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Christian Meier

Christian Meier

Historian
Born 16/2/1929
Member since 1992

Self introduction

 

Ich bin 1929 in Stolp in Pommern geboren. In Deutschland aufgewachsen, aber – wie ich gestehen muß – offenbar atypisch: Ich hatte kein schwieriges Elternhaus, mein Vater war ein großzügiger Mann gutbürgerlicher Herkunft, nicht allzu bürgerlicher Gesinnung, politisch ganz unkompromittiert. Unter meinen Lehrern am Gymnasium war ein einziger Nazi, und der war harmlos. Alle andern hatten schon beim morgendlichen »Heil Hitler« zu würgen. Auch die Hitler-Jugend war für mich nicht mehr als lästig. Nicht einmal das Humanistische Gymnasium hat mir schaden können. Denn es brachte mir zwar Liebe zur Antike bei, aber keine Andacht; und kein Elitebewußtsein. Nicht zuletzt hat die Staatssicherheit der DDR mir Gutes getan, da sie 1950 zwar – in der Absicht, mich zu verhaften – vor unserm Haus erschien, sich aber nicht auch dahinter postiert hatte. So kam ich zu einer westlichen Biographie; worüber ich glücklich bin.

Den Sozialismus zu schätzen hatte mir die DDR wenig Möglichkeiten gelassen. Und ein, woher immer resultierendes, skeptisch-konservatives Temperament samt leidenschaftlicher Realitätssuche machte mich zusätzlich utopieresistent. Mit der Bundesrepublik hatte ich zwar anfangs einige Schwierigkeiten, aber sie hielten sich in Grenzen. Spätestens seit 1968 war ich überzeugter Bundesrepublikaner. Erst jetzt, angesichts des schmählichen, beängstigend um sich fressenden Versagens der altbundesrepublikanischen Gesellschaft erwische ich mich bei der Frage, ob es nicht doch – über alle Probleme, die jedenfalls damit verbunden sind, hinaus – eine Strafe ist, diesem Lande anzugehören. Aber über die Antwort bin ich mir noch unsicher.

Daß ich Historiker wurde, war Zufall. Denn ich hatte zwischen Geschichte, Slawistik und Naturwissenschaften geschwankt. Nicht zufällig war, daß mich die Erfahrung von NS-Deutschland und Zweitem Weltkrieg umtrieb; daß ich wissen wollte, wie es dazu – und zu Auschwitz – kommen konnte. Ebensowenig zufällig war, daß ich darauf so rasch keine Antwort fand, so daß ich immer weiter in die Geschichte hineingeriet. Bis ich – wiederum zufällig – in der Alten Geschichte festmachte. Ich habe mich freilich stets als Historiker, nur mit dem Spezialfach Alte Geschichte gefühlt.

Vor allem die Späte Römische Republik, die unterging, obwohl keiner es wollte, und die Griechen, von denen ich wissen möchte, wie es zu ihnen kam und wer sie waren, haben mich beschäftigt. Dabei bin ich einerseits in immer komplexere Zusammenhänge geraten und habe ich mich andererseits immer wieder vor der Notwendigkeit zu Vergleichen mit früherer und späterer und vor allem auch mit außereuropäischer Geschichte gefunden. So wurde mir die Sache schwierig, zumal sich in der – ja wohl zum Sterben sich anschickenden – deutschen althistorischen Wissenschaft kein Mensch für meine Fragen interessierte.

Das hatte zur Folge, daß ich trotz großen Arbeitsaufwands wenig geschafft habe; daß ich immer wieder in Komplexität, Ratlosigkeit, ja Verzweiflung zu versacken pflege. Und das drückt um so mehr, als ich überzeugt bin, daß unsere Mittel, auch unsere geistigen, sehr knapp sind; daß wir eine zeitgenössische Verantwortung haben; daß wir uns das L’art pour l’art unseres atavistisch gewordenen Betriebs nicht leisten können.

Alles in allem genommen, halte ich es aber für ein Glück, die Vorteile des Außenseiters im engeren Sinne zu genießen, ohne den schmerzlichsten Nachteil davon erleiden zu müssen: daß man ohne Erfolg bleibt.

Zu den Fragen vom Anfang des Studiums bin ich oft zurückgekommen (zumal sie sich mit meinem großen Interesse an Identitätsproblemen verbanden). Vor allem im Historikerstreit. Die Probleme der deutschen Einigung haben mich stark beschäftigt, zuletzt im Wechsel von Zorn und Melancholie. Für Historiker ist die Zeit ungemein herausfordernd. Ich habe zum Beispiel nicht gewußt, in welchem Ausmaß die griechische Kategorie der a¢th das Verhalten ganzer hochzivilisierter Gesellschaften erschließen kann. Und ich habe mich vierzig Jahre lang offenbar zu Unrecht dagegen gewehrt, Parallelen zwischen unserer Zeit und – der Spätantike zu ziehen.

Ich hoffe, Sie hätten aus diesen wenigen unbeholfenen Bemerkungen herausgehört, wie sehr die Wahl in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mich freut und mir Mut zum Weitermachen in dieser brenzligen Zeit macht. Dafür bin ich Ihnen herzlich dankbar.