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Peter Turrini

Peter Turrini

Dramatist
Born 26/9/1944
Member since 2005

Self introduction

 

Geschätzte Akademie! Liebe Freunde der Sprache und der Dichtung!

Ich versuche Ihnen in der vorgegebenen Zeit, nämlich in 5-7 Minuten, die mir Herr Reichert und das Statut eingeräumt haben, ein Bild von mir zu vermitteln. Es wird also ein verkürztes Bild werden.
Ich wurde 1944 in einem kleinen Kärntner Dorf geboren, meine Mutter war ein Dienstmädchen, mein Vater ein italienischer Gastarbeiter. Er war Analphabet, sprach bis zu seinem frühen Tode nicht wirklich deutsch, sondern ein Gemisch aus italienischem und österreichischem Dialekt. Aber er hatte eine wunderbare Fähigkeit: er schnitzte Barockstühle, Madonnen, und Herrgötter. So wie es in der Musik Menschen gibt, die ein absolutes Gehör haben, hatte er eine absolute Haod. Wenn er mit der freien Hand einen Kreis zeichnete, haben wir Kinder ihn mit dem Zirkel nachgemessen. Er stimmte immer.
Ich erwähne dies, weil ich den Beruf des Dramatikers als eine ständige Auseinandersetzung mit der Form empfinde – und diesen Willen zur Form habe ich wohl von ihm.
Die Integration unserer Familie in diesem Kärntner Dorf der Fünfziger Jahre hat nicht funktioniert. Wir waren immer die Ausländerkinder, die »Katzelmacher«. Erst als mein Bruder die Tochter des Bürgermeisters heiratete, hat sich das geändert.
Ich wollte als Kind immer dazugehören. Die Position am Rande des Spielplatzes, die Ausgrenzung – die Beobachtung der anderen, die frühe Ausdenkung von Dialogen und Geschichten, war nichts Freiwilliges. Daß später daraus ein Beruf geworden ist, ist sehr erfreulich, die Sehnsüchte des Kindes waren andere.
Mit 14 Jahren holte mich ein vermögendes Ehepaar, Gerhard und Maja Lampersberg, in ihr schönes großes Haus auf einem Hügel des Dorfes. Es war eine Art geistiger Adoption: Sie brachten Ordnung und Bildung in meinen phantasierenden Kopf. Ich wohnte bei ihnen und wurde den Dorfkindem noch fremder. Ich hatte nur noch den einen heißen Wunsch: ein Schriftsteller, ein Dramatiker zu werden.
Die Lampersbergs waren private Mäzene, bevor es eine staatliche Kunstförderung gab. In ihrem Haus lebten, oft über viele Monate, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Thomas Bernhard, und etliche andere große Namen, die damals noch völlig unbekannt waren. Thomas Bernhard hat über diese Zeit das Buch Holzfällen geschrieben, in welchem er Gerhard Lampersberg dem Gespött preisgab. Literarisch großartig, menschlich eine Schweinerei. Ich trage es ihm bis heute nach.
1971 wurde mein erstes Stück Rozznjogd am Wiener Volkstheater uraufgeführt. Die Jahre davor habe ich in Deutschland als Hilfsarbeiter, in Wien als Magazineur, in Linz am Hochofen, in Italien in der Gastronomie gearbeitet, aber jetzt war ich am Ziel: am Theater.
Seither habe ich ungefähr 40 Theaterstücke geschrieben. Sie wurden alle aufgeführt, aber mehr als die Hälfte hat sich von der Niederlage der Uraufführung nicht erholt. Der andere Teil ist inzwischen in etliche Sprachen übersetzt worden und macht seine Weltenrunde. Ich habe ein paar Gedichtbände geschrieben. Beim Suhrkamp Verlag erscheint derzeit mein bisheriges Werk in 12 Bänden. Herausgeberin ist Silke Hassler.
Für mich ist die öffentliche Wortmeldung – in Reden und Essays – ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Im Grunde genommen sind es immer wiederkehrende. fast beschwörende Versuche, ein Land herbei zuschreiben, in welchem sich auch Menschen wie ich zuhause fühlen könnten.
Einige der Uraufführungen waren in Österreich sogenannte Theaterskandale. Für mich bestand der Skandal vor allem darin, daß bestimmte Politiker und dazugehörige Zeitungen versuchten, die Uraufführungen zu verhindern.
Inzwischen sind aus den Würgern Schulterklopfer geworden, aber es ist die nämliche Hand, die vom Hals zur Schulter gewandert ist. Sie werden verstehen, daß ich gegenüber österreichischen Ehrungen sehr skeptisch bin. Die Hand könnte ja wieder von der Schulter zum Hals zurückwandern.
Die Ehre, ihrem feinen Verein als korrespondierendes Mitglied anzugehören, habe ich gerne angenommen. Erstens haben Sie mir nichts getan und zweitens: auch wenn Karl Kraus die gemeinsame Sprache als das eigentlich Trennende zwischen Österreichern und Deutschen bezeichnete, so bin ich doch der Meinung, daß wir am selben Sprachstrang ziehen, vielleicht an zwei verschiedenen Zipfeln.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören.