Members

Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker

Writer
Born 20/12/1924
Member since 1985
Georg-Büchner-Preis

Self introduction

Durchschaubild Welt, Versuch einer Selbstbeschreibung

Die kleine Ansprache, die ich jetzt vor Ihnen halten darf, erbittet, trotz oder wegen ihrem eher ungewöhnlichen Ton Ihre Aufmerksamkeit – eigentlich sind es bloß hastige Andeutungen, Annäherungen an etwas, das ich selber kaum auszunehmen imstande bin –:

weil doch mein Leben sich so mächtig in diesen jüngsten fünfzehn Jahren zugespitzt hat nämlich auf diese Bleistiftspitze des Schreibens hin, kann ich wenig von meinen Anfängen berichten, außer daß ich, vom Vater geboren, in der Muttersprache gediehen, immer schon Schreckling gewesen bin, daß mir alles zum Schreckenswort, zum Schreckensgedanken geworden ist, und, weil der Schrecken so riesenhaft war, folgte kaum je eine Tat, und, wenn sie folgte, war sie tatsächlich nichts als eine Geste des Schreckens. Ich vollbrachte immer alles zum eigenen Schrecken, ängstigte mich noch im nachhinein. Doch die Natur hilft, wie die Kunst, Lineamente, Federstriche zu zaubern; Wahrheitssehnsucht und artistische Ver-Rücktheit meine Schreibantriebe von Anfang an. Also bin ich immer schon den Eingebungen meines Auges gefolgt und habe alles sogleich an die Wand meines Zimmers mit Bleistift gekritzelt, wie beim Vokabellernen das lernbeflissene Kind, wofür es mit sanfter Rüge bedacht wurde. Ich war weniger ein Schrei- als ein Schreib-Balg – der Beginn meines Schreibens plötzlich und stürmisch – schon in der Schule schrieb ich Aufsätze für mein Leben gern, wurde deswegen gelobt und zum Beispiel erhoben, worüber ich meist Scham empfand, aber ich wußte schon damals nicht woher ich es hatte, wollte es auch nicht wissen, ererbt wohl kaum. Ohne sonderliche Bemühungen um »die oft unsichtbaren Faden wodurch freiwillige Gedanken in einem Dichterkopfe zusammenhangen« (Wieland).

Auch stand es immer nur mäßig gut um meinen Verstand, von Intelligenz gar nicht zu reden, das Gedächtnis schon im zarten Alter zerstückt und ruinenhaft, Wissen und Wohlverhalten hielten sich nie die Waage. (Während die Straßenbahn in die Station einfährt, fällt mir plötzlich, nach vierundfünfzig Jahren, der Anfang der ersten Lektion in meinem Französischbuch aus der Volksschule ein, die ich als siebenjähriges Kind auswendig lernte. Während ich aussteige, spreche ich aus dem Gedächtnis nach: Madeleine est une petite fille, elle est a la fenêtre, elle regarde la rue... hier endet der memorierte Film –)

1924, mein Geburtsjahr. Kafka stirbt, das Erste Manifest des Surrealismus wird veröffentlicht. Ich, unwissendes Subjekt, in eine wetterleuchtende Zeit gestellt, mit Liebe umhegt. Da standen die Großeltern von Mutterseite noch da, da standen sie Wache, bald verliert sich das Bild, auch die Geborgenheit, alles divergierte ja mehr und mehr, allgemein und persönlich, 1934 steht die Familie vor ihren eigenen Trümmern. Ich komme aus den Ruinen.

Meine Kometenschaft, ich meine Verwandtenschaft, regelte immer mein Geistesleben, meine Erinnerungen – gestochen scharf, eingepflanzt von Kindesbeinen an – was wurde mir alles eingepflanzt!, vor allem Redlichkeit, und die Lüge zu meiden!, auf das Schreibritual bin ich von selber verfallen (inwieweit dieses mit Redlichkeit und Lüge verflochten sei, und ob Schreiben gleich Fälschen sei, wage ich nicht zu beurteilen). Ich war ein gottgeweihtes Kind, die gegensprossigen Oblaten zergingen mir wie nichts auf der Zunge, ich stand ja inmitten von Monets Seerosen in Giverny in meinen Kindertagen, habe Perlen darin klingeln gehört und wie sie von Stufe zu Stufe tropften, da weinte ich viel.

Ich suchte die Unschuld in der Landschaft zurückzugewinnen, im Moosgrund die Menschenschatten, die mir während meines langen Lebens begegnet sind, deren Spuren ich aber größtenteils verloren habe, durch irgend Fehlgriff und -wort, oft mit größter Behutsamkeit bemühte ich mich, das Amüsement der anderen nicht zu zerstören, flüchtete in die Dunkelheit. Ich habe an der Unsterblichkeit zeitweise gezweifelt, bin immer noch unsicher.

Ich habe Nachsicht gelernt, ich habe Nachsicht geübt, bis zur Selbstverleugnung. Mit zunehmendem Alter eine unverächtliche Haltung allen Menschen, aller Kreatur, auch den Dingen gegenüber erworben, was mir auch schon zum Vorwurf gemacht worden ist der Kritiklosigkeit, weil es als indifferente Haltung der Welt gegenüber ausgelegt werden kann, aber ich erkenne zuweilen die Palette, ich entdecke das Wechselspiel der Farben, ich entdecke so viele Facetten, nämlich die Vielfalt der Dimensionen.

In den Kriegsjahren fuhr schon der Dichthammer auf mich nieder, dieses früheste Panorama, die Kriegsjahre, welche mich gleichermaßen beschädigt wie verschont hatten, habe ich wie hinter einer gläsernen Wand verbracht, ich schrieb im Verborgenen. Die solcherart mißlichen Lebensumstände: das war meiner Schreibarbeit günstig, oder wie Goethe sagt: »sollen die Menschen nicht denken und dichten, müßt ihr ihnen ein lustig Leben errichten«.

Aber ich wollte nie mit Schreiben meinen Unterhalt verdienen, darum verdingte ich mich – weniger einer Familientradition folgend als in die Fußstapfen des Vaterberufs tretend – zwei und ein halbes Jahrzehnt als Lehrperson, gegen mein eigentliches Trachten. Ja, wenn ich es jetzt bedenke, so arbeitete ich, indem ich in diesen ungeliebten Beruf gedrängt worden war, gegen mich selbst, gegen mein Wunschbild: das war einzwängend, das war verdunkelnd, das führte zu innerer Spaltung, zu Widersprüchlichkeiten, das machte mich abtrünnig, das preßte die Poesie in den wenigen freien Stunden aus mir heraus, ich war ein gleichgültiger widerwilliger Schulhalter, der möglichst schlau immer den kürzesten Weg einschlug und meist auch während der Unterrichtszeit herumkritzelte, was meine Lernknaben und -mädchen teils kommentarlos hinnahmen, teils höhnisch quittierten. So blieb ich allzu lange ein bloßer Schreibergeselle, Schreibergehilfe, Zögling der Poesie, und meine frischesten Jahre gingen darauf.

Schreibhaft wie leibhaft, als ich endlich im Jahre 1969 den Abschied nehmen konnte, wollte ich mich nur noch der Literatur widme, mit Leib und Seele nur das, nur noch schreiben!: mit einem Tintenfaß am Gürtel, wie Heinrich von Beringen es beschreibt, meine Schreibtasche stets bei mir tragend, würde ich nun jeden Tag herumlaufen, auch Notizbuch und Stift, und während beides der zitternden Hand entgleitet, zu Boden fällt, auf der Straße und die Umstehenden zum Staunen, zum mitleidigen Lächeln veranlaßt, würde ich über die Frage nachsinnen, ist die Schreibkunst eine Vernunftkunst, ist die Schreibkunst eine Empfindungskunst, ist die Schreibkunst eine Erfindungskunst, oder alles zusammen nicht, oder halbfremd, oder über Feld.

Vielleicht war es mir schon früh an die Stirn geschrieben: ein Feuermal, das im Laufe der Jahre, Jahrzehnte ausbleichte, ein Afrikakontinent, ein dunkler Fleck an der Stirn, mit dunklem Fransenhaar verhängt, und um der Irrbahn nicht zu entraten.

Eine alte Schreibkommode mit einem Aufsatz, also Sekretär, wie das gute Stück genannt wurde, alles vieldeutig in meiner Kindheit, ein Bösendorfer Konzertflügel, an dessen Taille geschmiegt ich meine ersten Schreibversuche unternahm, anstatt darauf, wie meine gütigen Eltern es gerne gesehen hätten, Diabelli-Etüden zu spielen, dieses Mobiliar, dieses würdige Inventar hat mich bis heute begleitet, verfolgt. Jedenfalls was den Flügel betrifft. Die prahlenden Notenhefte, die jetzt mit Schriftkürzeln gefüllt sind, die ich, sobald einige Tage verstrichen sind, kaum mehr entziffern kann, oder am Schreibgerät kauernd, vor meiner Schreib-Maschine, meine Schreibhand in der Mehrzahl, mit zehn Fingern sogar.

Ohne die Stadt, in der ich geboren wurde, sind die wechselnden Zustandsbilder meines Wesens nicht erkennbar. Und doch habe ich mich dieser geschichtsüberladenen Stadt nicht wirklich genähert, ich meine ihrer ihr anhaftenden Historie. Ich habe mich tatsächlich der Geschichte dieser Stadt zeitlebens verweigert, vermutlich weil ich historische und persönliche Zusammenhänge bestreite, vermutlich weil ich nach anderen, tiefergreifenden Verknüpfungen Ausschau halten will, von denen ich nur im Augenblick noch nicht weiß.

Wien ist eine Schreibstadt. Hier kann man verrückt werden. Hier kann man verrückt sein. Wien ist für viele Dichter zur Schreibstadt geworden, viele verrückte Dichter kommen aus Wien. Verrücktheit, verrückte Sicht ist eine der Voraussetzungen für Schreiben.

Und obwohl ich von dieser Stadt geprägt worden bin, gibt es darüber noch die Ortlosigkeit, den utopischen Wohnsitz: die Deutschsprachigkeit: meine deutschsprachige Poesie. In keiner anderen Sprache – auch wenn ich sie, wie das Englische, leidlich beherrsche – könnte ich mich entfalten, könnte ich schreibend mich verwirklichen.

So ist mein Schreibgebrauch von speziellerer Art als mein Sprechgebrauch. Überhaupt wünsche ich mir für meine mir noch verbleibende Lebenszeit, sie mit schreiben, lesen, schauen und schweigen verbringen zu können: der Omnipotenz des Ekels, der Leere, der Verzweiflung, der Angst zu entgehen. Also nicht so sehr schreiben als brüten. Zu lesen zu fleiß. Damit ich endlich imstande bin, die Titel jener Bücher im Gedächtnis zu behalten, mit welchen ich mich gerade beschäftige, um nicht zu wiederholten Malen in die unangenehme Situation zu geraten, auf die Frage, was ich gerade lese, keine Antwort zu wissen. Nämlich das Brüten ist eine Kunst frei von Gewicht – daß ich nicht von meinem Gesicht verliere, wenn ich mich über die spiegelnde Eisfläche beuge!, wenn es fällt, wenn es hinfällt, wenn es niederfällt vor dem heiligen Geist, an welchen ich immer schon glaube, ja wie die Augen, die jetzt vor dem Hirtenfeuer gaukeln in meinem Zimmer.

Wie ein Garten geflochten mit Blumen ihr Angesicht: so warte ich, so stelle ich mir immer die Eingebung vor, aber sie kommt selten, erscheint mir so selten. Ich falle sogleich aufs Knie, Amaryllis an ihrem Scheitel, die Sonne fällt. Meine Sonne fällt: meine Eingebung fällt vor mich hin und fällt in mich ein, und ich sitze als Greis in schwalbenähnlicher Gestalt auf der Bettkante frierend in Fieberglut – ob Vers oder Prosa, darauf kommt es nicht an. Es kommt nur darauf an, wie sie angezogen sind, ich meine die Worte: die mir meine Eingebung eingibt, welche Art Knochenwerk sich da herausbilden will, darauf kommt es an, in Böen wechselt mein Sinn. Meine Erleibung ist meine Erleidung bis ich nicht mehr weiter kann: der Berg ist sehr steil, auch das kleine Stoßgebet hilft nicht weiter, Herzwiderstand kalbt. Vielleicht ist Dichten wirklich ein Übermut, wie Goethe zu bedenken gibt. Also ein unausgesetztes Rezipieren, ein unausgesetztes Registrieren der schaubaren, hörbaren Welt.

Immer wieder stellt sich mir die Frage, warum es heute als fragwürdig, ja anachronistisch gilt, von Eingebung, von Ingenium zu sprechen, man spricht lieber davon, daß es jedermann gegeben ist, einen Text herzustellen. Ich melde meine Bedenken an.

Eine weitere Frage: warum fühle ich mich geneigt, das Gedicht, den Prosatext, den Bühnendialog, die mich zum Schmunzeln bringen, die in mir das zwerchfellerschütternde Lachen erzeugen, nicht eingliedern zu wollen in meine schöne Literatur, in die von mir bevorzugte Literaturart, warum drängt es mich, solche Texte außerhalb des magischen Kreises zu sehen, sie auszuweisen, abzustellen, beiseitezurücken. Eine Entsprechung scheint mir bei Roland Barthes zu finden: er schreibt in seinem Buch Die helle Kammer: »Humor mag ich weder in der Musik noch in der Photographie«.

Ich habe keine Zeit zu verlieren, ich geize mit jeder Stunde, alles möchte ich gleichzeitig tun, ein Buch schreiben an einem einzigen Tag. Ein Quell der Erfahrungen, Grenzüberschreitungen ist mir das Schreiben geworden. Ein Lehrmeister ist mir das Schreiben, das Schreiben ernährt mich im Geiste, durch mein Schreiben erfahre ich über mich selbst, über die Natur und die Welt und die Menschen. Und die Wildheit wird immer umfänglicher, immer kalkulierter. Was die Intuition an Wahnwitz und Ungestüm wagt, wird vom Verstand gleichzeitig oder im nachhinein bedachtvoll, präzise und streng in wahrheitstreue Form gebracht, fixiert und versiegelt. So wird Ekstase zu einer Disziplin. Trotzdem hat es seine Richtigkeit, wenn ich sage: ich reagiere fast nur vom Gefühl her. – (Wie doppelwertig hört sich eine solche Äußerung an: wird sie von einem schreibenden Mann, wird sie von einer schreibenden Frau, wie eben, vorgebracht: wie verändern sich auf der Stelle Qualität und Glaubwürdigkeit der Behauptung!)

Die neue Literatur, die experimentelle Poesie, der Dadaismus, der Surrealismus damals: sie waren und sind es noch: Angriffe auf die Grundhaltungen, auf die Vorstellungen des sogenannten guten Geschmacks unserer zivilisierten Gesellschaft. Sie enthüllen eine neue rätselhafte Sprachwelt, was Verwirrung stiftet, Staunen erregt, den Stachel vorantreibt.

Beckett und Brecht, Roland Barthes und Breton, Max Ernst und Jean Paul, Hölderlin, Arno Schmidt, Michaux, Claude Simon und Duras – schon umkreisen, umschweben sie mich in meinem Zimmer, meine Genien, meine Blutsbrüder. Und ich spüre, wie sie mir winken, ihre Geheimnisse zuflüstern, mir, diesem Schwächling, diesem Schweiger, diesem Wetterdichter mit Wandertasche und Distelkopf, diesem Vogelbekümmerer, diesem Fremdling der Welt, mir, dieser fragwürdigen Marginalexistenz. –

Von jungen Vögeln heißt es in einem alten Sprachgebrauch: Sie dichten, wenn sie anfangen zu singen, wenn sie ihre Stimme mit leisem Gesang versuchen.