Rhythmik und Komposition verkörpert. Und die Übersetzung macht das mit! Das muss einem erstmal gelingen. »Und glänzt blau wie ein Demonstrativpronomen.«

2016: wordsworth

William Wordsworth: Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge (The 1805 Prelude). Herausgegeben, aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Schlüter. Matthes & Seitz, Berlin 2015, 380 Seiten.

Empfehlung von Kristina Maidt-Zinke
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

Einer der zentralen Texte der englischen Romantik hat 165 Jahre nach der Erstveröffentlichung den Weg zu uns gefunden: William Wordsworths autobiografisches Langpoem »The 1805 Prelude«, das der Dichter seinem Freund und Reisegefährten Samuel Taylor Coleridge widmete und das nach seinem Tod im Jahr 1850 in einer stark überarbeiteten Version erschien. Die erst 1926 publizierte, widerständigere Urfassung hat Wolfgang Schlüter, für seine eigenwilligen Übersetzungsstrategien bekannt, nun dem deutschen Publikum zugänglich gemacht – in einer literarischen ›Übertragung‹, deren Prinzipien er im Nachwort offenlegt und damit zur Diskussion stellt. Stilistisch zwischen genuin romantischem Ton, verspielter Patina und unbekümmerten Modernismen changierend, hat Schlüter das bildreiche, stimmungsvolle und gelehrsame Werk in die Gegenwart gerettet und dabei dem ehrwürdigen Blankvers zu neuer, ungeahnter Lebendigkeit verholfen.

2016: yang

Jeffrey Yang Yennecott Englisch / deutsch. Aus dem Amerikanischen von Beatrice Faßbender. Berenberg, Berlin 2015, 116 Seiten.

Empfehlung von Holger Pils
in der Kategorie:
Internationale Lyrik in Übersetzung

»Yennecott / nannten die Corchaug / diesen Ort«. Jeffrey Yang ergründet in der amerikanischen Tradition des Langgedichts die Geschichte eines Gebietes auf Long Island, das zunächst nur als Name existiert: Yennecott, Bezeichnung der indianischen Bewohner, mit ihnen ausgerottet. Hier kommt der Sprechende mit den wohlhabenden Erholungssuchenden an: Ferien, freie Zeit, Lockerung, Öffnung der Wahrnehmung; verschlungene Pfade durch dickes Grün locken jenseits des akkurat gemähten Rasens hinter der Blockhütte. Und das Meer: »Eben noch im Binnenland / mit einem Mal von Meer / umgeben / Licht // lockt / Vergangenes hervor am / Vergessen vorbei«. Plötzlich beginnt der Ort vor Geschichte zu vibrieren: Ein Strom von Informationen ergießt sich über den Suchenden. Yang montiert historische Zeugnisse, Impressionen, Erinnerungen, Dichterworte zu einer suggestiven, episch schweifenden, alternativen Geschichtsschreibung. Alternativ durch die poetische Kraft der Vergegenwärtigung des Ungleichzeitigen, eine Gegenerzählung vom amerikanischen Traum und Trauma. Er reiht, bricht, rhythmisiert, überblendet, schneidet seine Quellen gegeneinander, bringt sie gemeinsam zum Klingen. Ein radikales, eigenwilliges poetisches Verfahren zum Staunen – in der schönen zweisprachigen, von Beatrice Faßbender besorgten Ausgabe.

2015: marcel-beyer-graphit

Marcel Beyer: Graphit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 201 Seiten.

Empfehlung von Maria Gazzetti
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Deutschsprachige Lyrik

Graphit, das heißt: Schreiben. Zwölf Jahre hat sich Marcel Beyer Zeit gelassen, um die schönsten Variationen, deren seine Sprache fähig ist, in Rhythmus zu verwandeln. Die Wortverbindungen und Worterfindungen, das musikalische Verfahren und der Ton des Ganzen machen aus diesem Lyrikband eine beglückende Begegnung mit der Poesie. Graphit ist sie, wie die bleiglänzende Farbe, wie ein schlichter Bleistift, wie leichtes und flüchtiges Graphitpulver. Abstrakte Ästhetik? Nein. Denn in jedem Vers steckt auch die Erinnerung einer unausweichlich konkreten Existenz und Alltagserfahrung. Dieser Band erzählt mit Herzklopfen, traurig und sinnlich, aus den Tagen und Jahren einer üblichen Lebenszeit.

2015: paulus-boehmer-zum-wasser-will-alles-wasser-will-weg

Paulus Böhmer: Zum Wasser will alles Wasser will weg. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2014, 236 Seiten.

Empfehlung von Jan Wagner
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deutschsprachige Lyrik

Seit Jahren schreibt Paulus Böhmer epische, um eine Mittelachse mäandernde Gedichte, die alles umfassen wollen, weil ja auch um uns alles gleichzeitig ist, Schmutz und Schönheit, die Scheußlichkeiten der Geschichte und das Leuchten der kleinen Dinge – Gedichte, die so, Unmöglichem trotzend, Größe gewinnen. So steht auch hier Bombastisches neben Banalem, gehen bizarre Bilder in Anmutiges über, apokalyptische Szenen in Alltagsskizzen. Zentrales Motiv ist das Wasser, und die Ohm aus Böhmers Kindheit windet sich durch alle Teile des Poems, das selbst Strom ist mit zahlreichen Seitenarmen, mal zornig brausend, mal verblüffend zärtlich, hier mit erzählerischer Breite, dort mit lyrisch glitzernden Pools. All das entwickelt einen unwiderstehlichen Sog. Wer an Whitman als Ahnherrn dieser Dichtung denkt, die Aufzählungen sowie kunstvolle Wiederholungen als Stilmittel nutzt und die von der kosmischen Rundumschau aufs Detail zu zoomen versteht, liegt sicher nicht falsch – und wird auch in Böhmers Langgedicht einen »Song of Myself« erkennen.

2015: sonja-vom-brocke-venice-singt

Sonja vom Brocke: Venice singt. kookbooks, Berlin 2015, 112 Seiten.

Empfehlung von Florian Kessler
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Deutschsprachige Lyrik

Ein »Jungfernheim«, ein »Kunstalmsee«, ein »Milchglas mit Gift«. »Schwanensee«, die »Akropolis«, »Snow White aus Amerika«. Es geht wild zu in Sonja vom Brockes erstem Gedichtband, der in diesem Frühjahr bei kookbooks erscheint – oder nein, falsch, genau anders herum: Wildheit wird hier äußerst kunstvoll inszeniert. Voll hehrer abendländischer Referenzfallen ist das ständig überraschende Vokabular dieser Verse und voll ekstatischem Spott über allen hehren Glauben an die reine Tradition. Als würde höchstes Bildungsgut lustvoll mit Autotune-Stimmverzerrer vorgetragen, ergibt sich immer wieder die Frage nach der synthetischen Gemachtheit aller Erfahrungen, die aus dem künstlich spiegelnden Venice-Venedig dieses Bandes heraus auch eine nach der Gemachtheit der Geschlechter ist. Echtes Begehren, gibt es sowas? Nun: »Ich hab Hunger. Mir wurden Bohnen versprochen. Ich setze die 3D-Brille ab und bemerke, wie flach der Kopf meines Vorsitzers ist.«

2015: daniela-danz-v

Daniela Danz: V. Wallstein Verlag, Göttingen 2014, 80 Seiten.

Empfehlung von Holger Pils
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Deutschsprachige Lyrik

Daniela Danz macht sich mit diesem Gedichtband auf, ein begriffliches Phänomen zu erkunden: Das ›Vaterland‹, für das die Titel-Chiffre ›V‹ steht. Obwohl der Band mit mehreren Zyklen dicht gefügt ist, wirkt diese Erkundung niemals angestrengt-systematisch, sondern bleibt spielerisch. Eindrückliche Motivspiegelungen verbinden die Gedichte. Wie in ihren früheren Bänden bewegt sich Danz gelassen durch Geschichte und Mythos, ohne kulturgeschichtliches Wissen nur trocken auszustellen. Sie fragt vielmehr sehr zeitbewusst und politisch danach, was das ist oder sein kann: das ›Vaterland‹. Der zeitliche Bogen ist weit: Er beginnt mit wundersamen Prosagedichten, in denen wir Helden der Jungsteinzeit kämpfen sehen, und endet bei NATO-Einsätzen oder Flüchtlingen an der Außengrenze der EU. Der begriffliche Bogen ist ebenso weit: vom ›Vaterland‹, der Heimat, als des ›Vaters Acker‹, bis zum angstmachenden Staat in seiner nationalistischen Verkehrung. Trotz aller drängenden Aktualität geht es dabei nie platt-parolemäßig zu. Ganz im Gegenteil: Daniela Danz‘ leise Gedichte gehen der selbstgestellten Frage mit einer poetischen Feinfühligkeit nach, die auf jeder Seite zum Staunen anhält.

2015: andrea-grill-safari-innere-wildnis

Andrea Grill: Safari, innere Wildnis. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014, 78 Seiten.

Empfehlung von Daniela Strigl
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Deutschsprachige Lyrik

Andrea Grills Gedichte sind höchst originelle Momentaufnahmen der Existenz, in freie Rhythmen gesetzt, verspielt und dennoch wortkarg, vielseitig sinnlich, polyglott gesprenkelt und von nimmermüdem Staunen über Fauna und Flora und Menschengehabe geprägt. Sie nehmen die Welt auseinander und setzen sie erfrischend neu und anders zusammen, ohne dass die innere und die äußere Wildnis mit Gewalt in Einklang gebracht würden: »pass ich noch in einen Körper? / mich kitzelt mein Herz.«

2015: juerg-halter-wir-fuerchten-das-ende-der-musik

Jürg Halter: Wir fürchten das Ende der Musik. Wallstein Verlag, Göttingen 2014.

Empfehlung von Ursula Haeusgen
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Deutschsprachige Lyrik

»Frage mich, ob das Leben auch so oft über uns nachdenkt, / wie wir über das Leben? – Geschenkt.« So lauten die letzten zwei Zeilen des Gedichtes »Morgenritual«. Und sie teilen uns gleichsam mit, worum es in diesen Gedichten geht. Die meist kurzen Texte sind »kleine, geballte Energiebündel, die sich beim Lesen langsam öffnen wie eine Faust.« So Christine Lötscher im Tages-Anzeiger. Jürg Halter, geb. 1980 in Bern, ist Dichter und Spoken-Word-Poet. Seine Sprache ist rhythmisch und verständlich. Mit seinen Gedichten erkundet er sich und uns und die Welt, bringt Alltägliches zur Sprache und fragt nach dem großen Zusammenhang. »Manchmal schillert alles wie in einem Kaleidoskop; im Gewöhnlichen wird das Ungewöhnliche sichtbar«, wie es im Klappentext treffend heißt. Das Lesen dieser Gedichte ist auf ruhige Weise spannend, regt zum Hinschauen und Weiterdenken an und macht – trotzdem, deshalb – einen melancholischen, wissenden Spaß.

2015: christine-lavant-zu-lebzeiten-veroeffentlichte-gedichte

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. Herausgegeben und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner, unter Mitarbeit von Brigitte Strasser. Wallstein Verlag, Göttingen 2014, 719 Seiten.

Empfehlung von Monika Rinck
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Deutschsprachige Lyrik

»Trau der Mannschaft deines Seglers zu, / dass sie tüchtig aus der Trunkenheit / aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn, / jeder noch bis übers Kinn besoffen, / aber hingehn und das Seine tun!« Das Editionsprojekt des Wallstein-Verlags zeigt, wie eine gute Neu-Edition das Bild, das man von einer Autorin gewonnen hat, nachhaltig verändern kann. Stellte noch Thomas Bernhard in seiner Zusammenstellung der Gedichte von Lavant für den Suhrkamp-Verlag das Leiden ins Zentrum, zeigt sich bei der Lektüre des gesamten poetischen Werks nun: die Freude des Machens, die ungeheure Transformation von Schmerz und Leid in ein großes, kraftvolles und zuweilen immens komisches Werk. So enthalten die Lyrikbände »Die Bettlerschale« und »Spindel im Mond« je etwa 150 Gedichte. Wenn es einem auch schwerfällt, Christine Lavant da nicht zu widersprechen, wo sie sagt: »Kunst wie meine, ist nur verstümmeltes Leben«, müsste man in diesem Selbstzeugnis doch eigentlich vor allem erkennen, welch ungeheure Wertschätzung dem verstümmelten Leben gebührt.

2015: christoph-meckel-tarnkappe

Christoph Meckel: Tarnkappe. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Wolfgang Matz. Carl Hanser Verlag, München 2015, 976 Seiten.

Empfehlung von Michael Krüger
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Deutschsprachige Lyrik

Von Christoph Meckel, der Verkörperung des romantischen Dichters, der alles andere als naiv und schwärmerisch ist, gibt es zu seinem 80. Geburtstag eine Gesamtausgabe seiner Gedichte, die auch für Kenner seines Werks Überraschungen bietet, denn viele seiner Gedichtbände waren in kleinen Verlagen erschienen und kaum im Handel erhältlich. Die nun vorliegenden tausend Seiten zeigen einen produktiven, artistischen Dichter, der die Komödie der Welt in immer neuen Versuchen zu preisen und zu demaskieren versteht. Ein Lebensroman in Versen, großartig und auf jeder Seite überraschend.

2015: dirk-von-petersdorff-sirenenpop

Dirk von Petersdorff: Sirenenpop. C. H. Beck Verlag, München 2014, 89 Seiten.

Empfehlung von Harald Hartung
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Deutschsprachige Lyrik

Dirk von Petersdorff nennt seinen neuen Band keck und mutwillig Sirenenpop. Der Titel bündelt seine Intentionen: Sirenenpop als Synthese von Alt und Neu, von Antike und Postmoderne, Verführung und Provokation. Im Titelgedicht tönt das so: »Auch Kirke haben wir gekannt, / von ihrer Ausziehcouch umrandet, / Ägäishitze in Hannover, / an jedem Freitag dort gestrandet.« In der Stimme des Dichters klingt eine generationstypische Stimme mit. Sie erinnert sich an die »WG-Zeit, nachts«, an den »Truppenübungsplatz, jetzt Biotop« oder riecht noch immer »die Suhrkamp-Bücher im Regal.« Diese Vierzigjährigen sind einer verlässlichen Lebenskonzeption kaum näher gekommen. Auch wenn sie sich als »Paare« zusammenfinden. »Er bringt ihr grünen Tee, dann ist der Wille / nur so ein Löffelklappern in der Stille.« Petersdorff bringt seine Befunde auf einen leichten Ton. Er bestätigt die traurige Wissenschaft, wonach es kein richtiges im falschen Leben gibt. Umso entschiedener aber hält er daran fest, dass es mehr geben muss als jene minima moralia, die aus Beziehungskisten abzulesen sind.

2015: silke-scheuermann-skizze-vom-gras

Silke Scheuermann: Skizze vom Gras. Schöffling & Co, Frankfurt a. M. 2014, 104 Seiten.

Empfehlung von Michael Braun
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Deutschsprachige Lyrik

Die einsamste Figur in Silke Scheuermanns Gedichtbuch »Skizze vom Gras« ist das hochmütige »Mädchen im Spiegel«. Referenzpunkt für dieses Gemäldegedicht ist ein Bild des ukrainischen Malers Wladimir Lukianowitsch von Zabotin aus dem Jahr 1922. Auf einer Frisierkommode sind auf diesem Bild geheimnisvolle Dinge drapiert: ein Handschuh, eine Schmuckfeder, eine Schachtel Zündhölzer. Im Zentrum des Bildes ein an zwei Metallstreben befestigter Spiegel – und darin das Gesicht eines eitlen Mädchens, der Körper wirkt wie abgeschnitten. Ein Mädchen, so scheint es, das für ein Fehlverhalten bestraft wird mit dem Entzug des Körpers. Silke Scheuermann hat daraus die skeptische Metaphysik ihres aufregenden Lyrikbands destilliert: »Als Kind schaute ich / mit der Wachsamkeit eines Geschöpfes in den Spiegel, / das ständig vom Verschwinden bedroht ist.« In Skizze vom Gras finden wir einige der finstersten Gedichte über die Liebe als aussichtsloses Unternehmen, die seit den späten Verzweiflungspoemen Ingeborg Bachmanns geschrieben worden sind.

2015: jan-wagner-regentonnenvariationen

Jan Wagner, Regentonnenvariationen. Hanser Berlin, Berlin 2014, 112 Seiten.

Empfehlung von Heinrich Detering
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Deutschsprachige Lyrik

Jan Wagners jüngstes Gedichtbuch ist (was einiges heißen will) sein bisher schönstes. Wieder zeigen uns diese Gedichte die Wunder einer Welt, die so nahe ist wie der Giersch im Garten und die Seife im Badezimmer, wie Brunnen oder Regentonne. Wieder präsentieren sie uns Unerhörtes, diesmal etwa den Kentaurenblues, und lassen Ungesehenes sehen, wie die Vögel über der Waratah Street oder das »sanfte knausergesicht« der »zerzausten stoiker« und »verlausten buddhas«, die im Eukalyptusbaum wohnen und Koalas heißen. Unermüdlich wach ist ihre Aufmerksamkeit, unerschöpflich die Erfindungskraft, mit der verbrauchte Wörter und Reime, ganze Vers-, Strophen- und Gedichtmaße so erfrischt und verjüngt werden, als hörten und sähen wir sie zum ersten Mal. Es sind, mit anderen Worten, abermals Gedichte, wie nur Jan Wagner sie schreiben kann. Aber jetzt umfassen sie eine Spannweite der Sujets, der Einfälle und Tonfälle, die diejenige seiner früheren Bände noch übertrifft, und zeigen einen erstaunlichen Dichter auf der Höhe seiner Kunst.

2015: judith-zander-manual-numerale

Judith Zander. manual numerale. DTV, München 2014, 100 Seiten.

Empfehlung von Thomas Wohlfahrt
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Deutschsprachige Lyrik

»manual numerale« heißt der zweite Gedichtband von Judith Zander und beherbergt in formstrengem Spiel und, als Tagebuch übers Jahr geführt, Gedichte, die so viele Zeilen haben, wie der Zähler (links im Buch stehend) und der Monat (rechts stehend) vorgeben: vom 5.1. bis zum 27.12. Die Gedichte beider Seiten treten durchaus als Paar auf, als ein Paar, das sich ergänzend, streitend oder auch als Gegensatz begegnet. Zudem mengt die Dichterin berühmte Verse vom Barock bis zu heutigem Pop mit hinein in ihre Sprachwelten und lässt sie ihren referenziellen Schabernack treiben – auch dort, wo es ernst und traurig wird. Sind‘s Liebeslieder? Ja sicher, das vor allem: (linke Seite) » ...im klappentext dieses romans / stünd was von schicksalseleganz / (im fall begabter texter) / doch punktgenau erfüllt den punkt / der ödigkeit wie eingetunkt / in eine sauce aus sechsern / verkocht verdummt verwoben schwitzt / wer an die glocke glaubt bloß weil er drunter sitzt.« (rechte Seite) »als du es nanntest pervers wusste ich dass es uns glückt.« Judith Zander erweist sich als Sprachmagierin, die die Dinge mal anders bezeichnet und sie so – durchaus sanglich – wieder zum Tanzen bringt.

2015: donald-berger-die-waehrende-zeit

Donald Berger: The Long Time/ Die währende Zeit. Poems / Gedichte. English / Deutsch. Aus dem Englischen von Christoph König. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 172 Seiten.

Empfehlung von Heinrich Detering
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Internationale Lyrik in Übersetzung

»Geschrieben im Gehen«, heißt eines dieser Gedichte; ein anderes lädt die Leser ein: »enjoy whatever life / Without pretending.« Donald Berger ist ein Nachfahre der Beat Poets und ein Urenkel von W. C. Williams – ein Nachfahre auch in dem Sinne, dass er den Abstand zwischen dieser Herkunft und der Gegenwart immer mitbedenkt. »Spontanes Gedicht, etwas überarbeitungsbedürftig« lautet eine Überschrift; die Mischung von Spontaneität mit selbstironischer Distanz ist charakteristisch. Bergers Gedichte erzählen von Bars und E-Mails, von Spaziergängen, Lektüren und Stadtlandschaften in Berlin und Baltimore, von Sex und wundersamen Wortfindungen und all den Ideen, die sich nach Williams »only in things« finden lassen. Sie tun es in einer sicheren Balance von schlendernder Beiläufigkeit und Präzision der Wahrnehmung und des Ausdrucks. Christoph König hat Gedichte aus den letzten Büchern dieses Poeten, der bis jetzt in Deutschland zu wenig bekannt war, ausgewählt und einfühlsam ins Deutsche übertragen.

2015: miron-bialosewski-vom-eischlupf

Miron Białoszewski: Vom Eischlupf. Sechs Texte in synoptischen Nachdichtungen. Mit einem unveröffentlichten Brief des Dichters. Herausgegeben von Dagmara Kraus. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2015, 70 Seiten.

Empfehlung von Florian Kessler
in der Kategorie
Internationale Lyrik in Übersetzung

Miron Białoszewski, wer warst du, und wer bist du jetzt für deine Leser? In letzter Zeit hat es auf diese beiden Fragen gleich mehrere beherzte deutschsprachige Antwortversuche gegeben – von Białoszewskis radikal zivilistischen Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand »Nur das was war«, denen Marion Janion einen ihrer großen Essays in »Die Polen und ihre Vampire« (Suhrkamp 2014) widmete, über »Das geheime Tagebuch« seiner späten Jahre (Edition fotoTAPETA 2014) bis hin zur Gedichtauswahl »Wir Seesterne« (Reinecke & Voß 2013). Der 1922 geborene und 1983 gestorbene Warschauer Wohnungstheaterbetreiber, Dauerbettbewohner und lustvolle Hauptvertreter der ›linguistischen Poesie‹ erscheint seinen Lesern über alle Sprach- und Zeitbarrieren hinweg ganz nahe mit seinen herrlich höchstpersönlichen Sprachspielen. Im neuen Band bei Reinecke & Voß geschieht das nun auf angemessen unstete Weise, wenn gleich sechzehn Dichterinnen und Dichter sechs seiner Gedichte immer wieder neu übersetzen – »wehohuwabohuhn mit kraft«! Lauter verschiedene Mirons lesen!

2015: yves-bonnefoy-die-lange-ankerkette

Yves Bonnefoy: Die lange Ankerkette. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, Hanser Verlag, München 2014, 131 Seiten.

Empfehlung von Maria Gazzetti
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Yves Bonnefoy ist ein großer europäischer Dichter unserer Zeit. Dieses Buch versammelt unterschiedliche Formen: Sonette, lyrische Notate, Prosa, und alte Lieblingsthemen: die Kindheit, die Dichtung, Malerei und Architektur. Bei keinem anderen Dichter finde ich eine so erhellende Verbindung von Poesie und Essay, Poesie und Kunst, Poesie und Philosophie wie bei ihm. Bonnefoy schreibt in dem Bewusstsein, dass es unmöglich ist, die Wirklichkeit zu benennen, und dass die Dichtung dem Unbewussten und dem Unerwarteten entspringt – selber eine unvorhergesehene, unerwartete Geste. Yves Bonnefoy ist jetzt zweiundneunzig Jahre alt. Und wer ihn persönlich erlebt hat, wird nie mehr seine Leichtigkeit, Heiterkeit, Eleganz vergessen, diesen nachdenklichen und fröhlichen Blick, die Gebrechlichkeit und das Einverständnis mit dem Anderen. Und weil die Übersetzer Elisabeth Edel und Wolfgang Matz ihn seit langem persönlich kennen, darum ist in ihrer schönen Übersetzung auch ein Echo vom Wesen Bonnefoys zu vernehmen.

2015: vladislav-chodasevic-europaeische-nacht

Vladislav Chodasevič: Europäische Nacht. Ausgewählte Gedichte 1907 bis 1927. Aus dem Russischen von Adrian Wanner, mit einem Nachwort von Vladimir Nabokov, Arco Verlag, Wuppertal 2014, 222 Seiten.

Empfehlung von von Ursula Haeusgen
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Europäische Nacht ist kein Roman von heute, wie man vielleicht denken könnte. Die hier versammelten Gedichte entstanden 1907-27, und Vladimir Nabokov pries ihren Autor als den »Stolz der russischen Dichtung«. Im Westen kaum bekannt, wurde er in der Sowjetunion totgeschwiegen und erst unter Gorbatschow erschien eine Gesamtausgabe, die ihn sofort zum ›Klassiker‹ werden ließ. Ilma Rakusa bezeichnet ihn in der NZZ als einen eleganten Saturniker, einen pessimistischen Klassizisten und formbewussten Melancholiker, der Dualität und Distanz zu den Grundzügen seiner Lyrik machte. Seine Gedichte bringen dies alles sehr anschaulich zum Ausdruck und vor allem die Atmosphäre und das Leben in dieser schwierigen Zeit in Russland, Berlin und Paris. Die Gedichte aus Paris, seiner letzten Station, sind voll tiefer Skepsis und Desillusion und beschwören eine europäische Nacht herauf. Die dann auch kam: Chodasevič, der 1939 an Krebs stirbt, entkommt zumindest dem Konzentrationslager, in dem seine letzte Frau umkommt. Wer diese Gedichte liest in ihrer Klarheit und Schärfe, auch die Reime, die Chodasevič meisterhaft beherrscht, der fühlt sich an- und hineingezogen in diese Sprache – auch wenn der Inhalt mitunter verstörend ist. Und er spart sich einige Geschichtsbücher.

2015: tadeusz-dabrowski-die-baeume-spielen-wald

Tadeusz Dąbrowski: Die Bäume spielen Wald. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, Hanser München 2014, 104 Seiten.

Empfehlung von Thomas Wohlfahrt
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Der Band »Die Bäume spielen Wald« ist eine Zusammenschau aus den Jahren 2005 bis 2014 des 1979 geborenen Tadeusz Dąbrowski, der immerhin bereits sechs Lyrikbände vorgelegt hat und zu den wichtigsten poetischen Stimmen Polens gehört. Dąbrowskis Gedichte sprechen von den verschiedenen Wahrheiten, die eine Sache haben kann und davon, dass Benennungen eine Starre verursachen, die über die Momentaufnahme nicht hinauskommt: »Der Zug rast: die Bäume passieren einander wie Bewohner / einer Großstadt zur Hauptverkehrszeit. Der Zug / schleicht dahin: die Bäume gehen stumm aneinander vorbei / wie die Patienten einer psychiatrischen Klinik. Der Zug steht: Die Bäume spielen Wald«. Mit einer Skepsis, die lächelt und durchaus ironisch oder ironisierend daher kommt, bringt Dąbrowski den Dingen ihre eigenen Tanzschritte zu Bewusstsein; ob der Vater stirbt, ob ein Bettler in Berlin bedichtet wird oder die Poesie sich selbst befragt: »die Welt unter meinem Hut«, sagt Dąbrowski, und der Leser lernt sie kennen.

2015: emily-dickinson-saemtliche-gedichte

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Gunhild Kübler. Carl Hanser Verlag, München 2014, 1408 Seiten.

Empfehlung von Michael Krüger
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Emily Dickinson, 1830-1886, ist und bleibt wohl noch für lange die bedeutendste Dichterin Amerikas. Ihre kurzen enigmatischen Gedichte ergeben, zusammen gelesen, einen schwindelerregenden Einblick in eine verwundete Seele, aber ohne Sentimentalität, ohne Schmalz und falsches Weh. Diese Wahr-Sagerin aus Amherst, Massachusetts, hat ihren Ort, eigentlich nicht einmal ihr Zimmer verlassen, eine weltliche Nonne, die sich ganz und gar auf ihre poetische Wortkunst konzentrieren konnte. Jetzt hat Gunhild Kübler das Meisterwerk einer vollständigen Übersetzung vollbracht, die in ihrem Einfallsreichtum und ihrer sprachlichen Finesse einzigartig ist. Meisterhaft!

2015: lars-gustafsson-das-feuer-und-die-toechter

Lars Gustafsson: Das Feuer und die Töchter. Aus dem Schwedischen von Barbara M. Karlson und Verena Reichel. Carl Hanser Verlag, München 2014, 104 Seiten.

Empfehlung von Harald Hartung
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Lars Gustafsson, der große schwedische Dichter, ist uns in Deutschland wie einer der unseren vertraut: durch seine Romane und Erzählungen, mehr noch durch seine Lyrik. In seinem Band »Die Maschinen« (1969) eröffnete er uns eine Welt, die zugleich phantastisch wie real war. Gustafssons Denken testet gleichsam die Wirklichkeit. Selbst der nackte Gedanke vibriert so von Sinnlichkeit. Die Welt erscheint reicher, als der gewöhnliche Blick es wahrzunehmen vermag. Das gilt auch für den neuen Gedichtband »Das Feuer und die Töchter«. Gustafsson evoziert den Riesenwels in einem schwedischen See ebenso wie die »Göttin der Morgenmüdigkeit.« Und wenn der gemeine Verstand vom Hobel nicht mehr weiß als dass er alles gleich hobelt, erkennt der Dichter: »So lange wie etwas von den Dingen übrig bleibt, / ist es Oberfläche. Nichts anderes.«

2015: michel-houellebecq-gestalt-des-letzten-ufers

Michel Houllebecq: Gestalt des letzten Ufers. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Stephan Kleiner. Dumont Buchverlag, Köln 2014, 200 Seiten.

Empfehlung von Daniela Strigl
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Michel Houellebecq schreibt wenig überraschend »über die B-Seite des Daseins«: Gedichte von existentieller Wucht und radikaler Ehrlichkeit, bald zart, bald hart, bisweilen banal, immer düster; schlicht und pathetisch, ganz und gar nicht zynisch, sondern resignierend; eine Ichbespiegelung, die auch die französische Poesie der klassischen Moderne reflektiert – im Wohlklang wie im Ennui. Vom Aphorismus bis zum Alexandriner reicht das Formenrepertoire, des Autors Liebe zum Reim wird von den Übersetzern nicht geteilt, was einen reizvollen Kontrast ergibt.

2015: jouni-inkala-der-gedankenstrich-eines-augenblicks

Jouni Inkala: Der Gedankenstrich eines Augenblicks. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2014, 80 Seiten.

Empfehlung von Holger Pils
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Mit »Der Gedankenstrich eines Augenblicks« erscheint zum zweiten Mal ein Band des 1966 geborenen finnischen Dichters Jouni Inkala in deutscher Übersetzung. Der Titel dieser Auswahl, ein Querschnitt aus sechs Bänden von 2002 bis 2012, ist gut gewählt: Der Gedankenstrich markiert den Ort dieser Gedichte – ein Innehalten im Hier und Jetzt, ein Gewahrwerden des Moment, in dem sich das Ich nachdenklich umschaut und zugleich fragt, wie es weitergehen kann. Die Gedichte führen zu diesem individuell erlebten Augenblick zwischen dem Vergangenen und Zukünftigen, in dem sich manchmal die Menschheitserinnerung vordrängt: Sie holen die Antike oder die Geburt der Gletscher genauso in die Gegenwart wie die eigene Kindheit. So setzt der Mensch sich ins Verhältnis zum Lauf der Welt und erfährt, dass er vergänglich ist wie der Moment. Inkalas Gedichte sind eine Schule der Gelassenheit, denn sie erscheinen im ruhigen Einverständnis mit dieser Einsicht, die nie thesenhaft formuliert, sondern immer konkret wird. So sehen wir Anna Achmatowa, wie sie im Angesicht des Todes zu einem Vers anhebt – ein Höhepunkt in diesem Band, der in der in der auch sonst beachtenswerten Reihe P im Wunderhorn Verlag erschienen ist.

2015: les-murray-aus-einem-see-von-strophen

Les Murray: Aus einem See von Strophen. Hundert ausgewählte Gedichte. Aus dem australischen Englisch von Margitt Lehbert. Mit einem Nachwort von Thomas Poiss. Edition Rugerup, Berlin 2014, 192 Seiten.

Empfehlung von Jan Wagner
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Das Werk Les Murrays ist dank der Übersetzerin Margitt Lehbert hierzulande seit eh und je gut sichtbar; dennoch ist es wunderbar, dass der große Australier nun höchstpersönlich hundert ihm wichtige Gedichte in einem Band zusammengeführt hat, der wie stets die Widmung »To the Glory of God« trägt und fast lückenlos dessen irdische Schöpfungen preist. Murray, der sich selbst als »Kopfbauer« bezeichnet und seit den achtziger Jahren wieder auf der Kindheitsfarm in Bunyah, New South Wales, lebt, hat ein Faible für das Bodenständige, auch Derbe; seine Gedichte sind überbordend und sinnlich, nutzen das gesamte Vokabular des Englischen und sind dabei vor allem dies: eine Feier der Welt. Wer sie liest, fährt durch Sägewerkdörfer, trifft auf Peitschenvirtuosen, Kühe am Schlachttag und zahlreiche Vögel, hat am herrlichen »Traum, für immer Shorts zu tragen« teil – und wird sich bei der nächsten bärtigen Motorrad-Gang, die vorbeidonnert, daran erinnern, dass es sich in Wahrheit um »Höllen-Nikoläuse« handelt.

2015: edith-soedergran-finnlandschwedische-literatur

Edith Södergran / Elmer Diktonius/ Rabbe Enckell / Gunnar Björling / Henry Parland: Finnlandschwedische Literatur der Avantgarde. Hrsg. und übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. 5 Bände in Kassette. Kleinheinrich Verlag, Münster. Je 180 Seiten.

Empfehlung von Michael Braun
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Auf einem ärmlichen Fleckchen Erde in Karelien, unweit einer russischen Holzkirche mit grünen Zwiebelkuppeln, entstand 1916 die große Weltpoesie des Nordens. In ihrem karelischen Heimatdorf Raivola schloss die damals 24jährige Edith Södergran ihren bildmächtigen Gedichtband Dikter ab. Edith Södergran ist nun die Portalfigur der von dem Dichter und Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke herausgegebenen und auch komplett (!) übersetzten fünfbändigen Anthologie Finnlandschwedische Literatur der Avantgarde, einer editorischen Großtat, die uns fünf große Poeten der skandinavischen Moderne erschließt. Allein schon durch die bibliophile Ausstattung der Leinenbände, die mit der gewohnten Sorgfalt vom Verleger Josef Kleinheinrich gestaltet wurden, gehört diese durchweg Original wie Übersetzung präsentierende Anthologie zu den größten poetischen Ereignissen der letzten Jahre.

2015: danica-vukicevic-schamanin

Danica Vukićević: Schamanin. Aus dem Serbischen von Matthias Jacob. Drava Verlag, Klagenfurt 2014.

Empfehlung von Monika Rinck
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Internationale Lyrik in Übersetzung

»In Gedichten wende ich mich an jemanden – unklar ist / an wen.« Das Buch Schamanin beginnt karg, als begänne es am Ende der Dichtung wie von Neuem. Und baut sich dann auf. Wir lesen eine ars poetica, die in extremer Schräglage wider Erwarten jede Stabilität findet. Die Gedichte sind realistisch und sie sind sehr gut. Es braucht Mut und Kraft, all das zu halten, es heranzubringen, und zum Schwingen zu bringen. Indem ich auf den Band Schamanin von Danica Vukićević hinweise, möchte ich zugleich das Programm TRADUKI preisen, an dem Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Deutschland, Kosovo, Kroatien, Liechtenstein, Mazedonien, Montenegro, Österreich, Rumänien, die Schweiz, Serbien und Slowenien beteiligt sind und in dessen Lyrikreihe zuletzt auch großartige Bücher von Lidija Dimkovska, Miodrag Pavlović, Marko Pogačar in deutscher Übersetzung erschienen sind. Wenn Sie neue Lyrik entdecken wollen, schauen Sie doch einmal dort nach!

2014: Nico Bleutge - Verdecktes Gelände

Nico Bleutge: verdecktes gelände. gedichte. C. H. Beck 2013.

Empfehlung von Florian Kessler
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Deutschsprachige Lyrik

Dem diese Gedichte von Herzen empfehlenden Kritiker fällt auf, dass er mit ihnen nicht auf vertrautem Fuß steht. Dafür sind sie ihm angenehmerweise dauerhaft zu fremd. Als Übungen in Präzision führen sie immer wieder ein Repertoire untereinander eng verwandter Gesten vor: Das scheinbar möglichst klare Beschreiben von Wahrnehmungen, die Suggestion des Verzichts auf Einmischung. Ein feines, schwingendes Sprechen, das sorgfältige Präsentieren jedes Details. Immer neue Momente und Ansätze zu Geschichten tun sich auf im dritten Gedichtband des 1972 geborenen Nico Bleutge, in die sich in sanfter Konsequenz immer wieder neue Wahrnehmungspartikel und Sprachfunde hineinschieben: »frühe, schnell aufziehende / dunkelheit. abdrücke, fast noch bewegt, fast schon / umschlossen, vom grau, das die wände einfärbt. die abstände / wechseln langsam. luft dehnt sich aus und zerfällt / zu dichten flocken. strohpolster, dämmernde schlafwehen / treiben tiefer am boden vorbei. vor dem fenster / der schattenriß eines vogels, der näherkommt / weiter und weiter entfernt«.

2014: Thomas Brasch - Gesammelte Gedichte

Thomas Brasch: Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Martina Hanf und Kristin Schulz. Suhrkamp 2013.

Empfehlung von Maria Gazzetti
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Deutschsprachige Lyrik

Weil dieser Band sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte enthält und man sich dadurch ein umfassendes Bild machen kann, von einem großartigen Lyriker, der im tiefsten Sinne faszinierende, existentielle Gedichte schrieb. Weil das Werk dieses Dichters, der sein Leben »ohne Halt« lebte, uns in seiner Schönheit und Lebenswahrheit tiefst bewegt.

2014: Carl-Christian Elze: ich lebe in einem wasserturm am meer

Carl-Christian Elze: ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte. luxbooks 2013.

Empfehlung von Jan Wagner
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Deutschsprachige Lyrik

Schwäne mit Köchinnenhälsen, Lippen, die so weich sind wie Fischinnereien, Gras, das als Fell im Wind schwimmt, und Sommersprossen, die selbst Tote aufwecken und an der Klingelschnur im Sarg reißen lassen würden: Carl-Christian Elzes neue Gedichte bedienen sich eines Tons, der in der zeitgenössischen Lyrik vielleicht gefehlt hat – einfach, ohne banal zu sein, direkt und dennoch originell, bild- und vergleichsstark, mal komisch, mal derb, oft überraschend und immer berührend. Dabei geht jedes der lose gefügten Gedichte von einem ungeschützt sich ausstellenden, sich immer wieder hinterfragenden Ich aus, von dessen scheinbar ganz alltäglichen Beobachtungen an sich selbst und anderen (»ich lauf mit meinen beinen rum & hab recht viel zu tun«), von jenen allen bekannten und doch verlässlich rätselhaften Gefühlsregungen. Ein Band, der leicht wirkt, so luftig ist wie der titelgebende Wasserturm, der aber nachwirkt; Gedichte, die so zärtlich wie übermütig daherkommen: Aber »wollen wir vernünftig sein, müssen wir zum schlachthof gehen.«

2014: Nora Gomringer - Monster Poems

Nora Gomringer: Monster Poems. Voland und Quist 2013.

Empfehlung von Heinrich Detering
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Deutschsprachige Lyrik

Monster und Zombies bevölkern Nora Gomringers neue Gedichte, Figuren und Szenerien aus Filmen und Videoclips und aus den dunklen Kammern unserer kollektiven Angstlust. Manchmal lässig, manchmal leidenschaftlich rufen die Texte sie aus ihrem Halbdunkel. Sie tun das wie immer bei dieser Autorin nicht nur im gedruckten, sondern mehr noch im gesprochenen Text: Buch und Audio-CD gehören unbedingt zusammen. Und weil die Monster nicht nur gehört und gelesen, sondern auch gesehen werden müssen, hat Reimar Limmer die Gedichte auch noch mit wilden Collagen illustriert – Lyrik zum Anschauen, Lesen und Hören.

2014: cover_hefter_reicht

Martina Hefter: Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch. kookbooks 2013.

Empfehlung von Monika Rinck
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Deutschsprachige Lyrik

Das Handbuch von Martina Hefter versammelt gestische Gedichte, aufgezeichnet von einem poetischen Bewegungsapparat, der aus der Lage des Körpers und seiner Bewegung im Raum eine ganz eigene Sprache bezieht. Es geht um die Bedeutung einer Geste und deren Relevanz. Ein lyrisches Ich beschreibt noch die kleinsten Details seiner Bewegungen, seiner Lage, zwischen Dehnungshaltungen und zerdehnten Tagen. »Ein wildes Beginnen, sekündlich neu.« In der Lektüre weitet sich die Wahrnehmung und interessiert sich zunehmend für die Umwelt des eigenen Körpers, der sich, im Begriff dieses Buch zu lesen, dem Raum seiner Umgebung aufmerksamer anvertraut. Nachgerade choreographisch bewegen sich die Motive durch den auskomponierten Band. Wir treffen auf Anweisungen, die von Andreas Töpfer, dem Grafiker von kookbooks, kongenial auf die Seiten gesetzt sind: recto und verso, durchscheinend und verdoppelnd, einander kommentierend. Es ist sehr gut, dass es diese Gedichte gibt. Sie halten, alles was es gibt, in aufmerksamer Bewegung.

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Kito Lorenc: Gedichte. Mit einem Vorwort von Peter Handke. Suhrkamp 2013.

Empfehlung von Harald Hartung
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Deutschsprachige Lyrik

Der Sorbe Kito Lorenc ist einer der Stillen im Lande, aber seine Gedichte bweisen, dass große Poesie auch aus dem Lokalen kommen kann, um in Welt und Geschichte auszugreifen. Der zu seinem 75. Geburtstag erschienene Auswahlband »Gedichte« enthält die Essenz eines widerständigen, unangepassten Lebens. Wir lesen Gedichte über eine Kindheit im Dritten Reich, poetische Schilderungen der sorbischen Landschaft mit ihren Seen und Wäldern, Porträts von Menschen, die so langsam und tiefgründig sind wie der Dichter selbst. Peter Handke rühmt Lorenc in einem schönen Vorwort.

2014: Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker: études. Suhrkamp 2013.

Empfehlung von Daniela Strigl
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Deutschsprachige Lyrik

Mayröckers »Proeme« auf den Spuren von Francis Ponge, Mischformen zwischen Prosa und Poem, sind eben das nicht: Einübung in die Sterblichkeit sondern Feier des Lebens, berückende Beispiele für die magische Verwandlung von Welt in Sprache und retour.

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Franz Mon: Zuflucht bei Fliegen. Lesebuch. Herausgegeben von Michael Lentz. S. Fischer 2013.

Empfehlung von Michael Braun
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Deutschsprachige Lyrik

Franz Mon, 1926 als Franz Löffelholz geboren, transformiert seit 60 Jahren seine »Alphabetobsessionen« in eine sprachkritische, sprachverrückte und auch eminent politische Poesie. Seine Tiefbohrungen in der »buchstäblichen Existenz des Wortes« hat Michael Lentz in einem »Lesebuch« gesammelt, das den Wörterhunger und das artifizielle Formbewusstsein des Sprachkünstlers Franz Mon auf faszinierende Weise vergegenwärtigt.

2014: perret-_poesie_10cm

Roger Perret (Hg.): Moderne Poesie in der Schweiz. Mit einem Nachwort von Roger Perret im Auftrag des Migros Kulturprozent. Limmat 2013.

Empfehlung von Michael Krüger
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Deutschsprachige Lyrik

Bei dem Begriff 'Schweizer Poesie der Gegenwart' fallen auch einem Liebhaber von Gedichten oft nur zwei drei Namen ein, und dann lässt man sich gerne belehren, dass Jaccottet und Pusterla auch Schweizer Dichter sind und nicht Franzosen bzw. Italiener. Mit diesem Vorurteil räumt die Anthologie von Roger Perret mit ihren liebevoll und klug gestalteten sechshundert Seiten gründlich auf - die Schweiz, möchte man ausrufen, ist das Land der Dichter. Ein herrliches Buch, auch wenn der große Dichter Armin Senser fehlt, zu meinem großen Kummer.

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Jesse Thoor: Das Werk. Herausgegeben auf Grundlage der von Michael Hamburger besorgten Edition und mit einem Essay von Michael Lentz. Wallstein 2013.

Empfehlung von Ursula Haeusgen
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Deutschsprachige Lyrik

Jesse Thoors weithin noch unbekannte Gedichte sind ungewöhnlich direkt, sprechen unmittelbar an und lösen im Leser sofort etwas aus – eine Erfahrung, auf die man sich einlassen sollte. »Jesse Thoor ist ein großer Solist unter den Dichtern. Seine Poesie ist einzigartig. Sie geht uns alle an«, so der Herausgeber Michael Lentz.

2014: cover-wolf-lengevitch

Uljana Wolf: meine schönste lengevitch. kookbooks 2013.

Empfehlung von Holger Pils
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Deutschsprachige Lyrik

Uljana Wolf hat einen berückenden sprachmagischen Band geschaffen, der im Detail und durch die thematische Gesamtkomposition zugleich beeindruckt. Er ist ein großer Anspielungsraum, bevölkert von Anregern, mit denen Wolf zum Beispiel über das Ende der Abgeschiedenheit von Einzelsprachen sinniert. Das wird bei ihr zur Lust am Gewinn der Mehrsprachigkeit, der Sprachvermischung und -verschiebung, am »gemoppelten doppel«. In sechs Zyklen werden poetische Räume entworfen, in denen solche Gewinn- und Verlust-Rechnungen an den Grenzen der Sprachen, an den Grenzen von Sprache und Wirklichkeit aufgemacht werden. Theorie und Lebenswirklichkeit nähren diese Poesie gleichermaßen. Hinter ihr liegen linguistische Abhandlungen, Berichte über Psychoanalyse und Flüchtlingspolitik. Aber: meine schönste lengevitch ist kein trockenes Bedichten von Diskursen, sondern ihre lustvolle eigenständige Begründung in der Literatur, mit nur ihr eigenen Mitteln, der es nicht um die Beherrschung dieser Diskurse geht, sondern um ihre Poetisierung im Sprachspiel.

2014: cover_bogaert-softslalom

Paul Bogaert: Der Softslalom. Herausgegeben und übersetzt aus dem Flämischen von Christian Filips. roughbooks (Nr. 27) 2013.

Empfehlung von Monika Rinck
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Softslalom: Ein durchnummeriertes Langgedicht, das vordergründig vom Alltag in einer Badeanstalt handelt. Wir treffen auf Kontrolle sowie auf Spuren katastrophischen Kontrollverlustes, auf lose Routinen und deren Überschreitung. »Wo Textil ist, da sind auch Gespenster«. Wie es Paul Bogaert gelingt, eine beklemmend schlüssige und gleichermaßen abgründig komische Atmosphäre entstehen zu lassen, ist großartig. Einzelne Beschreibungen ragen stochernd ins Ganze hinein: ein dysfunktional routinierter Arbeitsalltag, wo hinter jeder Biegung eine gespenstige Feedbackrunde wartet. Es zeigt sich: Gedichte müssen nicht narrativ sein, um jede Menge Geschichten freizusetzen. »Schau, das alles steht hier, schwarzweiß, auf Papier«, schreibt Bogaert und überrascht nach zwei Dritteln des Weges mit einer seltsam verschobenen, aber seriösen Selbstkritik des Bandes. Vom Drama sich zunehmend dem Trauma zuneigend, werden nun die Konturen eines Unglücks deutlich. Ist jemand ertrunken? Lesen Sie selbst – und freuen Sie sich über eine ausgezeichnete Übersetzung.

2014: cover_carver

Raymond Carver: Ein neuer Pfad zum Wasserfall. Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus. S. Fischer 2013.

Empfehlung von Daniela Strigl
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Ein atemberaubendes Buch als doppeltes Vermächtnis: schlichte Gedichte von wuchtiger Prägnanz, die Carver nach seiner Krebsdiagnose schrieb und mit Texten von Milosz und Tschechow kombinierte, und die letzte, ergreifend empathische Übersetzungsarbeit des großen Helmut Frielinghaus.

2014: cover_hartwig_reicht

Julia Hartwig: Und alles wird erinnert. Gedichte. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. Neue Kritik 2013.

Empfehlung von Michael Krüger
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Julia Hartwig, 1921 in Lublin geboren, ist die letzte der großen Dichter der alten Generation in Polen. Jetzt ist sie endlich nach Milosz, Herbert, Rózewicz und Szymborska mit einem eigenen Band zu entdecken. In Polen ist sie die berühmte Übersetzerin moderner französischer und amerikanischer Poesie und Autorin großer Monographien zu französischen Dichtern, aber eben auch eine ganz eigene Dichterin lakonisch-ironischer Gedichte.

2014: cover_krueger-gross-aber-72-dpi

Federico Italiano und Michael Krüger (Hg.): Die Erschließung des Lichts. Italienische Dichtung der Gegenwart. Carl Hanser 2013.

Empfehlung von Maria Gazzetti
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Die von Michael Krüger und Federico Italiano herausgegebene Anthologie gibt einen wunderbaren Überblick über die Vielstimmigkeit der italienischen Lyrik von der Nachkriegszeit bis heute. Neben Klassikern wie Mario Luzi und Pier Paolo Pasolini sind in dem Band viele in Deutschland noch wenig bekannte Stimmen zu entdecken wie etwa Valerio Magrelli und Gabriele Frasca. Abgerundet mit einem Vor- und einem Nachwort der Herausgeber und ausführlichen biografischen Angaben zu den Autoren, lädt dieses Buch zu einer zugleich leichtfüßigen wie fundierten Exkursion durch die italienische Lyriklandschaft ein.

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Erik Lindner: Nach Akedia. Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still. Mit einem Nachwort von Ulf Stolterfoht. In der Reihe »Spurensicherung« des DAAD. Matthes & Seitz 2013.

Empfehlung von Michael Braun
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Die phänomenologische Poesie des niederländischen Dichters Erik Lindner inszeniert einen »Film in Worten«. Die Gedichte initiieren stumme Kamerafahrten an Stadt- und Küstenlandschaften entlang, fangen Baumschatten, Brücken und Boote ein, zerlegen scheinbar vertraute Ordnungen der Natur und ermöglichen es uns, unsere Lebenswelt neu zu sehen - mit den Augen eines hellwachen Melancholikers.

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Czeslaw Milosz: Gedichte. Aus dem Polnischen von Doreen Daume, Karl Dedecius, Gerhard Gnauck und Christian Heinrich. Auswahl und Nachwort: Adam Zagajewski. Carl Hanser 2013.

Empfehlung von Holger Pils
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Milosz ist einer der ganz großen Autoren Polens, der 2004 mit 93 Jahren in Krakau starb, Nobelpreisträger mit einem imponierenden Werk, das über viele, zuweilen dramatische biografische Wendungen hinweg entstanden ist. Vierzig Jahre hatte er im Exil gelebt, dreißig davon in Amerika. Hundert Gedichte bringt die sehr schöne, von Adam Zagajewski besorgte Auswahl – Lese eines langen Lebens, die zeigt, wie sehr Milosz dem Dasein, den Menschen und der Welt mit Sinnenfreude, Respekt und Interesse zugewandt ist, zutiefst human. Aufrichtig und skeptisch befragt er die Poesie nach ihrem Sinn und ihrer Wirksamkeit. Historisches und Politisches, Zeitgenössisches aus verschiedenen Kulturen dringt in die Gedichte ein, zwingt sie aber nicht nieder, nie wird der poetische Ausdruck flach. Und bei aller Skepsis ist da immer Hoffnung: Gedichte dürfen, heißt es, nur geschrieben werden »unter unerträglichem Zwang und in der Hoffnung, / ein Instrument der guten und nicht der bösen Geister zu sein«. Diese Hoffnung liest man diesen wunderbaren Gedichten ab.

2014: cover_mort

Valzhyna Mort: Kreuzwort. Aus dem Englischen und Weißrussischen von Katharina Narbutovic und Uljana Wolf. Suhrkamp 2013.

Empfehlung von Florian Kessler
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Alles steht hier durcheinander. Kreuzwort ist ein Buch der Verwirrung: Dissonanzen und Wohlklänge treffen aufeinander, Rhythmen und Abbrüche spielen miteinander, jedes Bild und jede Anspielung kann sich dem Gefühl nach jederzeit in viele Richtungen umkrempeln. Dieser Modus beständiger Verwandlungen setzt auch die Familiengeschichte Valzyhna Morts in Bewegung, die wie schon in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Band Tränenfabrik die Grundlage aller Widersprüche bildet. Valzyhna Mort ist 1981 in Minsk geboren, das in der Sowjetunion unterdrückte Weißrussisch hat sie erst spät gelernt. Heute lebt sie in Washington und schreibt ausschließlich in ihren zweiten Sprachen, auf Weißrussisch und Englisch. In den Übersetzungen von Katharina Narbutovic und Uljana Wolf erscheinen die Prosastücke und Gedichte des Bandes in all ihren Sprüngen und Drehungen wie notwendig fließend, als Dokumente großer Dringlichkeit.

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Cees Nooteboom: Licht überall. Gedichte. Aus dem Niederländischen von Ard Postuma. Suhrkamp 2013.

Empfehlung von Harald Hartung
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Internationale Lyrik in Übersetzung

»Was sitzt nun da? Ein Mann oder ein Gedicht?« Die Antwort kann nur lauten: Cees Nooteboom. Der Niederländer Nooteboom, vielen Lesern durch seine Romane und Reisebücher bekannt, ist zugleich der Autor eines beachtlichen lyrischen Werkes. Er ist ein Mystiker des Sehens, wie schon vor Jahren das Gedichtbuch Das Gesicht des Auges bewies. Licht überall mit Gedichten aus zehn Jahren, die wiederum Ard Postuma getreu übersetzt hat, führt diese Linie fort. Der Dichter sieht »Licht überall, bis auf die Zähne / des Raubtiers, auf die Nägel des Mörders und das glänzende Messer, das das letzte Wort schreibt.« Auch seine Portraits von Dichtern und Philosophen sind von einem klaren Licht erfüllt.

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Anders Olsson: men så oändligt lätt att svara dig / Aber so unendlich leicht dir zu antworten. Dikter / Gedichte. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Kleinheinrich 2013.

Empfehlung von Ursula Haeusgen
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Die Gedichte sprechen – beruhigend und beunruhigend zugleich – über das widersprüchliche Leben der Menschen in der Welt.

2014: cover_plath

Sylvia Plath: Der Koloss. Gedichte, englisch und deutsch. Übertragen von Judith Zander. Suhrkamp 2013.

Empfehlung von Jan Wagner
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Dass der einzige zu ihren Lebzeiten publizierte Gedichtband der wunderbaren Sylvia Plath nun vollständig auf Deutsch vorliegt, war überfällig – und dass die Übersetzung der Lyrikerin Judith Zander so genau wie einfühlsam ist, erscheint darüber hinaus als ein wirklicher Glücksfall. Gleichzeitig ist hinzuweisen auf einen bei luxbooks parallel erschienenen Band (Sylvia Plath, Übers Wasser) der spätere Gedichte Plaths versammelt. Auch dieses Buch ist erstklassig – und da es ebenfalls von Judith Zander, mit ebenso viel Fingerspitzengefühl und noch dazu im selben Jahr übersetzt wurde, ist eine Doppelnennung unvermeidbar: Es handelt sich recht eigentlich um ein einziges Buchprojekt, verteilt allerdings auf zwei verschiedene Verlage.

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Sylvia Plath: Übers Wasser / Crossing the Water. Nachgelassene Gedichte. Übersetzt von Judith Zander. luxbooks 2013.

Empfehlung von Heinrich Detering
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Der sensationelle Erfolg von Sylvia Plaths erstem Gedichtband The Colossus ist erkauft mit einer Anspannung der Texte, die manchmal noch den Druck der eigenen Ambitionen spüren lässt. Anders diese Sammlung späterer Gedichte von 1961/62, die Ted Hughes aus dem Nachlass herausgab. Hier verfügt Sylvia Plath ebenso unangestrengt wie souverän über ihre poetischen Mittel, in Gedichten, die sie in ihrer frühen Meisterschaft zeigen. Wunderbar, dass sie jetzt zusammen mit Judith Zanders Übertragung erstmals in einer zweisprachig englisch-deutschen Ausgabe vorliegen!

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Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Hg. von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2012, 396 Seiten.

Empfehlung von Heinrich Detering
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Deutschsprachige Lyrik

Gegen Depressionen und Angstzustände schrieb er lebenslang an, mit wechselndem Erfolg. Zwischen starken Versen und gescheiterten Anläufen schwankt die Hinterlassenschaft des Außenseiters und Einzelgängers Wolfgang Bächler. Dem 2007 Gestorbenen ist nun posthum eine schöne Gesamtausgabe gewidmet. Sie zeigt Glanz und Elend eines Poeten, dessen Wunden aus der Kriegs- und der Nachkriegszeit nie verheilen wollten. (Und wer Einfälle formulieren konnte wie den, dass einem Van Gogh »sein Ohr leiht«, der war ein Poet.)

2013: rede

Kerstin Preiwuß: Rede. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 87 Seiten.

Empfehlung von Monika Rinck
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Deutschsprachige Lyrik

›Rede‹ ist ein Langgedicht, das zu einzigartig ist, um Vorbild zu sein für andere Langgedichte. Es ist gut, dass es ein Langgedicht ist, denn es benötigt sehr viel Raum und nutzt ihn. Man ist dankbar für die Distanz, die seine Einzelteile darin untereinander austauschen können. Aber niemals verlieren sie den Kontakt zueinander ganz. Auch kommunizieren seine Strophen, seine Zeilen sowie seine Umbrüche in alle Richtungen. Das Langgedicht ›Rede‹ ist ein trauriger Text, der von seinem wie kreisenden Anfang an mit einer verstörenden, leicht irren Komik begabt ist. Ich finde weder verschämte noch auftrumpfende Reime, sondern heftende Reime: Gleichklang als leisen Trost. Formal verbirgt sich Komplexität in Leichtgesagtem, wobei das Leichte wie in einer Kür dasjenige ist, das am schwersten zu erringen ist.

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Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012, 94 Seiten.

Empfehlung von Florian Kessler
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Deutschsprachige Lyrik

Stil ist hier, keinen Stil zu haben. Der Leipziger Verleger und Essayist Bertram Reinecke, Jahrgang 1974, fahndet seit Jahren nach den Innovationsansprüchen derzeitiger Lyrik. Seine »Schlüssel für die hochdeutsche Sprachkunst« sind nicht eigens von ihm erfunden, sondern bei anderen Dichtern aufgefunden und immer wieder anders montiert. Das ist durchaus als Anschlag auf jede Vorstellung vom eigenen Dichterton zu lesen – und eine wimmelnde Multitude poetischer Möglichkeiten in einem einzigen Stück Poesie.

2013: dapunt

Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio Verlag 2012, 64 Seiten.

Empfehlung von Daniela Strigl
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Internationale Lyrik in Übersetzung.

Die (nicht nur auf Ladinisch) klangvollen Gedichte rund um die Schlachtung eines Schweins beeindrucken durch ihre schlichte Beschreibungskunst, den Verzicht auf symbolische Aufladung, Bauernhofnostalgie und »Tierethik«-Routine. Auf eng begrenztem Raum, sich vertiefend, ein eng begrenztes Thema: Nachdenken über den Tod und das Töten – und das Essen. »Nauz« heißt Futtertrog.

2013: geher

István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends, Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012, 32 Seiten.

Empfehlung von Ursula Haeusgen
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Das schmale Bändchen enthält zwölf von zweiundfünfzig Gedichten (zweisprachig) aus dem 2002 erschienenen Band ›Esztendök éve – Das Jahr der Jahre‹. Das Original-Buch enthält so viele Gedichte wie das Jahr Wochen, und der Autor zeichnet das Vergehen des Jahres von Woche zu Woche auf und erinnert sich dabei jeweils an frühere Jahre, so dass diese Gedichtfolge der Vers-Kalender seines Lebens ist, und wenn wir das Buch zumachen, ist es, als ob wir ein Epos durchwandert hätten. Wie Fotografien rufen die einzelnen Gedichte Stimmungen und Ereignisse wach und blicken auf ein Menschenleben zurück, in der Hoffnung – die zugleich eine Not ist – es zu erfassen. István Géher ist ein wunderbarer Dichter, der hierzulande noch zu entdecken ist.

2013: ingold

Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012, 532 Seiten.

Empfehlung von Maria Gazzetti
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Felix Philipp Ingold hat über 100 russische Lyriker versammelt und zum Teil zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt – Klassiker und noch unentdeckte Lyriker, von denen jeweils 1 Gedicht exemplarisch ausgesucht wurde, mit erhellenden Informationen dazu. Man schlägt das Buch auf und liest und liest. Auch ohne die Kenntnisse der russischen Sprache spürt man, dass die Übersetzungskunst von Ingold hier ihre schöpferischste, höchste und liebevollste Stufe erreicht hat. Dieses Buch ist kühn und originell arrangiert, es ist ein grandioser Liebesgruß aus der Welt der Lyrik an all diejenigen, die Lyrik lieben oder sie zu lieben anfangen könnten.

2013: derek-walcott

Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag, München 2012, 183 Seiten.

Empfehlung von Michael Braun
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Internationale Lyrik in Übersetzung

In seinem monumentalen Versepos ›Omeros‹ (1995) verherrlichte der karibische Dichter Derek Walcott die Seeschwalbe als kosmopolitischen Lotsen der Lüfte. In seinem meisterlichen Gedichtbuch ›Weiße Reiher‹ (2012) ist es nun die Eleganz der Schreitvögel, die für den Dichter zum Inbegriff der »stolzierenden Vollkommenheit« werden. In 54 Gedichten erkundet Walcott in bewegenden elegischen Versen seine Lebensspuren zwischen der Karibik, Europa und Amerika. Die »weißen Reiher« verkörpern dabei die Natur wie die Dichtung, sie stehen für Leben und für Tod, und ihr Weiß trägt alles in sich: das Weiß des »Seeigelbarts« des Dichters, das Weiß des Papiers, auf dem der Dichter schreibt, und die schaumige Brandung. Es ist ein Buch der Schöpfungsgeschichte und zugleich ein Requiem, Landschaftshymnus wie Großstadtpoem.

2013: derek-walcott

Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag, München 2012, 183 Seiten.

Empfehlung von Harald Hartung
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Der achtzigjährige Derek Walcott, der große karibische Dichter und Nobelpreisträger des Jahres 1992 hat in den 54 Gedichten des Bandes ›Weiße Reiher‹ (›White Egrets‹) ein Werk von großer Souveränität und Leuchtkraft geschaffen. Die Verluste des Alters erscheinen im Licht einer unverlorenen Schöpfung. Werner von Koppenfels hat Walcotts gebrochenen und spannungsreichen Ton kongenial ins Deutsche gebracht. Besonders zu loben: Die Ausgabe ist zweisprachig!

2013: derek-walcott

Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag, München 2012, 183 Seiten.

Empfehlung von Kristina Maidt-Zinke
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Derek Walcotts Weiße Reiher überfliegen die Alte und die Neue Welt, sie transportieren Traumfragmente, Reise- und Liebeserinnerungen aus einem sinnlich gesättigten Leben in poetischen Bildern von großer Eindringlichkeit und Originalität. Die ewige Bewegung des Meeres wird in diesen Gedichten hörbar, die Musik von Großstadt und Natur, aber auch der Gedanken-Sound eines eigenwilligen Geistes, der die Wirren der karibischen Kolonialgeschichte ebenso in sich trägt wie die klarsichtige Affinität zur westlichen Kultur und die ironische Melancholie des nahen Abschieds. Ein vibrierend vitales Spätwerk, für dessen unverwechselbaren Ton der Übersetzer Werner von Koppenfels das deutsche Äquivalent gefunden hat. Die zweisprachige Ausgabe ist ein Juwel unter den lyrischen Neuerscheinungen des Jahres 2012.

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Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag, Zürich  2012, 1479 Seiten.

Empfehlung von Jan Wagner
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Internationale Lyrik in Übersetzung

So umstritten ihr Autor war, verehrt von den einen, gehasst von anderen, so unbestritten ist, dass das Haupt- und Lebenswerk Ezra Pounds, die Cantos, zu den bleibenden Schöpfungen der Moderne zählt: gewaltig, welt- und zeitenumspannend, schwierig, vielsprachig und vielschichtig und im Laufe vieler Jahrzehnte entstanden. Ebenso lange und beständig hat die Übersetzerin Eva Hesse sich mit diesem komplexen und grundlegenden Werk beschäftigt und versucht, eine deutsche Entsprechung zu finden; das Ergebnis liegt nun erstmals lückenlos und in einer wunderbar gestalteten, dazu zweisprachigen und kommentierten Ausgabe vor, die jede Lyrikbibliothek zieren würde, vielleicht zieren sollte.

2013: 978-3-446-23990-6-21251411535-52

Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag, München 2012, 130 Seiten.

Empfehlung von Michael Krüger
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Internationale Lyrik in Übersetzung

Adam Zagajewski vereinigt all das, was wir an der polnischen Lyrik so lieben: Ironie und Selbstironie, einen melancholischen Blick auf die Welt, einen Sinn für Geschichte und ein waches Auge für die Gegenwart, kurzum: Er ist der würdige Nachfolger von Zbigniew Herbert und Wislawa Szymborska.

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2016: Michael Braun empfiehlt Volker Sielaff (Video)
2016: Kristina Maidt-Zinke empfiehlt Daniela Seel (Video)
2016: Marion Poschmann empfiehlt Anne Seidel (Video)
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