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Adolf Muschg

Adolf Muschg

Writer and Literary scholar
Born 13/5/1934
Member since 1980
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Georg-Büchner-Preis

Self introduction

 

Ich – die Schwierigkeit der Vorstellung, die Ihre Akademie von mir erwartet, fängt schon mit diesem Wort an. Die Datenbank, die mich gewiß schon irgendwo erfaßt hat, würde uns den Fall erleichtern. Geboren 1934 in einer Zürcher Vorortsgemeinde, Zollikon, die in meiner Schulzeit noch einem Dorf ähnlich sah und heute zum Synonym für wohlgehütetes Privileg geworden ist – die Seelengeschichte der sogenannten Zürcher Goldküste können Sie in »Fritz Zorns« Lebens- und Sterbensbericht Mars nachlesen.

Mutter: Krankenschwester. Vater: Primarlehrer; ein alter Mann zur Zeit meiner Geburt mit schon erwachsenen Kindern, denen gelungen war, woran er ein Leben lang mit reformierter und gnadenloser Energie gearbeitet hatte: nicht nur zu schreiben, sondern auch zu erscheinen. So wuchs ich mit Büchern auf, auf denen mein Familienname stand, Kinderbüchern wie Hansi und Ume unterwegs – nach Japan unterwegs nämlich, wo meine Halbschwester in den zwanziger Jahren Hauslehrerin gewesen war. Oder Hansi und Ume kommen wieder – nach Zürich nämlich, in die Heimat, wo ich gegen jeden Zweifel, ob sie noch recht heimatlich sei, verwurzelt bleiben mußte. Auch eine »tragisch« genannte Literaturgeschichte entdeckte ich später, auf der der Name eines entfernten, schon darum bedeutenden Halbbruders stand. Auch ich, soviel verstand ich früh vom Leben, mußte also ein Buch werden, und bedeutend, und ein Schulmeister wie mein Vater, und ein Professor wie mein Halbbruder, und ein Offizier wie die rechten Männer in Zollikon, und nach Japan gehen, und manchmal ein bißchen krank sein, damit ich gepflegt werden konnte, wie meine Mutter, faute de mieux, mich als Kind so gern gepflegt hatte, so ängstlich und so kompetent.

Nein, das alles würde die Datenbank wohl nicht speichern. Es gehört der schwierigen Ich-Form an, die unter so vielen Ansprüchen, elterlichen, geschwisterlichen, dörflichen, moralischen, medizinischen, christlichen und literarischen, trotzdem noch zusammenkommen und sich festigen wollte. Ein starkes Stück, wie ich nachträglich finde, in dem ein Heranwachsender keine Heldenrolle spielt, auch wenn er sich, um überhaupt jemand und etwas zu sein, Heldenrollen einbilden muß. Die Datenbank registriert nur den Weg, auf dem ich diesen Ansprüchen nachgelaufen bin. Sie registriert nach dem Tod meines Vaters, während einer langen Krankheit meiner mütterlichen Krankenschwester, ein Internat in Graubünden, in das jenes unsichere Ich auf Gemeindekosten verschickt wurde, eine drückende Wohltat, die mit äußerstem Wohlverhalten und besten Schulleistungen zu vergelten war. Abitur 1953 dann wieder in Zürich, für das ich heftige Gefühle empfand, die ich damals als Heimweh gedeutet habe, Studien der Germanistik, um dem Dichter, der ich ja sein mußte, näherzukommen, 1959 Doktorweihe durch Emil Staiger, im Petersdom der damaligen Literaturkunde, erstmal Schulmeister wie mein Vater einer gewesen war, nur besser, in einem Zürcher Gymnasium. Dann Versuch, meinem Heimweh nach Japan davonzulaufen, als Lektor in Tokyo, zum ersten Mal verheiratet, Hansi und Ume unterwegs, ein Kind: trotzdem kam Hansi ohne Ume wieder. Nach Göttingen als Assistent Walther Killys, die Datenbank registriert die Jahre 1964-67, zweite Ehe und zweite Ausfahrt diesmal nach Amerika, zwei Jahre als Assistenz-Professor, die Ansprüche erfüllen sich unaufhörlich – in Ithaca, New York, woher ich als politisch Aufgescheuchter, beinahe Linker zurückkam, was die Datenbank offenbar zu registrieren versäumte, sonst wäre ich, nach einem Zwischenjahr in Genf, schwerlich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule angestellt worden, diesmal als Professor, und zwar als außerordentlicher – beim Außerordentlichen ist es, die Datenbank muß inzwischen erwacht sein, bis heute geblieben. Ich habe zwei Kinder aus zweiter Ehe, und eine Frau, die ohne Anstiftung meinerseits, aus Notwehr in eigener Sache, zu schreiben begonnen hat, ich finde: besser als ich.

Richtig: ich hatte seit einigen Jahren zu schreiben begonnen, in meinem Fall heißt das: ich hatte aufgehört, gleich ein fertiger Schriftsteller, eigentlich: schon ein Buch sein zu wollen, wie in meiner Kindheit, in der das Berühmt- und Begabtseinwollen offenbar das einzige Mittel gewesen war, meinen Eltern Freude zu machen, von der sie sonst, glaube ich, nicht allzuviel hatten. Buchstabenzeichnen ist ja ein stilles Geschäft, man stört, als Kind, niemand dabei, man kann die Angst der Eltern, sie hätten etwas nicht ganz richtig gemacht, begütigen. Seit ich nicht mehr a priori Schriftsteller bin, wie als Zwölfjähriger, sondern zu schreiben angefangen habe, ein wahrscheinlich lebenslänglicher Anfang, hat sich das mit dem Stillsein, Begütigen und Nichtstören etwas geändert, hoffe ich, und die Datenbank bestätigt es mir. Ich werde nicht mehr als ganz ruhiger Bürger geführt, auch wenn der Kunstvorbehalt mir etwas öffentlichen Schutz und manche private Nachsicht bietet. Ich kann beides gebrauchen, denn Schutz und Nachsicht gehören ja nicht zu den Gütern, die man sich durch Schreiben für sich selbst aneignet. Ich habe, um nicht bloß zu überleben, meine Ansprüche, jemand zu sein, gegen andere, wohl nicht minder fordernde eingetauscht, etwa den, etwas Gutes zu machen, statt etwas gutzumachen oder gar: gut zu sein. Was mich meine früheren Wünsche, die ich für meine eigenen hielt, an Erwünschtem haben versäumen lassen, läßt sich auf dem Papier zwar nicht nachholen, aber es kann doch festgehalten werden. Vielleicht müßte ich besser sagen: ich habe gelernt, mich schreibend ein Stück loszulassen ohne die alten Ängste, und mache die kuriose, aber erleichternde Erfahrung, daß andere, Leser, sich an das, was ich loslasse, lieber halten als ich selbst und etwas davon für sich brauchen können. Vielleicht wollen Sie das alles gar nicht so genau wissen: aber dieser zum Zwang gewordenen Arbeit an meiner Freiheit verdanke ich es ja wohl, daß Sie mich zum korrespondierenden Mitglied der Akademie gemacht haben; zu einem Auswärtigen also, in dem Sie etwas Bekanntes und sogar Einheimisches anzuerkennen bereit sind. Wir teilen uns hier ins Arbeiten an der eigenen Geschichte, und in den Glauben, daß die persönliche Geschichte nicht nur die eigene ist. Sie haben mich eingeladen, mit Leuten zusammenzusitzen, die, ähnlich und doch ganz anders als ich, ihre Geschichte in Geschichten übersetzen, in Erfindungen also, die, anders als erfunden, nicht so wahr wären. Über das Zweifelhafte und auch das Schutzbedürftige der Ichform braucht unter Brüdern und Schwestern kein weiteres Wort verloren zu werden. Ich brauche hier nicht so festzustehen wie in der Datenbank zuhause, es sind immer wieder begründete, aber produktive und vielleicht freundschaftliche Zweifel an der eigenen Person zugelassen, die mir andere Einrichtungen, von der Datenbank bis zur Hochschule, nicht gestatten, denen ich aber treu bleiben und mit denen ich arbeiten möchte. Diese Arbeit nenne ich Schreiben. Und dafür, daß Sie mich in dieser weder mir noch Ihnen ganz bekannten und immer noch erforschungsbedürftigen Eigenschaft willkommen heißen, bin ich Ihnen dankbar.