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Wulf Oesterreicher

Wulf Oesterreicher

Teacher of Romance languages
Born 2/12/1942
Deceased 7/8/2015
Member since 2010

Self introduction

 

Meine Damen und Herren,
die Nachricht über die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war für mich eine große, schöne Überraschung, und erst nach einiger Zeit machte ich mir klar, dass – abgesehen von einem allgemeinen Interesse als literarisch interessierter Sprachwissenschaftler für die Akademie – schon zwei präzise Verbindungen mit ihr bestanden: Als junger Assistent habe ich bei der Antwort auf eine Preisfrage der Akademie »Ist die Berufung auf Sprachgefühl berechtigt?« 1980 mit vier anderen Teilnehmern einen Preis erhalten. Er erlaubte mir immerhin den Kauf einer Klarinette. Zweitens habe ich dann im Jahr 2005 auf Einladung von Uwe Pörksen, im Heft 1 von Valerio, das den Titel trug »Die Wissenschaft spricht Englisch?«, einen Artikel zum Deutschen als Wissenschaftssprache geschrieben.
Ich hoffe, dass ich der Akademie eben bei den in den nächsten Jahren sicherlich anstehenden sprachpolitischen, sprachpädagogischen und sprachnormbezogenen Fragen nützlich sein kann. Dies nicht zuletzt deshalb, weil ich den Leiter der Sprachkommission Peter Eisenberg von der gemeinsamen Arbeit im Fachkollegium »Sprachwissenschaften« bei der »Deutschen Forschungsgemeinschaft« gut kenne und außerdem als romanistischer Sprachwissenschaftler ein besonderes Interesse für theoretische und praktische sprachnormbezogene Problemstellungen habe, also speziell für sprachliche Varietäten.
Ich bin als Schwabe, genauer als Esslinger, der übrigens aus einer böhmischen Flüchtlingsfamilie stammt, ein Sprachwissenschaftler, der im süddeutschen Raum groß geworden ist. Man studierte damals natürlich zuerst einmal in Tübingen, an der Landesuniversität, wie es hieß – ich war zum Studium aber auch ein Jahr in Nancy –, dann ging es als Assistent nach Freiburg, und nach einem Ausflug nach Frankfurt, inzwischen habilitiert, habe ich als Romanist seit 1990 meine Wirkungsstätte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In seiner Akademie-Vorstellung aus dem Jahr 1978 spricht Roger Bauer, den ich noch persönlich kannte, von München als einer Stadt, von wo aus der Rest der Republik, vor allem »Nördliches streng, aber gerecht beurteilt wird« – so weit würde ich keinesfalls gehen. Aber München ist eine Stadt und Universität, die man normalerweise nicht mehr verlässt.
Geprägt wurde ich auch durch die Arbeit in zwei wichtigen geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichen – Wort und Sache sind für fremd-sprachliche Freunde besonders schwer zu durchschauen. In ihnen leitete ich über lange Jahre Projekte: Im Freiburger Sonderforschungsbereich zu »Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit« ging es im Projekt um das Schreiben einfacher Soldaten bei der Eroberung und Kolonisation Hispanoamerikas, wie es sich in Privatbriefen, Berichten, Chroniken und anderen Dokumenten zeigt; im noch laufenden Münchner Sonderforschungsbereich zu »Pluralisierung und Autorität in der Frühen Neuzeit« bearbeiten wir in zwei Projekten einmal die Mehrsprachigkeit im spanischen Königreich Neapel, also den Gebrauch von Sizilianisch, süditalienischen Varietäten, Römisch, Toskanisch, Katalanisch und Spanisch zwischen 1500 und 1700, also einer Zeit, in der das Italienische als Nationalsprache noch nicht existierte, und dann die Akkomodation europäischer katechetischer Diskurse und Traditionen an die Erfordernisse der Christianisierung in Hispanoamerika.
Über Europa hinaus gilt mein großes Interesse Lateinamerika, was sich neben den angedeuteten Forschungsschwerpunkten vor allem auch in exzellenten Beziehungen mit Studierenden, Doktoranden und Dozenten mexikanischer, venezolanischer, peruanischer, brasilianischer und argentinischer Universitäten spiegelt.
Besonders Perú gilt unsere große Liebe, wo wir, meine Frau Marianne und ich, 1988 eine damals sieben Monate alte Indianerin, die wir Alma Sofía nannten, aus einem Waisenhaus in den Anden adoptiert haben. Jetzt studiert sie in Freiburg.
Damit ist über mich, denke ich, alles an dieser Stelle Notwendige gesagt. Ich danke der Akademie herzlich für die Zuwahl.