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Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino

Schriftsteller
Geboren 22.1.1943
Mitglied seit 1990
Georg-Büchner-Preis

Vorstellungsrede

 

Geboren wurde ich im Kriegsjahr 1943 in Mannheim, einer mittelgroßen Industriestadt in Südwestdeutschland, von Eltern, die durch ein Übermaß von (allgemeiner) Geschichte und (privatem) Geschick daran gehindert waren, ihre Kinder zu erziehen. Deswegen hatte ich zuerst das Problem, dann die Freiheit, mir meine Erzieher selbst zu suchen. Ich fand sie in Büchern der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur und deren Verfassern, die ich mir zum Teil zu Vorbildern nahm. Es waren geduldige und deswegen erfolgreiche Erzieher, die ich weiter empfehlen kann. Einige von ihnen möchte ich namentlich nennen. Von Ingeborg Bachmann lernte ich, daß auch eine fast außerirdische Empfindlichkeit berechtigt ist, auf der Welt zu sein und daß wir nicht genau wissen können, ob das Verletzte in uns herkunftslos aus unserem Inneren kommt oder ob es immer schon eine Reaktion auf die Roheit von Geschichte und Biografie ist. Es ist deswegen sinnvoll, wenn wir uns selbst wie etwas vorläufig Unverstandenes behandeln: wie Ilse Aichinger, wie Wolfgang Hildesheimer, wie Günter Eich, wie Ernst Meister. Von Peter Weiss lernte ich, daß es ohne Ernsthaftigkeit keine Wahrheit geben kann, und von Peter Rühmkorf, daß ohne Witz und ohne Frechheit eine Erholung von dieser Ernsthaftigkeit nicht möglich ist. Von Martin Walser lernte ich, was Ästheten nur schwer begreifen mögen: daß Autonomie von Literatur nichts als ein Traum ist, weil jedes Wort, das ein Mensch schreibt, auch das kunstverrannteste und einsamste, in einem Echo-Verhältnis zur Geschichte steht. Und von Heinrich Böll lernte ich, daß die Erwartung, eine Gesellschaft werde sich schämen können, falsch war. Schämen können sich nur einzelne; deren Scham wird dann allerdings von der Gesellschaft gerne in Anspruch genommen.
Aus Dankbarkeit für die Bücher und ihre Verfasser unterlief mir eine Unterstellung; ich konstruierte die Literatur als ein mächtiges System von Beeinflussungen, das auf die anderen ebenso stark wirkte wie auf mich selber. In den siebziger und achtziger Jahren schrieb ich fünf Romane, von denen ich mir Beeinflussungen erhoffte: die sogenannte Abschaffel-Trilogie, drei Bücher über das entfremdete Leben eines Angestellten (1977-1979), Fremde Kämpfe (1984) und Die Ausschweifung (1981). Ich war der Meinung, nach diesen Romanen, die als rücksichtslose Selbstaufklärungen angelegt sind, könne die Gesellschaft nicht mehr auf die gleiche Weise mit sich selbst einverstanden sein wie zuvor. Der einzige, der mit Sicherheit von diesen Romanen erzogen worden ist, war ich selber. Die Belehrung bereitete die schwer erträgliche Einsicht vor, daß es den von mir bloß phantasierten Einfluß der Literatur nicht gibt. Kunst entsteht zwar als Reflex auf Gesellschaft, fließt aber nicht in diese zurück, sondern verharrt als Bildung in den Subjekten. In dieser Lage verbleibt der Literatur nur die Nebenrolle der Nüchternheit, die man auch Bescheidenheit oder Einsamkeit nennen kann. Zur Zeit können wir die neueste Melancholie der Geschichte spüren, die vielleicht darin besteht, daß wir die Lösung unserer Konflikte nicht mehr erwarten. So resignativ, wie diese Sätze klingen, sind sie nicht gemeint. Es ist ein gutes Zeichen, daß ein Dichter des Volkes heute so schnell keiner mehr werden kann. Davon profitieren beide, das Volk und die Dichter. Nüchternheit soll heißen: Inmitten der totalen Zerstreuung, die uns beherrscht, spekuliert das vereinzelte Kunstwerk auf einen ebenso vereinzelten Rezipienten, damit im Augenblick des Aufeinandertreffens beider Isolation traumhaft und momentweise verfliegt, als seien sie nie wahr gewesen. Deswegen die oft unverhältnismäßige Stärke des Glücksgefühls, wenn wir ein Buch lesen, das unserer Erfahrung gewachsen ist. Dort, am Rand, wo die Ohnmacht der Literatur und die Erschöpfung ihrer Bewunderer einander ähneln, sind auch die beiden Romane und die Aphorismen zu Hause, die ich zuletzt veröffentlicht habe: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz (1989), Die Liebe zur Einfalt (1990) und Vom Ufer aus (1990).