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Franz Mon

Franz Mon

Writer
Born 6/5/1926
Member since 1985

Self introduction

Einige Bemerkungen zu mir selbst

Sie haben mich freundlicherweise eingeladen, mit einigen Markierungspunkten über mich selbst etwas zu sagen.

Ich beginne nicht mit dem Schreiben, sondern mit dem Lesen. Als ich 1943, noch nicht 17jährig, im Klassenpulk zur Flak marschierte und damit meine Schullaufbahn im großen und ganzen endete, waren eine Handvoll kanonischer Dramen und Novellen, Ernst Wiecherts Hirtennovelle, Ina Seidels Lennacker sowie ein paar Gedichte und Balladen das ganze literarische Marschgepäck, das uns die Schule mitgeben konnte. Begriffe wie Expressionismus oder Dadaismus waren dem einen oder anderen von uns als Exotica zu Ohren, nicht jedoch deren Texte vor Augen gekommen. Überwinterungsvorräte aus der Zeit vor ’33 hatte keiner von uns, dazu waren wir zu jung. Ich erinnere mich, daß wir – ein gleichgesinnter Freund und ich – im Arbeitsdienstlager 1944 den Hyperion lasen und fasziniert dessen Aussagen mit unserer Situation am Abgrund verknüpften.

Ich glaube, es hat kaum eine andere Generation eine ähnliche Kaspar-Hauser-Erfahrung gemacht wie die unsre, als die Kunst-und Literaturverbote 1945 mit einem Mal barsten und das Verbannte und Verbrannte, wenn auch nur brockenhaft und zufallsverstreut, wieder auftauchte. Es war die Entdeckung völlig unbekannter Idiome, und wir waren alsbald dabei, sie zu buchstabieren und zu radebrechen.

Der Zufall machte mir damals zwei umfangreiche Privatbibliotheken zugänglich, die von den Ereignissen der tausend Jahre unbehelligt authentische Werke der Literatur, Philosophie, Kunstgeschichte vor allem aus dem ersten Drittel des Jahrhunderts aufbewahrten. Der von den Nazis bewirkte Leserückstau hatte eine Neugier und Offenheit zur Folge, die auch extrem Gegensätzliches aufnehmen konnte.

1951 muß es gewesen sein, als ich in der Zimmergalerie Frank den Maler Karl Otto Götz kennenlernte, mit dem mich seitdem eine bis heute andauernde Freundschaft verbindet. Dieses Zusammentreffen war für meine weitere Orientierung entscheidend. Götz, Jahrgang 1914, gehört zur Generation vor mir. Aus der Zeit vor ’33 hatte er Verbindungen zur authentischen Kunstwelt, und er selbst hatte, gedeckt durch seine Unbekanntheit, in all den Jahren seine eigenen Arbeiten konsequent weiterbetrieben. Indem ich seine Konzepte verfolgte und ihre Umsetzung und Begründung beobachtete, begriff ich, was im ästhetischen Zusammenhang Experiment heißt.

Mein eigenes Schreiben konturierte sich vor dem Hintergrund, der sich mir in diesen Jahren auftat: des Surrealismus vor allem, des Dadaismus – Götz hatte in einer langen Nacht gelegentlich der Durchreise des Schwitters-Sohnes Ernst ein Bündel unbekannter Manuskripte von Schwitters abgetippt: alles Publizierte war ja verschollen –, schließlich der informellen Kunst und ihres Weichbilds. Ergiebig waren ferner die Literatur des 17. Jahrhunderts, der Mystik, Arno Holz und anderes. Mit Kurt May vereinbarte ich eine Untersuchung über »Das irdische Vergnügen in Gott« von Barthold Hinrich Brockes als Dissertationsthema, weil mich diese Nahtstelle zwischen zwei Epochen und das Auftauchen erster Spuren einer offenen Symbolbildung, lange vor Klopstock, interessierten.

Gemeinsame Projekte mit Walter Höllerer gehören in diese Jahre. Verwirklicht und wichtig wurde mir als Basis einer Poetik experimentellen Schreibens die Arbeit an dem Buch movens, das dann bei Limes erschienen ist. Die darin artikulierte und belegte Einsicht, daß Literatur, zumindest in unserem Jahrhundert, in enger, ja engster Beziehung zu den anderen visuellen und auditiven Künsten stehen kann, hat meine eigene produktive Fragestellung entscheidend bestimmt. Schon in den fünfziger Jahren begannen die Verzweigungen: in eine Prosa mit surrealen Elementen und quasiparabolischen Verläufen; in visuell-scripturale Textblätter und in phonetisch-artikulatorische Versuche (letztere, sobald sich der Student ein Tonbandgerät leisten konnte). 1962 entstand ein erstes Hörspiel nach den Prinzipien des später so genannten Neuen Hörspiels.

Es hat für mich eigentlich nie einen Zweifel daran gegeben, daß ich meine materielle Existenz nicht auf die Literatur gründen würde, weder im Gehege der Wissenschaft, noch in den Vermittlungsbetrieben, noch im freien Lohngeschäft. Ich gelangte, als die Studiererei lange genug gegangen war, an die trockene Materie des Schulbuchmachens und bin – von mancherlei Erfahrungen durchgebürstet – bis heute dabei geblieben. Ein paar Jahre lang, etwa zwischen 1967 und 1975, war die (wie man damals gesagt hätte) soziokulturelle Situation so günstig, daß manches bewirkt und hervorgebracht werden konnte, das zu bewirken und hervorzubringen sich gelohnt hat.

Ich bin mit meiner Entscheidung noch immer einverstanden: in einem Beruf zu arbeiten, der nur beiläufig mit Literatur zu tun hat, und das Schreiben im übrigen so zu betreiben, wie es mir richtig erscheint. Bei den Malerfreunden habe ich rechtzeitig gelernt, daß man hartnäckig auf der eigenen, einmal gefundenen Spur bleiben muß und sich von der Nachfrage – welcher auch immer – nicht die Fragestellung verwischen lassen darf. Es hat sich gezeigt, daß es immer welche gibt, die auf die Ergebnisse neugierig sind – wie man selbst – und die sie als Leser, Teilnehmer, Teilhaber wahrnehmen wollen – nicht viele, gewiß, doch aufmerksame, sorgfältige, sich erinnernde.

Literatur, wenn ich das noch bemerken darf, hat sich für mich als etwas nicht Festumreißbares erwiesen, und ich wüßte sie nicht zu definieren, es sei denn durch Hinweis auf ihre Ingredienzien, die jedoch eine paradoxe Reihe ergeben, wobei die Reihenfolge wechseln kann: Buchstabenbewußtheit, Unwahrscheinlichkeit und Erfindung, Achtsamkeit und Reflexion auf die Korrespondenzen. Immer natürlich hat es vor allem mit Sprache zu tun, auch dann, wenn kein Stückchen Text, wenn kein Wort vorkommt. Sie ist immer beteiligt.