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Karl Mickel

Karl Mickel

Writer
Born 12/8/1935
Deceased 20/6/2000
Member since 1998

Self introduction

 

Wäre es nach mir gegangen, ich stünde womöglich jetzt auch hier, aber doch nicht als Dichter. Ich war 17 und wünschte Artillerie-Offizier zu werden; ich wollte die schmerzliche Lücke schließen helfen, die der Tod des Genossen Stalin soeben gerissen gehabt hatte. Meine Bewerbung ward abgeschlagen. Ich hätte 12 Tage früher geboren worden sein müssen. Nach dem 17. Juni waren die Vorschriften eine Zeitlang buchstäblich befolgt worden. So blieb ich Herr meiner selbst und entschloß mich zum Studium der Volkswirtschaftsplanung. Im Sozialismus gelte das Wertgesetz: hatte Stalin entschieden. Die autoritative Beilegung des unter den Theoretikern schwelenden Streites wurde allseits enthusiastisch begrüßt, nur, was das Wertgesetz sei? – das konnte aus meinem Umkreis niemand mir sagen. Ich erhoffte, das Studium werde diesbezüglich mich belehren; die Hoffnung erfüllte sich im ersten Semester. Zugleich aber ward mir ein Glaubensakt abverlangt. Die Sozialistische Ökonomie werde von einem »Gesetz der planmäßigen (proportionalen) Entwicklung der Volkswirtschaft« objektiv geleitet: das sollte ich frei heraus bekennen. Es ist unmöglich, einen auch nur hypothetischen Begriffsinhalt des terminologischen Monsters zu artikulieren. Jeder Versuch endet tautologisch. Wenn in der volkswirtschaftlichen Binnenstruktur nicht bestimmte Proportionen strikt gewahrt werden, dann ist das volkswirtschaftliche Ganze in sich disproportioniert. Weniger intelligente Exegeten versicherten ernsthaft, infolge planerischer Weisheit walte die intendierte Harmonie tatsächlich. Es müsse nur die Produktion von Produktionsgütern allzeit schneller wachsen denn die Produktion von Konsumgütern. Das sind groteske Vorstellungen, aber, bevor Sie sich der Heiterkeit hingeben, erwägen Sie bitte, daß von Herder der Eid auf die Concordien-Formel hartnäckig verlangt worden war. Warum den Zeitgenossen ankreiden, was wir den verblichenen Konsistorien nachsehen! – die historisch bedingte Narrheit.
In dieser Umgebung erschien mir Hans Mottek. Stotternd vor Gedankenfülle las er Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Er stellte den Geschichtsprozeß als Streit changierender Tendenzen dar und, statt letztinstanzliche Wahrheiten zu predigen, konfrontierte er öffentlich kontroverse Ansichten. Das entrüstete viele. Ein Kommilitone erhob sich und forderte: »Erzählen Sie uns einfach, wie es wirklich gewesen ist.« Was ich gewollt hatte, ohne es zu wissen, nun wußte ich es. Das wird mein Fach. »Es ist gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.« Mottek durfte keinen Studenten mehr ausbilden. Er empfahl mich an Jürgen Kuczynski. Ich saß zu Füßen von Heinrich Otto Meisner. Ich fand heraus, daß die Schuhmacher-Gewerkschaft 10 Jahre früher gegründet worden war als bisher angenommen. 1989, auf dem Empfang für Präsident Mitterand, sagte mir Kuczynski, er hätte mich ’58 zum Assistenten haben wollen. Ich hatte jedoch die Concordien-Formel noch immer nicht unterschrieben gehabt, und den sog. kleinen Wissenschaftsdisziplinen waren die Planstellen gekürzt worden. Der zuständige Staatssekretär war Wilhelm Girnus gewesen, später Chefredakteur der Zeitschrift Sinn & Form. Ich saß ihm als ein klassizistischer Dichter gegenüber und machte ihn für meine Verse verantwortlich. Die Verskunst hatte nie und nimmer mein Hauptgeschäft werden sollen. Wenn es nötig ist, schreibt ein gebildeter Mann Verse; selbstverständlich beherrscht er das. So hatten es Michelangelo gehalten und Christian Ewald von Kleist; die vielbelächelte Bitterfelder Konferenz, ebendies hatte sie proklamiert. Die Bildung war zugemutet: Jedem. Ulbricht verkörperte unterschiedliche Rollen. Eine davon hieß: Der Oberlehrer auf dem Thron; da blickte er drein wie Emil Jannings im Blauen Engel.
Noch einmal wäre ich fast auf die Bahn eingeschwenkt, die zu durchlaufen mein Wunsch und Wille gewesen war. Ich wurde 30 Jahre alt und alle Türen gingen vor mir zu. Bei Hans Mottek war eine Assistentenstelle vakant, und er setzte durch, daß ich sie erhielt. Am Donnerstag unterschrieb ich den Arbeitsvertrag, und am Montagmorgen, 8 Uhr, leitete ich das erste Seminar. Die Zentraleuropäische Agrarstruktur im X. Jh. Woche für Woche unterrichtete ich 11 Seminargruppen zu je 30 Studenten je 2 Stunden lang über die gleiche historische Periode. An Motteks Institut arbeiteten zu meiner Zeit Dr. Baar, Dr. Becker, Dr. Schröter, Walter Wilberg. Lothar Baar und Walter Becker leben noch. Während der Instituts-Sitzungen blieb unsere Türe von innen verschlossen. In der Mensa, am Nebentisch, sah ich Den und Den, die soeben gehässige Artikel und Leserbriefe gegen mich hatten drucken lassen. Die hatten auch das Gerücht in Umlauf gesetzt, wir alle seien Schwiegersöhne des Professors. Das Institut wurde 1990 abgewickelt, d. h. abgeschafft. Der Gebrauch des unklaren Worts verrät ja häufig ein Schamgefühl, das sich zu verbergen trachtet, ein verschämtes Schamgefühl also. Ich war in vorzügliche Gesellschaft geraten und war nicht ungern der letzte am Tische. Ich wußte, daß ich ein guter Dichter war und ein guter Historiker werden würde. »Wer im Archiv sitzt«, hatte Heinrich Otto Meisner gesagt, »der sieht etwas mehr von der Welt.« Ich besitze ein schäbiges Zettelchen, auf dem Hans Mottek mitgeteilt wird, eine Aspirantur für mich käme nicht in Frage, die Promotion sei unerwünscht. Eines grauen Vormittags rief Ille Rustler an und sagte, Helene Weigel wolle mich sprechen. Mottek ließ mich ziehen, mitten im Semester, die Kollegen übernahmen meine Unterrichte. Zu den geschlossenen Instituts-Sitzungen blieb ich eingeladen; einige Semester ging ich noch hin. Ich war 35 Jahre alt; mein Lebensplan war endgültig gescheitert, aber nicht so, daß ich ihm hätte nachtrauern müssen. Als 60jähriger las ich Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, und mir schwante, welchem Ideal ich in der anderen Existenz auf den Fersen geblieben wäre.