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Yoko Tawada

Yoko Tawada

Writer and Literary scholar
Born 23/3/1960
Member since 2012
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Self introduction

Meine Damen und Herren,

ich möchte mich als neues Mitglied der Akademie kurz vorstellen. Ich könnte meine kurze Vorstellung damit beginnen, über meinen Geburtsort, Tokio, zu erzählen. Ich könnte genauso gut mit dem Ort anfangen, wo ich jetzt lebe: Berlin. Oder mit dem Ort, an dem ich bis jetzt am längsten gelebt habe, und das wäre Hamburg. Ich könnte aber auch mit einem Ort anfangen, an dem ich weder geboren bin noch lebe, sondern nur zu Gast war, denn ich bin eine Reisende.

Als ich im letzten Sommer in Klappholttal, einem kleinen Ort auf der Nordseeinsel Sylt, ankam, wurde die untere Hälfte meines Blickfeldes sofort von sattgrünen Rosenbüschen überflutet. Die Rosen strahlten genauso elegant und erhaben wie die Großstadtrosen, die den Festsaal eines Palastes schmücken, wirkten aber irgendwie bescheiden, wahrscheinlich, weil ihre Farben nicht dick und gleichmäßig aufgetragen waren. Die Blütenblätter waren so dünn wie das schlichte Kleid eines dünnen, mittellosen Mädchens, das am Strand mit dem Wind tanzte. Sie hat ihre Tanzkunst nicht in einer Tanzschule gelernt. Ihr Tanzlehrer war eine Strandfahne, ihr Tanzpartner der Wind. Sie wusste genau, wann sie nachgeben musste. Ich dachte ans große Schweigen des langen Winters und ein beschwerliches Leben von früher, in dem man gegenüber der Natur Bescheidenheit entwickelt hat.

Eine ortskundige ältere Frau brachte mir die Bezeichnung Kamtschatkarose bei. Sie sagte, die Kamtschatkarose sei aus Japan gekommen. Ich sagte ihr, Kamtschatka gehöre nicht zu Japan. Ich wollte keine Oberlehrerin spielen, sondern den euroasiatischen Kontinent schnell von Japan abkoppeln, bevor jemand mir unterstellt, japanischen Kolonialismus zu bejahen. Die Pflanzennamen versuchen, unpolitisch zu blühen. Prunus serrulata wird in Deutschland Japanische Blütenkirsche genannt. Eine bestimmte Sorte der Kirsche, Someiyoshino (Cerasus yedoensis), wurde von Japanern am Ende des 19. Jahrhunderts in östlichen Gebieten des heutigen China und Russland eingepflanzt. Die Imperialisten haben durch die Kirschblüten die Orte vormarkiert, die später japanisch werden sollten.

Die Kamtschatkarosen, die sich in Nordfriesland niedergelassen haben, werden Syltrosen genannt. Meine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland trägt offiziell den Namen Niederlassungserlaubnis. Bei dem Wort niederlassen wird das Gewicht nach unten verlagert. Es tut mir gut, den schweren Kopf und die Schultern wie Reisegepäck auf den Boden zu stellen. Ich habe mich hier niedergelassen! Im Unterschied zu den Syltrosen möchte ich jedoch keine Wurzeln schlagen, sondern die neuen Wurzeln der Wörter poetisch erkunden. Ich weiß nicht, was mir unheimlicher ist: die Einbürgerung der Rosen oder die Naturalisation der Menschen. Die Rosen bekommen kein Bürgerrecht, gehen nicht auf einem Bürgersteig spazieren. Bei der Naturalisation wird der Einwanderer zu einem Teil der Nation erklärt und somit die Nation zur Natur.

Ein Jahr später begrüßten mich die Syltrosen wieder in voller Blüte. Dieses Mal erinnerte mich ihre Farbe an die des Gürtels, Obi, für den Sommerkimono, Yukata, den ich als Kind zum Sommerfest trug. Auf einmal fiel mir ein, dass ich diese Rosen schon gekannt hatte, bevor ich ihnen ein Jahr zuvor auf Sylt begegnet war. Die Syltrose ist identisch mit Hamanasu! Da mir die einschüchternde Bezeichnung Kamtschatkarose im Weg stand, war mir das Wort Hamanasu gar nicht eingefallen und somit auch nicht die Tatsache, dass ich diese Pflanze schon kannte.

Hamanasu blühen im Norden Japans. Hama bedeutet der Strand und Nasu die Aubergine. Die Syltrose ist die Strandaubergine. Hamanasu wird auch Hamanashi genannt, die Strandbirne. Manche sagen, das Wort Hamanasu sei durch die regionale Lautverschiebung des Wortes Hamanashi entstanden und habe nichts mit der Aubergine zu tun. Andere sagen, man finde die Bezeichnung Hamanasu bereits im mittelalterlichen Pflanzenlexikon. Sei es nun die Birne oder die Aubergine, ich habe eine neue Ernte. Eine Rückübersetzung oder eine etymologische Reise bringen mir gelegentlich neue Früchte.

Im Internet entdeckte ich noch mehr Bezeichnungen für die Syltrose: Japanische Apfelrose und Kartoffelrose. Zu der Aubergine und der Birne kamen noch der Apfel und die Kartoffel. Ich muss das ganze Obst und Gemüse im winzigen Wortkeller der Rose unterbringen, der eigentlich schon mit Hagebutten vollgestopft ist. Außerdem muss ich Kamtschatka, Sylt und Japan unter ein Dach bringen. Woraus besteht dieses Dach? Nach der Sylter Tradition werden die Dächer mit Reet gedeckt. Womit wird das Dach des Sprachgedächtnisses gedeckt?

Wenn das Wetter gut ist, geht das Wort Syltrose spazieren, findet falsche Freunde am Strand, zum Beispiel eine Schildkröte. Syltrose und Schildkröte haben Ähnlichkeiten, die für eine Freundschaft ausreichen, auch wenn sie für die anderen unbedeutend sind. Die Syltrose lernt später einen noch falscheren Freund, einen Sylt-mat-rosen, kennen und geht mit ihm auf eine Weltreise, landet in Neuseeland, erinnert sich dort, dass das Wort Sylt möglicherweise von See-land kommt. So hat sie einen Weg von altem Seeland zum neuen Seeland gefunden.

Ich bin jetzt in Neuseeland gelandet, möchte gerne den Weg von dort bis Darmstadt noch beschreiben, aber so viel Zeit habe ich leider nicht mehr. Auf jeden Fall freue ich mich sehr darüber, dass ich als neues Mitglied der Akademie bei Ihnen in Darmstadt sein kann.