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Hans-J. Weitz

Hans-J. Weitz

Dramaturg, Translator and Literary scholar
Born 7/11/1904
Deceased 16/2/2001
Member since 1976

Self introduction

[p]Herr Präsident, sehr verehrte Damen und Herren,[/p]

vor diesem Kollegium, dem er nun angehören soll, steht der bejahrte Neuling heute zum ersten Mal, und er empfindet einige Beklommenheit bei dem Gedanken, jetzt habe er sich Ihnen, wie es der Brauch ist, vorzustellen.

Vorstellung – alle die verschiedenen Bedeutungen des Wortes, auch diejenige, die dem Bühnenmann am nächsten liegt, sind aus gleichem Anlaß hier schon präludierend durchgespielt worden.

Er nun möchte sich heute herausnehmen, Wort und Begriff zunächst etwas abweichend, gewissermaßen in Gegenrichtung, anzuwenden – auf die Institution selbst nämlich, die Sie verkörpern: Welche Vorstellung hatte und hat er von dieser Akademie?

Jahre hindurch, namentlich wie er selber noch in Darmstadt lebte, während der Präsidentschaft seines Freundes Eppelsheimer, hat der gegenwärtige Neuling, als Gast, so mancher Ihrer öffentlichen Sitzungen, mancher Preis-Verleihung beigewohnt, hat Jahrbücher oder einzelne Ihrer Publikationen durchgeblättert und gelesen. Aber heute darf er gestehen, daß, zumal in der späteren Zeit räumlicher Entfernung, seine damals gefaßte Vorstellung – wie etwa ein Fensterglas beschlägt – an Klarheit einbüßte und, unbewußt wohl, immer stärker bestimmt wurde von der weit verbreiteten Ansicht, in erster Linie sei diese Akademie, oder solle sein, eine Akademie der Dichter und allenfalls einiger eminenten Sprach-Gelehrten.

Als ihn die Nachricht von seiner Berufung überraschte, konnte er sich daher nicht beruhigen mit Paul Valérys Bemerkung über die Unerforschlichkeit akademischer Zuwahlen, und die seine einfach froh und dankbar als einen höheren Ratschluß hinnehmen. Erschrocken vielmehr fragte er sich zunächst: Wieder ein Mißgriff? und sein Opfer Du? Denn weder ist er ein eminenter Sprach-Gelehrter – er, halber Autodidakt und ohne ordentliche Promotion –, noch etwa gar ein Dichter.

Glücklicherweise entsann er sich rechtzeitig noch der hilfreichen Philologen-Formel ›ad fontes!‹, und so las er denn, zum ersten Mal, in einem der Jahrbücher, die Satzung dieser Akademie.

Und siehe da: er durfte aufatmen; aus ihren Paragraphen – insbesondere 2, Absatz 1 und 3, Absatz 3 – geht mit aller Deutlichkeit hervor, daß nach selbsteigener Bestimmung diese Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung keineswegs eine Dichter-Akademie sein soll – wie seinerzeit zum Beispiel die ›Sektion Dichtkunst‹ in der Preußischen Akademie der Künste es gewesen ist.

Schon ihr Name, genau besehen, spricht es ja aus: Akademie für, nicht der, Sprache und Dichtung; eine Institution demnach in der Art der altehrwürdigen Accademia della Crusca, welcher im deutschen Sprachbereich zuerst die weiland Fruchtbringende Gesellschaft in barock-ungefüger Weise nachgeeifert hat.

Nun, es gibt viele und vielerlei Akademien, und weshalb sollte es nicht auch eine Dichter-Akademie geben? Ihr würden dann vielleicht sogar, gleichzeitig, Dichter aus dem Kreise angehören ... Denn auch diese Akademie hier – wie könnte sie ohne Dichter bestehen? Keiner von ihnen, der nicht die Sprache mehrte, bereicherte, bewegte. Ein anderes nur ist es, an den geregelten, terminierten Aktivitäten einer Akademie teilzunehmen. Und selbst welcher Dichter die Neigung dazu mitbringt, kann und darf ihr doch wohl, produktiveren Prozessen zuliebe, oft nicht folgen. Übrigens ist das Beispiel jener preußischen Dichter-Akademie wenig ermutigend: obgleich sie ausschließlich aus Verfassern ›schöner‹ Literatur bestand und in ihren eher enggezogenen Kreis nahezu alle Autoren der ersten Reihe einschloß – von Döblin, Benn, Loerke bis zu Ricarda Huch und den Brüdern Mann –, ist auch sie nicht verschont geblieben von den Vorwürfen der Einfallsarmut, der Schwäche, der Sterilität und Senilität.

Scheint sich der Neuling, indem er seine berichtigten und gereinigten Vorstellungen von der Akademie vor Ihnen ausbreitete, von der eigentlichen Aufgabe entfernt zu haben, so sähe er sein Vorgehen doch gerne verstanden als eine, zugegeben, umwegige Form persönlichster Annäherung an Ihren Kreis.

Die Frage: Wer bin ich?, die hier des öfteren im Zusammenhang mit der ›Vorstellung‹ erhoben worden ist, dieses alles andere als narzißtische Sichbeugen über den ›Abgrund des Subjekts‹, dieses Wittern und Lauschen nach Herkünften und Ursprüngen – ist dem dichterischen wie dem kritischen Schriftsteller nicht nur verstattet, sondern auferlegt, und die Antwort wird allemal etwas Exemplarisches mit sich führen. Im gegenwärtigen Fall aber, jetzt und hier, heißt die Frage vielmehr: Wer bin ich denn, Ihre scharf eingeteilte Zeit in Anspruch zu nehmen mit Angaben, welche ohnedies nicht hinausgehen könnten über das, was in den Nachschlagewerken steht?

Am Ende nun aber doch ein eigeneres Wort.

Die stete Nähe zum Vergänglichsten in seiner geformtesten Erscheinung, wo das ›lebendige Fließen‹ sich gestalt- und bildhaft darstellt, immer doch gebunden ans Wort und aus ihm zu entbinden – diese schmerzliche Nähe zum brennendsten, zehrendsten, verwehendsten Dasein – dem der Bühne nämlich in den Augenblicken ihrer Erfüllung – erweckt ein Verlangen nach Dauer. Der Nichtschöpferische sucht sie in und an den Werken.

Der Dramaturg blickt aus und forscht nach dem Dauernden in dramatischer Dichtung und setzt, mit Gleichgesinnten, diese Akzente, die sich dem Gedächtnis einbrennen, in den Wechsel des Theater-Alltags; er strebt darnach, ihnen in den Programmschriften, dem einzigen geistigen Residuum der Bühne, die (wenn auch schattenhafte) Dauer der Archive zu verschaffen;

der Leser von Texten, Texten der Dichtung, sucht sie zu überliefern, zu vermitteln; er liest sie vor; mit Studierenden liest er sie, legt sie aus, erörtert sie, stets bedacht, ihnen die ›Schwebe des Mündlichen‹ zu erhalten, »damit sichs nicht zum Starren waffne«; er läßt sich auf Abenteuer ein, indem er Dichtungen jeder Gattung aus den näheren, neueren Sprachen in die seine überträgt;

der Editor ist bemüht, Werke und Briefwechsel unseres Größten textkritisch genauer lesbar, kommentierend womöglich durchsichtiger zu machen, und unternimmt es, vortragend, schreibend einzelne Beobachtungen und Funde mitzuteilen, um, mikrologisch mitunter, Texte konkret zu verbessern und zu erhellen – immer in der naiven Zuversicht, die neue Erkenntnis von der Bedeutung kleinster Teilchen könne auch seinem Gebiet zugute kommen. »Was ist das Allgemeine? der einzelne Fall«.

Sollte also vom äußeren Leben nicht gesprochen werden, konnte von eigenem Dichten gar nicht die Rede sein, so doch ein wenig vom Trachten. Und daß dieses mit Ihren Bestrebungen einigermaßen im Einklang, in Eintracht stehe, davon gibt die Berufung in Ihren Kreis mir ein ehrendes Zeichen; eines Dankes wert, den ich hiermit auf das herzlichste abstatte; Ansporn auch, nach Kräften, lernend und tätig, teilzunehmen an den Arbeiten Ihrer, unserer Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.