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Martin Warnke

Martin Warnke

Art historian
Born 12/10/1937
Member since 2001

Self introduction

 

Herr Präsident, meine Damen und Herren!
Wenn man in Brasilien geboren, dort aufgewachsen und bis zum sechzehnten Lebensjahr in die Schule gegangen ist, wenn man sich deshalb ein Leben lang der luso- und iberoamerikanischen Kultur verbunden gefühlt hat —, dann fragt man sich, ob man in einer Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mehr als eine Gastrolle übernehmen kann.
Wenn man in einem Pfarrhaushalt aufgewachsen ist, in dem allein das Wort galt, dann nähert man sich schon zuversichtlicher dieser Einrichtung, die gehalten ist, das Wort zu hüten.
Wenn man drei Jahre lang in Darmstadt das Gymnasium besucht und dort 1957 das Abitur abgelegt hat, in jenem Darmstadt der Orangerie, der bedeutenden Gespräche, in dem Darmstadt, in dem Gustav Rudolf Sellner, Eugen Kogon oder Hans Gerhard Evers sich nicht zu schade waren, auch in den Schulen zu reden, dann fühlt man sich durch die Aufnahme in die Darmstädter Akademie regelrecht nach Hause geholt, und ich folge dem Rat, hier einzufügen: »Langsame Heimkehr.«
Der Weg zurück führte von den Studienorten München, Madrid und Berlin über zwei Stipendiatenjahre in Florenz zu den akademischen Lehrstätten in Münster, Marburg und, seit 1979 in Hamburg. Studiert und gelehrt habe ich Kunstgeschichte, die es mit Bauten und Bildern zu tun hat. Doch eigentümlicherweise stellten sich immer wieder Texte ein: In der Dissertation über die Briefe des Peter Paul Rubens, in einer Soziologie der mittelalterlichen Architektur nach den Schriftquellen, in dem abbildungsfreien Buch über das Amt des Hofkünstlers, aber auch in dem Projekt einer Politischen Ikonographie im Warburghaus. In all diesen Unternehmungen kam das Wort zum Bild.
Wenn die Mitglieder der Akademie gemeint haben, sie sollten mit Blick auf eine universale ikonische Wende noch einen bildkundigen Wissenschaftler aufnehmen, dann erwischen sie diesen in einem kritischen Augenblick: Wir haben gelernt und gelehrt, Bilder, zumal die künstlerisch gestalteten, seien symbolische Spiegel, in denen in irgendeiner Form sich die jeweilige historische Wirklichkeit, die geistige oder seelische Befindlichkeit in der jeweiligen Zeit zum Ausdruck gebracht hätten. Nun erleben wir aber mehr und mehr, daß sich dieses Verhältnis umkehrt; die passive oder aufnehmende Qualität der Bilder verwandelt sich in aktive, eingreifende Energie: Die Menschen leben und weben immer mehr nach Bildern. Wenn wir nicht blinde Nachahmer der Bilder werden wollen, brauchen wir das distanzierende, kritische, beschreibende Wort.
Ich danke für die Gelegenheit, mich durch Teilnahme an der Arbeit der Akademie gegen die Bilder mit Worten zu wappnen.