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Carl Dahlhaus

Carl Dahlhaus

Musicologist
Born 10/6/1928
Deceased 13/3/1989
Member since 1982

Self introduction

Musik – zur Sprache gebracht

Ein Musikhistoriker, dem die unverhoffte Ehre widerfährt, in eine Akademie für Sprache und Dichtung gewählt zu werden, fühlt sich unwillkürlich, obwohl eine Begründung des ungewöhnlichen und für manche seiner Kollegen befremdenden Vorgangs nicht seine Sache sein kann, zum Nachdenken über die Sprache herausgefordert, in der er seit einigen Jahrzehnten über Musik zu reden versucht. Und in der Tat zeigt bereits die flüchtigste Reflexion, daß die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, Musik in Sprache zu übersetzen, ohne sie sich selbst zu entfremden, allmählich zum zentralen Problem einer Arbeit geworden ist, die dem Außenstehenden zerstreut und richtungslos erscheinen mag.

Autobiographien sind in der Regel Fälschungen, die daraus resultieren, daß man aus der Verworrenheit der frühen Jahre die Teile herauslöst, die sich aus der Perspektive der späteren Jahre und deren dominierender Thematik zu einem halbwegs sinnvollen Muster zusammenfügen. Dennoch war die Verflechtung von Musik und Sprache – und das hieß zunächst einmal: Literatur, in chaotischer Lektüre aufgehäuft – vielleicht kein schierer Zufall. Wer 1928 geboren ist, 1945 noch Soldat werden mußte und unter der Autorität eines Vaters aufwuchs, der seit 1933 kein einziges Wort über Politik duldete, brauchte zwischen dem politischen Lärm, der ihm täglich entgegenschlug, und dem Schweigen zu Hause, das niemals gebrochen wurde, eine Zuflucht. Und das, was man Jugend nennt, verging darum fast ausschließlich mit Lesen und Klavierspielen; der Rest, die Schule und die Hitlerjugend, war nichts als eine lästige Unterbrechung.

Die Studienfächer, Musikgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, waren demnach vorgezeichnet, obwohl mein Vater meinte, da ich zum Ingenieur zu unbegabt sei – er selbst war Ingenieur –, bleibe nichts übrig, als daß ich Jurist würde. Das Berufsziel war damals, um 1950, als es noch nicht lohnte, an Sicherheit, erworbene Rechte und geradlinige Karrieren einen Gedanken zu verschwenden, zunächst sekundär und offen. Und man konnte acht Jahre Dramaturg an Heinz Hilperts Deutschem Theater und zwei Jahre Kritiker in Siegfried Melchingers Stuttgarter Feuilletonredaktion sein und dennoch schließlich – ohne die geringste Lehrerfahrung – Universitätsprofessor werden.

Der Zwang, über Musik zu reden, und zwar mit dem Anspruch, es handle sich um Wissenschaft oder zumindest um eine der »humanities«, erwies sich dann allerdings rasch als Ursache einer Unsicherheit, die niemals restlos zu beheben war. Die akademische Musikwissenschaft ist als Forschung – als Philologie, deren Material Notentexte und Dokumente aus Archiven bilden – ein Metier, an dessen Wissenschaftlichkeit niemand zweifelt. Als Interpretation musikalischer Werke und als Geschichtsschreibung, die nicht bloß Daten und Fakten häuft, sondern Geschichte als Entwicklung des musikalischen Denkens – des Denkens »in« Musik – zu begreifen trachtet, setzt sie sich dagegen dem Dilemma aus, entweder sprachlos oder sachfremd zu erscheinen. Musik zur Sprache zu bringen ist nahezu unmöglich: Entweder sind die Zeichen, mit denen die musikalische Analyse operiert – die Chiffrensysteme der Harmonik und Metrik –, nicht das, was man gewöhnlich Sprache nennt. Oder die Ästhetikersprache, die sich anmaßt, das Wesen der Sache in Worte zu fassen, verfällt bei Musikern dem Verdikt, eine pseudo-poetische Paraphrase der Musik zu sein, an deren Substanz sie nicht heranreicht. Der Zwiespalt, daß die technische Analyse sprachlos und die ästhetische Interpretation sachfremd ist, scheint also unaufhebbar zu sein. Und wer aus Scheu vor schlechter Poesie wie vor bloßen Chiffrensystemen die technische Nomenklatur in wirkliche Sprache übersetzt, verstrickt sich vollends: Es genügt, an irgendeinem Text, der Musik beschreibt, die ebenso unvermeidliche wie hoffnungslose Anstrengung des Autors zu beobachten, die Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache mit dem musikalischen Gegenstand, dem sie fremd ist, zu versöhnen. Die Nomina, die aus der technischen Terminologie stammen – die Themen und Motive, Instrumente und Baßgänge –, werden unversehens zu agierenden Personen, und die Wahl der Verben verrät eine Verlegenheit, die erbarmenswürdig anmutet.

Von der Schwierigkeit, Musik zur Sprache zu bringen, noch zu reden, wäre Spiegelfechterei, wenn ich glaubte, es sei mir geglückt, sie zu lösen. Aber sie ist jedenfalls, gerade als ungelöste, das eigentliche Thema der Bücher und Aufsätze, die an der Oberfläche von extrem verschiedenen Gegenständen – von der Musik der Renaissance oder der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts, von Beethoven, Wagner oder Schönberg – handeln. Im Grunde stehe ich mit leeren Händen da; aber diejenigen, von denen ich in die Akademie gewählt wurde, haben es – zu meinem Glück – nicht gemerkt.