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Michael Hofmann

Michael Hofmann

Writer and Translator
Born 25/8/1957
Member since 2010

Self introduction

Vorstellungsgeplänkel

Als ich das letzte Mal etwas in deutscher Sprache verfassen sollte, vielleicht vor dreißig Jahren, hatte ich anschließend monatelang ganz fürchterliche Träume. Es macht ja was mit einem, dieses Deutsche. Auch jetzt zeichnet der Computer böse Warnlinien in rotem Stacheldraht unter fast jedem Wort und versucht laufend (und auch noch hinterrücks) mich zu korrigieren, als ob ich mich bloß ständig verschreiben würde. Hier, so könnte man meinen, stimmt etwas nicht. Aber es soll ja Deutsch sein, und Ihnen zuliebe gebe ich mir die Mühe und nehme die Konsequenzen auf mich. Vielleicht gestattet man mir noch ein englisches Motto. Da es mich über diese Minuten hinüberretten muss, ist es auch von entschiedener, ja, von erlauchter kauziger Englischkeit. Es stammt nämlich von Graham Greene: „From time to time in my life I had found it necessary to provide a curriculum vitae. It usually began something like this.” Und sehen Sie, sofort ist der Computer mit mir zufrieden, und zweifelt mir kein Wort mehr an, nicht einmal curriculum oder vitae.
Ich bin aus den schwarzen Wäldern. Indeed. Zur Welt gekommen bin ich in Freiburg im Breisgau. Dann, in frühen Jahren, von meinen sächsischen Eltern nach England verschleppt. England, Schottland, USA, erneut Schottland, Stipendium nach Winchester und schließlich sieben Jahre Cambridge – im 19. Jahrhundert, und wäre ich Brite gewesen, hätte mir eine Kabinettsstelle oder ein Bistum gewinkt oder meinetwegen gewunken. Wenn ich nicht, wie mein Bruder Shelley – was mir unbedingt entsprochen hätte – frühzeitig geflogen wäre, wegen Gottlosigkeit und Anarchie. Sie fragen sich vielleicht, was so jemand bei Ihnen soll. Nicht das Gottlos-Anarchische, womit man im Lande Luthers einigermaßen vertraut sein dürfte, sondern das so Durch-Anglisierte und Deutsch-Unkundige. Nun, ich frage mich auch.
Vielleicht ist es, dass ich trotz späteren sehnlichen Bemühungen mein Deutsch nicht abstreifen konnte. Zuhause bei uns – in England oder Schottland oder den USA – wurde Deutsch gesprochen. Ich wuchs, so hatte ich bisweilen das Gefühl, in einer Reihe von bürgerlich getarnten enemy alien internment camps heran. Amerika mochte sich großzügig geben, aber im Großbritannien der 1960er und 1970er Jahre war der Krieg gerade erst vorbei, und man wollte nicht in Vergessenheit geraten lassen, wer ihn gewonnen hatte (nicht zuletzt, weil man sich so wenig siegreich fühlte). Meine Mutter sang uns – wohl vor lauter Glückseligkeit – deutsche Lieder, mein Vater las uns – bei gelegentlich guter Laune – aus der deutschen Literatur vor. Mit acht oder zehn Jahren bekam ich schon Kafka und den verträglicheren Thomas Mann zu hören. Mit dreizehn las ich aus freien Stücken Karl May, der mir etwas schwieriger vorkam (vielleicht ist später einer von Ihnen so freundlich, und erklärt mir, was eine »Silberbüchse« ist). Mit fünfzehn Rilke. Ich habe das German A-Level bestanden, mit Texten von Fontane und Brecht. Mit achtzehn Musil. Und nebenbei, auf der Schule, oder gar für mich alleine, den geballten Dickens mit elf, Malcolm Lowry mit fünfzehn, Proust mit siebzehn, Ulysses mit achtzehn. Mein Studium in Cambridge fiel demnach, wie man mich gewarnt hatte, etwas enttäuschend aus. Wenn Kafka es nicht von sich behauptet hätte, Literatur, aus der er bestehe, ich hätte es gerne von mir gesagt; vielleicht sage ich es auch so, in Hinblick auf meinen Vater, ein Mitglied vormals von dieser Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, und meine Mutter, deren Vater in Leipzig bei Brockhaus Mitherausgeber war. Literatur, aus der ich bestehe.
1979, als ich einundzwanzig war, erschien mein erstes Gedicht im London Magazine; im Jahr darauf meine erste Bücherbesprechung im Times Literary Supplement; in 1983 mein erster Gedichtband, bei Faber & Faber: Nights in the Iron Hotel. Ich wurde ein »Euro-poet« genannt, was bei aller Freundlichkeit natürlich einen unüberhörbar unangenehmen Beiklang hat, im englischen. Meine erste Übersetzung erschien im Jahr darauf: eine Auftragsarbeit – wie konnte es anders sein – von Kurt Tucholskys Roman Castle Gripsholm.
Und so lebte er dahin. bzw., man soll ja auch nicht. Immer weniger, aber noch gelegentlich kommt es vor, dass man mich für erstaunlich jugendlich hält oder erstaunlich frivol oder sich gar wundert, dass ich nicht gleich mehrere bin; obwohl ich hier melden sollte, dass ich die amerikanische Autorin Annie Proulx nicht ins Deutsche übersetzt hab, nicht der Germanist meines Namens bin und auch nicht der 1860er Torwart. Eine Mischung von Nichtbeachtung und Fleiß und Florida, Land der Ewigen Jugend, wo ich inzwischen seit zwei Dekaden das dort übliche creative writing unterrichte, wäre mein Rezept, falls man mich um so etwas angehen möchte. »150 Bücher in 150 Jahren«, so komme ich mir ungefähr vor. Oder noch besser, »Büchers«, wie wir gestern zu hören bekamen. Aber jeder soll seinen eigenen Weg finden. Leben heißt für mich seit jeher Bücherwerdung, und die, die meine Bücher lesen sind ganz besonders wenige, oder (bei Übersetzungen) sie wissen es nicht einmal. »Die Sachen an die ich mich gebe, werden reich und geben mich aus«, schrieb Rilke in seinem kleinen 8-Zeiler Der Dichter, und von Rilke kommt auch das, wozu ich mich jetzt bekennen könnte: »Der Verlorene Sohn«, The Prodigal Son. Wie schön und unerwartet und unerwartet schön es doch ist, heimgeholt zu werden.