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Katharina Mommsen

Katharina Mommsen

Literary scholar
Born 18/9/1925
Member since 1980

Self introduction

 

»Was tun? spricht Zeus«. Ein Schiller-Zitat, wie geschaffen für das schnoddrige Mundwerk der Berliner, wenn ein Gefühl der Ratlosigkeit aufkommt, und wie oft passiert das im Leben!

Herr Präsident!
Verehrte Mitglieder und Freunde der Akademie!
Lieber Schiller!
Haben Sie allesamt Dank, daß Sie es mir so leicht machen, die erste Verlegenheit zu überwinden. Haben Sie Dank, auf die Frage »Was tun?«, mich auf die Zauberbrücke hinzuweisen, über die jeder von uns in diesen Kreis gelangt: ein spezielles Verhältnis zu Sprache und Dichtung! Diese Brücke ermöglicht auch mir, ein paar Worte zur eigenen Person zu sagen.
Früh zu erfahren, was Dichtung vermag, war gewiß ein Hauptglück meines Lebens und Voraussetzung allen weiteren Lebensglücks. Ich glaube, daß es vor allem Dichter waren, die mich feiten gegen die Ideologie des »Tausendjährigen Reichs«. Ich bin gewiß, daß es gemeinsame Liebe zur Dichtung war, die vor 35 Jahren meinen Bund mit Momme Mommsen stiftete, der damals seinen Musikerberuf aufgab. Ich weiß, daß ein Dichterjubiläum zum wichtigsten Lebensdatum wurde, weil wir es ihm verdankten, daß unser gemeinsamer Lehrer Wolfgang Schadewaldt uns 1949 als Goetheforscher an die Berliner Akademie der Wissenschaften berief. Ich zähle die dann folgenden zwölf Akademiejahre im Dienste Goethes zu den glücklichsten meines Lebens. Als die Errichtung der Berliner Mauer 1961 dieser Epoche ein abruptes Ende setzte, schien es auf die Frage »Was tun?« zunächst keine Antwort zu geben. Doch dann entschlossen wir uns zur Habilitation und wurden das erste Ehepaar, dem zur gleichen Zeit, an derselben Fakultät, im selben Fach dieser entscheidende Schritt im deutschen Universitätsleben gelang. Auch die Jahre an der Freien Universität Berlin wurden zum Glückszustand auf Zeit. 1970 war es sinnvoller geworden, in die kanadische Hauptstadt überzusiedeln, wohin Ernst Oppenheimer mich als Ordinaria berief. Der Entschluß, den dortigen Freundeskreis, eine menschliche Oase ohnegleichen, wieder zu verlassen, fiel uns nicht leicht. Doch konnten wir schließlich der Lockung Kaliforniens nicht widerstehen, als der auch in Ihrem Kreis unvergessene Bernhard Blume und Edgar Lohner meine Verhandlungen mit der Universität Stanford anbahnten. Über meine jetzige Wirkungsstätte sei hier nur ein Satz gesagt: »Die Luft der Freiheit weht!« Es ist der Wortlaut des Präsidentensiegels seit Gründung dieser privaten Universität vor beinahe hundert Jahren – ein Ausspruch Ulrichs von Hutten in der Übersetzung von David Friedrich Strauß.
Das Stanford-Motto führt mich zurück zum eigentlichen Thema. Seit Kindheit und Jugend habe ich in immer neuen Variationen geistfeindliche Tendenzen erlebt – um es einmal pauschal auszudrücken. Amusische Ideologen fordern, daß die Dichter als Schild für jede neue Sippe dienen oder zumindest als brauchbare Lautverstärker für den jeweils letzten Schrei. Vom Hochschullehrer wird erwartet, daß er Literatur entsprechend auswertet oder abwertet, das ganz Widerspenstige totschweigt. Alle weiteren Worte über die unsern Dichtern und ihren Deutern verordneten »Relevanzbäder« erübrigen sich in diesem Kreis. »Kulturrevolutionen« und was immer unter ihrer Flagge segelt, verlangen vom Literaturforscher in letzter Konsequenz, seinen Beruf aufzugeben. Angesichts vieler Probleme in der Welt wird die Beschäftigung mit Dichtung zum unerlaubten Luxus erklärt. (Der Fall, daß ein germanistischer Ideologe seinem Beruf entsagt hätte, ist mir allerdings noch nicht bekannt geworden, eher das Gegenteil.) Von Goethe habe ich gelernt, daß es darauf ankommt, Denken und Tun in Einklang zu bringen. Soziale Ungerechtigkeiten, Mißstände, Machtmißbrauch, Hunger, Not, Entwürdigung empören mich nicht weniger als andere Menschen. Dennoch vernahm ich keine Gewissensstimme, die mich aufforderte, aus jenen Gründen den Beruf zu wechseln. Im Gegenteil: die Dichter, zu denen es mich immer wieder hinzieht, waren allesamt Arme und Notleidende. Je genauer ich sie kennenlernte, desto stärker wurde mir bewußt, wie dringend gerade sie der Hilfe bedürfen. Ich gestehe, daß angesichts dieser Problematik das Wort »Was tun? spricht Zeus« allmählich eine andere, und zwar seine eigentliche Bedeutung gewann. Das Schillersche Gedicht, aus dem es stammt – »Die Teilung der Erde« –, handelt ja von nichts anderem als der tragischen Not der Dichter. Sie, die im Lande der Träume verweilten, hatten versäumt dabei zu sein, als Zeus die Erdengüter verteilte. Nun sind sie die eigentlichen Habenichtse und Schlechtweggekommenen. Nachträglich kann auch der oberste der Götter für sie nichts tun, nicht auf dieser Erde, allenfalls »in seinem Himmel«, wohin er sie zu Gast lädt.
Die Not der Dichter, wie Schiller es nennt, besteht darin, daß ihre Worte unter Menschen zwar gehört, aber nicht verstanden werden. Es fehlt ihnen »ach! ein empfangendes Ohr«, so heißt es in dem gleichzeitig entstandenen Gedicht »Sänger der Vorwelt«. Derber formulierte Goethe im Divan die gleiche, zutiefst deprimierende Alterserfahrung: »Das glücklichste Wort, es wird verhöhnt / Wenn der Hörer ein Schiefohr ist«. Die Kalamität des sprachlichen Genius, es mit Schiefohren zu tun zu haben, ist eine lebenslängliche und währt noch über das Grab hinaus. Als Goethe Schillers Gedicht von der »Teilung der Erde« kennenlernte, schrieb er dem Freund ein Wort brüderlicher Zustimmung und schloß daran den Rat, »im Literarischen« den Sämann nachzuahmen, »der nur säte, ohne viel zu fragen, wo es hinfiel«. Die biblische Parabel vom Sämann handelt ja gleichfalls vom Wort, dem das empfangende Ohr fehlt. Sie »verstehen es nicht, ob sie es schon hören«, so steht es geschrieben. Für das Schicksal, mißverstanden zu werden von Mit- und Nachwelt ist derjenige, der die Parabel vom Sämann erfand, gewiß der weithin sichtbarste Fall. Doch wer sich mit der Wirkung deutscher Dichter auf ihre Mit- und Nachwelt befaßt, dem bestätigt sich unabweisbar das Goethesche Diktum: »Ein deutscher Schriftsteller – ein deutscher Märtyrer«. Hieraus erwächst, wie mir scheint, dem Lehrer für deutsche Sprache und Literatur die Aufgabe, mit allen seinen Kräften für die Dichter als Arme und Zukurzgekommene zu wirken. (Zugegeben: angesichts einer Lage, wo selbst Zeus mit seinem Rat am Ende zu sein scheint, gleicht der Kampf gegen die Schiefohren dem berühmten Kampf mit den Windmühlenflügeln – zumindest in den Augen der Banausen. Mag es als Don Quichotterie erscheinen!) Ich bestreite, daß es ein Bemühen nur für eine kleine geistige Elite ist, worüber die Bedürfnisse der Millionen vergessen werden. Zum Bedürfnis der Millionen gehört auch das Dichterwort, das Humanität bringt, menschenformendes Wissen, wie schon die ältesten Kulturvölker bewiesen, das Dichterwort, das uns innerlich frei macht unter äußeren Zwängen, wie wir alle es täglich erleben. Die Geschenke der Dichter können aber auch von den Millionen nur aufgenommen werden, wenn sie ein »empfangendes Ohr« bekommen, wenn sie befähigt werden, nicht nur zu hören, sondern auch zu verstehen. An der Pazifikküste, in einer Weltgegend, wo Fernster Osten und Fernster Westen zusammentreffen, wo eher chinesische und spanische Laute ans Ohr dringen als Deutsch, übe ich mit Überzeugung und Liebe meinen Beruf aus: eine kleine Schar von Studierenden, unter denen manche akademische Lehrer von morgen sind, heranzuführen an deutsche Dichtung.